Wir leben in einer veränderten Welt: alte überkommene Werte sind zu einem großen Teil verschwunden oder werden in Frage gestellt. Konflikte, bewaffnete Zwischenfälle und Kriege finden überall statt, ihre Zahl ist in den vergangenen Jahren erheblich angewachsen, und sie sind weit gefährlicher geworden. Wenn wir auf ein Ende des Wettrüstens nach dem Zerfall des
sozialistischen Lagers hofften, so hat sich diese Hoffnung als trügerisch erwiesen. Unvorstellbar hohe und ständig steigende Summen werden alljährlich für den Ankauf neuer Waffen von reichen wie armen Ländern in gleichem Maße ausgegeben. Aber im Gegensatz dazu sind Diskussionen über den Frieden in jüngster Zeit selten geworden, und dasselbe gilt auch für Forschungsergebnisse, die im Zusammenhang mit Frieden und Friedenserziehung stehen. (1) Es bedarf wohl keiner weiteren Begründung für die Notwendigkeit, das Bewußtsein persönlicher Verantwortlichkeit im Hinblick auf die globalen Fragen zu stärken und das Denken der Menschen zu verändern als auch unsere Lebensbedingungen zugunsten der Bewahrung des Friedens und ein allgemeines gewaltfreies Verhalten umzugestalten. Die Bedeutung, die im Rahmen dieser Problemstellung der
Friedenserziehung zukommt, kann kaum überbewertet werden. Friedenserziehung in einer veränderten Welt am Ende unseres Jahrhunderts und an der Schwelle zu einem neuen Jahrtausend muß den Herausforderungen und Gefahren, denen wir heute ausgesetzt sind und mit denen wir morgen in noch stärkerem Maße konfrontiert sein werden, Rechnung tragen. Wenn wir in unserem Bemühen versagen, den Menschen überall in der Welt die Gefahren, denen wir gegenüberstehen, bewußt zu machen, wird das Leben auf
Erden immer unerträglicher werden, und die Zukunft der Menschheit selbst wird auf dem Spiel stehen. Was kann unter den beängstigenden Bedingungen, unter denen wir leben, getan werden? Friedenserziehung kann und sollte ein Weg sein, die vielfältigen Probleme zu meistern und den Menschen bewußt zu machen, daß wir alle in einer Welt leben und für diese eine Welt gemeinsam verantwortlich sind. Friedenserziehung ist keineswegs nur eine Aufgabe, der sich die Lehrer zu stellen haben. Jeder, dem die Situation, in der wir uns befinden, einigermaßen bewußt ist, ist zum Mittun verpflichtet. Das gilt in besonderem Maße für alle diejenigen, die aufgrund ihres Berufes oder ihrer Tätigkeit in der Wissenschaft, in den Künsten, in der Medienindustrie, aber auch in der Politik, der Verwaltung, dem öffentlichen Dienst usw. die
Möglichkeit der Einflußnahme auf die öffentliche Meinung haben. Naturgemäß tragen dabei Lehrer und Eltern, die direkt in den Prozeß der Erziehung der nächsten Generation einbezogen sind, besondere Verantwortung. Aber es soll hier mit allem Nachdruck hervorgehoben werden, daß Friedenserziehung keine Aufgabe ist, die auf eine bestimmte Berufstätigkeit beschränkt sein darf. Und es ist hinzuzufügen, daß in diesem Prozeß der Friedenserziehung jeder sowohl Erzieher und damit Subjekt als auch Objekt
der Erziehung ist. Indem wir unsere Erfahrungen austauschen, sind wir gleichzeitig Lernende und Lehrende. Frieden – das bedeutet äußerer Frieden im Sinne des Friedens im sozialen Umfeld und innerer Friedenals innere Harmonie oder seelisches Gleichgewicht des Individuums. Von einem etwas anderen Gesichtspunkt aus gesehen kann jedoch äußerer Frieden auch verstanden werden als Frieden zwischen
politischen Einheiten, während der Frieden innerhalb dieser Einheiten im Sinne von sozialer Harmonie oder sozialer Gerechtigkeit als innerer Frieden zu verstehen ist. Die Begriffe der beiden Paare, durch die das Verständnis von Frieden zum Ausdruck gebracht werden kann, gehören jeweils zusammen: Wenn der Frieden im seelischen Bereich der innere Frieden ist und der Frieden in der sozialen Gemeinschaft, in der man lebt, der äußere Frieden ist, dann kann dieser hier als äußerer Frieden
verstandene in Beziehung zum Frieden zwischen Staaten als äußerer Frieden zum inneren Aspekt des Friedens werden. Die Teile beider Paare bilden also jeweils eine untrennbare Einheit. Aber auf welches dieser beiden Paare das Schwergewicht gelegt wird, hängt vom philosophischen Standpunkt des Betrachters ebenso wie von der jeweils zur Diskussion stehenden Situation ab. Innerhalb der Dichotomie des Inneren und des
Äußeren ist zumeist der innere Aspekt der entscheidende, jedoch sind beide nicht voneinander zu trennen: Man kann nicht zu einem wirklichen inneren Frieden im Sinne von seelischem Gleichgewicht gelangen, wenn um einen herum die Welt in Stücke bricht. Und keine Gesellschaft kann auf Dauer in Frieden und Harmonie leben, die zwar im Inneren durch soziale Gerechtigkeit charakterisiert ist, aber umgeben ist von Staaten, die sich in einem zerstörerischen Krieg miteinander befinden. Darum können wir
uns bei der Diskussion der Friedensproblematik weder auf den äußeren noch auf den inneren Frieden allein beschränken. In diesem Aufsatz liegt der Schwerpunkt zwar nicht ausschließlich, so aber doch hauptsächlich auf dem Aspekt des Friedens innerhalb der Gesellschaft, der abhängig vom gewählten Standpunkt als äußerer oder innerer Frieden verstanden werden kann. Um Frieden zu sichern, haben wir zu fragen, wodurch der Frieden gefährdet oder sogar unmöglich gemacht wird. Das bedeutet, dem Problem des Konflikts vorrangig Beachtung zu schenken. Was ist unter Konflikt zu verstehen? Wie können Konflikte gelöst werden? Können Konflikte als solche generell beseitigt werden, ist also menschliches Leben ohne jeden Konflikt möglich und wie können wir lernen, mit Konflikten umzugehen und sie zu lösen?
Konflikt ist als Kampf oder Aufeinandertreffen verschiedener einander entgegengesetzter Kräfte zu verstehen oder als Widerspruch zwischen Ideen oder Interessen im Sinne von Nichtübereinstimmung. Konflikt – das ist das Zusammentreffen der verschiedenen Interessen, bedingt durch Vielfalt und Individualität, Konflikte sind Manifestationen einer sehr intensiven und widersprüchlichen Art des sozialen Zusammenlebens auf den
unterschiedlichsten Ebenen. Konflikte sind unvermeidlich. Nach Hinduverständnis existiert ein absolutes Gleichgewicht nur im Zustand von pralaya, in der Zeitspanne zwischen den mahayugas, wenn sich die drei gunas, die drei Faktoren der Urmaterie (prakrti), im Gleichgewicht befinden und die manifestierte Welt in der nichtmanifestierten (avyakta) Urmaterie aufgelöst ist. Wenn aber
dieses Gleichgewicht gestört ist und die Manifestation des Universums beginnt, entstehen Konflikte, die aus der Verschiedenheit der Vielfalt der phänomenalen Formen entstehen. Aber auch außerhalb des Bereichs der indischen Philosophie wird allgemein akzeptiert, daß Gleichheit im Sinne der Uniformität und Unterschiedslosigkeit Stillstand und das Ende aller Entwicklung bedeutet. Konflikte sind also Teil unseres
Lebens, das sollte man nie vergessen, und wir haben mit ihnen zu leben. Die Frage ist allerdings, wie wir mit Konflikten umgehen, wie wir sie zu lösen versuchen und wie wir mit einander entgegengesetzten Interessen leben. Was man zu lernen hat, ist das Bemühen um eine friedliche Lösung von Konflikten. Dabei ist es wichtig, Konflikte rechtzeitig zu erkennen, bevor diese eskalieren können. Das bedeutet auch, die Ursachen von Konflikten zu erkennen und andere Menschen über die wirklichen
Ursachen von Konflikten zu informieren. Darum können wir also sagen, daß Konflikterziehung einen wichtigen Bestandteil der Friedenserziehung darstellt, die als Erziehung durch Konflikte zu verstehen ist, nicht als ein Bemühen, Konflikte beiseite zu schieben oder zu negieren. Das heißt in erster Linie Erziehung zu einem gewissen Konfliktverhalten als Akzeptanz von Konflikten, das Bemühen, ihr Wesen zu erkennen
und eine produktive und aktive Haltung im Hinblick auf ihre Lösung anzustreben. Konfliktverhalten bedeutet demnach, Haltungen zu wecken und zu stärken, die zu einem erfolgreichen Umgang mit Konflikten seitens des Individuums beitragen. Dies schließt die Fähigkeit ein, mit Konflikten zu leben und sie zu akzeptieren, sie erträglicher zu machen und produktiv an ihrer Lösung beteiligt zu sein, zu einer Lockerung der Spannungen in Konfliktsituationen beizutragen, Brücken des Vertrauens zu bauen,
Bereitschaft zum Kompromiß zu entwickeln und Zusammenarbeit zu praktizieren. Vor allem aber bedeutet dies, mit der Existenz von Konflikten in sozialen Beziehungen, mit Widersprüchen und Problemen auf der Grundlage menschlicher, toleranter und demokratischer Formen und Regeln umzugehen. Das könnte zu einem gewaltfreien, friedlichen Zusammenleben und zu Solidarität beitragen. Es gibt etwas, das wir nicht vergessen
sollten, obgleich es eine Binsenweisheit ist: Wenn Konflikte nicht gelöst werden, können sie zu einer Gefahr werden, für mich persönlich im Hinblick auf die Probleme, mit denen ich konfrontiert bin, für dich mit deinen Problemen, für uns, für jeden im sozialen Leben, für Gruppen von Menschen oder Gemeinschaften in einer Gesellschaft, für ganze Gemeinschaften und Völker und selbst für Staaten und die ganze Welt. Wir
müssen Wege und Mittel für gewaltfreie, friedliche und auch kooperative Konfliktlösungen suchen. Aber bevor wir das tun können, müssen wir uns der Natur der Konflikte bewußt werden, wir müssen versuchen, zu produktiven und aktiven Haltungen im Hinblick auf deren Lösung zu kommen. Das ist vielleicht mit dem Begriff "Konfliktverhalten" zu bezeichnen, und Mut ist stets ein wichtiger Bestandteil davon. Friedenserziehung
– das bedeutete neben anderen Anforderungen auch, auf die Notwendigkeit von Zivilcouragezu verweisen. Die Fähigkeit, auf der Grundlage von Zivilcourage zu urteilen und zu handeln, entsteht, wenn man ein deutliche Gefühl für Ungerechtigkeit entwickelt, es erwächst aus dem mitfühlenden Verständnis für unsere Mitmenschen und unserer Fähigkeit, sich in ihre Lage zu versetzen. Selbst wenn Zivilcourage nur von einigen wenigen gezeigt wird, so hat sie doch eine richtungsweisende Wirkung.
Zivilcourage ist eine Vorbedingung für die Konfliktlösung. Mangelnder Mut bedeutet, unfähig zu einem erfolgreichen Umgang mit Konflikten zu sein und erschwert es, ihre jeweiligen wesentlichen Züge zu erkennen. Gute Erziehungsarbeit, darauf gerichtet, Kindern und Heranwachsenden dabei zu helfen, ein unabhängiges Herangehen einschließlich der
Fähigkeit, mit Konflikten umzugehen zu entwickeln, ist nur möglich, wenn die Übereinstimmung von Erziehung und Lehre unterstützt wird durch verwaltungsmäßige und strukturelle Rahmenbedingungen. Friedenserziehung sollte die Herausbildung und Entwicklung einer ganz spezifischen Kompetenz zur Einschätzung der eigenen Kräfte
ebenso wie soziale Verantwortlichkeit und Zivilcourage einschließen, denn ohne diese Fähigkeiten ist es unmöglich, Identität und Selbstbestimmung einer Persönlichkeit zu gestalten. Wissen von der eigenen Kompetenz bedeutet, zu unabhängigem Handeln ebenso wie zu Eigenverantwortlichkeit fähig zu sein, es schließt das Wissen und die Akzeptanz der eigenen Stärken wie Schwächen ein, um Entschlossenheit entwickeln zu können, denn es ist auf andere Weise unmöglich, die eigenen Chancen im Konfliktfall einzuschätzen.
Soziale Kompetenz ist vor allem für zwischenmenschliche Konflikte – zwischen Individuen oder Gruppen – wichtig und muß daher entwickelt werden. Da geistige Konflikte vor einem sozialen Hintergrund entstehen oder sozial beeinflußt sind, ist soziale Kompetenz auch für die Lösung von Konflikten im Inneren eines Individuums von Bedeutung. Im Prozeß der Konfliktlösung spielt die Bereitschaft zum
Dialog
eine große Rolle. Jede friedliche Lösung von Konflikten bedarf des Dialogs und des Bemühens um gegenseitiges Verständnis. Der Dialog als Prozeß des Denkens, der Erkenntnis und des Verständnisses setzt die gegenseitige Akzeptanz des anderen in seinem Anderssein voraus. Das bedeutet auch, die gemeinsame Verbindung wie auch die historische Situation in ihrer Totalität zu berücksichtigen – im Gegensatz zu einem Herangehen, bei dem man nur das eine Ego als das andere absorbierend auffaßt.
So lange die Welt durch die Existenz zweier Supermächte gekennzeichnet war, war Dialog oft ein Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen. Das ist heute anders. Auch in der Weltpolitik scheint der Dialog als Mittel zur friedlichen Lösung von Konflikten in Diskredit geraten zu sein. Krieg als Mittel an sich ist ganz offensichtlich noch immer keine überholte Vorstellung. Auf dem Gebiet der internationalen Politik hat der Dialog zwischen dem "Norden" und dem "Süden" noch nicht die in ihn gesetzten Erwartungen erfüllt. Die Kluft zwischen dem wohlhabenden Norden und dem armen Süden hat sich im Verlaufe der Zeit vergrößert statt verringert. In der Gegenwart scheint es beinahe so, daß ein wirklicher Nord-Süd-Dialog als ein solcher zwischen Partnern mit gleichen Rechten nicht auf der Tagesordnung
steht. Auch innerhalb von Nationen hat sich der Dialog als ein Mittel für das soziale Selbstverständnis noch nicht erfolgreich durchgesetzt. Überall in der Welt können wir eine Krise der Demokratie beobachten, so daß vielerorts der Dialog zwischen Regierung und Volk schwer gestört scheint. An vielen Plätzen der Welt können ethnische und andere internationale Konflikte beobachtet werden. Die Welt brennt an vielen
Stellen mit kleinen Feuern, jedes verbunden mit großem Verlust an Menschenleben, an unersetzlichen kulturellen Werten, mit körperlichem und geistigem Leiden unschuldiger Männer, Frauen und Kinder. Mehr noch, es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, daß diese lokalen Feuer, so schrecklich sie schon sind, sich zu einem noch größeren Brand entwickeln. Die Tatsache, daß der Dialog offensichtlich versagte, heißt
jedoch keineswegs, daß das Bemühen um ihn überflüssig geworden wäre. Im Gegenteil, nur durch Dialog und Kooperation können die ökonomischen, politischen und ökologischen Probleme, denen die Welt heute gegenübersteht, gelöst werden. Die politische Kultur muß so verändert werden, daß der Dialog wieder in seine Rechte eingesetzt wird. Im Zusammenhang mit unserem Thema, der Friedenserziehung, muß das gemeinsame Gespräch, das heißt, die Fähigkeit zum Dialog trainiert werden. Dialog ist nur möglich zwischen Subjekten, aber wenn einer der Partner des Dialogs seine Identität verliert, wird er zu einem Objekt der Belehrung, oder, noch schlimmer, der Diskriminierung degradiert. Besteht seitens des schwächeren Partners der Wunsch nach Dialog, muß er sich selbst bemühen, die Aufmerksamkeit des anderen Partners zu wecken. Das Bemühen
um den Dialog und das Verständnis für den anderen schließt die Kenntnis von dessen kulturellen Traditionen innerhalb ihrer historischen Dimensionen ein, und dies wird unausweichlich zu der Frage führen. "Bin ich wirklich verschieden von ihm?" Das heißt, durch das Bemühen, den Fremden zu verstehen, erkennt man gemeinsame Werte, Traditionen, Vorstellungen usw. Eine Region, ein Kontinent, Menschen, die zur gleichen sozialen Schicht, zur gleichen Altersgruppe, zum gleichen Geschlecht
gehören oder sich zur gleichen Religion bekennen, dieselbe Weltanschauung haben oder die gleiche beziehungsweise eine verwandte Sprache sprechen usw. haben jeweils trotz vieler anderer Unterschiede manches gemeinsam. Indem man anerkennt, daß der andere anders ist, ihn aber zugleich zu verstehen sucht, bleibt er nicht länger fremd. Wenn man sich wirklich bemüht, den anderen zu begreifen, wird man sehr oft etwas finden, worin man mit ihm übereinstimmt. Die Anerkennung der Verschiedenheit des
anderen durch die Herstellung der Beziehung des "du" kann als eine Vorbedingung dafür angesehen werden, die Gemeinschaft mit ihm im Sinne der Einheit zu erkennen, wie Wilhelm von Humboldt es gezeigt hat. (2) An dieser Stelle möchten wir den Gedankengang für einen philosophischen Exkurs unterbrechen. Der Mensch, ein soziales Tier, unterscheidet sich von einer Herde Schafe oder anderer Tiere. Während Tiere
sich der Natur anpassen, ist der Mensch in der Lage, die Natur umzugestalten, sie seinen Bedürfnissen anzupassen. Aber das wäre ohne ein Zusammenwirken mit anderen Menschen unmöglich. In diesem Zusammenhang spielt die Sprache eine große Rolle, die weit mehr ist als nur ein Mittel der Verständigung untereinander. Sprache ist notwendig für gemeinsame Arbeit, für das Zusammenleben und für das Verständnis der Welt, durch sie wird der Mensch zu dem, was ihn menschlich macht. Nun ist alles Sprechen
reziprok, es ist das Sprechen mit jemandem – mit anderen oder auch mit sich selbst, laut oder nur in Gedanken. Indem man "ich" denkt, wird die Existenz von jemandem, der verschieden von mir als "nicht-ich" ist, angenommen, sei es als "du" oder "es" (er, sie). Kurz gesagt, es bedeutet die Anerkennung der Existenz von etwas anderem oder jemand anderem als mir. Man kann nicht vom "ich" allein reden. "Es" und "du" stehen mir beide als entgegengesetzt gegenüber. Während aber die Gegenüberstellung von "ich" und "es" nur die Anerkennung der Verschiedenheit bedeutet, nämlich lediglich, daß das "es" von mir verschieden ist, schließt die Gegenüberstellung von "ich" und "du" die Existenz einer Beziehung ein. In Bezug auf das "du" erhält das "ich" seine
eigene Bestimmung, sein eigenes Wesen wird reflektiert. "Du" ist ebenso wie "es" "nicht-ich", aber es ist "nicht-ich" im Sinne einer Gemeinschaftsbeziehung, so daß die Dualität von "ich" und "du" gleichzeitig zu einer Einheit im "wir" erhoben wird, von Wilhelm von Humboldt so formuliert: " Der Ursprung und das Ende allen getheilten Seyns ist Einheit. Daher mag es stammen, dass die erste und einfachste Theilung, wo sich
das Ganze nur trennt, um sich gleich wieder, als gegliedert, zusammenzuschließen, in der Natur die vorherrschende, und dem Menschen für den Gedanken die lichtvollste, für die Empfindung die erfreulichste ist." (3) Um diese Einheit zu erlangen, um zum "wir" zu werden, müssen wir die Beziehung von "ich" und "du" herstellen. Darum ist die Beziehung des "ich" mit jemand
anderem, nämlich dem "du" für die Bereicherung und Erweiterung des "ich" zum "wir" unerläßlich. Dieser Gedanke wird auch von Martin Buber in seiner Schrift "Ich und Du" (4) hervorgehoben. Er zeigt, daß man Beziehungen mit anderen Menschen haben muß, um sich seiner selbst bewußt zu werden. Nur durch den Kontakt mit anderen Menschen erwirbt man die Fähigkeit, über sein eigenes
Selbst zu reflektieren. Darum stellt das gesamte reale Leben eine Begegnung mit dem Anderen dar, und nur im Kontakt mit anderen kann sich mein eigenes Selbst entwickeln. Dieser Kontakt muß in die Beziehung von "ich" und "du" gekleidet werden, um der eigenen Freiheit und Kreativität Raum zu geben. Aber die Vorbedingung für diese Beziehung ist die Subjektivität sowohl des "ich" wie des "du". Das heißt, in einer echten Beziehung des "ich" mit dem
"du" darf das "du" niemals als bloßes Objekt oder Mittel zum Zweck betrachtet werden. In gleicher Weise darf sich allerdings auch nicht das "ich" in einer mystischen Vereinigung mit dem "du" verlieren. Der andere sollte auch stets als jemand betrachtet werden, der einen Wert an sich besitzt, nicht bloß als jemand, der lediglich anders ist, sondern also als jemand, der sein
eigenes spezielles Wesen hat. Nur dann kann das "es" ("er", "sie") zu einem "du" werden. Das Nachdenken über diese Beziehung stellt eine wichtige philosophische Grundlage für das Problem des Konfliktes dar. Eine Ursache für Konflikte nicht nur in Deutschland, sondern überall auf der Welt ist die Begegnung mit einer anderen Kultur. Vielerorts kann Fremdenfeindlichkeit
beobachtet werden. Darum stellt die Beziehung zwischen dem Eigenen und dem Fremden beziehungsweise zwischen den Bewohnern eines Landes und den Ausländern einen wichtigen Diskussionspunkt im Rahmen der Konflikterziehung dar. Die Welt heutzutage ist sehr klein geworden, und sie wird durch globale wechselseitige Abhängigkeit charakterisiert. Das Bemühen darum, den anderen zu begreifen, andere Kulturen zu verstehen, hat
inzwischen Leben erhaltende Bedeutung gewonnen. Darum hat man im Prozeß der Friedenserziehung die jüngere Generation ebenso wie die bereits Erwachsenen zu lehren, sich darum zu bemühen, den anderen so weit wie möglich mit dessen Augen zu sehen: Es wird nur zu Mißverständnissen und keineswegs zu einem wirklichen Verständnis führen, wenn man den anderen nur vom eigenen Gesichtspunkt aus betrachtet und erwartet, dieselben Züge zu erblicken, die man sieht, wenn man selbst in den Spiegel schaut.
Eine Voraussetzung dafür, den anderen mit dessen Augen zu sehen, ist das Wissen von der historischen Entwicklung der Kultur, der der andere entstammt. Wissenschaftler, Lehrer, Journalisten usw. sind zu einer historischen Betrachtungsweise verpflichtet, wenn sie über andere Kulturen berichten, wobei klimatische und geographische Faktoren ebenfalls von Bedeutung sind. Interkulturelles Verständnis erfordert das Wachsen des
Gefühls für die historischen Dimensionen, in dem das Anderssein des anderen seine Wurzeln hat. Jede Information über andere Kulturen sollte auf dem Grundgedanken aufbauen, daß jede Nation wie auch jedes Individuum ihren bzw. seinen eigenen Wert hat, jede oder jedes hat seine eigene Stimme im Chor der Menschheit, so wie jede Nation seine besondere Rolle im Geschichtsverlauf spielt. Jede Nation hat ihren Wert, und es
gibt keinerlei Rechtfertigung dafür, irgendeine Nation zu verachten oder gar die eigene zu überhöhen. Die gefährlichste Art des Verhaltens zum anderen ist eine unzulässige Verallgemeinerung, die meist mit einer Stigmatisierung des Fremden verbunden ist. An deren Stelle sollte man zum Dialog mit dem anderen bereit sein, indem man den anderen als ein "du" im echten Sinne der Beziehung des "wir"
betrachtet. Der Mensch an sich ist weder gut noch böse, er ist gut oder schlecht entsprechend den Bedingungen, unter denen er lebt, der Tradition, in der er aufwuchs, dem Wertesystem, das ihn gelehrt wurde usw. und letztendlich auch entsprechend seinem eigenen Bemühen. An dieser Stelle erhebt sich die Frage, ob nicht ein neues Wertesystem, orientiert auf gegenseitige Hilfe, Harmonie und Frieden, weltweit
verbreitet und durchgesetzt werden kann. Dieses Welttreffen der Philosophen kann einen Schritt in diese Richtung darstellen. Ein neues Wertesystem ist von besonderer Bedeutung in unserer Zeit, in der das Bedürfnis nach neuen Lösungen für die drängenden Probleme, mit denen wir konfrontiert sind, überall gespürt wird: Im Hinblick auf den Verfall traditioneller Werte habe wir nach neuen Konzepten zu suchen. Dabei ist der Austausch der Werte unserer Meinung nach die vordringlichste Aufgabe.
Einer hat vom anderen zu lernen und bereit dafür zu sein, Werte und Ideen zu übernehmen, die sich als nützlich und ethisch hochstehend erwiesen haben. Allerdings sollte dies getan werden, ohne die eigene Identität aufzugeben und ohne anderen die eigenen Ansichten aufzuzwingen. Der internationale Austausch von Werten und Ideen sollte gemeinsam mit der Forderung nach dem Erhalt der nationalen Werte und Traditionen erfolgen.
Dies sind Gesichtspunkte, die ebenfalls im Rahmen der Friedenserziehung Berücksichtigung finden sollten. Im Hinblick auf die Fremdenfeindlichkeit, die überall auf der Welt als eine wichtige Ursache für Konflikte zu beobachten ist, muß betont werden, daß das Bemühen darum, den Fremden zu verstehen und zu akzeptieren, eng verbunden werden muß mit dem Nachdenken über sich selbst. Nur wenn man versucht, die eigene
kulturelle Tradition zu verstehen, kann man sich einen eigenen Standpunkt für das Verständnis des anderen erarbeiten und umgekehrt, nur, wenn man sich bemüht, die andere Kultur zu verstehen, gelangt man zu einer tieferen Einsicht in die eigene kulturelle Tradition. Durch das Bemühen um das Verständnis des anderen wird der Prozeß des Selbst-Verständnisses gefördert, und, was hinzuzufügen ist, durch das Selbst-Verständnis und das Verständnis anderer Kulturen kann man eine globale Sichtweise
erlangen, derer wir in unserer Zeit so dringend bedürfen. Natürlich sind wir nicht wirklich in der Lage, uns "in die Schuhe eines anderen zu stellen", wie eine indianische Weisheit besagt, aber man kann die fremden Traditionen und Werte in einem Prozeß der Aneignung studieren und dabei sowohl den eigenen Horizont erweitern als auch gleichzeitig den anderen in seinem Anderssein besser begreifen lernen. Aber
die Vorbedingung dazu ist, daß man offen für andere Werte und Traditionen und bereit zum Lernen ist. Selbstüberschätzung oder Arroganz verschließen alle Türen und Fenster, die offen sein müssen für gegenseitiges Verstehen. Wenn wir nach Gründen fragen, warum es in unserer Zeit von entscheidender Bedeutung ist, den Fremden zu verstehen, haben wir verschiedene Aspekte zu erwähnen. Als erstes ist darauf zu verweisen,
daß die Welt heute sehr klein geworden ist. Im Verlauf der Jahrhunderte sind die sozialen Gemeinschaften immer größer geworden, die mittelalterliche Isolation von Völkern wurde überwunden, große Entfernungen zwischen dem einen und dem anderen Ort auf unserem Erdball können schnell überwunden werden. Wenn es vor hundert Jahren noch ein aufregendes Erlebnis war, einen "wirklichen" Inder in einem europäischen Land anzutreffen, so ist das heute eine Selbstverständlichkeit geworden.
Überall kann man Ausländer treffen, und jeder kann sehr leicht selbst zu einem Ausländer werden, indem er in ein anderes Land reist. Aber was von größerer Bedeutung ist, ist der Umstand, daß unsere Zeit durch internationale wechselseitige Abhängigkeit gekennzeichnet ist, die das Bemühen um das Verständnis für den Fremden zu einer unumgänglichen Notwendigkeit werden läßt. Die globale Begrenzung der Ressourcen, die
Notwendigkeit, technisches Wissen auszutauschen, die internationale Mobilität der menschlichen Arbeitskraft usw. verlangen interkulturelle Beziehungen und das aktive Bemühen für gegenseitiges Verständnis. Die Zeit der nationalen oder selbst der kontinentalen Abschottung ist unwiederbringlich vorbei. Im Gegenteil, die globale Situation ist derart, daß der homo sapiens durch sein eigenes Versagen zu einer gefährdeten Art geworden ist, und um das Schicksal des Dinosauriers zu vermeiden, haben
die Menschen weltweit zusammen zu arbeiten. Aber das Erfordernis der Kooperation schließt das Bemühen um das Verständnis für den anderen ein ebenso wie die Tatsache, daß diese internationale Zusammenarbeit auf verschiedene Weise geübt werden muß. Und andererseits bedürfen die globalen Probleme, mit denen die Menschheit heute konfrontiert ist, für ihre Lösung der Ausnutzung des gesamten globalen Reservoirs der
Weltkultur und des Wissens der Welt ebenso wie ihre intellektuelle Kapazität. Gleichzeitig mit dem Prozeß des immer Kleinerwerdens der Welt besteht die reale Chance für die Herausbildung des Weltbürgers. Das kulturelle Erbe des Menschen ist im Laufe der Zeit immer umfassender geworden, denn es schließt zunehmend mehr Elemente des Erbes der Nationen im Sinne der Weltkultur ein. In der Vergangenheit mag es für einen zivilisierten Menschen ausreichend gewesen sein, nur die Geschichte seines
eigenen Landes zu kennen, um aktiv an der Gestaltung der Zukunft teilzuhaben. Aber heute, und noch weit mehr in der Zukunft, ist es unabdingbar, daß wir Kenntnis von der Geschichte anderer Länder haben. Alles dies zusammengenommen, können wir sagen, daß jeder Erziehungsprozeß auf der Erkenntnis fußen sollte, daß vom objektiven Gesichtspunkt aus betrachtet, nationale Abschottung überholt ist; nationaler Egoismus hat sich schließlich als gefährlicher Anachronismus erwiesen. Dennoch spielt er
noch eine große Rolle in der Weltpolitik. Um Konflikte zu lösen, ist also der Dialog notwendig, und die Vorbedingung dafür, daß man für einen Dialog offen ist, ist Vertrauen
in den anderen, wie Federico Mayor, Generaldirektor der UNESCO, mit Recht feststellte. (5) Darum spielt im Rahmen der Konflikterziehung die Frage des Vertrauens eine große Rolle. Vertrauen muß entwickelt werden, und wir haben daher zu fragen: Was schafft Vertrauen und wie können wir es vertiefen? Toleranz kommt dabei große Bedeutung zu. Toleranz – das bedeutet, die Ansichten des anderen zu ertragen, selbst
wenn man dessen Positionen nicht akzeptiert. Es ist eine aktive Geisteshaltung, die nicht mit passiver Indifferenz verwechselt werden darf. Toleranz ist daher untrennbar verbunden mit dem Bemühen, den anderen zu verstehen, und dies bedeutet keineswegs, gleichgültig gegenüber anderen zu sein etwa im Sinne von "laß ihn, er ist anders als wir". Andererseits verliert der Begriff Toleranz seine Bedeutung, wenn
alle eine Meinung vertreten, Toleranz kann nur geübt werden, wenn Verschiedenheiten und Entgegensetzungen existieren, die man toleriert. Darum schließt die Forderung nach Toleranz die Anerkennung von Verschiedenheiten ein. Toleranz muß geübt werden – in der Schule, in der Familie, im Berufsleben - kurz, überall wo Menschen leben und handeln. Toleranz als Verhaltensmerkmal muß als unabdingbarer Bestandteil von
Demokratie und Freiheit, von Humanität und Menschenwürde begriffen werden. Gegründet auf einer positiven Selbsteinschätzung, die die eigenen Bedürfnisse einschließt, akzeptiert sie die anderen mit allen ihren Vorzügen und Nachteilen. Toleranz bedeutet die Fähigkeit, eine bestimmte, offene Beziehung mit anderen aufrecht zu erhalten, die in ihren Neigungen, Wertungen und in ihrem Verhalten sich von den eigenen Ansichten und Meinungen unterscheiden. Darum ist Toleranz eine sehr anspruchsvolle
Eigenschaft, die charakterisiert wird durch die Bereitschaft, andere zur Kenntnis zu nehmen, sie verstehen zu wollen, nach möglichen gemeinsamen Interessen zu suchen und anderen dieselbe Freiheit der Meinung und des Verhaltens zuzugestehen, wie man es für sich selbst wünscht. Damit ist Toleranz eindeutig mehr als nur die Ansichten und das Verhalten anderer gut zu heißen. Eines ihrer wichtigsten Voraussetzungen ist
Bescheidenheit und die Akzeptanz anderer Menschen, die sich zu einem anderen Denken und Verhalten entschieden und andere Ansichten haben. Toleranz ist unvereinbar mit Dogmatismus, Starrsinn, Selbstüberschätzung und mit der Meinung, die absolute Wahrheit und das Wissen vom einzig richtigen Weg im Leben gefunden zu haben. Toleranz ist verwurzelt in der Achtung vor der Unverletzbarkeit und der persönlichen Integrität des anderen, seiner oder ihrer Überzeugung und der Verhaltensorientierung, so
lange dadurch nicht die Freiheit anderer beeinträchtigt wird. Andererseits hat Toleranz eine Grenze: Sie wird niemals irgendeine Art von Inhumanität gutheißen wie zum Beispiel die Glorifizierung von Gewalt, von Krieg, von Faschismus, von rassistischem oder religiösem Haß, von Feindschaft gegenüber Fremden ebenso wenig wie die Verletzung von Menschenrechten und der Würde von Einzelpersonen oder Gruppen. Toleranz
unseren Mitmenschen gegenüber bedeutet nicht die Aufgabe von Beständigkeit. Wir sollten mit allen unseren Fähigkeiten danach streben, beides zugleich sein, tolerant so wie auch treu gegenüber den eigenen Prinzipien. Das Hauptproblem bei der Entwicklung und Ermutigung von Toleranz als Haltung und Ideal des Verhaltens besteht darin, daß unsere auf das Merkantile und den Konkurrenzkampf ausgerichtete Gesellschaft für alles mögliche steht, aber nicht für ein Bollwerk der Toleranz. Konkurrenz als
ein Prinzip, durch das der Verwundbare besiegt und benachteiligt wird, hat sehr negative Auswirkungen. Neben Toleranz ist die Fähigkeit zur Zustimmung wichtig für eine friedliche Konfliktlösung. Diese Fähigkeit macht es möglich, daß man seine Zeit und seine Aufmerksamkeit anderen widmet, die sich von einem unterscheiden, aktiv zuhört, begreift und sich selbst bereit zu Verständigung und Zustimmung erweist.
Diese Fähigkeit ist in sozialen Verhaltensweisen wie Hilfsbereitschaft, Rücksicht und Uneigennützigkeit zu beobachten. Diese Haltungen sind andererseits Voraussetzungen dafür, mit Konflikten in nicht-egoistischer Weise umzugehen und fähig zu sein, eine humane Atmosphäre in zwischenmenschlichen Beziehungen zu schaffen und Übereinkunft bei einander widersprechenden oder entgegengesetzten Ansichten zu erzielen. Dabei ist jedoch kritisches Verhalten und das Äußern der eigenen Meinung keinesfalls
ausgeschlossen. Die Entwicklung von Einfühlungsvermögenals wichtiges Verhalten und die Fähigkeit für die Herstellung einer Vertrauensbasis ist ebenfalls sehr entscheidend. Einfühlungsvermögen schließt Verständnis für andere ein, selbst für solche, die man "nicht mag". Das bezieht sich nicht nur auf den Konflikt und seine notwendige Lösung, sondern auch auf die eigene Gefühlsregung und vor allem auf
das Verständnis für die Gefühlsregungen der betroffenen Konfliktpartner., indem man Verständnis für die Situation des anderen zeigt. Damit wird eine emotionale Vertrauensbasis geschaffen. Die Fähigkeit, Standpunkte einander so nahe wie möglich zu bringen, Kompromisse zu erzielen, ist eine der Hauptbedingungen für eine friedliche Konfliktlösung. In diesem Fall ist eine Art von selbstbestimmter Konfliktklärung
notwendig. Es bedeutet, daß auf einem bestimmten Gebiet eine teilweise Übereinstimmung erreicht werden kann. Jedoch bedeutet diese Teilübereinstimmung, daß auf anderen Gebieten keine Übereinstimmung erreicht wurde. Dieser Prozeß, nämlich die eigene Positionen zugunsten der Vermeidung einer Eskalation des Konflikts zu einem gewissen Teil aufzugeben, muß in Situationen, die man dazu in Bezug setzen kann, gelernt werden. Die Fähigkeit zur Zusammenarbeitin Gruppen macht es möglich, etwas mit anderen zusammen zu erreichen, Teil einer Gruppe und schöpferisch zu sein. Am Anfang kann eine Zusammenarbeit auf sehr verschiedenen Motiven, Ideen und Interessen basieren. Zusammenarbeit erfordert Achtung und Toleranz für den anderen, indem man ihm oder ihr Gelegenheit gibt, die eigenen Vorstellungen ungeachtet der fehlenden Übereinstimmung darzulegen. In der Praxis
kann das durch soziales Lernen erreicht werden. Grundsätzlich tendiert Zusammenarbeit dahin, Konflikte zu lösen oder zu beseitigen. Sie unterstützt das Individuum in seinem Streben nach Beseitigung von Mißklang und dem Erreichen eines hohen Grades von Übereinstimmung. Aufgeschlossenheit und die Fähigkeit zum kritischen Denken, die Fähigkeit zur Kritik und zum Widerspruch und dazu, selber Kritik auszuhalten,
sind weitere wichtige Komponenten der Konfliktlösung. Das erfordert, eine Haltung aufzugeben, gemäß der nur die eigenen Meinungen und Standpunkte akzeptiert werden, an Stelle dessen ist Kritik zu üben und zu akzeptieren. Wenn es divergierende oder entgegengesetzte Interessen oder Ansichten gibt, sollte man nicht darüber hinweggehen, sondern dies deutlich machen, die Gründe dafür suchen, die entgegengesetzten Standpunkte analysieren und diese auf der Grundlage von gerechtfertigten Argumenten
in den Dienst der Konfliktlösung stellen. Eine Analyse und Wertung von Konflikten im Alltagsleben, um sie als Beispiele zu nutzen, unterstützt ebenso wie eine ausreichende Information und eine vertrauensvolle Atmosphäre einen kritischen Umgang mit der Lösung eines Konflikts. Thomas Gordon (6) entwickelte ein kooperatives Konfliktlösungsmodell, "conflict settlement model", das die folgenden Schritte umfaßt:
- Identifizierung und Definition des Konflikts
- Die Entwicklung einer möglichen Lösung
- Die kritische Bewertung der Alternativen
- Die Entscheidung für die beste Lösung
- Die Verwirklichung der Entscheidung
- Die kritische Bewertung der Lösung
Es ist für alle Konfliktlösungsmodelle wichtig, die Bereitschaft und die Fähigkeit zu einem Einfühlungsvermögen für
die Haltungen anderer zu entwickeln. Der Begriff "Einfühlungsvermögen" schließt von seinem Wesen her Verständnis und Willen zur Verständigung ein. Um soziale Aufgaben übernehmen zu können, besteht die Notwendigkeit, Vertrauen aufzubauen und zu entwickeln. Vertrauen ist einer der relativ stabilen Arten des Verhaltens. Das schließt Offenheit als ein sich selbst Öffnen und Vertrauen in andere ein. Vertrauen, das offenbar wird in der eigenen Offenheit, selbst in schwierigen und heiklen
Angelegenheiten, in persönlichen Konfliktdarstellungen, hat etwas zu tun mit positiver Erwartung und auch mit Risiko – in Gestalt des Mißbrauchs von Vertrauens. Der wichtigste Aspekt jedoch im Prozeß der Friedenserziehung ist das Gefühl für Verantwortlichkeit. Ob wir nun über den inneren Frieden im Denken der Menschen oder über globale Probleme diskutieren – wir alle als menschliche Wesen sind verantwortlich
für die Welt, in der wir leben. Viele junge Menschen haben dieses Verantwortungsgefühl, aber sie verlieren es sehr schnell, wenn sie vom Verhalten der Erwachsenen in ihrer Umgebung enttäuscht werden. Aus Verzweiflung kommen sie zu dem Schluß, daß man nicht in der Lage sei, etwas zu ändern. Darum sind wir der Meinung, daß die Hauptaufgabe innerhalb der Friedenserziehung darin bestehen muß, jedem das Bewußtsein zu vermitteln, daß die ganze Welt in dem Sinne unser eigen ist, daß wir für sie
verantwortlich sind und daß wir durchaus fähig sind, die Bedingungen zu verändern. Wir dürfen nicht verzweifeln. Wir müssen unsere Stärke fühlen. Wir müssen nach denen Ausschau halten, die nicht den Mut verloren haben, nach Gleichgesinnten. Wir müssen nach Leuten mit Bewußtsein suchen, die zur Zusammenarbeit bereit sind und die die gleichen edlen Absichten haben. Um es zu wiederholen: Friedenserziehung heißt, den Menschen bewußt zu machen, daß die Welt uns gehört und wir verantwortlich für
diese, unsere Welt sind. Darum ist die Ermahnung Sarada Devis, der Witwe des berühmten indischen Weisen Paramahansa Ramakrishna, an dessen Schüler durchaus geeignet, zum Losungswort des 21. Jahrhunderts zu werden: "Lernt es, Euch die ganze Welt anzueignen. Niemand ist ein Fremder." (7) Anmerkungen (1) Als ein Beispiel dafür kann ein Blick auf die Liste empfehlenswerter Literatur zur Friedensforschung des Vereins für Friedenspädagogik, Tübingen, vom September 1998 dienen. Sie enthält 2 Publikationen für die Jahre vor 1975, 7 Titel für die Jahre zwischen 1975 und
1980, für 1981 3, für 1982 4, für 1983 3, für 1984 5, für 1986 4, für 1987 6, für 1988 5, für 1989 3, für 1990 4, für 1991 7, für 1992 1, für 1993 keine, für 1994 4 und für 1995 1Titel. Für die folgenden Jahre wird keine weitere Neuerscheinung angeführt. (2) Wilhelm von Humboldt. Ueber den Dualis. In: Werke in fünf Bänden. Bd. III, Schriften zur Sprachphilosophie. Darmstadt 1988, S. 113 - 143 (3) Ebd., S. 137 (4) Martin Buber. Ich und Du. Leipzig 1923 (5) In: Hans Küng, Karl-Josef Kusche (ed.) Weltfrieden durch Religionsfrieden. Antworten aus den Weltreligionen. München 1993, S.13 (6) Thomas
Gordon. The No-lose Program. For raising responsible children. Hrsg. von Peter H. Wyden, New York 1992 (7) Sarada Devi the Great Wonder, Calcutta 1994, S. 469 top |