Vorwort Acharya Mahapragya ist nicht nur eine Person, sondern auch eine Absicht, nicht nur ein Wesen, sondern
auch ein Glaube. Er verkörpert die nicht an Zeit und Raum gebundene Wahrnehmung, Gedanken aus der Tiefe der Meditation halten lange an und wirken nachhaltig. Er ist kein Reservoir von Weisheit, sondern ihre Quelle. Das Reservoir enthält nicht immer das frische und saubere Wasser, woraus sich die Quelle speist. Allein sie vermag den Durst unzähliger Personen zu stillen. Paradoxerweise hat Acharya Mahapragya nicht nur
die Kraft entwickelt, diesen Durst der Menschen zu stillen, sondern ihn auch hervorzurufen. Dieses seltene Zusammenströmen von Kraft, Frieden und Hingabe, verbunden mit tiefem Eintauchen in die Spiritualität schenkt uns geistige Juwelen unschätzbaren Wertes. Nicht nur für die Glaubensgemeinschaft der ‚Terapanth’ Jaina, sondern dem in unzählige Probleme verstrickten menschlichen Geist dient Acharya Mahapragya als
Leuchtfeuer. Seine Experimente mit ‚Preksha Meditation’ – Wahrnehmungsmeditation – und ‚Jeevan Vigyan’ – Wissenschaft der Lebensführung – bringen Menschen verschiedener Religionen und Glaubensrichtungen auf einer Plattform zusammen und verbinden den Westen mit dem Osten. In diesem Beitrag wird der Versuch unternommen, diese
Gewaltlosigkeit und Nicht-Absolutismus praktizierende multidimensionale Persönlichkeit vorzustellen. Acharya Mahapragya – eine lebende Legende Im Laufe der Jahrhunderte beeinflussten viele Philosophen und Intellektuelle die Menschheit,
inspirierten mit ihren Gedanken viele Generationen und bewirkten auch sozialen Fortschritt. Im Bereich der Naturwissenschaften können die Beiträge Newtons, Faradays oder Einsteins genannt werden, auf dem Gebiet der Psychologie die Namen Freud, Bergson und Jung sowie im Sozialismus der Name Marx. Mahavira, Buddha, Christus, Shankaracharya und viele andere haben das Leben unzähliger Anhänger des spirituellen Pfades
geformt, gegenwärtig jedoch ist der Name Acharya Tulsis zu einem Begriff für Gewaltlosigkeit, Brüderlichkeit und ‚Anuvrat’ geworden. Tulsi verzichtete zu seinen Lebzeiten auf die Acharyaschaft und übergab sie seinem führenden Schüler, jetzt Acharya, Mahapragya, einem pragmatischen Denker und Grundlagenforscher, der Spiritualität und Wissenschaft miteinander verbindet. Acharya Mahapragyas grundlegend neue Auffassung
von Maximen und Prinzipien wiesen Intellektuellen die Richtung und durch seine konkret gefassten Anregungen zur Verbesserung von Lebensführung und Lebensqualität erwarb er sich einen dauerhaften Platz als Heiliger und Philosoph in den Herzen der Massen. Die von ihm eröffneten neuen Möglichkeiten im Bereich der Spiritualität könnten dem schlingernden Schiff der Menschheit als Leuchtturm für die kommenden Jahrhunderte dienen. Im letzten Jahrhundert unterstrich Swami Vivekananda als erster die Notwendigkeit einer harmonischen Synthese zwischen Wissenschaft und Spiritualität, einige Jahre später unterstützten Mahatma Gandhi und Vinoba diese Auffassung. Acharya Mahapragya kristallisiert diesen Gedanken in seinen Schriften dergestalt, dass sich Spiritualität und Wissenschaft komplementär zueinander erschliessen. Seine Einstellung, die Wissenschaft sei weit von der
Vernichtung der Religion entfernt, sondern lasse sie tatsächlich wieder erblühen, beinhaltet ein völlig neues Konzept von Religion. Die Glaubwürdigkeit dieses Lehrsatzes bekräftigt er mit praktischen Anregungen zur Kunst der Lebensführung. ‘Preksha Meditation’ – Wahrnehmungsmeditation – ist eine der Dimensionen dieses Konzeptes. Das losgelöste Schauen nach innen ist weder trocken noch übernatürlich, sondern
integriert Spiritualität in den Alltag jedes Menschen. Die verschiedenen wissenschaftlichen Methoden der ‘Preksha Meditation’ projizieren auch den ‘Dharma’ in eine völlig neue Perspektive und passen ihn auch als integralen Bestandteil in das Alltagsleben ein. Dies ist nichts weniger als ein Wunder in der religiösen Welt, in der sich die Einsicht durchsetzt, dass Religion ohne Wissenschaft nicht überzeugen und das nötige Vertrauen der Menschen gewinnen kann.
Aber Wissenschaft ohne Religion ist auch blind, diese Ansicht vertrat bereits Einstein. Sie kann ohne Religion kein sinnvolles spirituelles Bewusstwerden erlangen und zur Zerstörung, Vernichtung und für irreführende Annahmen benutzt werden. In enger Zusammenarbeit mit Gurudev Tulsis entwickelte Acharya Mahapragya das Verfahren der ‘Preksha Meditation’
zur spirituellen und moralischen Entwicklung des Individuums. Zehntausende haben sich dadurch von ihren mentalen Spannungen befreien und ihre Lebensreise auf völlig neuen Wegen beginnen können. Die wissenschaftlichen Verfahren der Preksha Meditation haben sich als einzigartig im Hinblick auf die gesunde Entwicklung des Bewusstseins und der gesamten Persönlichkeit des Individuums erwiesen. Es wird gesagt, dass die
eingefahrenen Haltungen und Fähigkeiten eines Erwachsenen nicht verändert werden können. Ein Sprichwort besagt, dass die Blätter des Schirmbaumes (neem or umbrella tree) – seine Blätter und Früchte schmecken bitter – nicht einmal süss werden, wenn sie mit Butter und Honig eingerieben werden. Verfahren der Preksha Meditation haben diese Theorie im Laufe der Zeit widerlegt. Auf der Grundlage vieler Experimente
und Untersuchungen kann jetzt schlüssig festgestellt werden, dass durch dieses Verfahren nicht nur signifikante physische Veränderungen im Individuum stattfinden, sondern auch seine mentalen und emotionalen Haltungen und Fähigkeiten transformiert werden und sich dadurch seine bisherigen Gewohnheiten wandeln. Unter Anleitung seines spirituellen Mentors Ganadhipati Tulsi studierte der Acharya die Schriften der Jaina ‚Agamas’
und praktizierte viele tiefgehende Meditationsverfahren, die er auf wissenschaftlicher Basis auch systematisierte. Bevor Mahapragya die Verfahren der Preksha Meditation der Öffentlichkeit vorstellte, unterwarf er sich selbst vielen schweren Prüfungen und ließ so die Meditationsverfahren untersuchen. Er lebte für Monate als Einsiedler, zog sich sogar in den Dschungel zurück und motivierte sich mit
ermutigenden Betrachtungen, wodurch seine inneren Kräfte erwachten. Während der Meditation erreichte er unglaubliche Tiefen und viele bisher unbekannte Mysterien entfalteten sich vor ihm. Ganadhipati Tulsi inspirierte und ermutigte ihn zu diesem einmaligen Experiment, und am 3. März 1977, als sich Mahapragya wieder zu einer seiner Übungen für lange Zeit zurückzog, schrieb er ihm: „Dieses Experiment ist auch meines und das der Glaubensgemeinschaft – Sangh. Es dient dem Wohl der ganzen Glaubensgemeinschaft.“
Durch sein Eintauchen in die Tiefen der Kontemplation brachte Mahapragya uns einen Juwelenschatz mit. ‚Chaitanya Kendra Preksha’ – Wahrnehmung der psychischen Zentren – und ‚Leshyadhyan’ – Wahrnehmung der psychischen Farben – sind als Verfahren der Preksha Meditation die Früchte seiner Visionen. Albert Einstein wurde einst gefragt,
wie er denn auf die Relativitätstheorie gekommen sei. Prompt antwortete er, zufällig darauf gestossen zu sein und er wisse selbst nicht, wie. Dasselbe geschah auch Mahapragya. Wenn er über ein bestimmtes Thema oder Problem nachdenkt und nicht sofort eine Lösung finden kann, lässt er es beiseite. Während seiner Morgenmeditation taucht dann plötzlich eine kristallklare Lösung vor ihm auf, die ihm bisher entgangen war.
Dies ist nur dem möglich, der das Gebiet des Intellekts transzendieren und sich der dem Bewusstsein bzw. der Psyche angeborenen Fähigkeit zur Intuition öffnen kann. An den ersten Übungskamps nahmen bereits viele berühmte Intellektuelle, Denker und Sozialarbeiter teil, und bis heute haben sich tausend und Abertausend Menschen aller Glaubensrichtungen und aus allen sozialen Schichten durch die Preksha Meditation
realisiert. Lord Mahavira und nach ihm einige Jaina Heilige praktizierten sie ebenfalls, doch geriet diese Art der Kontemplation in Vergessenheit. Das Verdienst, sie zurückgeholt zu haben, gebührt Acharya Mahapragya, der deshalb von vielen zu Recht auch der ‚Kolumbus der Jaina Meditation’ genannt wird. Der Acharya ist Denker und Genius in einer Person, der mit seinem weiten Horizont alles durchdringt. Er
interessiert sich für das Alltagsleben ebenso sehr wie für soziale, nationale und internationale Probleme und denkt laut darüber nach. Bezeichnenderweise benennt er nicht nur die Probleme sondern auch ihre Lösung, denn er denkt erst tief und gründlich über mögliche Abhilfe nach, bevor er sich äussert. Seiner Auffassung nach reicht die Vermittlung von Wissen und Bildung im Hinblick auf die moderne Ausbildung nicht
aus, um die gesamte Persönlichkeit eines Individuums zu entwickeln, denn intellektuelle Ausbildung allein ermöglicht nicht automatisch auch moralische, emotionale und spirituelle Entwicklung: ‚Viele gebildete Menschen verüben Verbrechen oder Gewalttaten oder handeln auf andere Weise unmoralisch. Eigentlich sind hauptsächlich gut ausgebildete Menschen in sorgfältig geplanten Wirtschaftsbetrug oder
Verrat verwickelt. Findet keine emotionale Ausbildung und Entwicklung statt, sind solche Aktivitäten nur die natürliche Folge, denn wenn es einer Person an zärtlichen Gefühlen wie Liebe, Mitgefühl, Toleranz, Geduld, Zufriedenheit usw. mangelt, erwartet man vergeblich humanes Verhalten und Benehmen. Daher überrascht es nicht, wenn eine solche Person sich Gewalttaten, Verbrechen oder andere unethische Handlungen bis
zum Selbstmord erlaubt.’
Die heutige Ausbildung kann daher die Erwartungen der Gesellschaft an sie nicht erfüllen. Ihr Ziel sollte die bessere Ausbildung des Menschen sein, aber trotz steigender Anzahl von Ausbildungsinstituten wie Fachhochschulen und Universitäten nehmen seine kriminellen und animalischen Tendenzen zu. In diesem Zusammenhang hat Acharya Mahapragya das Konzept ‚Jeevan Vigyan’ – Wissenschaft der Lebensführung – als Lösungsmöglichkeit für dieses universale Problem formuliert. Ganadhipati Tulsi und Acharya Mahapragya vertraten und vertreten beide die Auffassung, dass die moderne Ausbildung nicht pauschal als falsch abgetan werden kann, denn sie hat unzählige Ärzte, Ingenieure, Rechtsanwälte, Richter, Lehrer und Verwaltungsfachleute
hervorgebracht, die hervorragendes auf ihren Gebieten geleistet haben. Deshalb ist die heutige Ausbildung, obgleich in anderer Weise nützlich, eigentlich unzulänglich, denn sie bereitet das Individuum zwar auf das Verdienen seines Lebensunterhalts vor, vermittelt aber nicht die Kunst der Lebensführung. Während geräumige Strassen für die physikalische und intellektuelle Entwicklung bereit gehalten werden, fehlen
diese im notwendigen Mass für die geistige und emotionale Entwicklung. Das gegenwärtige Ausbildungssystem enthält keine Techniken oder Anleitungen zur Überwindung von Grausamkeit, Neid, Selbstsucht, Rachegelüsten, Angst, Hass oder Gier – es stellt keine Programme bereit, die zur Meisterung von Zorn, Unbesonnenheit oder anderer, der charakterlichen Entwicklung abträglicher Impulse angewandt werden können. Das
Konzept Ganadhipatis und Acharyas von der ‚Wissenschaft vom Leben’ enthält dazu spezielle, leicht verständliche Vorschläge und Übungskurse mit wissenschaftlicher Kontrolle, um die Transformation im Inneren zu dokumentieren. Mittlerweile findet die Theorie breiten Zuspruch, dass interne biochemische Vorgänge unsere Gedanken und unser Verhalten beeinflussen. Die endokrinen Hormone wirken ausgleichend auf die
Funktionen des Nervensystems und koordinieren sie. Unter besonders ungünstigen Umständen, wenn die Spannung zunimmt, üben die endokrinen Hormone zusätzlichen, teilweise unerträglichen Druck auf das endokrine System aus und stören das Gleichgewicht zwischen dem sympathischen und dem parasympathischen Nervensystem. In diesem Fall gewinnt das sympathische Nervensystem die Oberhand und generiert selbst in intelligenten
und gebildeten Menschen vielfach negative Emotionen. Funktioniert das endokrine System richtig, bleiben das sympathische und das parasympathische Nervensystem zwar ebenfalls im Ungleichgewicht, doch kann dadurch sowohl eine zufriedenstellende Lösung für die inneren Probleme gefunden als auch dem heftigen Ansturm des äusseren Druckes widerstanden werden. Die ‚Wissenschaft vom Leben’ beinhaltet ein einzigartiges
Experiment, dass sich auf drei Zielvorstellungen gründet: 1. Entwicklung einer harmonischen und ausgeglichenen Persönlichkeit, die in der Lage ist, der Gesundheit dienliches physisches, mentales, emotionales und soziales Gleichgewicht herzustellen, 2. Aufbau einer gewaltfreien Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unmoral und
3. Heranbildung einer neuen Generation, die sowohl spirituell als auch wissenschaftlich orientiert ist.
Die von Mahapragya aufgeführten Übungskurse und Praktiken resultieren in entscheidenden biochemischen und bioelektrischen Veränderungen, die den Praktizierenden ultimativ transformieren. Dieses Verfahren ist
keine Einleitung für die bereits existierenden Lehrpläne hinsichtlich der intellektuellen Entwicklung, sondern eine Ergänzung dazu. Eine wertorientierte Ausbildung ist nach Ansicht des Acharyas nicht durch blosses Predigen zu erreichen, denn man muss in periodischer Wiederkehr dazu veranlasst werden, sich zahlreichen Übungen und Experimenten zu unterziehen, um den Wunsch nach wertorientierter Lebensführung wirklich
in sich zu wecken. Einen Baum nur dazu aufzufordern, süsse und saftige Früchte zu liefern, wäre sinnlos, denn es muss die richtige Saat ausgesät werden. Wie wir säen, werden wir ernten, vorausgesetzt, die Saat wird mit reiner Luft, gutem Dünger und reinem Wasser versorgt. Acharya Mahapragya ist nicht nur ein grosser Denker und ein Genie, sondern auch ein exzellenter Schriftsteller und Dichter. Zu den Bewunderern
seiner Schriften zählen sowohl einfache Menschen als auch literarisch gebildete Persönlichkeiten wie Soziologen, Journalisten und Politiker. Der Acharya hat mehr als hundert Bücher geschrieben, deren weit gefasstes Spektrum Themen wie Logik, Geschichte, Philosophie, Poesie, Grammatik, Yoga, Spiritualität, Reiseberichte von seinen Wanderungen durch das Land, Erinnerungen und Biographien umfasst. Viele von ihnen sind auch ins Englische übersetzt worden oder in andere Sprachen des Subkontinents,
wie Gujarati, Tamil, Telugu, Kannada und Bangladeschi, ein oder zwei auch ins Japanische und Deutsche. Trotz der Fülle ernster Gedanken fühlen sich besonders auch einfache Menschen von seiner Literatur angezogen. Das ist so, weil er das lebt, was er predigt, und seine Auffassungen sind abgesehen von ihrer Originalität auch gekrönt von konkreten Lösungsvorschlägen für verschiedene Probleme. Das Besondere an ihm ist,
dass seine aussergewöhnlichen intellektuellen Fähigkeiten die Würde seiner Handlungen durchdringen. Er beschränkt seine Gedanken nicht nur auf die Ebene des Denkens, sondern vollendet sie im aktuellen Verhalten. Jeder ist entweder imaginär oder umständebedingt in das eine oder andere mentale Problem verstrickt und sehnt sich nach der richtigen Diagnose und möglichst auch Heilung. Die Bücher des Acharyas geben ihm
das, was er möchte, weshalb seine Bücher sehr beliebt sind und viele Auflagen erhielten. Der berühmte Bangladeschi Schriftsteller Vimal Mitra sagte einmal: ‚Ich entdecke neue Wahrheiten in Mahapragyas Schriften. Wenn ich ihn lese, während ich für die Menschen schreibe, erscheint es mir, als schriebe Mahapragya für mich. Ach, wenn ich ihn doch nur in den formenden Jahren meines Anfangs gelesen hätte, die Entwicklung
meiner eigenen Literatur wäre völlig anders verlaufen.’ Atal Behari Vajpai, der bedeutende Politiker, sagt: ‚Ich liebe Mahapragyas Literatur.’ Der bedeutende Schriftsteller Ramdhari Singh Dinkar sagte: ‚Mahapragya ist der moderne Vivekananda. Wir haben Vivekananda nie gesehen, nur über ihn gelesen und von ihm gehört. Doch nun sehen wir
ihn in Mahapragya.’ Jainendra Kumar, ein angesehener Schriftsteller und Denker, sagt: ‚Unvoreingenommene Denker wie Mahapragya sind selten. Sein angenehmer Charakter und seine Tiefgründigkeit inspirieren mich dazu, solange wie möglich in seiner Gegenwart zu sein.’ Mahapragya verfügt über die seltene Gabe, Probleme immer unvoreingenommen
und umfassend anzupacken. Sein alles durchdringender Geist spiegelt sich wider in den von ihm herausgegebenen und mit kritischen Anmerkungen versehenen ‚Jain Agamas’ der klassischen Jaina Literatur. Mit diesem kolossalen Werk hat er die Aufbewahrung dieser viele tausend Jahre alten kanonischen Schriften erleichtert und sie mit einem von den Menschen heute akzeptierten wissenschaftlichen Ausblick versehen. Diese
alten Schriften sind in Prakrit verfasst, ihre Kommentare sind entweder auch in Prakrit oder in einer Mischung aus Prakrit und Sanskrit geschrieben worden. Mahapragya unternahm zuerst ausgedehnte Studien der Schriften und begann im Anschluss daran erst die gigantische Herkulesarbeit der Herausgabe und Neukommentierung. Durch unermüdliche und beständige Tag-und-Nacht-Arbeit über viele Jahre hindurch wurde der
Originaltext der zweiunddreissig Jain Agamas ermittelt und auch ihre Hindi-Übersetzung fertig gestellt. Ausführliche Kommentare gestalten sie für die Menschen verständlicher und interessanter. Diese mühevolle Arbeit unter der Schirmherrschaft Ganadhipati Tulsis zeigte offenen und undogmatischen Geist, weshalb sie Anerkennung bei den Oberhäuptern anderer konfessioneller Schulen und Gelehrter im Osten wie im Westen
fand. Unter anderen Umständen wäre diese schwierige und langwierige Arbeit sicher auch finanziell sehr aufwändig geworden, unter der Leitung des Herausgebers Acharya Mahapragya wurde sie von einem selbstlosen und hingebungsvollen Team talentierter männlicher und weiblicher Asketen ausgeführt, die der heiligen Sache mit ihrer harten intellektuellen Arbeit huldigten. Mahapragya schrieb auch einen Sanskrit-Kommentar
zum Aacharang Sutra, der ältesten und nach Auffassung vieler auch der unverständlichsten Schrift der Jaina, womit er eine sehr alte Tradition der Erläuterung heiliger Texte wiederbelebte und wieder einführte. Begegnet man Mahapragya, erlebt man ‚das spirituelle Indien’ oder ‚das Wunder, das Indien war’, um mit den Worten Dr. A. L. Bashims zu sprechen. Liest man ihn, fühlt man sich in das Strömen eines Flusses
versetzt, der vom anfänglichen kleinen Bach zum grossen Strom anschwillt, der sein Bett verbreitert und ein gewaltiges Gebiet umschliesst, wobei er gelegentlich glitzernde Perlen oder einige unbeschreiblich duftende Blumen mit sich bringt, die der Leser gern dauerhaft bewahren möchte. Seine einnehmende Sprache sowie sein Stil stellen sofort den Bezug zum Leser her und halten dessen Interesse auch an sehr ernsthaften
und trockenen Themen wach. Der in der Philosophie aufgehende Denker ist auch ein einfühlsamer Dichter. Seine Verse in Hindi und Sanskrit offenbaren die Subtilität und Zartheit seiner Gefühle. Er dichtet aus dem Stehgreif in Sanskrit, welch rare Begabung sich auf vielen Massenversammlungen und Zusammenkünften offenbarte. Die Poesie zieht sich eigentlich durch sein ganzes Leben. Als Dichter ist er schwer als Typ zu
kategorisieren. Ob er der Dichter wolkenbruchartiger Wellen der Ekstase oder derjenige der Entsagung ist, ob er der Sänger der Schönheiten oder der Monstrositäten der Natur oder der des Menschen in den Klauen der Maschine oder der Mechanisierung ist, vermag niemand zu sagen. Die Spanne seiner dichterischen Flügel ist all-umfassend und erreicht bisher unerforschtes Territorium. Seine dynamische Herangehensweise
beschränkt sich auf kein spezielles Gebiet, doch erreicht und stillt sie den Durst sogar der entferntesten Wüsten des menschlichen Verstandes. Sambodhi, Ashruvina, Mukulam in Sanskrit und Rishabhaya in Hindi sind einige der literarischen Juwelen, die er zur Welt der Literatur beigetragen hat. ‚Sambodhi’ zeigt die blühenden Höhen seiner poetischen Fähigkeiten. Die rhythmische Konversation zwischen Lord Mahavira und dem Mönchsprinzen Megha Kumar löst eigentlich viele Knoten des Lebens und der Philosophie. ‚Rishabhaya’ gewährt Einblick in seine Reife als Dichter. Seine Dichtkunst ist erleuchtet von dem göttlichen Licht der Philosophie des Lebens. Seine Erzählung über das Leben Lord Mahaviras liest sich wie die Arbeit eines Novellisten. In seinem Buch ‚Shraman Mahavir’ hat er den Stoff aus dem Leben des Prinzen Mahavira gewebt, der auf den Luxus eines Palastes verzichtete und sich als Büßer in den Dschungel zurückzog und dann auch noch in die Stammesgebiete ging, wo ihn die Stammesangehörigen quälten und verspotteten. Mahapragya schildert Mahavira aus den Tiefen seiner Meditation heraus, so dass der Leser meint, er hätte jenen leibhaftig vor sich.
Er ist eine erblühte Rose innerer Verfeinerung, deren Duft sich nicht nur in seinen Versen ausbreitet, sondern auch im gesprochenen Wort. Die Menschenmenge, die ihn regelmässig umgibt, ist gefesselt von ihm und findet Frieden in seiner Gegenwart, so wie auch er mit sich im Frieden ist. Mahapragyas Lieblingsthema ist der menschliche Geist. Die
Mehrzahl aller menschlichen Probleme wäre seiner Auffassung nach mit der Lösung der Probleme des menschlichen Geistes gelöst. Die Menschen werden gewöhnlich von widrigen Umständen beunruhigt oder geraten deswegen sogar aus dem Gleichgewicht. Ihnen rät Mahapragya, den Geist nicht wie Wasser fließen und gleiten zu lassen, sondern ihn in festes Eis zu verwandeln und ihn so wie in einem Kühlschrank zu belassen. Hinabfallender
Schmutz und Staub gleiten vom Eis ab und können sich nicht festsetzen, während sie sich im Wasser auflösen und es verunreinigen. Genauso können äußere Einflüsse in Form von Spannungen, Unglücklichsein u.s.w. nur in einen unbeständigen Geist eindringen, wenn der Geist jedoch stabil ist, weichen sie zurück, ohne ihn zu beeinflussen. Die Geschichte von Mahapragyas Aufstieg zu den Höhen spiritueller und intellektueller
Entwicklung begann, als er ein Kind von gerade zehn Jahren war. Geboren am 14. Juni 1920 in Tamkor, einem ganz kleinen Dorf im Bezirk Jhunjhunu, Rajasthan, unter dem Namen ‚Nathmal’, entsagte dieses Kind am 29. Januar 1931 den familiären und weltlichen Annehmlichkeiten und begab sich auf den dornigen Weg der Askese. Acharya Kalugani, der achte Acharya der ‚Terapanthi’ im Jainismus, nahm ihn als Schüler an, und das
Kind weihte sein ganzes Wesen zu Füssen seines Meisters. Acharya Kalugani vertraute dieses Kind der Obhut seines jungen und begabten Anhängers Muni Tulsi an, den er durch seine Einfachheit und Ungeziertheit sofort für sich gewann. Unter seinem neuen Lehrer beschleunigte sich die intellektuelle Entwicklung des Kindes, das sich tausende von Predigten und Versen in Hindi, Sanskrit, Prakrit und Rajasthani einprägte und
intensiv die Jaina Schriften studierte. Studien der Geschichte, Philosophie, Logik, Grammatik u.s.w. bilden die sichere und feste Basis seines Wissens. Intensive Studien betrieb er auch in moderner Physik und Bio-Wissenschaften, Ayurveda, das indische System der Medizin, ebenso Politik, Wirtschaft und Soziologie aus kommunistischer, sozialistischer und kapitalistischer Sicht und wurde allmählich zum Anführer der
Asketen seines Ordens. Mittlerweile ist er im ganzen Land bekannt und seine Schriften, Reden und Vorlesungen liefern den Menschen viele Gesprächsanlässe. Als Muni Tulsi die Acharyaschaft verliehen wurde, startete er die ‚Anuvrat’ Bewegung. Muni Nathmal war dieser Bewegung von Anfang an verbunden und gab ihr eine die gesamte Menschheit einbeziehende philosophische Basis, die unabhängig von den jeweiligen
Glaubensvorstellungen ist, wobei er die Brauchbarkeit und Relevanz der anuvrata-Bewegung für die Menschheit im gegenwärtigen Zusammenhang unterstrich. Von Kacch in Gujarat bis Kalkutta und vom Punjab bis Kanyakumari unternahm Mahapragya den historischen ‚Padyata’ - Fußmarsch – mit dem Anuvrat Anuhasta Tulsi. Während dieser Fußmärsche hielt er viele Ansprachen in öffentlichen Versammlungen und vermittelte die Botschaft von Eintracht und Brüderlichkeit. Er stand im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und von Tausende von Menschen strömten herbei, um ihn zu hören.
Er löste viele Mythen über Religion und ihre Riten und Rituale auf: ‚Religion, die keine Veränderung im Leben eines Menschen bewirkt und ihm keinen Frieden verleiht, sollte eher in den (Fluss) Ganges geworfen und nicht weiter als Last geschultert werden. Rituale oder Idolverehrung allein reichen solange nicht aus, bis jemandes
Verhalten nicht auch transformiert worden ist. Religion ist nicht nur beschränkt auf Tempel, Moscheen oder Kirchen, sondern dehnt sich auch auf das Alltagsleben der Menschen aus.’
Ihm zufolge betrachten sich in Indien nur sechs bis sieben von neunzig Menschen nicht als Anhänger einer Religion, jedoch bezeichnen sich die übrigen dreiundachtzig bis vierundachtzig als religiös. Aber sind sie wirklich
religiös? Solange man nicht auch rechtschaffen und aufrichtig gegenüber sich selbst und anderen ist und ein wertorientiertes Leben führt, ist man trotz der Behauptung des Gegenteils nicht religiös. Um eine ultimative Transformation von innen heraus zustande zu bringen und den ganzen Lebensstil zu modifizieren, sind Mahapragyas Prekshadhyan Kurse bis heute von Tausenden von Menschen besucht worden. Am 12. November
1978 stattete Acharya Tulsi im Hinblick auf seine Visionen, seinen Intellekt und Genius Muni Nathmal mit dem qualitativen Beinamen ‚Mahapragya’ – großes Bewusstsein – aus, und am 4. Februar 1979 wurde die Anrede ‚Mahapragya’ in seinen neuen Namen umgewandelt, gleichzeitig wurde er ‚Yuvacharya’ und designierter Nachfolger des Acharyas, die zweithöchste Position nach dem Acharya selbst. Für seine außergewöhnlichen und anhaltenden Beiträge zur Sache des Jain Yoga wurde ihm auch der Beiname ‚Jain
Yoga Ke Punruddharak’ – der den Jain Yoga wieder aufblühen ließ – verliehen. In einer öffentlichen Mammutsitzung erklärte Anuvrat Anuhasta Tulsi am 18. Februar 1994, dass Mahapragya auch den Titel ‚Acharya’ führe und dass er selbst unverzüglich auf diese Position verzichte. Anschließend wurde Mahapragya auf einem grossen öffentlichen Treffen in Delhi am 5. Februar 1995 offiziell zum zehnten Acharya, dem
Oberhaupt des religiösen Ordens der Terapanth, geweiht. Zum erstenmal in der Geschichte dankte ein berühmter, begabter und fähiger Acharya zu seinen Lebzeiten aus eigenem Antrieb zugunsten seines Nachfolgers ab und vertraute ihm seine Position an. Die stillschweigende Übereinstimmung zwischen Ganadhipati und dem Acharya war erstaunlich, die schon immer sehr enge Verbindung des Acharya mit dem Ganadhipati blieb bestehen. Gewöhnlich geht mit der Anhäufung von Wissen Arroganz einher, aber Mahapragya symbolisiert den sich unter dem Gewicht seiner Früchte beugenden Baum. Sein Wissen trägt die Krone der Bescheidenheit. Selbst als Acharya blieben seine Hingabe und Ergebenheit zu Ganadhipati Gurudev Tulsi unvermindert. Jeder konnte die von Mahapragya ausgehende offensichtliche Aufrichtigkeit und Natürlichkeit sehen, nein, fühlen. Genauso lagen Zuneigung und Vertrauen
Ganadhipati Tulsis zu Mahapragya jenseits aller Beschreibungen. Eine so einzigartige Konstellation von Meister und Schüler sucht ihresgleichen unter den Menschen. Tulsi und Mahapragya waren zwei verschiedene Wesen, doch eines im Geist. Acharya Mahapragya hat das Glück, die Zügel der ‚Terapanth’ zu Lebzeiten seines Vorgängers übernommen zu
haben. Als Oberhaupt einer der diszipliniertesten religiösen Organisationen ist Mahapragya nun mit vielen Verpflichtungen belastet. Die weitere Intensivierung der Anuvrata-Bewegung, Preksha Meditation und Jeevan Vigyan sind sein vorrangiges Anliegen. Ein ‚Vikash Parishad’ – Ausschuss zur Entwicklung – wurde von Mahapragya konstituiert, der als weiterer Ansporn für diese Bewegungen diente und ihre Bedeutung
unterstrich. Das Forum der Terapanth setzt sich nun für die Verbreitung dieser Bewegungen zur Renaissance der Gesellschaft ein. Das tiefe Verständnis Acharya Mahapragyas versetzt ihn in die Lage, über die heutige Zeit hinaus zu sehen. Er kann die Bedürfnisse und Erwartungen des kommenden Zeitalters vorhersehen. Wer ihn kennt, weiß, dass er auf schöpferische Weise neue Einsichten vermittelt. Die Weisheit des Herzens
verbindet er harmonisch mit gedanklicher Tiefe und Tatkraft. 1999 wurde er zum ‚Mann des Jahres’ von den philosophischen Fakultäten zweier Universitäten gewählt, einer englischen und einer amerikanischen. Die Gemeinschaft der Jaina und die gesamte Menschheit können große Hoffnungen in diese seltene Persönlichkeit setzen. Möge er länger als hundert Jahre leben und der Menschheit als Leuchtfeuer dienen. top |