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Wege durch die Zeit ins 21. Jahrhundert


 
Acharya Mahapragya: Anuvrat

Menschen und ihre Beziehungen

Übersetzung: Carla Geerdes
Redaktion: Carla und Christian Geerdes

 

Frieden
Hinduismus
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Viele Formen von Gewalt verbreiten Furcht und Terror in der Gesellschaft, zunehmende Verbitterung ist nur eine der Folgen. Anuvrat Anushastra Tulsi bietet hierfür eine Lösung ohne unerwünschte Nebenwirkungen und keine weiteren Probleme hervorrufend. 

Untersuchen wir in diesem Zusammenhang die beiden Begriffe ‚Menschen’ und ‚Beziehungen’. Notwendenderweise muss zuerst die Bedeutung des Begriffes ‚Mensch’ verstanden werden.

  • Viele Wissensgebiete, darunter Soziologie, Psychologie und Philosophie, haben diesen Begriff differenziert und versucht, den Menschen als ein im Grunde soziales Wesen zu verstehen.
  • Psychologen erklärten den Menschen und sein Verhalten auf der Grundlage seines Unbewussten und seiner fundamentalen Instinkte.
  • Philosophen machten Karma (und Ethik) zur Basis ihrer Interpretation.
  • Spirituelle Lehrer begrenzten den Menschen auf das intellektuelle Gewahrsein.
  • Aristoteles bezeichnete den Menschen als rationales Tier. Kein anderes Wesen ist mit Vernunft ausgestattet.

Obwohl keine dieser Interpretationen falsch ist, empfinde ich jedoch auch keine als völlig richtig. Ein Teilaspekt kann weder gänzlich zutreffen, noch muss er völlig falsch sein.

Der Mensch:

Individuum / Gemeinschaft

Es stimmt, dass der Mensch ein sozial lebendes Wesen ist, aber es stimmt nicht, dass er ausschließlich sozial ist. Er ist sowohl individuell, als auch sozial.

Existenzialistische Philosophen betonen seine individuellen Charakteristika und nicht die universellen. Individualität ist ihrer Auffassung nach die alleinige Qualität des Menschen, und man kann ihn nicht begreifen, wenn das herunter gespielt wird. Soziologen hegen die Ansicht, dass der Mensch ohne Wasser nicht überleben kann. Hier haben wir zwei verschiedene Sichtweisen, die Existenzialisten betonen die Individualität, die Soziologen die Gemeinschaft. Nur, wenn wir beide kombinieren, gelangen wir zu einer vollständigen Ansicht.

Die psychologische Sichtweise

Psychologisch gesehen wird der Mensch vom Unbewussten beherrscht, da es seine Aktivitäten und sein Verhalten steuert. Auch dies ist wieder eine Teilwahrheit. Hinter dem Unbewussten wirkt genauso vieles als Steuerung wie in unserem Bewusstsein. Die Seele jenseits des Unbewussten hat ihre eigene Bedeutung, ebenso wie unser waches Gewahrsein etwas Einzigartiges ist.

Wir können also das Unbewusste als Mittelpunkt betrachten mit der Seele im Hintergrund und dem intelligenten Gewahrsein im Vordergrund. Zwischen den beiden Enden funktioniert das Unbewusste.

Beziehungen

Gesellschaft und Beziehungen

Betrachten wir nun die Natur der Beziehungen. Die Gesellschaft besteht aus einer Kette von Beziehungen. Beziehung bedeutet soziale Orientierung oder anders gesagt, die Orientierung hinsichtlich der Gesellschaft ist beziehungsorientiert, also durch Beziehungen charakterisiert. Diese Beziehungen beginnen mit der Geburt eines Kindes. Es tritt mit seinen Eltern, Geschwistern etc. in Verbindung.

Wer diese Beziehungen hinter sich lässt, ist Sanyasi oder Mumukshu, ein der Welt entsagender Asket oder ein die Erlösung Anstrebender. Das erste Kennzeichen eines Muni ist gemäss dem Uttaradhyanan Sutra die Freiheit von Beziehungen. Doch auf der weltlichen Ebene ist das Kind von Beziehungen umgeben vom Moment seiner Geburt an.

Der philosophische Zusammenhang

Aus der indischen Philosophie entstanden drei Strömungen:

  • Advaitavad (Monismus)

Der erste Shankaracharya und sein Guru Gaurhpal riefen den Advaitavad ins Leben. Nach dieser Lehre ist Gott oder der Ewige Geist real, die Welt ist unreal, eine Illusion.

Folgt man Advaita, wundert man sich, wie wir im täglichen praktischen Leben funktionieren können.

Wie gestaltet sich die Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft? Advaita sollte Verhalten, Sprache, Ideen und Denken ausschließen. Auf diese Weise mussten die Anhänger des Advaita das Konzept der Maya vorlegen, das des bloßen Anscheins oder der Illusion. Alles was geschieht wäre somit unwirklich. Dies akzeptierend, stellte das Unbeseelte Maya auf ein königliches Podest, eine total idealistische Vorstellung.

  • Dvaitavad (Dualismus)

Anhänger der Lehre des Dvaitavad sind die Schulen der Buddhisten, Samkhya und Nyaya. Ihrer Auffassung nach existiert beides, das Beseelte und das Unbeseelte.

Für die Realisten ist das Konzept der Maya wichtig. Beides, das Belebte und das Unbelebte, ist real. Aber auch hier gibt es ein Problem. Wenn wir Dvait anerkennen, legen wir das Gewicht auf den Unterschied. Daher ist es für uns bedeutsam, Advait im Hintergrund von Dvait und Dvait im Hintergrund von Advait anzunehmen.

  • Dvaitadvaitavad (Dualismus und Monismus)

Koordination zwischen Advaita und Dvait

Die Anekant-Philosophie koordiniert Advaita und Dvaita. Wir können Beziehungen nicht allein auf der Grundlage von Advaita erklären. Wir müssen beides anwenden, um Beziehungen darlegen zu können. Ausschließliche Hinwendung zu Dvaita würde ständige Verbitterung der Beziehung durch die Akzentuierung von Unterschied und Distanz bedeuten. Es wäre unmöglich, diese Verbitterung loszuwerden. Tatsächlich ist Advaita inhärent in Dvaita. Auf der Grundlage der Advaita-Tradition begegnet man jedem wie sich selbst, Selbstrealisierung findet statt und man bewahrt Ausgeglichenheit inmitten von Freude und Sorgen. Aber Advaita allein reicht nicht aus, und man muss Dvaita zu Hilfe nehmen. Wenn der ‚andere’ da ist, wird Dvaita erklärt werden müssen, und die menschliche Natur und das menschliche Verhalten werden auf dieser Grundlage verstanden werden müssen.  

Ich und Mein

Wir wollen nun über Wege zur Verbesserung der Beziehungen auf der Basis von Advaita und Dvaita diskutieren.

Die Grundinstinkte sind für Beziehungen verantwortlich, von denen zwei ‚Ich’ und ‚Mein’ sind. ‚Ich’ repräsentiert Selbstsucht und ‚Mein’ Beziehung.

Alle Beziehungen gründen sich auf dem Besitzinstinkt, wird dieser erweitert, multiplizieren sich die Beziehungen. Ohne diesen Instinkt gäbe es keine Beziehungen, mit seiner Erweiterung vervielfältigen sich auch die Beziehungen.

Ohne ‚Ich’ gäbe es keine Probleme in den Beziehungen. Unsere Probleme mit den Beziehungen entstehen durch ‚Ich’ im Hintergrund, der Ich-Instinkt geht mit zunehmender Selbstsucht einher.

Der Mein-Instinkt unterteilt sich in viele Kategorien. Handelt es sich um meinen Sohn oder meine Familie, können sie als Partner an meinen Profiten teilhaben. Aber meine Putzfrau kann an den Profiten nicht teilhaben.

Noch einmal, der Ich-Instinkt beeinflusst eine derartige Kategorisierung der Beziehungen. Hört das ‚Ich’ auf, engstirnig und begrenzt zu sein und dehnt sich auf andere aus, werden alle beziehungsbezogenen Probleme zu einem Ende kommen. ‚Ich’ in seiner engen Form ruft Verbitterung in Beziehungen hervor, aus denen sich komplizierte Probleme ergeben.

Ursachen von Gewalt

Gewalt und Kriminalität sind zwei Hauptprobleme, denen wir heute gegenüberstehen. Gewalt hat Myriaden von Formen. Eine Ursache für Gewalt ist die individuelle Tendenz, mehr und mehr an sich zu reißen und anderen ihren Anteil zu verweigern.

Diese reagieren mit Gewalt, welche manchmal die Form des Terrorismus annimmt. Selbst wenn jemand fleißig verdient, möchte er noch auf Kosten anderer verdienen. Diese Ausbeutung ist eine wichtige Ursache für Gewalt. Bei der Analyse von Phänomenen wie Diebstahl, Raub, Kidnapping und Mord finden wir heraus, dass ein Mensch mit seinen Instinkten andere Menschen beeinflussen kann.

Gier und Selbstsucht bilden als individuelle Instinkte Ausgangspunkte für Brutalität und Grausamkeit. Die Grausamkeit des Täters überträgt sich auf das Opfer und bringt auch bei ihm Grausamkeit hervor.

Viele dieser Probleme träten ohne die Gier im Menschen nicht in Erscheinung. Der Mensch hat die wahre Bedeutung des Ich- und des Mein-Instinktes noch nicht erfasst. Eigentlich hat er sie in einem solchen Ausmaß genährt, dass alle anderen Instinkte sekundär geworden sind.

Materielle Objekte und Frieden sind nicht dasselbe

Wir wollen die eben angeführte Aussage verdeutlichen, denn sie ist äußerst wichtig, wenn Menschen ein glückliches und friedvolles Leben führen möchten. Die Gesellschaft ist entstanden, damit der Mensch in Frieden leben kann, frei von allen Sorgen und Ängsten. Es gibt kein Glück ohne Frieden. Man kann Komfort anhäufen, aber weder Frieden noch Glück. Wir sollten niemals vergessen, dass Frieden und materielle Objekte nicht dasselbe sind. Wir sollten uns auch daran erinnern, dass Probleme und Unglück nicht dasselbe sind. Ein Problem kann auf der physischen oder der mentalen Ebene auftreten. Doch das intellektuelle Bewusstsein transzendiert diese Ebenen. Wenn wir an einem Problem hängen, kann es keine Lösung geben.

Wenn wir die Beziehungen im Allgemeinen verbessern wollen, sollten wir die Ich- und Mein-Instinkte kultivieren, so dass wir nicht selbstsüchtig werden und gegen die Freiheit anderer verstoßen.

Wenn jemand mein ist, bedeutet das nicht, dass er oder sie keine unabhängige Existenz hätten. Jedes Lebewesen hat das Recht, in Freiheit zu leben. Eine Beziehung ist nur dann gerechtfertigt, wenn damit nicht auf jemandes Freiheit herumgetrampelt wird.

Verbundenheit des Lebens

Unser Leben ist beziehungsreich und kann nicht isoliert geführt werden. Jeder braucht den anderen. Zur Erhaltung eines Lebens ist die Arbeit Tausender erforderlich. In der Zeitspanne, die ein Samen braucht, bis sein Produkt in der Küche zubereitet werden kann, bedarf es der Arbeit vieler Menschen, erst danach wird das Mahl genossen.

Bei dieser großen Verbundenheit mit anderen entspricht es dem Gipfel der Unwissenheit eines Menschen, Beziehungen nicht wert zu schätzen und sie nicht herzlich zu gestalten.

Beschäftigen wir uns mit den Problemen die wir mit den uns eng verbundenen Menschen haben, so erzeugen wir eine Haltung voller Sensitivität und Mitgefühl anderen gegenüber, was wiederum alle Beziehungen herzlicher werden lässt und sie weiter verfeinert.

Welt auf Entschlossenheit gegründet

Es ist sehr schwierig herauszufinden, wie Beziehungen verbessert werden können oder wie man sie herzlich gestalten kann. Die Ursache für die Schwierigkeit liegt in der hartnäckigen Präsenz des unkontrollierten Ego: die Selbstsucht wächst und verhindert die Entstehung herzlicher Beziehungen.

Das ist wie Seewasser, das auch durch das Hinzufügen von Zucker nicht süss wird.

Religiöse Lehrer haben Wege zur Zähmung des Ego entdeckt. Anuvrat hat aus diesem Grund eine Philosophie entwickelt. Der erste Schritt ist der Beschluss oder die Durchführung eines Gelübdes, ein Symbol grosser Stärke. Mit Erwachen des Beschlusses beginnt der Prozess der Transformation. Unsere Welt ist aus Beschlüssen oder Gelübden geboren. Sie nimmt entsprechend unserer Beschlüsse Gestalt an.

Ein grosser Beschluss ist, ‚ich will niemanden vorsätzlich töten oder nicht unnötig Gewalt ausüben’. Ein wenig Gewalt hier und da mag für das Überleben nötig sein, doch mit dem Beschluss, keine Gewalt zu begehen und Gewaltlosigkeit zu praktizieren, ist eine starke Grundlage zur Gestaltung herzlicher Beziehungen geschaffen.

Der Grundsatz der Ausgeglichenheit

Lord Mahavira nannte als Grundsatz für die Entwicklung von Selbstgewahrsein: Miss’ alle Lebewesen mit deinem Mass. Vyasa drückte es ähnlichen aus: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg’ auch keinem anderen zu. Beherzigen wir diese Grundsätze, generieren wir Mitgefühl. Ist Schmerz für uns unerträglich, so ist er es auch für andere. Anderen das Brot stehlen, ist schlecht, weil auch ich mein Brot behalten möchte. Wenn wir diese zwei Skalen ausbalancieren, verfeinern wir unsere Disposition und bändigen das Ego. Wäre ich allein auf der Welt, gehörte sie mir – mein Ego würde expandieren. Aber die Welt ist von unzähligen wie mir bevölkert, dieser Gedanke legt meinem Ego Zügel an, begrenzt es auf wohl definierte Gebiete.

Der Ausweg heißt Verfeinerung

Die Kontemplation zu Mitgefühl’ hilft dem intellektuellen Bewusstsein, zu Mitgefühl und Sensitivität zu erwachen. Für das Zustandekommen der Veränderung unserer Individualität von innen ist die Praxis bedeutsam.

Wir seine sollten ihre Bedeutung nicht durch blosses Sozial- und Opportunistisch-Sein entwerten.

Über einen gewissen Punkt der Verfeinerung kann die Sozialisation nicht hinaus gehen, doch für den Aufbau einer Gruppe oder eines Systems erweist sie sich nützlich.

Die Praxis ist ein Langzeitprozess, in kurzer Zeit kann man keine Transformation erwarten. Maharishi Patanjali hat zu Recht angemahnt, dass die Veränderung erworbener oder ererbter Züge über einen langen Zeitraum voller Glauben und Inbrunst erfolgen muss. Auf diese Weise können wir die Fähigkeit zur Grausamkeit abbauen und die Veranlagung zum Mitgefühl wieder herstellen.

Gleichheit der Verteilung praktizieren

Eines von Schumakers Büchern heißt ‚Klein ist schön’. Es kann uns den Weg in die richtige Richtung weisen. Eine schottische Firma experimentierte mit gerechter Verteilung und erntete positive Ergebnisse. Grausamkeit in der Gesellschaft verschwindet mit Zunahme von gerechter Verteilung und Mitbestimmung der Arbeiter in Managementfragen.

Wird Gewalt nicht geradezu ermuntert, wenn ein Mensch riesige Profite macht und Millionen bei einem gewöhnlichen Fest verschwendet? Ruft dies keine starke Reaktion hervor? Die menschlichen Beziehungen können ganz sicher verbessert werden, wenn gerechte Verteilung praktiziert wird.

Wer kann beschützen?

Wir müssen verstehen, dass Transformation erfolgen kann, wenn wir sowohl soziale Veränderungen, als auch spirituelle Experimente annehmen und durchführen. Wir sollten uns über die Konsequenzen der zunehmenden Gewalt klar werden: Millionen werden ausgegeben, um einem einzigen Individuum Sicherheit zu verschaffen. Es ist erschreckend sich vorzustellen, dass vielleicht Individuen im ganzen Land Kommandos für die persönliche Sicherheit aufstellen. Wer wird sicher sein, und wer wird Sicherheit für andere bieten können?

Solch ein Teufelskreis kann nur ausgemalt werden. Wenn über dieses Problem nicht sorgfältig nachgedacht wird und in Kürze geeignete Maßnahmen ergriffen werden, sollte niemand vom Gesetz des Dschungels in einer Gesellschaft überrascht werden, in der gegenseitiges Töten zur Order des Tages wird. Um solche furchterregenden Eventualitäten zu vermeiden, sollten wir weise handeln und den unverhältnismäßigen und ungerechten Konsum einschränken, der anderen die Teilhabe verweigert und sie im Ergebnis sehr frustriert.

Die Lösung

Mit all dem im Kopf liegt der Schluss nahe, dass die Lösung in der Übernahme der Prinzipien von Anuvrat liegt und im Befolgen der Übungen der Preksha Meditation.

Was kann in dieser wissenschaftlich geprägten Zeit mehr überraschen als die Tatsache, dass intellektuell bewusste und intelligente Menschen unfähig dazu sind, sich selbst zu transformieren oder sogar nur über die Notwendigkeit nachzudenken, während täglich neue Erfindungen gemacht werden und radikale Veränderungen unvermindert stattfinden. Daher ist es im Hinblick auf eine leuchtende Zukunft für die Menschheit und für ein Leben voll sublimer menschlicher Qualitäten unerlässlich, etwas zu unternehmen.

Wichtigste Bedingung zur Vollendung ist die Veränderung der sozialen Ordnung und eine Verfeinerung der Haltungen. Dies ist möglich durch Reflektion, starke Entschlossenheit und ständige Praxis. Gehen wir einen Schritt vorwärts in diese Richtung.

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