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Wege durch die Zeit ins 21. Jahrhundert


Auroville – das Ideal der geeinten Menschheit

Dr. Ananda Reddy

Vortrag am 24. Mai anlässlich der Auroville-International-Days 2001 in Chieming / Hart

Übersetzung und Redaktion: Carla Geerdes

 

Sri Aurobindo
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Die Mutter
S.A.C.A.R.

I.

‘Gesegnet, wer einen grossen Sprung in die Zukunft wagt’ war die Grußbotschaft [Der Mutter] auf dem Kalender zum Neuen Jahr 1971.

Nachdem ich den Kalender erhalten hatte, ging ich hinauf nach ‚Aspiration’ (Sehnsucht) in Auroville und ließ mich in meiner Hütte nahe der Gemeinschaftsküche nieder.

Im Herzen hatte ich einen Traum. Eigentlich hatte jeder von uns dort seinen eigenen Traum von Auroville – wobei wir auf winzige Weise am Traum des Göttlichen von Auroville beteiligt waren. Diese Stadt wird vom Göttlichen gutgeheißen! Mit uns als Werkzeug sollte sich der Traum verwirklichen lassen! 

Alle aus ‚Aspiration’ gingen anfangs jeden Morgen zum Matrimandir (der Goldene Turm in Auroville), um die Grube für das Fundament auszuheben. Nach zwei Stunden hingebungsvoller und harter körperlicher Arbeit unterrichtete ich in der Schule von ‚Aspiration’, denn Die Mutter hatte mir diese Aufgabe übertragen.

Die ganze Zeit über war es, als lebe man im Garten Eden. Arglosigkeit herrschte vor, die Liebe zum Ideal dominierte. Die Mutter war da, um uns anzuleiten, so brauchten wir uns nicht zu sorgen. Sie würde in allen Bereichen das nötige tun, davon waren wir überzeugt.

So war es zu dieser Zeit, als die Liebe zur Idee uns über alle physischen Schwierigkeiten und Unbequemlichkeiten hinweg trug. Zugleich gab es ein starkes psychisches Zusammengehörigkeitsgefühl, das sich in Einssein mit allem übertrug. Romantik lag in der Luft und Schönheit auf Erden.

II.

In diesen Garten Eden kam die Schlange, die uns alle zum Verzehr des Apfels vom Baum der Erkenntnis versuchende vitale Kraft. Manche bissen hungrig in den Apfel, und dann gab es irgendwo eine Bresche! Unterscheidung und Trennung ließen uns einander nun anders sehen: Menschen aus diesem oder jenem Land, Mitglieder dieser oder jener Gruppe, Mitglieder Aurovilles oder der Sri Aurobindo Gesellschaft. Auroville war gespalten: Der Geist fiel ab und Disharmonie, Falschheit, Uneinigkeit, Perversion, Schmerz und Leid hielten Einzug.

Die Zeit der Unschuld war vorbei – wir traten in die Phase der Erfahrung ein - das Paradies verloren. Wir erlebten die harten, auf Spaltung und Hass basierenden Realitäten, die Gewalt auf allen Ebenen mit sich brachten. Das Herz hatte dem Verstand Platz gemacht, Einheit der Spaltung. Der Traum war verloren, der Träumer vergessen! Die zerbröckelnde Glaskuppel von Auroville fiel herunter! Die Mutter hatte ihren Körper verlassen, und die Erde schien unter unseren Füssen weg vermietet zu sein! In diesem offensichtlichen Vakuum wollten Viele zu Anführern Aurovilles werden! Verwirrung herrschte.

Waren wir auf dem falschen Weg? Wir dachten, von der zu errichtenden Stadt seien wir nur wenige Jahre entfernt. Doch nun konnte es nicht schlimmer sein. Einige wie ich zogen sich aus dieser gewalttätigen Verwirrung zurück und fingen an zu denken... zu überlegen, wo wir falsch lagen. Wie Sie uns gesagt hatte, fielen wir hinter das Menschliche zurück, anstatt uns nach oben, in Richtung des Supermenschen zu erheben! Wir dachten, wir könnten Auroville mit der uns zur Verfügung stehenden Ausstattung bauen  – mit dem Verstand und dem Vitalen, und all dem, was das mental-vitale Bewusstsein der Menschheit bisher an die Hand gegeben hatte. Wir versuchten, die Stadt von Morgen auf dem Fundament des Gestern zu bauen!

Vielleicht liegt die Antwort auf Wachstum und Verfall von Auroville im allgemeinen Raster der menschlichen Evolution selbst.

III.

Auf den ersten Blick erkennen wir, dass die Menschheit im Laufe der Evolution mehrere Wachstums- und Entwicklungsstadien durchlaufen hat: Von der Familie über den Clan zum Dorf, zur Stadt, zum Stadtstaat, zum Staat und letztlich zur Nation. Diese Erweiterung des politisch-sozialen Bewusstseins reflektierte unmittelbar das innere Bewusstseinswachstum des Menschen, meint einer der Schüler Sri Aurobindos, Nolini Kanta Gupta.

Die drei ersten Bereiche, Familie, Clan und Dorf, reflektieren mehr oder weniger den physischen Menschen. Diese Stadien sind so eng miteinander verwoben, dass sie mehr oder weniger als Ausformung des physischen Bewusstsein des Menschen erscheinen. Stadtstaat und Staat reflektieren mehr das vitale Bewusstsein des Menschen, dessen Ego nach Besitz materieller Objekte hungert und Vergnügungen materialistischen Lebens sucht. Dann die Experimente mit den Reichen - den ‚rassischen’ oder religiösen oder proletarischen – und den Nationen, die das mentale, mit so etwas wie einem ethischen oder humanistischen oder religiösen Ideal versehene Bewusstsein des Menschen ausdrücken.

Der nächsthöhere Schritt in der Evolution, auf den sich die Menschheit unabwendbar hinzubewegen scheint, ist allem Anschein nach die Einheit aller Menschen, deren Zustandekommen zwangsläufig spirituelles Bewusstsein erfordert.

IV.

Die Entwicklungsstufe des mentalen Bewusstseins, deren höchste Errungenschaft die Nationalität ist, drückt sich im Osten und im Westen auf spezifische Weise aus. Gemäss Sri Aurobindo sind Sachchidananda (Satya: Wahrheit, Realität. Chit: Bewusstsein. Ananda: Freude, Wonne.) oder Existenz, Bewusstsein und Macht oder Wissen und Wille und Wonne grundlegender Ausdruck der Welt.

Die Aspekte Macht und Wissen wurden vorrangig im Westen entwickelt, sagt Sri Aurobindo. Macht ist der erste Aspekt der Welt – Krieg und der Zusammenstoss der Energien. Wissen kam in Form von Vernunft mit den Bestrebungen der Justiz, der sozialen Harmonie etc. Später machte sich die Wissenschaft die Entwicklung zunutze: Rationale Philosophie und Religion maßen die tieferen Geheimnisse des Lebens; und die Realität drückte sich im Leben durch mehr Moral, Ethik, Religion aus. Im Osten hingegen wurde die dritte Grundlage, die der Freude, in allen Schemata des Lebens realisiert.

V.

Auch Auroville schien sich demselben Evolutionsprozess unterzogen zu haben. Zuerst manifestierte sich die Macht – die Zeit des Rufs der Franzosen nach Freiheit! So wie der König, dessen despotische Herrschaft durch eine rücksichtslose Bourgeoisie abgelöst wurde, im Zuge der Französischen Revolution guillotiniert wurde, wurde die Sri Aurobindo Gesellschaft in Auroville nur von der unpersönlicheren Herrschaft und straßenwalzenartigen Autorität der Regierung verdrängt. Die angestrebte Freiheit endete in stärkeren Ketten.

Als zweites manifestiert sich die Vernunft mit ihren vielfältigen Formen wie Gerechtigkeit, sozialer Harmonie und unter anderem Entwicklung von Wirtschafts-, Ökologie-, Wissenschafts- und Erziehungssystemen. Gegenwärtig ist Auroville in diesem Stadium, in dem die maßgeblichen Formen der Vernunft für ein spirituelles Leben entwickelt werden.

Das braucht viel Zeit und aufrichtiges Bemühen – langwierige, Erfolge und Rückschläge einschließende Anstrengungen – bis zu dem Versuch eines über das Rationale und die Logik des Verstandes hinausgehenden Bewusstseins auf tieferer Grundlage von Harmonie und Einheit. Diese tiefere Grundlage ist das Psychische, die tatsächlich integrierende, synthetisierende und Einheit herstellende Kraft im Menschen. Solange Svarajya (innere Ordnung, im Sinne einer Einheit des Selbst) nicht erzielt ist, kann Samrajya (äußere Ordnung im Sinne einer Einheit der Welt) nicht hergestellt werden.

Die Entdeckung des dritten Elements der inneren Freude brachten Indien und der Osten zustande. Zusammen mit dem zweiten Stadium muss dieses dritte Stadium in Auroville praktiziert werden, zumindest Wenige sollten mit dieser für Auroville unmittelbar bevorstehenden und dringlichen Aufgabe beginnen.

Dies mag als in der Zeit weit entfernt liegendes Ideal für Auroville erscheinen, und in unserer Eile, unsere Projekte auf den Gebieten Wissenschaft und Technologie, Ökologie und Ökonomie, Kunst und Kunsthandwerk voran zu bringen, mögen wir dazu tendieren, dieses Bedürfnis unseres inneren Wesens zu übersehen. Doch die Gita sagt: ‘Yad yad acharati sreshtah’ – lass’ die Wenigen praktizieren, und die Masse wird folgen. Auf diese Weise sollte der dritte Aspekt, der auf der inneren Freude gegründete psychische Kontakt, die Grundlage für das Handeln der Wenigen sein.

Eigentlich ist das nichts anderes als der Grundsatz der Symbiose in der Natur – das Prinzip der inneren Ansteckung – der Grundsatz des hundertsten Affen! Einige Pioniere werden gebraucht, um diese ‚psychische Symbiose’ in aller Ernsthaftigkeit vorzunehmen, damit Auroville sich integral entwickeln kann, wobei das Innere das Äußere anleitet. Anderenfalls könnten wir in denselben Fehlhaltungen landen wie Gesellschaften und Kollektive in der Vergangenheit und Gegenwart.

Mit dem Bau des ‚Goldenen Turms’, dem Matrimandir, zusammen muss die Geburt des Flammenkindes in uns erfolgen. Sonst werden wir statt der ‚wundervollen Sklaven Gottes’ die ‚unglücklichen Sklaven des Menschen’. So sollte es nicht sein... mit all der Gnade und dem Willen Sri Aurobindos und Der Mutter über Auroville. Auroville kann gar nicht anders, als zum erfolgreichen integralen Traum Der Mutter zu erblühen, denn es ist ein Bestandteil von Sri Aurobindos eigener Arbeit:

    Meine in silbriger Luft
    Zwischen Gold und Blau
    Gesammelten Träume
    Habe ich dort gelassen
    Sanft umhüllt
    Meine juwelengeschmückten Träume von dir.

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