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Wege durch die Zeit ins 21. Jahrhundert


Fünf Gelübde und sechs Avashyakas

-- Grundzüge der Jaina-Ethik --

Prof. Dr. Klaus Bruhn


Redaktion: Carla Geerdes

Einleitung
Avashyaka1
Avashyaka2
Avashyaka3
Avashyaka4
Avashyaka5
Avashyaka6
Erloesung
Resumee
Postskript
Literatur

Avashyaka III: Vandana

Vandana heißt Begrüßung. Das dritte Avashyaka kann beschrieben werden als Verbindung von Reue-Ritual und Begegnungs-Ritual5. Der Schüler (Novize) begibt sich am Ende des Tages zu seinem Lehrer und gibt seiner Reue in Hinblick auf mögliche oder tatsächliche Verfehlungen im Laufe des Tages Ausdruck. Der schwierige Text ist auf die formelhafte Rede der beiden Partner reduziert und hat nicht den Charakter einer vollständigen Beschreibung (vgl. auch die englische Version). Der "bemessene Bereich" ist der unmittelbare Umkreis des Lehrers, der nicht ohne weiteres von Besuchern betreten und verlassen werden darf. Der von LEUMANNals "Bürstchen" bezeichnete Gegenstand ist der für das Ritual wichtige Besen des Jaina-Mönchs. Er diente ursprünglich wohl tatsächlich dem Fortfegen kleiner Tiere, die nicht zu Schaden kommen sollten, wenn beispielsweise etwas auf den Boden gestellt werden sollte. Später überwog dann die symbolische bzw. ritualistische Verwendung.

Zu den sechs Formeln des ersten Teils gehört nach der Tradition je eine Antwort des Lehrers. Wir fügen in der nachfolgenden Übersetzung diese Antworten in Klammern ein, samt den sonst zum Verständnis notwendigen Ergänzungen. [Zusatz von LEUMANN]

  

  

Teil I

  

Text

  

Übersetzung

  

  

(In gemessener Entfernung spricht der Schüler zum Lehrer:)

icchami khamasamano vandium javanijjae nisihiyae.

1.

Ich wünsche Euer Gnaden zu ehren in tunlichster Sammlung. - [Gern.]

anujanaha me mi' oggaham.

2.

Erlaubt mir, den bemessenen Bereich (zu betreten). - [Ich erlaube es.]

  

  

(Zu des Lehrers Füßen hingetreten legt er das Bürstchen auf den Boden und berührt dasselbe sowie die (eigene) Stirne mit den Händen, sprechend:)

aho-kayam kaya-samphasam.

3.

(Erlaubt) unten am Leib (d.h. an den Füßen) die Berührung mit dem (meinigen) Leibe (d.h. mit meinen Händen).

  

  

(Den Kopf hebend und mit an der Stirn gefalteten Händen dem Lehrer ins Antlitz schauend spricht er:)

khamanijjo bhe kilamo.

  

Es möge von Euch die(se) Belästigung geduldet werden.

appa-kilantanam bahu-subhena bhe divaso vaikkanto.

  

Wenig belästigt habt Ihr (wohl) den Tag recht gut verbracht. - [Ja.]

jatta bhe.

4.

Des geistlichen Fortschrittes erfreut Ihr Euch. - [Euch auch kommt er zu.]

javanijjam ca bhe.

5.

Und der Zufriedenheit erfreut Ihr Euch. - [So ist es.]

khamemi khamasamano devasiyam vaikkamam.

6.

Ich bitte ab, Euer Gnaden, (mein) tägliches Vergehen. - [Ich auch bitte Dir ab.]

 
  

  

Teil II

  

  

  

(Aufgestanden und aus dem Bereich herausgetreten spricht der Schüler:)

avassiyae - padikkamami

1.

Aus (Pflicht-) Nötigung - ich bereue

khamasamananam devasiyae asayanae tettis' annayarae jam kimci micchae mana-dukkadae vaya-dukkadae kaya-dukkadae kohae manae mayae lobhae

2.

was irgend Unrechtes (ich begangen habe) gegen Euer Gnaden an täglicher Unerbietigkeit in dieser oder jener ihrer dreiunddreißig Äußerungsweisen, sei es in Gedanken, Worten oder Bewegungen, aus Zorn, Hochmut, Unaufrichtigkeit oder Begierde,

savva-kaliyae savva-micchovayarae, savva-dhammaikkamanae asayanae

  

an jederzeitiger jede falsche Dienstleistung und jede Pflichtversäumnis betreffender Unehrerbietigkeit,

jo me aiyaro kao,

3.

was ich mir habe zu Schulden kommen lassen,

tassa khamasamano padikkamami nindami garihami appanam vosirami.

4.

dessentwegen, Euer Gnaden, bereue ich, tadle, schelte und kasteie ich mich.

 

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5Vgl. zum Thema der "Begegnung" im buddhistischen Kanon MARK ALLON, Style and Function. Tokyo 1997. [Study 1: "approach structures" und "approach formulas".]


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