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Wege durch die Zeit ins 21. Jahrhundert


Fünf Gelübde und sechs Avashyakas

-- Grundzüge der Jaina-Ethik --

Prof. Dr. Klaus Bruhn


Redaktion: Carla Geerdes

Einleitung
Avashyaka1
Avashyaka2
Avashyaka3
Avashyaka4
Avashyaka5
Avashyaka6
Erloesung
Resumee
Postskript
Literatur


Avashyaka V: Kayotsarga

Der 'Kayotsarga' ist die schwierigste Übung des Jaina-Mönches. Der Mönch verharrt für einen längeren Zeitraum in bewegungsloser (primär in stehender) Position und meditiert. Die stehenden und sitzenden Darstellungen des Tirthankara, wie wir sie aus der Kunst kennen (vgl. unsere Abbildungen 1-4), zeigen alle den Kayotsarga (was bei den stehenden freilich
 
 

 

Abb.1.8Sitzender Tirthankara: Mathura  (250-300 n.Chr.).

 

Abb.2.8Kultobjekt: vierseitiger Schaft mit vier stehenden Tirthankaras: Mathura (250-300 n.Chr.).

 

 

Abb.3.9Große Komposition mit sitzenden und stehenden Tirthankaras. Patan (das alte Anahilapattana), Gujarat, 16. oder 17. Jh.

 

 

Abb.4.9Ausschnitt aus Abb.3 (Sockelzone). Der kleine Stier in der Mitte des Kissens deutet an, daß der große sitzende Tirthankara Rishabha ist
(
Avashyaka II).

 
 
eindeutiger ist als bei den sitzenden). In der Kayotsarga-Haltung soll der Mönch körperliche Disziplin üben und meditieren, jedoch gibt es keine spezielle Meditationstechnik und keine speziellen Erlebnisse und Erfahrungen. 'Meditieren' (ein eindeutiger Terminus existiert gar nicht) bedeutet im Jainismus Beschäftigung mit den Lehren der Religion und Verinnerlichung des für den Meditierenden Wesentlichen.

Der Kayotsarga im Sinne der literarischen Komposition (Avashyaka V) handelt nur zu einem sehr kleinen Teil von der Kayotsarga-Übung. Er besteht zum größeren Teil aus Stücken, die vorangegangene Textpassagen wörtlich wiederholen oder thematisch unmittelbar an sie anknüpfen. Was die Realität angeht, so besteht ein Unterschied zwischen der echten, unabgekürzten Kayotsarga-Übung des willensstarken Mönches und der ritualisierten Übung für alle oder viele. Der von uns ausgewählte einschlägige Text (siehe gleich) basiert auf der echten Übung; aber vollzogenwird die hier zur Rede stehende Kayotsarga-Übung als ein Element innerhalb des Avashyaka-Gesamtrituals.

Unser Text lautet wie folgt:

Um . . . schlechtes Karman zu vernichten, vollziehe ich den Kayotsarga. Mit der Ausnahme von Einatmen und Ausatmen, Husten und Niesen, Gähnen und Ausspeien (? Schluckauf?), abgehenden Blähungen, Drehschwindel und Gallen-Ohnmacht (?), sehr leichten Bewegungen der Glieder, sehr leichten Bewegungen des Schleims (Speichels?), sehr leichten Bewegungen der Augen (Augenlider usw.), [mit der Ausnahme] von solchen und ähnlichen (unwillkürlichen) Bewegungen möge mein Kayotsarga nicht unterbrochen und nicht beschädigt sein. Bis ich (den kayotsarga) durch die "Verehrung der Tirthankaras" abgeschlossen habe, kasteie ich meinen Körper durch stehende Haltung, Schweigen und Meditation.

Wie der oben zu Avashyaka IV zitierte Passus über die zu schonenden Lebewesen bereits zeigte, gehört zum Verständnis des Jainismus nicht nur Vertrautheit mit der Lehre, sondern auch Kenntnis seiner ganz konkreten Ausdrucksformen, hier der 'Physiologie der Meditation'. Dabei stellt sich dann auch die Frage, wieweit auf äußerste Bewegungslosigkeit des Meditierenden Wert gelegt wurde und welche Rolle die aus der Sicht der Texte wohl optimale stehende Haltung neben der sitzenden (und ggf. liegenden) Haltung spielte. Die Texte sind nicht sehr mitteilsam, aber angemessenes Training war in jedem Fall notwendig.

Kehren wir zum Kayotsarga innerhalb des Avashyaka-Rituals zurück, so haben wir es mit einer starken Verkürzung und Vereinfachung zu tun. Der Ausdruck "Verehrung der Tirthankaras" bezieht sich auf den Zeitraum und auf die Gedankenrichtung. In Hinblick auf den ersten Punkt ist davon auszugehen, daß die hier angesprochene Verehrungsformel mehrmals rezitiert wurde (in Worten, u.U. nur in Gedanken). Dennoch kann im rituellen Kontext von starker und lang anhaltender körperlicher und spiritueller Anstrengung nicht die Rede sein.
 

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8Photo: GRITLI VON MITTERWALLNER.
9JAS. BURGESS und HENRY COUSENS, The Architectural Antiquities of Northern Gujarat. London 1903. Pl. XIX.

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