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Wege durch die Zeit ins 21. Jahrhundert


Das Kamasutra des Vatsyayana

Ein Überblick von Carla Geerdes
 

Wissenschaftliche Beratung:
Hiltrud Rüstau

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Das Kamasutra im Zusammenhang

 

Die Literatur des alten Indien befaßte sich mit einer Vielzahl von wissenschaftlichen Fragestellungen. Abhandlungen und Lehrbüchern zu Themen der Astronomie, Geometrie, Phonetik, Metrik, Grammatik, Medizin, Politik, Moral und Erotik wurden geschrieben gemäß dem Leitsatz: Wenn etwas wert ist, getan zu werden, so ist es wert, gut getan zu werden.

Nach Auffassung der alt-indischen Hindu-Weisheit dient das Leben des Menschen einem dreifachen Ziel (trivarga): Dem Streben nach

  • dem Guten dharma (Gesamtheit der  tugendhaften religiösen Werke als Grundlage für Familien, Zivilrecht und Verhaltenskodex, Dharmashastra,  verfaßt von Manu)
  • dem Nützlichen artha (materieller Besitz, irdischer Wohlstand, Arthashastra, verfaßt von  Kautilya)
  • dem Angenehmen kama (Liebe und damit verbundener Sinnengenuß, Kamasutra, verfaßt von  Vatsyayana)

 

Entsprechend dem Kamasutra sollen diese Ziele im Leben des Menschen gleichberechtigt verwirklicht werden, ohne daß einem dieser Bereiche ein Vorrang eingeräumt wird. Das Streben nach einem der Ziele soll das Streben nach den anderen im Hinblick auf ein ausgefülltes und sinnvolles Leben nicht beeinträchtigen. Die Vernachlässigung eines Bereiches führt zu einer eingeschränkten Stabilität und zu einem gefährlichen Ungleichgewicht im Menschen. Das Praktizieren von dharma, artha und kama ermöglicht dem Menschen Glück und Sinnerfüllung in dieser und der darauffolgenden Welt.

Sexualität und Erotik werden als wichtiger integraler Bestandteil des menschlichen Lebens angesehen wie die Nahrungsaufnahme, dienen sie doch neben dem sinnlichen Genuß auch dem Fortbestand der Menschheit wie die Nahrungsaufnahme der Erhaltung des Körpers. Die Sinnenfreuden der Erotik und Sexualität gelten nicht nur der Lebensfreude und dem psychischen Gleichgewicht, sondern sind auch der Weiterentwicklung im geistig-spirituellen Bereich dienlich. Die Sinne werden als eine Verfeinerung des Körperlichen auf einer höheren Wahrnehmungs- und Bewußtseinsstufe angesiedelt, wobei Sexualität und Erotik in letzter Konsequenz das Geheimnis des Lebens in sich bergen.

Zur Entstehung des Kamasutra

 

Das Kamasutra ist altindischen Überlieferungen zufolge von Prajapati, einer lange als Schöpfergott geltenden abstrakten Gottheit, in zehntausend Kapiteln verkündet worden. Mahadeva (der Hochgott Shiva) soll es in tausend Kapitel zusammengefaßt haben, die von Shvetaketu, einem philosophischen Lehrer und Sohn des Udalaka, auf fünfhundert Kapitel komprimiert worden sind. Das Kamasutra ist von Vatsyayana in Form von sogenannten Sutren in Sanskrit, der altindischen und bis heute lebendigen Gelehrtensprache, niedergeschrieben worden. Sutras sind Direktiven oder Gedächtnisstützen für den Eingeweihten, aphorismenhafte kurze Aussagen in Prosa, die ohne Kommentare kaum verständlich sind. Es handelt sich hierbei um vermutlich zunächst noch mündlich abgefaßte Vorläufer von Lehrbüchern. Die dem Kamasutra zugrundeliegende Abhandlung des Shvetaketu ist verlorengegangen. Die heutzutage vorliegenden Übersetzungen des Kamasutra aus dem Sanskrit stützen sich auf anerkannte Kommentare aus zumeist späteren Jahrhunderten.

Zur Person des Autors

 

Über das Leben des Autors Mallanaga Vatsyayana liegen keine Angaben vor. Vermutlich ist das Kamasutra von ihm um 250 n.Chr. verfaßt worden.

Das Kamasutra ist in geistiger Konzentration und Keuschheit des Autors entstanden, wie er am Ende betont.

Leserschaft des Kamasutra

 

Das Kamasutra wendet sich an den jungen, gebildeten Stadtbewohner Nagaraka, dessen Lebenswandel ein eigenes Kapitel im Ersten Hauptteil einnimmt. Es gibt aber auch zur Rolle der Frauen und zu ihrem Verhalten untereinander zahlreiche Empfehlungen. Im Kamasutra selbst werden Ganikas (Hetären), Prinzessinnen und Töchter hoher Beamter als Adressatinnen angesprochen, allerdings sollte ein Mädchen sich die die 64 Künste betreffenden Praktiken insgeheim und allein oder mit Hilfe einer Lehrerin aneignen.

Der zeitgenössische Leser oder die Leserin unserer Tage findet ein höchst informatives Sachbuch über Sexualität und Erotik, das frei von moralischen Wertungen Praktiken der sexuellen Lust und Erfüllung vorstellt und gleichzeitig interessante Einblicke in die alltägliche Lebensweise von Menschen aus historischer Zeit in einer anderen Kultur vermittelt.

Nach der Lektüre kommen sicher viele Leser zu der Überzeugung, daß nicht wenige Schriftsteller, Ärzte und Forscher vom Kamasutra inspiriert worden sind.

Aufbau und Inhalt des Kamasutra

 

Das Kamasutra ist in sieben Hauptteile mit fünf bis zehn Kapiteln gegliedert:

    Erster Hauptteil: Allgemeines

     

    Erstes Kapitel: Zusammenfassung des Lehrbuches

    Zweites Kapitel: Erlangung der drei Güter (dharma,  artha, kama)

    Drittes Kapitel: Darlegung der Wissenschaften

    Viertes Kapitel: Lebenswandel des Nagaraka

    Fünftes Kapitel: Abhandlung über des Liebhabers  Freundinnen und das Amt von (Liebes-) Botinnen

 

    Zweiter Hauptteil: Auf den Geschlechtsverkehr  Bezügliches

     

    Erstes Kapitel: Art des Geschlechtsverkehrs nach Ausmaß  (der Geschlechtsorgane), Zeitpunkt und Dauer, Variationen der Liebe

    Zweites Kapitel: Ausführungen des Umarmens

    Drittes Kapitel: Möglichkeiten des Küssens

    Viertes Kapitel: Arten der Fingernagelspuren

    Fünftes Kapitel: Spielarten von Bißspuren; Verhaltensweisen von Frauen aus den einzelnen Provinzen; Arten des dort geübten Geschlechtsverkehrs

    Sechstes Kapitel: Stellungen beim Geschlechtsverkehr

    Siebtes Kapitel: Arten des Schlagens und die damit verbundenen Ausführungen des Lautes sit

    Achtes Kapitel: Sexuelle Annäherungen, bei denen die Frau die Rolle des Mannes übernimmt; Verhaltensweisen  des Mannes

    Neuntes Kapitel: Mundverkehr

    Zehntes Kapitel: Beginn und Ende des Verkehrs; Arten des Verkehrs; koketter Streit

 

    Dritter Hauptteil: Auf die Verbindung mit einem Mädchen  Bezügliches

     

    Erstes Kapitel: Verfahren bei der Brautwahl; Entscheidung  über die Verbindung

    Zweites Kapitel: Gewinnung des Vertrauens der Braut

    Drittes Kapitel: Annäherung an das Mädchen; Erklärung  von Minenspiel und Gebärden

    Viertes Kapitel: Bemühungen, um der einzige Mann für die Braut zu sein; Erlangung eines begehrten Mannes durch das Mädchen; Erlangung des Mädchens durch das Bemühen  des Mannes

    Fünftes Kapitel: Hochzeitsfeier

 

    Vierter Hauptteil: Auf die Rolle der Gattin Bezügliches

     

    Erstes Kapitel: Verhalten der treuen Gattin

    Zweites Kapitel: Verhalten der ältesten Gattin zu den  Nebenfrauen

 

    Fünfter Hauptteil: Auf die Gattinnen von anderen Bezügliches

     

    Erstes Kapitel: Kennzeichnung des Charakters von Mann und  Frau

    Zweites Kapitel: Wege zur Bekanntschaft mit einer Frau

    Drittes Kapitel: Erkunden der Neigungen der Frau

    Viertes Kapitel: Aufgaben einer Liebesbotin

    Fünftes Kapitel: Verliebtheit von Herrschern

    Sechstes Kapitel: Über den Harem und den Schutz der  eigenen Frau

 

    Sechster Hauptteil: Prostitution

     

    Erstes Kapitel: Nachdenken über einen geeigneten Mann; Mittel des Zugangs zu ihm; Methoden des Gewinnens

    Zweites Kapitel: Hingabe an den Geliebten

    Drittes Kapitel: Mittel, um zu Geld zu kommen; Anzeichen von Gleichgültigkeit gegenüber dem Mann; Arten des  Verjagens eines Liebhabers

    Viertes Kapitel: Erneute Festigung eines locker  gewordenen Verhältnisses

    Fünftes Kapitel: Arten des Gewinns

    Sechstes Kapitel: Betrachtungen über Gewinn und Verlust; Typen von Prostituierten

 

    Siebter Hauptteil: Auf Geheimmittel Bezügliches

     

    Erstes Kapitel: Wie man sich gewinnend macht; wie man  andere bestrickt; Anwedung von Aphrodisiaka

    Zweites Kapitel: Wiederherbeiführung verlorener  Liebesfähigkeit; Wege zur Penisvergrößerung; diverse Rezepte

Quellen:

  1. Vatsyayana, Das Kamasutra, Reclam, Leipzig 1987, übersetzt von K. Mylius
  2. Kamasura of Vatsyayana, Jaico Publishing House, Bombay 1976-1986

 

Weitere Literaturhinweise:

Das Kamasutram des Vatsyayana. Die indische Ars Amatoria nebst dem vollständigen Kommentare (Jayamangala) des Yasodhara. Aus dem Sanskrit übersetzt von Richard Schmidt. Franz Decker Verlag Nachf. GmbH. Antiquarisch oder über die indologischen Institute der Universitäten erhältlich.

Beiträge zur indischen Erotik. Das Liebesleben des Sanskritvolkes. Nach den Quellen dargestellt von Richard Schmidt. Hermann Barsdorf Verlag 1911. Antiquarisch oder über die indologischen Institute der Universitäten erhältlich.

Erotik in der indischen Kunst:

Krishna Deva, Khajuraho. First published 1987 (New Delhi), reprinted 1991 (Singapore). S.171-204. Erotic Sculptures and their Significance.


Linkempfehlungen:

Auszüge aus dem Kamasutra, informative Texte zum Tantra-Yoga mit Fotos.

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