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Wege durch die Zeit ins 21. Jahrhundert


Das Komplementärprinzip: Treffpunkt von Wissenschaft, Philosophie und Religion

Vortrag in der Seminarreihe: "Wissenschaft, Glaube und Bewußtsein - Essentielle und periphere Konzepte"

Prof. S. C. Goswami
Fachbereich Chemie, University of Delhi, Neu Delhi, Indien
 

Übersetzung: Dr. Katerina Wolf
Redaktion: Carla Geerdes
 

Wenn ein Mensch nicht mit Ihnen übereinstimmt, lassen Sie ihn leben.
In Billionen von Galaxien werden Sie niemanden finden, der ihn ersetzen könnte.
Carl Sagan in Cosmos

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Wir alle sind Reisegefährten auf diesem Planeten. Wir sind nicht nur einzigartig sondern haben auch unsere Gattung in Gefahr gebracht, denn wir schaffen es nicht, in Frieden miteinander zu leben - auch wenn dies unser größter Wunsch ist. Hierfür gibt es zahlreiche Gründe und ebenso verschiedene Ursachen wie Heilmittel. Einer der Hauptgründe für die Konflikte zwischen den Menschen dieser Welt besteht in unserer Intoleranz gegenüber anderen Meinungen. So ist es zum Beispiel notwendig, zu akzeptieren, daß auch andere Ansichten gewisse Wahrheiten enthalten können.

"Contraria sunt complementa". Das beutet, daß sich Gegensätze ergänzen. Dennoch muß zwischen zwei Arten von Wahrheit unterschieden werden: triviale Wahrheiten, bei denen der Gegensatz offensichtlich absurd ist und profunde Wahrheiten, die dadurch gekennzeichnet sind, daß der Gegensatz ebenfalls eine profunde Wahrheit enthält. (1)

Die komplementäre Herangehensweise birgt die Möglichkeit, weit voneinander abweichende menschliche Erfahrungen in Harmonie zu vereinigen und neue Aussichten und ethische Sichtweisen für die Erforschung des menschlichen Leids ans Licht zu bringen. Wenn wir diese Herangehensweise auf die Probleme dieses Lebens übertragen, dann entdecken wir zu unserer angenehmen Überraschung, daß gegensätzlich erscheinende Ansichten durchaus nicht gegensätzlich sein müssen. Im Gegenteil, bei genauerem Hinsehen können sie sich als inspirierend erweisen; denn eigentlich verkörpern sie Teilansichten einer "Ganzheit". Es ist kein Geheimnis, daß das Elektron ein Teilchen ist. Wir wissen, daß das Elektron auch eine Welle ist. Das Wesen der Welle und des Teilchens sind gegensätzlich, denn ein bestimmtes Ding kann nicht zur gleichen Zeit auch ein Teilchen (Substanz, die auf das kleinste Volumen reduziert ist) und eine Welle (ein Feld, das sich über einen großen Raum ausbreitet) sein. Das Elektron beinhaltet jedoch beides, wenn auch nicht zeitgleich, weil sich die beiden Eigenschaften gegenseitig ausschließen. Das Komplementärprinzip, wie es von dem dänischen Physiker Niels Bohr entwickelt wurde, hat seinen Ursprung in der Quantenphysik. Heute besteht ein reges Interesse daran, dieses Prinzip, das auf eine erstaunliche Art und Weise westliches und östliches Wissen miteinander verbindet, eingehender zu erforschen.

In einer Welt voller Konflikte wird es immer wichtiger, sich mit dem Weltfrieden zu befassen. In dieser Hinsicht hat die Philosophie eine Relevanz wiedergewonnen, die in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, in der technologischer Fortschritt dominierte, fast vollständig an Bedeutung verloren hatte. In der gegenwärtigen, vielfältigen und gleichzeitig konfliktreichen Epoche der ethischen und kulturellen Normen, Verhaltensweisen und des selbstzerstörerischen Individualismus muß jegliche Erfahrung - sei es in der Wissenschaft oder in der Kunst – mit den Mitteln der menschlichen Kommunikation ausgedrückt werden. Die Bedingungen für Analyse und Synthese menschlicher Erfahrung stellten schon immer ein besonderes Problem dar. Wenn sich Erfahrungen gegenseitig ausgeschlossen haben, wurde sie seit Anbeginn des Sprachgebrauchs auf eine typisch komplementäre Art und Weise zum Ausdruck gebracht.

Verfolgt man das Wachstum und die Entwicklung der zahlreichen Schulen der indischen Philosophie zurück, die alle darin übereinstimmen, daß die Veden die ursprüngliche Quelle darstellen, sieht Kireet Joshi die Hauptursache für die Konflikte zwischen diesen Schulen in ihrer natürlichen Tendenz, die Vernunft über die Intuition zu stellen. Er sagt: "Dies rührt daher, daß die Vernunft in Kategorien der Analyse gehandhabt wird. Aus der Grundlage der Analyse setzt sich das Ganze zusammen, birgt in sich jedoch zahlreiche Gegensätze, Anomalitäten und Unzulänglichkeiten. Die Frage lautet doch, auf welche Art und Weise diese Gegensätze, Anomalitäten und Unzulänglichkeiten zu einem Konsens gebracht werden können. Verfolgen wir die Geschichte der indischen Philosophie, finden wir heraus, daß die Vernunft einen Weg eingeschlagen hat, der darin bestand, einiges zu bestätigen, anderes wiederum zu verneinen, wenn es nicht mit den bereits gezogenen Schlüssen übereinstimmte, um so ein logisches System zu errichten." (2)

Auf seiner Reise vom Psychischen über das Spirituelle zum Supramentalen durchlebt der Mensch verschiedene Zustände der Transformation seines Wesens. Im Verlauf eines jeden Zustandes vertritt der Mensch eine andere Vision der Realität. Alle diese Visionen verkörpern jedoch eine Reise von einer Wahrheit zur nächsten - von einer niedrigen zu einer höheren Wahrheit. Alle oben erwähnten Gegensätze beruhen auf einer inhärenten Begrenzung von Vernunft und Logik, weil die höchste Wahrheit jenseits von Vernunft und Logik liegt. Aus diesem Grund ist es erstrebenswert, die Sichtweise der Gegensätze zu verstehen, damit die Voreingenommenheit verschiedener philosophischer Schulen harmonisch zu einer Synthese gebracht werden können.

Es gibt nur eine Wahrheit; lediglich ihre Visionen, Wege und Herangehensweisen sind verschieden. Dies ist auch der Grund dafür, daß ein und dieselbe Wahrheit, wenn sie aus verschiedenen Blickwinkeln heraus betrachtet wird, zu widersprüchlichen Visionen führen kann, die in Wirklichkeit komplementär sind. Wenn wir jedoch das Eine erfahren, so verschwindet die Erkenntnis der Vielfalt, und wenn wir die Vielfalt wahrnehmen, geht uns gewöhnlich das Bewußtsein für das Eine verloren, denn beides schließt sich gegenseitig aus.

Die Theorie der Anekantavada(der Mehrdeutigkeit), wie sie von den Jainas entwickelt wurde, das Konzept des Gotra im Buddhismus, das Prinzip der kompromißlosen Vereinigung kompromißloser Extreme, die sich in der indischen Tradition wiederfindet, ebenso wie die christliche Lehre der Nächstenliebe sind nur einige der Prinzipien, die in sich den Leitsatz der Ergänzung enthalten. Es ist dieser Leitsatz, der, richtig verstanden und praktiziert, eine enorme Hilfe sein kann, auf diesem Planeten ein harmonisches Leben zu führen. Lassen Sie uns diesen Leitsatz aus diesem Grunde kurz ergründen.

In Como, Italien, versammelten sich im Jahre 1927 die führenden Wissenschaftler dieser Welt, um den 100. Todestag Alessandro Voltas zu begehen. Nur Einstein kam nicht. Aus diesem Anlaß stellte Niels Bohr zum ersten Mal in einem öffentlichen Vortrag sein Konzept der Ergänzung vor. Da der Vortrag für ein breites Publikum angelegt war, verwendete Bohr in der Ausformulierung seiner These nur ein paar wenige und einfache mathematische Gleichungen. Bohr versuchte, die Notwendigkeit hervorzuheben, den grundsätzlichen Unterschied zwischen der klassischen und quantitativen Beschreibung physikalischer Phänomene hervorzuheben.

Trotzdem sollte erwähnt werden, daß jede Erscheinungsform in der Natur, egal ob es sich dabei um ein Phänomen des Alltaglebens oder der Atomphysik handelt, in der Sprache der klassischen Physik beschrieben werden sollte. In dieser Beschreibung wird Kausalität als selbstverständlich vorausgesetzt, in der Quantentheorie hingegen werden die Faktoren der Unbestimmtheit und Möglichkeit als inhärente Aspekte einer natürlichen Beschreibung angesehen. Worauf Bohr in seinem Vortrag hinauswollte, war die seltsame Realisierung des Umstandes, daß in der Quantenwelt die einzige Möglichkeit für den Betrachter, unbeteiligt zu bleiben, darin bestand, überhaupt nichts zu betrachten. In anderen Worten: Objekt und Gegenstand der Betrachtung bilden ein untrennbares Ganzes.

Um das Verhältnis zu einem unter verschiedenen experimentellen Voraussetzungen beobachteten Phänomen zu kennzeichnen, führte Bohr den Begriff der "Komplementarität" ein, um hervorzuheben, daß die Gesamtheit der Phänomene jegliche definierbare Information über die atomaren Objekte auslöscht. Die Bedeutung der Komplementarität in der physikalischen Welt bezieht sich in direkter Weise auf unseren Standpunkt als Beobachter in einem Erfahrungsbereich, in dem experimentelle Voraussetzungen für die Beschreibung physikalischer Phänomene eine wesentliche Rolle spielen. So kann zum Beispiel die eine Erfahrung die Teilchennatur des Elektrons zum Vorschein bringen, die andere seine Wellennatur. Der wissenschaftliche Betrachter entscheidet, welche Facette des Elektrons er durch das Experiment ins Zentrum rücken möchte. Der Umstand, ob ein Elektron eine Welle oder ein Teilchen ist, beinhaltet den gleichen Status wie die Frage: Liegt Amerika oberhalb oder unterhalb Indiens? Die Antwort würde lauten: "weder...noch und beides."

Bohr widmete der Verbreitung seiner Lehre in den Bereichen außerhalb der Physik30 Jahre seines Lebens. Nicht nur in der Quantenphysik, auch in anderen Bereichen menschlichen Wissens stoßen wir auf Situationen, die uns an Situationen in der Quantenphysik erinnern. So weisen zum Beispiel die Eigenschaften individueller Personen und ganzer Kulturen Merkmale des Ganzen auf. Nach Bohr impliziert diese Darstellung eine typisch komplementäre Art der Beschreibung. Niels Bohr entwickelte das Konzept der Komplementarität für den soziologischen und politischen Kontext, da er sich sehr wohl der Notwendigkeit bewußt war, gegenseitiges Verständnis zwischen Nationen mit sehr unterschiedlichem kulturellem Hintergrund zu fördern.

Der Leitsatz der komplementären Methode besagt, daß die offensichtlich paradoxe und widersprüchliche Darstellung von Ereignissen unsere Aufmerksamkeit auf keinen Fall vom wesentlichen Ganzen ablenken sollte. Wir sollten uns dafür einsetzen, Komplementarität als Darstellung von Ereignissen in zwei unterschiedlichen Sprachen zu begreifen, statt uns mit der Dichotomie auszusöhnen. Die getrennten Beschreibungen bestätigen lediglich die Tatsache, daß wir Menschen in der Sprache, in der wir über die Ergebnisse unserer Experimente kommunizieren, die Gesamtheit der Natur nur auf komplementäre Art und Weise beschreiben können. Bohrs liebster Aphorismus war Schillers: "Nur die Fülle führt zur Klarheit".

Die komplementäre Sprache bringt den Respekt für die Sichtweisen anderer zum Ausdruck und verspricht, die Sprache der Zukunft zu werden.

Such a cross-cultural intercourse would provide us with a holistic picture of Truth which in Schiller’s world ‘lies in the abyss’. I have given earlier only the first line of Schiller’s couplet reported to have been one of the favourite sayings of Niels Bohr. After the line: "Only wholeness leads to clarity, and Truth lies in the abyss" (Nur die Fülle führt zur Klarheit, Und im Abgrund wohnt die Wahrheit).

Mit den bahnbrechenden Errungenschaften des weltweiten Kommunikationssystems geht es wesentlich einfacher und schneller, irgendeinen Teil dieser Erde zu erreichen und die ethischen und kulturellen Normen ebenso wie die Lebensart anderer Völker als komplementäre Lebensweise zu begreifen und anzuerkennen. Solch ein kulturübergreifender Dialog ermöglicht uns ein ganzheitliches Bild der Wahrheit, die in Schillers Welt "im Abgrund liegt". Weiter oben habe ich nur die erste Zeile von Schillers Verspaar zitiert, das zu Niels Bohrs beliebtesten Aussagen gezählt haben soll: " Nur die Fülle führt zur Klarheit, und im Abgrund wohnt die Wahrheit."

 

Schlußfolgerung

 

Das Motto "Contraria sunt complementa" inspiriert Menschen dazu, verschiedenen Normen und Wegen des Lebens zu folgen und die Meinung Anderer zu respektieren, auch wenn diese den eigenen Ansichten widersprechen. Niemand muß zum Opfer gemacht werden, bloß weil er eine andere Meinung vertritt, denn jede Meinung kann die gleiche Wahrheit beinhalten. Dieselbe Wahrheit kann, aus verschiedenen Perspektiven betrachtet, den Anstoß zu gegensätzlichen Visionen geben, die in Wirklichkeit jedoch alle komplementär sind. Licht besteht sowohl aus Teilchen als auch aus Wellen. Das Wesen beider Bestandteile ist völlig gegensätzlich, doch handelt es sich um komplementäre Merkmale des gleichen Photons.

 

Danksagung

 

Ich möchte dem (verstorbenen) Prof. D. S. Kothari für seine Inspiration, seine Anleitungen und seiner materiellen Hilfe für das Zustandekommen dieses Vortrages aus ganzem Herzen danken.

 

Literaturhinweise

 

(1)Hans Bohr, "My Father" in Rozental. Niels Bohr, S. 328.

(2) Joshi Kireet, "Philosophy, Logic and Yoga of Integral Transformation", Ansprache im Rahmen der Arbeitsgruppe "Spirituelle Erfahrung hinter der philosophischen Tradition Indiens", Universität Delhi.

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