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Wege durch die Zeit ins 21. Jahrhundert


Das Wesen und die Funktionen der Philosophie in der indischen Auffassung 

Prof. Pandurang Shastri Athavale

 Übersetzung und Redaktion: Dr. Katerina Wolf

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Was ist die Natur und die Funktion der Philosophie? In welcher Weise beeinflußt sie das Leben und die Zivilisation? Welche charakteristischen Merkmale zeichnen einen Philosophen aus? Solche Fragen beschäftigten die Geister großer Denker der Vergangenheit, so etwa Shri Jnaneshvara, ebenso wie jedes ernsthaften Denkers der Gegenwart, der sich um ein tiefes Verständnis der Bedeutung und des Sinnes des Weltgeschehens im Allgemeinen und der menschlichen Existenz im Besonderen, so wie sie zur Harmonie führen, bemüht.

Für mich ist Philosophie die Wissenschaft von der Realität; sie ist ein Komplex von kohärentem, konsequentem und verständlichem Wissen über die fundamentalen Wesensmerkmale der gesamten Existenz. Philosophie ist eine Geisteshaltung, aus der heraus der Geist mit der Welt in Beziehung tritt. Und diese Haltung beeinflußt und prägt das Verhalten und das Leben des Menschen, indem sie ihm einen gesunden, unvergänglichen und erleuchteten Weg zur Realisierung der höchsten Ziele und Werte der Zivilation aufzeigt. In diesem Sinne wird Philosophie zu einer Lebenseinstellung anstelle einer sterilen,intellektuellen Disziplin. Natürlich bildet die rein intellektuelle Disziplin als ein Komplex von Forschung und Wissen einen unerläßlichen Bestandteil derPhilosophie. Eine ausschließlich intellektuelle Aktivität ist jedoch nicht Philosophie in ihrer vollen terminologischen Bedeutung.

Jeder Philosoph ist ein Denker, aber nicht jeder Denker ist auch einPhilosoph. Der echte philosophische Geist ist der Wille zu einer gesunden und erleuchteten Handlungsweise. Es ist die Suche nach Weisheit und das Streben nach Perfektion. Eine Philosophie, die das Leben nicht beeinflußt, verändert und bereichert, bleibt eine kalte, sterile, formale und intellektuelleDisziplin. Eine negative, pessimistische und weltferne Philosophie richtet mehr Schaden an als sie Gutes bewirkt.

In ihrer Zusammenfassung physischer, moralischer, ästhetischer und religiöserWerte wird Philosophie zu einer zivilisierten und göttlichen Lebensweise. Die hier dargelegten Gedanken repräsentieren den praktischen Standpunkt indischer philosophischer Ideen, die von einigen westlichen Philosophen zu Unrecht als ein Bündel loser Reflektionen über ethisch-religiöse Probleme und nicht als "echte" Philosophie bezeichnet werden. Indische Philosophen proklamieren Integration und Synthese von Dharma, Artha, Kama und Moksha, welche die höchsten Werte des menschlichen Lebens darstellen. Sie vergleichen diese vier purushartas mit den vier Beinen einer Kuh, wenn eines dieser vier Beine fehlt, ist die Kuh nicht lebensfähig. Anders als im Westen, existiert in Indien die Auffassung, daß Philosophie nicht allein aus einem Impuls des "Wunderns" oder der Spekulation heraus geboren wird. Vielmehr entspringt sie aus dem Wissen um die eigenen Begrenzungen und Fehlbarkeiten in einer vergänglichen Welt; sie stellt das positive und leidenschaftliche Streben nach Erleuchtung, Glück und Perfektion dar. In Indien gilt ein Philosoph nicht als bloßer Beobachter zeitlicher und existentieller Phänomene wie etwa inder Auffassung Platos. Er ist Jnanapurna (voller Weisheit), Bhavapurna (durchtränkt mit der Milch menschlicher Güte und Betroffenheit) und Kritipurna (dynamisch und ewig um das Wohlergehen seiner göttlichen Brüder bemüht).

Ein Philosoph führt ein vorbildliches und ideales Leben, das frei von allen Arten des Moha und Shoka, z.B. Vorlieben und Abneigungen, Elend und Frustration ist . Ein Philosoph besitzt ein adäquates Wissen über Pinda-Brahmanda (Mikro- und Makrokosmos) und verfügt über ein perfektes Verständnis der Natur des Jiva, Jagat und Jagadisha (das Selbst, die Welt und Gott) sowie über ihre Wechselbeziehungen. Der Philosoph ist folglich ein Brahmajnani, jemand, der Gott realisiert hat, der seine Präsenz und Berührung in jeder Handlung fühlt, sein kaya oder physischer Rahmen ist Brahmi-bhuta, er ist ein Gottmensch. Das Wesen eines solchen Philosophen zeichnet sich durch selbstlose Liebe und Handlungsweisen aus, an der er andere Lebewesen bereitwillig teilnehmen läßt. Er führt ein göttliches Leben und ist unaufhörlich darum bemüht, auch anderen Menschen zu einem göttlichen Leben zu verhelfen. Der Philosoph empfindet jedem gegenüber Liebe und niemandem gegegenüber Haß.

Der Philosoph, der ein jnani-bhaktaist, verdammt die physische Welt nicht oder verleugnet die Sinne. Davon ausgehend, daß die Welt anfangslose und ewige Schöpfung ist, lebt und arbeitet der Jnani für ihre Verbesserung. Er strebt ein Gleichgewicht zwischen Pravritti (Aktivität) und Nivritti(Passivität) an. Statt die Sinne und Begierden zu unterdrücken, erhebt, sublimiert und vergöttlicht er sie letztendlich und wird somit zu einem wirkungsvollen Werkzeug in den Händen kosmischer Prozesse.

Der Philosoph ist ein Mann synoptischer Samyak Vision. Synoptisches Denken beinhaltet die Fähigkeit, einen einzigen Erfahrungsaspekt in unmittelbarem Zusammenhang mit einem jeweils anderen zu sehen und die Vielfalt unserer physischen, ästhetischen, moralischen und religiösen Erfahrungen als Bestandteile eines allumfassenden göttlichen Systems zu verstehen.

Ein Philosoph vereint in sich nicht nur die seltene Synthese von höchster Weisheit und Hingabe an Gott, er ist darüberhinaus eine äußerst dynamische Person. Er verfügt über einen stark progressiven und empfindsamen Geist. Von göttlicher Liebe berauscht, ist sein reiner, diamant-klarer Geist dualen Erscheinungen gegenüber - so etwa Ehre und Schande, Not und Reichtum, Glück und Unglück -gleichgültig.

Ein Philosoph genießt absolute Freiheit. Er ist frei von den Fesseln des Kamini (Sex), Kancana(materieller Reichtum) und Kirti (Ehre und Ruhm), in anderen Worten, er ist kein Vittadhina (Sklave des Geldes), Sattadhina (Sklave des Machtstrebens) und auch kein Shastradhina (Sklave der heiligen Schriften). Er steht über den konventionellen Normen von Moral und Ritualismus. Da ein Philosoph ein göttliches Leben führt, sind seine Handlungen rein und heilig.Sie sind nicht getrübt durch kleinliche Selbstsucht, Begierden und Angst vor der öffentlichen Meinung.

Ein Philosoph ist wie ein Polarstern. Sein Leben dient unzähligen anderen Menschen als nachahmungswürdiges strahlendes Beispiel. Er inspiriert und führt gleichermaßen die Menschheit in größere und lichtere Höhen der Spiritualität. Ein Philosoph ist ein Freund, ein göttlicher Bruder und ein Führer für Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten, insbesondere Minderheiten und Randexistenzen der Gesellschaft.

Ein Philosoph hat absolutes Vertrauen in die kosmische Kraft. Er stellt sein Leben in den Dienst der Erhöhung der Gesellschaft, er tut dies aber nicht als Sozialreformer, der sich selbst als etwas Höheres ansieht. Für ihn ist alles, was er tut, Bhakta oder Hingabe an Gott.

Aus der bisher dargelegten Beschreibung des Wesens und der Funktionen eines Philosophen wird nun ersichtlich, welchen Stellenwert Philosophen für das Leben und die Zivilisation besitzen. Philosophie vergöttlicht den Menschen. Sie ist die Kunst und Theorie des ewigen Lebens des Menschen. Philosophie ist gleichzeitig allgemein und konkret, sie ist kritisch, weiß aber auch die direkte Intuition zu schätzen. Sie verfügt über Weitblick und einen Sinn für die Werte des Lebens.

Wir leben so wie wir denken. Niedere Gedanken bedeuten niederes Benehmen.Solange unser Geist nicht mit größeren und edleren Konzepten erfüllt ist, können wir auch nicht weitsichtiger und edler werden.Wir müssen das heilige Mantra der Upanishaden "Aham Brahmasmi" (ich bin in meiner Essenz göttlich), verallgemeinern und sozialisieren. Wenn unser Geist frustriert, krank und geschädigt ist, können wir niemals eine Gesellschaft bilden, die sich aus edlen und göttlichen Persönlichkeiten zusammensetzt.

Moderne Wissenschaft und Technologie haben unvorstellbare mechanische Kraft und materiellen Wohlstand gebracht. Der Wachstum industrieller Zivilisation und Urbanisierung haben den Menschen dazu gebracht, trivialen Lebenszielen hinterherzujagen. Unsere gesamte Gesellschaftsordnung ist unsicher und willkürlich. Wir befinden uns in einer beispiellosen ökonomischen, ökologischen und moralischen Krise. Der Wert des Menschen wird nach seinem materiellen Besitz und sozialen Status bemessen. Die Menschen sind besessen davon, immer mehr Geld anzuhäufen. Dieses Streben nach Reichtum und Macht hat künstliche Barrieren zwischen den Menschen geschaffen. Ebenso wie es der Auslöser für ungesunden Konkurrenzkampf, psychologischen Stress, Anspannung, Komplexe, für ein Gefühl der Isolation, Unsicherheit und Wertlosigkeit ist.

Nur eine gesunde, rationale, theistische, philosophische und positive Lebenseinstellung kann die Welt aus der gegenwärtigen Krise führen. Was wir heute brauchen, ist nicht nur wissenschaftliche und technologische Entwicklung, sondern vor allem eine Philosophie, welche die Werte und dieGröße des Menschen in seiner ursprünglichen Bedeutung - als göttlich -wiederherstellt und eine Synthese zwischen den Weisheiten des Vedanta, namentlich "Tena Tvam Asi" , "Tasya Tvam Asi" und "Tat Tvam Asi" erreicht.

Eine gesunde Philosophie muß innerlich kohärent und harmonisch und in die Praxis umsetzbar sein. Sie darf kein utopisches Konzept bleiben, auch wenn dieUtopie immer in unserem Bewußtsein bleiben sollte. Integrale Philosophie ist eine Philosophie, welche die gesamte Persönlichkeit befriedigt.

Der einzige rationale Weg, eine gesunde und gleichberechtigte Gesellschaft zu gründen, ist die Propagierung einer rationalen, dynamisch belebenden und transformatorisch philosophischen Lebenseinstellung. Ohne philosophische Weisheit und Visionen geht die Menschheit zugrunde. Um den Traum Jnanesvaraszu erfüllen, brauchen wir heute eine gesunde, im Sinne Gottes stehende Philosophie - die Philosophie der Rishi, Jnani-bhakta, Kavi, Muni und Tattvajnani.

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