Ein Versuch in Karma Yoga Während unseres letzten Lebenssegments, das im Allgemeinen mit Vollendung unseres sechzigsten Lebensjahres beginnt, sollten wir alle Karma Yogis werden! Dieser kurze Vortrag möchte versuchen zu illustrieren, wie ich versuche, ein einfaches, gemäß den Grundsätzen des Karma Yoga
ausgerichtetes Leben zu leben. Meine Erfahrungen bei der Implementierung eines Programmes zur Wasserversorgung für die Adivasis, einem indischen Stamm der Ärmsten der ärmsten, möchte ich hier beschreiben. Wie wohlbekannt ist, wird diese Welt von den verschiedensten sozialen Problemen wie Abbau der Rohstoffe, Ungleichheit, Rassentrennung, Arbeitslosigkeit, Unterernährung, Krankheiten, Alkoholismus, Drogenmißbrauch,
weitverbreitete Armut, Analphabetentum, Umweltzerstörung etc. heimgesucht. Nicht alle dieser Probleme können von den Regierungen gelöst werden. Wenn sich viele von uns beteiligten, würden wir sicherlich dazu beitragen, eine bessere Gesellschaft aufzubauen. Selbstloses Dienen ist die tragende Säule der Grundsätze des Karma Yoga, wenn wir diesen Grundsätzen folgen, helfen wir nicht nur den Bedürftigen, sondern auch uns selbst! Nun möchte ich mit Ihnen meine schöne Erfahrung teilen, den Adivasis Selbstlosigkeit anzubieten. Mein Berufsleben als internationaler Berater für die Vereinten Nationen in Hydrogeologie zwang mich, meine Frau und drei Kinder mehr als einmal in den mehr als 30 Jahren rund um die Welt zu reisen und in Entwicklungsländern zu arbeiten. Als ich in Pension ging, fragte
ich mich, was ich mit meinem Leben noch anfangen könnte. Ich war 64 Jahre alt und hatte gerade eine Herzoperation mit 4 Bypässen überstanden und fand meine Zukunftsaussichten ziemlich trostlos. Ich hatte den tiefen Wunsch verspürt, den Armen selbstloses Dienen anzubieten, doch ... nun war es zu spät! ... Ich war zu alt und für den Zustand meines Herzens erschien vieles zu riskant. Dennoch glaubte ich zutiefst daran, daß man sich nun, in diesem Lebensabschnitt, hauptsächlich auf selbstloses
Handeln zum Wohle bedürftiger Menschen konzentrieren sollte, nachdem man alles im Bereich des Möglichen getan hatte, um ein aufrechtes Leben zu führen, im Laufe der Jahre seinen Charakter veredelt hatte, ethischen Grundsätzen gefolgt war, die Familie geachtet und ihr geholfen hatte und den Nachbarn und vielleicht der Gesellschaft als ganzes. Ich sagte zu meiner Frau:” Wenn ich jünger wäre, würde ich gern ein
philanthropisches Projekt für arme Menschen in Indien aufbauen.” Sie schaute mich an und sagte ohne Zögern:” Wenn du dich fit genug fühlst, tu es JETZT ..., warte nicht länger. Sorge dich nicht um das, was dir passieren könnte ...” Diese klare Antwort gab mir Selbstvertrauen. Dennoch war es nicht so einfach, die Entscheidung zu treffen, was zu tun sei. Ich würde unser bequemes Haus, die Familie und die Freunde in Rom verlassen müssen. Meine Frau würde nicht mitkommen können, weil unser
jüngster Sohn noch zur Schule ging. Manchmal fragte ich mich auch:” Warum letzten Endes so weit weggehen? Warum nicht den Armen in Italien helfen oder sie moralisch unterstützen?” Ja, auch das wäre möglich gewesen. Aber schließlich gab ich Indien den Vorzug wegen der größeren Anzahl von Armut und Krankheiten betroffener Menschen. Aber was genau wollte ich tun? Meine dritte Indienreise 1989 inspirierte mich
schließlich, denn ich hatte herausgefunden, daß der Volksstamm der Adivasi und die armen Bauern unter zahlreichen Krankheiten litten, die durch verseuchtes Wasser verursacht wurden. Mehr als 80% ihrer Erkrankungen rührten von dem Mangel an sauberem Wasser her, hinzu kommt noch ihre bittere Armut, denn ein kranker Körper ist nicht arbeitsfähig, nicht fähig, etwas zu produzieren und sich selbst genug zu sein. So ist sauberes Wasser das erste Glied in der Kette zu besseren Lebensumständen. Diese
Überlegung motivierte meine Entscheidung, und ich begann mein Programm im Frühjahr 1990 im Bezirk Poona in Maharashtra, Indien. Wasser für die Dörfer Das Programm befaßt sich mit dem Bohren von Wasserlöchern für kleine Dörfer, besonders für diejenigen, die weder von der Regierung noch von anderen Instituionen Wasserwerke
erhalten haben und wo die Menschen hochgradig verseuchtes Wasser trinken. Die Bohrungen werden mit einfachen Pumpen durchgeführt. Als 1994 eine Cholera Epidemie in großen Teilen des nördlichen Bezirks von Thana ausbrach, ungefähr 100 bis 160 km nördlich von Mumbay (früher Bombay), die den Tod von 1500 Kindern verursachte, wurde das Programm von Poona dorthin verlegt. Die höchste Priorität erhielten Dörfer mit ungeschützten offenen Wasserlöchern. Während der Trockenmonate verfärben diese
Löcher sich grünlich-gelb, werden zu einem Anziehungspunkt für Frösche, Schlangen, Büffel voller Insekten und anderer Tiere, die überall ihren Unrat fallen lassen. Über 170 Dörfern konnte in den vergangenen Jahren geholfen werden. Die Mittel für dieses Programm nahm ich teils aus meinen Einnahmen als freischaffender internationaler hydrogeologischer Berater und teils aus unseren Ersparnissen. "Tino" (wie die Dorfbewohner, Sozialarbeiter und Regierungsbeamten mich liebevoll nennen) ist mittlerweile ein bekannter Name in vielen Dörfern in der Umgebung von Poona und im Bezirk Thana. Seit 1995 steht mir meine Frau Katharina, eine gebürtige Deutsche, in diesem Kreuzzug zur Seite. Sie unterstützt mich sehr und gibt mir Kraft, sie trägt viel zur Sozialisation der Frauen und Kinder in den Dörfern bei. Wir leben sechs Monate des Jahres, gewöhnlich von November bis Ende April, in einem bescheidenen Gästehaus in Ganeshpuri, einer kleinen Stadt inmitten des Programmgebietes. Die Dorfbewohner kommen von sich aus zu uns und äußern ihren Bedarf an sauberem Wasser. Sie nehmen voller Begeisterung an dem Programm teil, bieten uns ihre Arbeitskraft an, sammeln lokale Materialien wie Sand, Kies, Steine und kaufen Ziegel und, wenn möglich,
einige Säcke Zement. Ihr Beitrag ist wichtig für den weiteren Verlauf des Programms, da die Nutzer für dessen Funktionieren und Aufrechterhaltung verantwortlich sind. Die Erfolgsrate der Bohrungen liegt zwischen 85 und 95%. Vor drei Jahren besuchten meine Frau und ich im Bezirk Poona die meisten Dörfer, in denen wir zwischen 1990 und 1993 tätig waren. Wir waren angenehm überrascht zu sehen, daß alle Pumpen
perfekt funktionierten. Die Dorfbewohner hatten alle nötigen Reparaturen ausgeführt und das Geld dafür durch Sammeln zusammengebracht. Sie zeigten uns voller Stolz, daß sie selbst die Anlagen unterhalten konnten und ihre Kinder nicht mehr an Ruhr und anderen Darmerkrankungen leiden mußten seit ihnen sauberes Wasser zur Verfügung steht. Für Dörfer in entlegenen Gebieten, die während und kurz nach der Regenzeit
nicht erreichbar sind, führte ich eine einfache und kostengünstige Hebevorrichtung für das Wasser ein. Es besteht aus einem 5-Liter-Zylinder mit einem Fußventil, einem Drahtseil und einem Ständer mit Winde, eine Plattform vervollständigt die Installation. Dieses einfache Gerät erfordert minimalen Aufwand vor Ort ohne äußere Hilfe und ist im Programmgebiet unter der Bezeichnung ”Tinos Pumpe” bekannt. Freiwillige
Helfer (NGOs) führen diese Pumpe zur Zeit auch in anderen Gebieten ein. Sie kann von örtlichen Schmieden angefertigt werden und kostet nur 100 Dollar, klares Beispiel für eine einfache und kostengünstige Technologie unter Berücksichtigung folgender Punkte: a) Installationskosten b) geringer Wartungsaufwand,
c) religiöse und kulturelle Aspekte der Benutzer d) Partizipation der Benutzer.
Die Zylinderpumpe wurde der indischen Regierung kürzlich von der Assoziation der indischen Wasserwerke zur Anwendung in entlegenen Dörfern empfohlen, wo andere
Pumpentypen wegen der örtlichen Verhältnisse hinsichtlich Größe und Zugangsmöglichkeiten nicht geeignet sind. Achtung der Tradition und Religion Ein Miniaturtempel wurde zum Schutz vor Vandalismus und Verunreinigung und für Wartungszwecke neben der neuen Wasserstelle errichtet, so daß sie zugleich eine Stätte der Andacht
geworden ist. Im Innern des Tempels steht eine Statue des Gottes Ganesh, dem Elefantengott, von dem geglaubt wird, daß er Hindernisse beseitigt. Der Tempel soll den Bereich der Wasserstelle auch von Kontaminierung durch Tiertränken oder Waschen von Kleidern freihalten. Vor dem Wasserschöpfen knien die Menschen vor dem kleinen Tempel nieder, um Gott für die Gnade zu danken, über kristallklares Wasser verfügen zu
können. Die Pooja Zeremonie Zur Eröffnung der neuen Wasserstelle wird eine Pooja (religiöse Zeremonie) vor dem Tempel in Anwesenheit aller Dorfbewohner durchgeführt. Alle Teilnehmer empfinden dabei einen intensiven Moment des Glücks, ein seltenes Erlebnis in diesen armen Adivasi-Dörfern.
Nach der Pooja verteilt meine Frau an alle Dorfbewohner Prasad (Gottesgaben), Kokos-Chips und Kekse, während alle Bajans (religiöse Lieder) singen. Während der gesamten Zeremonie verschwinden alle sozialen Barrieren, jeder fühlt tiefe Spiritualität und Liebe. Karma Yoga: Die Freude am Geben
Die starke positive Energie am Ende der Pooja-Zeremonie gibt den Dorfbewohnern und meiner Frau Katharina und mir überwältigende Momente von Glückseligkeit. Die größte Belohnung ist für uns der Anblick der vor Glück leuchtenden Gesichter der Kinder, Frauen und Männer. Deshalb habe ich im Alter von 72 Jahren noch soviel Enthusiasmus und beabsichtige, das Programm fortzusetzen, solange ich noch über
genügend Energie verfüge, den Armen, Vernachlässigten und Kranken zu helfen. Oft frage ich mich: Gebe ich wirklich mehr als ich bekomme, ich bin doch so glücklich? Manchmal denke ich wegen dieser überwältigenden Empfindung, daß ich keinen selbstlosen Dienst leiste, sondern es tue, weil es mir so gut dabei geht. Am Ende des Programms,
gewöhnlich Ende April, empfinde ich Leere und habe das Gefühl, nicht zu wissen, was als nächstes zu tun ist, bis ich im November nach Indien zurückkehre. Um wirklich vollständig selbstlosen Dienst erweisen zu können, habe ich noch an mir zu arbeiten, wie die folgende Episode zeigt, die mich zutiefst erschütterte: Der Direktor des Büros für
landwirtschaftliche Entwicklung, das mein Programm durchführt, brachte mich zu einem besonders armen Adivasi-Dorf und bat mich, eine Wasserstelle zu bohren. Die Dorfbewohner hatten kein sauberes Wasser und die geplanten kostengünstigen Häuser konnten nicht gebaut werden, solange nicht genügend Wasser zur Verfügung stand. Die Bewohner verließen das Dorf in der Tat wegen des Wassermangels. Zur Zeit unseres Besuches
lebten dort ca. tausend Menschen. Als wir zwei Wochen später mit den Bohrungen begannen, waren nur noch ungefähr vierzig Menschen dort. Nach den erfolgreichen Bohrungen dachte ich, daß die Menschen nicht mehr weggehen würden, doch leider waren nur noch 7 geblieben, als wir ungefähr 20 Tage später die Pumpe installieren wollten: zwei alte Leute, ein Paar mit drei Kindern und sieben Ziegen! Ich war sehr entmutigt.
Die Pumpe für nur sieben Menschen zu installieren, war nicht ökonomisch, besser wäre ein Dorf mit 150-200 Einwohnern. Mein erster Impuls war, die Pumpe nicht abzuladen und wieder zu gehen! Die Menschen schauten mir in die Augen und errieten, was mich zögern ließ. Ihre Augen waren traurig und voller Verständnis und Mitgefühl. Ich hatte nicht die Courage, den Ort zur verlassen und sie zu enttäuschen. Als ich den
Fahrer bat, die Pumpe abzuladen, schaute ich sie an, ihre Augen leuchteten. Sie waren so schön, sie drückten soviel Freude aus, soviel Dankbarkeit und Glück. Ich war davon sehr berührt, mein Herz war voll und floß über vor Freude über ihr Glück. Ich konnte mich kaum halten, ich mußte mich hinter einem kleinen Busch verbergen und befreite mich mit einem unkontrollierten Tränenausbruch. Zugleich sagte eine innere Stimme: Das hast du gut gemacht, Tino, das hast du gut gemacht! Sie werden
zurückkommen! Ich faßte mich und ging zurück zum Bohrloch. Der alte Mann hatte verstanden, was mit mir geschehen war; er sah mich mit seinen noch immer leuchtenden Augen an und sagte: ”Sie werden zurückkommen, sie werden zurückkommen!” Dieses Dorf mit den wenigen Menschen hat mehr Wohltaten als jedes andere der ungefähr 150 Dörfer von dem Programm gehabt und mir die größte innere Freude im Laufe der acht Jahre des
Wasserprogramms bereitet: Die wahre Freude am Geben, die aus selbstlosem Dienen erwächst, einem der Grundsätze des Karma Yoga. top |