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Wege durch die Zeit ins 21. Jahrhundert

 

Die integrale Philosophie Sri Aurobindos

Dr. Ananda Reddy

Vortrag in der Humboldt-UniversitÀt zu Berlin am 28. Mai 2001
Vortragsreihe ‘Politische Ethik’ von Prof. Dr. Heinrichs

Übersetzung: Carla Geerdes
Redaktion: Carla & Christian Geerdes

Sri Aurobindo
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S.A.C.A.R.

I. Einleitung

Als vor mehr als zehn Jahren, im November 1989, der Fall der Berliner Mauer zur Wiedervereinigung Deutschlands fĂŒhrte, löste das in der Welt gemischte Reaktionen aus – von grossen Freudenfeiern bis zu pessimistischer Verdammnis. Im Hinblick auf Sri Aurobindos war es ein Moment des Jubels, war dies doch der Ausgangspunkt zu einer Einheit der Welt, der Realisierung seines vierten Traumes.

Am Tage der Teilung einer anderen Nation, Indien (in Indien / Pakistan), beschrieb Sri Aurobindo, der die Teilung als dauerhaften Zustand ablehnte, seine fĂŒnf eher prophetischen TrĂ€ume:

  1. UnabhÀngigkeit Indiens
  2. Aufstieg Asiens zu materiellem Wohlstand
  3. Überborden der SpiritualitĂ€t Indiens auf Asien und die Welt
  4. Vereinigung der Menschheit
  5. Entstehen einer neuen, sich ĂŒber den Menschen hinaus entwickelnden Spezies supramentaler Wesen

Sein vierter Traum, der von der Vereinigung der Menschheit, der Welteinheit, wurde mit dem Fall der Berliner Mauer wahr, welche zu einem psychologischen Symbol fĂŒr die Teilung der Welt geworden war, in der sich Ost und West gegenĂŒberstanden.

II. Sozial-politische Evolution                               zurĂŒck zum Beitrag “Dr. Ananda Reddy in Berlin”

Sri Aurobindo (1872-1950) – der sich vom politischen zum spirituellen RevolutionĂ€r wandelte – realisierte die vedantische Erfahrung des Universums als Transformation eines höchsten Bewusstseins, des göttlichen Bewusstseins. Dieses Bewusstsein manifestiert sich auf vielen evolutionĂ€ren Linien. Auf der sozial-politischen Evolutionslinie sehen wir das Individuum in Familie und Clan hineinwachsen, in Dorf, Stadtstaat, Nation, schließlich in die Einheit der Welt. Mit jedem VorrĂŒcken auf eine höhere Stufe des inneren Bewusstseins organisiert sich der Mensch in einer neuen Form. Auf der Stufe des physischen Bewusstseins organisierte er sich Ă€ußerlich als Familie, als Clan; als der Mensch die egoistische Gier nach Besitz und VergnĂŒgen entwickelte und sich seine triebhaften Grundinstinkte verstĂ€rkten, waren die Ă€ußeren Organisationsformen seines Bewusstseins Stadt und Stadtstaat. Aber mit der Umwandlung des menschlichen Bewusstseins in das des egoistischen mentalen Menschen voller Ehrgeiz und Stolz nahm er die Ă€ußere Organisationsform der Nation an. Unter dem Einfluss höherer GrundsĂ€tze von Ethik und Religion ebnete die Elite der Menschheit den Weg fĂŒr einen internationalen Geist, der mit zunehmender SpiritualitĂ€t eine neue Organisationsform zu finden versucht – die einer Einheit der Welt.

III. Nationen - Seele

So wie ein menschliches Individuum eine Seele hat, ein inneres zentrales göttliches Element, hat auch jede Gruppe – sei sie ein Dorf, ein Stadtstaat oder eine Nation – ihre eigene Seele, ein bewusstes Sein, das direkt mit dem höchsten göttlichen Bewusstsein verbunden ist. Eine Nation wird weder ausschließlich durch ihre geographischen Grenzen geformt, noch wird sie lediglich aus der Summe der in ihren nationalen Grenzen lebenden Menschen gebildet. Sie wird von einer bewussten Seele belebt, einer Art kollektiver Persönlichkeit, deren ‚einzelne Einheiten wie deren Zellen sind’ und jede Seele – sei es die eines Individuums oder die einer Nation – kennt ihr ‚Ziel, ihr Schicksal, die Rolle, die sie im göttlichen Plan als Instrument des Göttlichen zu spielen hat’. (Nolini Kanta Gupta, NGK 3/98) ‚Genau wie die Seele des Menschen steht die Seele der Nation hinter allen das Ă€ußere Leben formenden Entwicklungsbewegungen, unterstĂŒtzt sie, baut sie auf und leitet ihre politische, ökonomische, soziale oder kulturelle Konstitution’. (Ibid.)

Unter diesem Aspekt ist Deutschlands Nationen-Seele eine der grossen Seelen und mit derjenigen Indiens verwandt in ihrer tiefgrĂŒndigen Suche nach innerer Erkenntnis und Weisheit. Im Gegensatz zu vielen Nationen-Seelen versuchte sie immer, auf den Grenzlinien der SpiritualitĂ€t zu leben, was seinen Ausdruck in den grossen Werken der Weisheit und in den tiefgrĂŒndigen Musiksinfonien findet. Keine andere Nation ist so bekannt wie die deutsche fĂŒr ihr Streben nach Perfektion in der Stofflichkeit - Perfektion ist eines der Hauptmerkmale des energetischen göttlichen Bewusstseins. Seine Einzigartigkeit muss fĂŒr die Zukunft bewahrt werden.

IV. Stolpersteine / Wiederaufleben der Nation

HĂ€ufig gibt es bei einer Nation kritische Wachstumsphasen, wenn ihre energetische Wesenheit durch Stolpersteine gefĂ€hrdet wird und sie deshalb eine falsche Richtung einschlĂ€gt. Deutschland scheint in der jĂŒngsten Vergangenheit seine Seele abgelehnt zu haben und endete in einer schrecklichen Tragödie, deren Nachwirkungen im Unterbewusstsein der Nation noch fortleben.

Es gab eine Zeit – die Vorkriegs- und die Kriegszeit – in der sich die Nationen-Seele Deutschlands zurĂŒckgezogen hatte, scheint es, und den leidenden Körper zurĂŒckließ, der sich in seine Bestandteile auflöste, was zur Teilung und zur Kontrolle durch verschiedene LĂ€nder fĂŒhrte. Aber kurz darauf kehrte die Nationen-Seele Deutschlands sozusagen zurĂŒck, und es war wie eine Auferstehung, eine neue Geburt – und fĂŒr diese Reinkarnation der Nationen-Seele Deutschlands war die Vereinigung das erste Zeichen.

Auch Indien leidet unter seinem Fehler, den Cripps-Vorschlag abgelehnt zu haben – es wurde in zwei Nationen gespalten. Die Seele Indiens wird diese Teilung nicht dauerhaft akzeptieren. Auch die Seele Indiens bewegt sich auf die Vereinigung mit ihrem Körper zu, obgleich ihr neuer Körper eine neue politische Form annehmen mag. Die Wiedervereinigung Deutschlands ist Inspiration und Hoffnung zugleich fĂŒr die Wiedervereinigung Indiens.

Ein neuer Körper braucht eine neues Ideal und eine neue Vision von der Zukunft, zu der er beitragen wird. Die Nationen-Seele Deutschlands muss eine neue spirituelle Vision finden, die ihren immanenten FÀhigkeiten entspricht und nicht nur die Vergangenheit reinigt, sondern auch zu einer bedeutenderen Zukunft inspiriert. Eine solche Vision von der Vereinigung der Menschheit, der Einheit der Welt, in der jede Nationen-Seele im Weltorchester ihre Noten spielt, findet sich bei Sri Aurobindo, dessen integrale Philosophie sowohl auf den individuellen als auch auf den kollektiven Bereich angewandt werden kann.

V. Sri Aurobindo

Sri Aurobindo ist kein weiterer, im Indien der Moderne produzierter Philosoph; er ist auch kein religiöser Guru, wie Indien sie in fast jeder Dekade hervorbringt. Sein Bewusstsein erhebt sich weit ĂŒber alle Schranken wie Religion, Kaste, Glaubensgemeinschaft, NationalitĂ€t und jegliche Philosophie, sei sie materialistisch, absolutistisch, sozialistisch oder sĂ€kularistisch. Seine Erfahrung eines höchsten dynamischen göttlichen Bewusstseins geht nicht in die Fallen dieser vergĂ€nglichen und von Menschen geschaffenen Unterscheidungen; sein VerstĂ€ndnis vom Leben ist zu tiefgrĂŒndig und zu grenzenlos, um von rassistischen und religiösen Unterscheidungen eingegrenzt zu werden.

In der Verwirklichung des Göttlichen Absoluten in seinem transzendentalen, universalen und individuellen Aspekt, im Unpersönlichen und im Persönlichen, in der universalen Gottheit und in der individuellen menschlichen Seele, bringt Sri Aurobindo vor, ist die Welt eine Ausdehnung, eine Realisation des Göttlichen Absoluten und nicht Maya oder Illusion.

Diese Realisation des Göttlichen Absoluten findet in den Prozessen von Involution und Evolution statt. Involution ist das Herabströmen des Göttlichen in das Unbewusste. Evolution ist die aufwĂ€rts gerichtete Bewegung des im Unbewussten verhĂŒllten göttlichen Bewusstseins: Stoff –> Leben –> Geist. Diese evolutionĂ€re Anstrengung hört mit dem unvollendeten  Menschen nicht auf. Der Mensch ist wirklich potentiell Gott, sagt Sri Aurobindo. Die Natur benutzt den Menschen einfach als lebendiges Labor ‚in dem und mit dessen bewusster Zusammenarbeit’ sie ein höheres und göttliches Bewusstsein entwickeln wird, das Sri Aurobindo den ‚Supermenschen’ nennt in Ermangelung eines treffenderen Ausdrucks.

Er ist nicht der Supermensch Nietzsches – der lediglich eine Kombination aus Christus und Caesar ist, eine Kombination der höheren Potentiale des Menschen. Sri Aurobindos Supermensch unterscheidet sich in seinem Bewusstsein wie der Mensch vom Tier. Hierbei handelt es sich nicht um einen graduellen Unterschied, was bei Nietzsches Supermensch der Fall zu sein scheint, es ist ein Unterschied in der Spezies – ein so grosser Sprung wie der vom ursprĂŒnglichen Leben zum rationalen Verstand. WĂ€hrend Nietzsches Supermensch nur eine Erweiterung des menschlichen Bewusstseins darstellt, ist Sri Aurobindos Supermensch ein neuer Schritt in der ewigen Evolution des göttlichen Bewusstseins.

TatsĂ€chlich ist Sri Aurobindo selbst der Vorbote dieses neuen supramentalen Bewusstseins. Die Befreiung der Menschheit im Ganzen von Unwissenheit und Leiden, Krieg und Kampf – sowohl im physischen, als auch im psychologischen Bereich – war das Ziel seiner Arbeit. So nahm er Zuflucht zu einer neuen Ebene des göttlichen dynamischen Bewusstseins - dem supramentalen Bewusstsein, der supramentalen Kraft - nachdem er realisiert hatte, dass religiöse Lehren oder Begriffe aus Vergangenheit und Gegenwart weder die Vision noch die Energie zur Transformation des Menschen und der Menschheit aufbrachten, um seine TrĂ€ume und Prophezeiungen zu verwirklichen und zu vollenden.

VI. Auswirkungen des neuen Bewusstseins

Seit der Herabkunft dieser dynamischen Kraft im Jahre 1956 verĂ€nderten sich die Dinge im menschlichen Bewusstsein rapide. Die Technologie kennt nunmehr keine Grenzen; im Grenzgebiet der Mikro-Biologie nĂ€hert man sich dem Klonen eines menschlichen Körpers, und eine Reise ins All ist Bestandteil von TouristenfĂŒhrern geworden. Die Jungen, an Jahren und im Geist, möchten zusammen mit der Ausdehnung dieser Ă€usseren Horizontlinien innere Abenteuer erleben auf der Suche nach einem neuen, ĂŒber das menschliche hinausreichende Bewusstsein. Sie scheinen den Ruf des neuen Bewusstseins gehört zu haben, sind sich aber ĂŒber die Quelle noch nicht sicher. Einige haben den Ursprung dieses Rufes in Sri Aurobindos spiritueller Vision der Menschheit und in seiner integralen Philosophie gefunden. Sie zog es nach Auroville, der auf spirituellen Grundlagen und nicht auf irgendeiner Glaubensgemeinschaft oder Religion oder irgendeinem Nationalismus erbauten Stadt der Zukunft. Sri Aurobindo war erklĂ€rtermaßen dagegen, in eine neue Religion projiziert zu werden. Durch die wachsende Zahl von Pionieren spiritueller Abenteuer und der Menge solch individueller Persönlichkeiten wird sich die Psychologie der Nationen allmĂ€hlich verĂ€ndern – jede Nation wird sich auf die ‚Supra-Nation’ hinbewegen oder auf eine Föderation von Nationen, die Einheit der Welt. Denn das supramentale Bewusstsein benötigt als Körperschaft eine Weltföderation als Organisationsform, so, wie das mentale Bewusstsein sich in der Nationen-Seele kristallisierte.

VII. Neubeginn

Die Geburt des neuen Menschen und die beginnende Einheit dieser Welt liegt in der Natur der Dinge. Die evolutionĂ€ren KrĂ€fte fragten fĂŒr die Hervorbringung des Menschen den Schimpansen nicht um Erlaubnis. So werden sich die evolutionĂ€ren KrĂ€fte jetzt nicht durch die gegenwĂ€rtige Phase des Menschen aufhalten lassen. Eine neue Kraft ist gekommen und treibt die Welt in aller Stille zu grĂ¶ĂŸerer Harmonie und Einheit, wenn auch deren Resultate erst in den nĂ€chsten Dekaden greifbarer werden.

‚So soll bereitet werden die Erde fĂŒr das Göttliche...
Natur soll leben, zu offenbaren den verborg’nen Gott,
Der Geist soll ĂŒbernehmen der Menschen Spiel,
Dies irdisch Leben zu vergöttlichen.’

(Savitri – Sri Aurobindo)

Jeder von uns kann an der Entstehung dieser neuen Welt teilnehmen – wo auch immer wir sein mögen – in Deutschland oder in Indien. Wir sollten die Vergangenheit von unseren Schultern nehmen – damit wir furchtlos, frei und voller Glauben auf unser gemeinsames göttliches Schicksal zugehen können.

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