Alok Mishra, ein Forschungsstudent der Universität Allahabad, teilte mir voller Stolz mit, daß zum Haupttag der Kumbh Mela, am 24. Januar, jeder 21. Inder ein Bad im
heiligen Zusammenfluß von Ganga, Yamuna und der nicht sichtbaren Sarasvati nehmen würde. Das ist schwerlich verifizierbar. Aber es ist durchaus möglich, daß in der Zeit der Kumbh Mela vom 9. Januar bis zum 21. Februar 20, 30 oder auch mehr Millionen Menschen für einen oder mehrere Tage in Kumbh Nagar, der Zeltstadt des größten Pilgerzentrums der Welt, ihren Wohnsitz genommen haben werden. 1989 schrieben die
indischen Zeitungen, dass zu Makar Sankranti, dem ersten großen „Badetag“ der Asketenorden, 15 Millionen Menschen gekommen wären. Professor G.C. Tripathi aus Allahabad, gegenwärtig Gastprofessor in Berlin, nennt das eine Übertreibung, es seien wahrscheinlich „nur“ 10 Millionen gewesen. Wie viele Gläubige dieses Jahr zu Makar Sankranti zum Baden kamen, ist schwer zu sagen, denn niemand ist in der Lage, die Menschen zu zählen, die per Bahn, Bus, Jeep, Lastkraftwagen, Taxi, zu Fuß
oder im eigenen Auto in einem ununterbrochenen Strom kommen und wieder gehen. Aber wenn auch niemand genauere Angaben über die Zahl der Besucher machen kann - die Kumbh Mela ist auf jeden Fall eine religiöse Veranstaltung, für die Superlative zur Beschreibung nicht ausreichen. Die weite Ebene am Ufer
des Zusammenflusses von Ganga und Yamuna, ansonsten als Reich der Fischer betrachtet, in dem es nach Einbruch der Dunkelheit nicht recht geheuer ist, stellt in der Zeit der Mela eine Millionenstadt dar, deren Einwohner in Zelten oder provisorischen Reisstrohhütten oder auch einfach unter freiem Himmel kampieren. Ihr Areal umfasst in diesem Jahr fast 17 Quadratkilometer. Es gleicht einem quirlenden
menschlichen Ameisenhaufen, in dem Millionen von Menschen pausenlos und zielgerichtet in die verschiedensten Richtungen streben. Die in größeren oder kleineren Familien- oder Nachbarschaftsgruppen Ankommende eilen zum
Wasser, häufig tragen sie auf dem Kopf ihre Habseligkeiten, Decken, Kochutensilien, Lebensmittel und Kleidung. Andere befinden sich bereits auf dem Rückweg, wieder andere haben für eine oder mehrere Nächte im Camp des Gurus ihrer Wahl in einer der unzähligen Zeltunterkünfte ihre Bleibe gefunden und begeben sich nun zu einem Vortrag oder einer Musikdarbietung, tätigen kleinere Einkäufe oder stärken sich bei Tee und Süßigkeiten in einer der Gaststätten unter freiem Himmel. Auf Fahrrädern flitzt eine Schar von Pfadfindern vorbei, sie unterstützen die Aktion zur Wiederzusammenführung verloren gegangener Personen, deren Namen pausenlos verlesen werden, verbunden mit der Aufforderung, sich an einer bestimmten Stelle zu melden. Ich beobachte, wie man sich um eine weinende alte Frau kümmert, die offensichtlich im Gedränge ihre Angehörigen verlor. An den zahllosen Wasserhähnen wird Wäsche gewaschen, im
Familienverband hockt man da und dort auf der Erde um eine Feuerstelle, die Frauen kneten den Chapatiteig, die Pfanne mit dem gewölbten Boden steht schon bereit, um die Fladen zu backen. Mit lauten Kommentaren beobachtet das männliche Familienoberhaupt die Vorbereitungen und übernimmt selbst die Verteilung von Obst und Gemüse. Radfahrer, Motorräder und –roller, die Jeeps wichtiger Persönlichkeiten,
Lieferfahrzeuge, Autos und Fahrradrikschas bewegen sich auf dem die 12 Verwaltungssektoren durchziehenden Straßennetz, wälzen sich über die 15 die Ganga und die Yamuna überquerenden Pontonbrücken. Auf den Sand gelegte Eisenplatten bilden die Fahrspuren, an ihrer Intakthaltung wird ständig gearbeitet, am Nachmittag werden die „Straßen“ mit Feuerwehrschläuchen gewässert, um den Sand zu binden. Nebenwege sind mit Stroh und Sandsäcken befestigt, aber als Fußgänger hat man oft keine andere Wahl
als durch den Sand zu waten. Die bunten Banner der einzelnen religiösen Gruppierungen mit den verschiedenen Symbolen weisen den Gläubigen schon von weitem den Weg in das Camp ihres religiösen Lehrers. Der im Sonnenlicht glitzernde weiße Sand des weiten Gangesufers steht im Kontrast zur Vielfarbigkeit der Kleidung der Frauen, zur bunten Vielfalt der behelfsmäßig aus Bambus und Stoffbahnen errichteten tempelgleichen
Vorderfronten der verschiedenen religiösen Zentren und zum strahlend blauen Himmel. Etwa alle 200 Meter deutet ein Schild an, dass man satellitenvermittelte und computermäßig abgerechnete Orts- und Ferngespräche führen kann. In dichtem Abstand befinden sich Gesundheitsstützpunkte. Zwei Ärzte sitzen an einem Tisch und halten Sprechstunde ab, aus dem daneben stehenden Sanitätswagen einer Sikhorganisation werden auf das Rezept der Ärzte kostenlos Medikamente ausgeteilt. Neben den Ambulanzwagen stehen Feuerwehren in den einzelnen Sektoren bereit. An den durch Sandaufschüttungen geschaffene Badestellen haben sich Rettungskräfte der Armee für eventuelle Notfälle postiert, und da, wo die Ganga mit großer Strömung fließt, ist das Baden verboten. Das Fixieren der Badestellen war nicht einfach, denn das Bett der Ganga ändert sich ständig, so auch direkt vor Beginn der Mela.
Überall ist Polizei zu sehen,
unterstützt durch Zivilschutz und andere Institutionen. In dieser Kumbh Mela kommt dem Sicherheitsbedürfnis wegen Bombendrohungen terroristischer islamischer Kräfte besondere Bedeutung zu, aber die Polizeistationen sind auch wichtig, um sich zu orientieren. Auf meine Fragen nach bestimmten Camps, nach Wegen zu den verschiedenen Sektoren erhielt ich stets äußerst freundliche und sachkundige Auskunft. Die Erweiterung des Melageländes um 20% gegenüber 1989 ist klar erkennbar. Wo vor 12
Jahren die Pilger durch enge Gassen geleitet wurden, die aus Bambusspalieren gebildet waren, war jetzt freie Bewegung auf den breiten Straßen möglich. Mit Zeltbahnen um Bambusgerüste abgeschirmt sind die unzähligen Toiletten, die regelmäßig gechlort werden. Wurde noch 1989 durch Schilder eindringlich darauf verwiesen, diese
Toiletten zu nutzen, ist das inzwischen offensichtlich selbstverständlich geworden, wenngleich auch mancher noch da und dort dem Ruf der Natur an Ort und Stelle folgt. Mitunter bilden sich lange Schlangen vor den verschiedenen Camps: es wird kostenloses Essen ausgeteilt. In einer Vielzahl von Läden werden Lebensmittel zu festen Preisen angeboten,
Mineralwasser ist überall erhältlich. 35 000 Liter Milch stehen täglich zur Verfügung, allerdings kam es schon vor, dass für den Nachmittagstee gerade keine Milch erhältlich war und man auf eine neue Lieferung warten musste. Eine Gruppe von Arbeitern spaltet Unmengen von Feuerholz für die vielen provisorischen Kochstellen. Kurz, es ist unglaublich, mit welcher Perfektion Versorgung und Sicherheit der Millionen von Menschen gewährleistet werden. Bei meinen Streifzügen durch die provisorische Millionenstadt treffe ich auf Schritt und Tritt auf Merkwürdigkeiten. So sehe ich auf junge Leute, die mir stolz ihr Transparent zeigen: „Haltet Mutter Ganga sauber, werft keine Leichen in den Fluss!“ Alok aber, mit dem ich darüber spreche, ist der Meinung, dass man die gesamte Bevölkerung Indiens in die Ganga werfen
könnte, ohne dass der Fluss verunreinigt würde; die gegenwärtige Verschmutzung der Ganga rühre nur von der chemischen Industrie her, vor allem von der benachbarten Lederindustrie. Am nächsten Tag sehe ich einen unter bunten Blumen aufgebahrte Leichnam am Ufer des Flusses, der gerade von Freunden und Verwandten angehoben wird und frage mich, ob der Leichenzug seinen Weg zur Ganga nehmen wird. Tausende und Abertausende befinden sich am wichtigsten Badeort, dem Sangam, dem Zusammenfluss von Ganga und Yamuna. Zum Teil fahren Fischer sie bis direkt zur Mündungsstelle, und man badet vom Boot aus. Die Männer steigen meist mit Bade- oder Unterhose in die Fluten, schwimmen wohl auch eine Runde, Frauen gehen mit Sari oder in der aus Hose und langem Hemd bestehenden Panjabi-Kleidung ins Wasser,
man trinkt einige Schlucke des Wassers, gießt sich das Wasser über den Kopf, taucht auch wohl dreimal unter und lässt das Wasser betend mit Blick auf die Sonne durch die Hände rinnen.
Die Kinder folgen dem Vorbild der Erwachsenen. Unnachahmlich ist, wie die Frauen, während sie sich des nassen Saris samt Unterrock entledigen, gleichzeitig den trockenen Sari anlegen.
Anschließend wird die Kleidung am Ufer getrocknet, man füllt sich hier und da eine Flasche mit Gangeswasser, mitunter kehrt man auch mit einer handvoll Schlamm vom Ufer der Ganga nach Hause zurück. Über allem warmer Sonnenschein, der einen die Kälte der Nacht vergessen lässt, ergänzt durch den Lärm von Hunderten von Lautsprechern, mit denen religiöse Vorträge der verschiedensten Art, der Gesang von Bhajans, devotionalen Liedern oder anderer musikalischer
Veranstaltungen in den Äther gesandt werden. Dazu kommen die mit großem Nachdruck und hohem Sprechtempo verkündeten Suchmeldungen, und dies alles erfüllt die Luft ab vier Uhr morgens bis zum späten Abend. Und dennoch strömt dieser chaotische Lärm, diese überwältigende Farbenpracht, dieses Gewimmel unendlich vieler Menschen, so unglaublich es mir auch im Nachhinein erscheint, Ruhe und Harmonie aus. Die Kumbh Mela (Mela bedeutet Zusammenkunft, Volksfest, Handelsmesse und Kumbh Topf
oder Krug) könnte als eine Art Kirchweih verstanden werden. Lange bevor die Tradition der Kumbh Mela als rituelles Badefest hier an dieser Stelle entstand, galt dieser Ort als heilig: das Wasser der Ganga ist gelblich und lehmig trüb, das der Yamuna dagegen ist klar und spiegelt bläulich-grünlich das Licht des Himmels wieder. Da die Fließgeschwindigkeit beider Flüsse unterschiedlich ist, fließt das Wasser der Yamuna nach ihrer Mündung noch eine ganze Weile
neben dem der Ganga her, bis es sich mischt, und dieser Anblick war sicher neben der allgemeinen Verehrung von Flüssen Anlass dafür, dass von Alters her ein Bad an dieser Stelle für besonders heilsam angesehen wurde. Ein Bad in der Triveni, dem Zusammenfluss dreier Ströme, wurde als wirksam für das Abwaschen von Sünde und für den Erwerb religiösen Verdienstes angesehen. Es gilt inzwischen
nach der Auswertung von Satellitenbildern als nicht unwahrscheinlich, dass Arme der Sarasvati – heute oberirdisch nicht mehr existent - in früheren Zeiten hier ebenfalls in die Ganga mündeten. Auf die Frage, ab wann es die Kumbh Mela in ihrer heutigen Form gibt, finden sich unterschiedliche Antworten. Nach Meinung der gläubigen Hindus, wiedergegeben im
Informationsmaterial des Staates Uttar Pradesh, gibt es die Kumbh Mela seit dem Beginn der Schöpfung. Ihre historischen Wurzeln sind allerdings wissenschaftlich betrachtet nicht im rituellen Badefest für das breite Publikum zu sehen, sondern darin, dass es sich bei der Kumbh Mela bis zum heutigen Tag ungeachtet seines großen Zuspruchs bei der Öffentlichkeit in erster Linie um einen Kongress der Sadhus, d.h. der verschiedenen hinduistischen Asketenorden handelt. Vermutlich fanden an dieser Mündungsstelle ca. ab dem 9. Jh. regelmäßige Zusammenkünfte der etwa seit dieser Zeit bestehenden Sannyasi-Orden statt, auf denen religiösen
Fragestellungen diskutiert und organisatorische Fragen entschieden wurden. Mit der Verbreitung des Islam in Indien, aber auch als Folge von Rivalitäten zwischen shivaitischen und vishnuitischen Asketen erwuchs das Bedürfnis, die hinduistischen Asketenorden durch militärische Gruppierungen zu schützen. Diese seit dem 16. Jh., vermutlich aber bereits schon früher existierenden militanten Asketen spielten nebenbei bemerkt bis in die Zeit der britischen
Kolonialherrschaft als Söldner im Dienst verschiedener Feudalherren eine nicht zu unterschätzende Rolle. Sie sind in Akharas organisiert (eigentlich Sporthalle, Ort körperlicher
Ertüchtigung oder auch Regiment als militärische Einheit). Die markantesten Vertreter dieser militanten Asketen sind die Nagas, meist nackt gehende kriegerische Asketen. Es wird vermutet, dass die Tradition der Kumbh Mela zunächst als eine Versammlung der Nagas ihren Anfang nahm und dass sich dem dann andere Gruppierungen der Akharas anschlossen. Diese Gliederung in Akharas ist stellt das strukturbestimmende Element der Zusammenkunft der
Sadhus zur Kumbh Mela dar. Und andererseits werden alle organisatorischen Angelegenheiten dieser Akharas wie zum Beispiel die Wahl der verschiedenen Würdenträger, die Schlichtung von Streitigkeiten innerhalb der Akharas, die Aufnahme von Anwärtern in den Orden nach mehrjähriger Probezeit während der Kumbh Mela erledigt. Auch die Oberhäupter der Akharas werden hier gewählt. Voraussetzung für ihre Wahl ist, wie mir Professor S. L. Pandey,
ehemaliger Direktor des Philosophischen Institut der Universität Allahabad erläutert, dass der Kandidat alle Asketen des betreffenden Akharas zu einem Festessen laden kann. Da aber ein Asket besitzlos ist, müssen die Mittel dazu von seinen Anhängern erbracht werden, so dass die Fähigkeit, eine große Schülerzahl zu gewinnen, für die Besetzung des Postens eines geistigen Oberhauptes des Ordens oder spirituellen Lehrers (Mahamandaleshwar) entscheidend ist. Der Mahamandaleshwar bestimmt, wer die übrigen Funktionen bekleidet. Ich beobachte den Kothal, den für die Einhaltung von Recht und Ordnung im Akhara der Nirwanis zuständigen Sannyasin. Mit Trillerpfeife und sehr professionellen Handbewegungen dirigiert er das auf dem
befahrenen, sandigen Fahrweg sehr komplizierte Wendemanöver eines ankommenden Lkw, während er gleichzeitig auf meine Fragen antwortet. Bei meiner Suche nach weiblichen Asketen gerate ich zufällig in eine große Ansammlung von Sadhus, die in langen Reihen auf der Erde sitzen, vor sich bereits Teller
aus getrockneten Blättern, auf denen ihnen später Essen serviert werden wird. Einige Tausend sind es bestimmt. Ein nichtindisch aussehender junger Mann bedeutet mir mit scharfer Stimme, dass ich zwar ein Foto machen dürfe, mich dann aber schleunigst zu entfernen hätte: Das Oberhaupt des Ordens, in diesem Fall der Naths, erscheint wenig später mit einem Zepter in der Hand und nimmt einem irdischen Machthaber gleich auf dem Podium Platz.
Die Kumbh Mela spielt also eine nicht zu unterschätzende Rolle für die ständige Erneuerung und Festigung der Strukturen innerhalb des hinduistischen Asketismus, und gerade dieser Aspekt stellt die Basis dafür dar, dass politische Kräfte rechter Provenienz die Kumbh Mela für ihre Zwecke nutzbar machen können, was spätestens seit 1989 zu beobachten ist, wo während der Kumbh Mela die Weichen für die spätere Zerstörung der Moschee in Ayodhya
gestellt wurden . Das Zusammenwirken dieser beiden Elemente – die Tradition eines rituellen Badeortes und die regelmäßigen Zusammenkünfte der Sadhus – führte im Laufe der Zeit (historisch belegbar seit dem 16. Jh.) dazu, dass sich die Kumbh Mela in der heutigen Form als allgemeines religiöses Badefest etablierte: im Sangam einzutauchen und gleichzeitig durch die Nähe zu den Sadhus
an ihrer Heiligkeit teilzuhaben, wurde und wird als Garant dafür angesehen, himmlische Wonnen zu erwerben und Unglück abzuwenden. Eine besondere Gruppe von Pilgern stellen in diesem Zusammenhang die Kalpavasins dar, entsprechend dem von ihnen abgelegten Gelübde bleiben sie für die ganze Dauer der Mela, führen täglich die vorgeschriebenen Riten einschließlich des Bades im Sangam aus und erhoffen
sich davon, für eine sehr, sehr lange Dauer Glück und Wonne im Brahma-Himmel genießen zu können. Zugleich aber enthält die Kumbh Mela auch Elemente eines echten Jahrmarkts, Händler der verschiedensten Art versuchen ihre Waren an den Mann zu bringen, meist handelt es sich allerdings um Devotionalien, um rotes Sindurpulver für den Scheitel der verheirateten Frau
etwa, um Brahmanenschnüre, Gefäße für das Ausführen der Riten usw. Aber auch Bücher, Kalender, Decken, Lebensmittel, Kinderspielzeug, Kochutensilien und Saris werden verkauft. In früheren Zeiten fand auch ein Viehmarkt statt. Ich nehme erstaunt das in einer Bude ausgestellte Modell einer Zementfabrik wahr, mit dem man über die Zementherstellung informieren will. Auch der soziale Aspekt der Mela ist nicht zu unterschätzen: man begibt sich in Gemeinschaft
mit anderen auf diese Wallfahrt. Am Nachmittag des 14. Januar lockt mich das Marschgeräusch vieler Menschen und laute Sprechchöre auf die Straße vor dem Camp. Es sind einige tausend Bauern aus Mirat, zumeist mit grünen Schiffchenmützen auf dem Kopf, in den Händen halten sie
Stöcke, auch Äxte, und machen einen recht martialischen Eindruck. Sie werden von Frauen und Kindern begleitet. Sie nutzen die Öffentlichkeit, die durch die Mela geschaffen ist, um ihre Forderungen an die Regierung nach Steuererleichterung vorzutragen. Gleichzeitig sichert ihnen wahrscheinlich ihr Auftreten im Marschverband den direkten Zugang zum Sangam ungeachtet aller sonstigen Verkehrseinschränkungen der Polizei. Am Spätnachmittag kommen die Bauern in
kleinen Gruppen locker und gelöst vom Bad zurück. Während der Kumbh Mela ein Bad genommen zu haben, stärkt das soziale Ansehen und vermittelt nachhaltige gemeinsame religiöse wie weltliche Erlebnisse. In früheren Zeiten, so noch im vorigen Jahrhundert, war dieses rituelle Badefest vor allem dadurch gekennzeichnet, dass über Generationen hinweg eine Bindung zwischen den Pilgern und den vor Ort tätigen
Priestern, den Mahants oder Pandas, bestand. Diese Priester vollziehen gegen Bezahlung für die Gläubigen die Riten sowohl für die verstorbenen Vorfahren als auch für die Verehrung der Mutter Ganga und führen über ihre Klienten eine Art „Kirchenbuch“ (bahi), das z.B. über verwandtschaftliche Beziehungen bei Heiratsüberlegungen Auskunft zu geben vermag. Zu Beginn der religiösen Handlungen wurden früher die Pilger kahl geschoren und das
abgeschnittene Haar in die Ganga geworfen. Auch heute existiert dieser Brauch noch, wie mir Gitanjali, eine Studentin aus Delhi, später erklärt. Allerdings werden jetzt in der Regel nur einige Haarsträhnen abgeschnitten. In der großen Menge der Gläubigen, die nur gekommen waren, ein Bad zu nehmen, bilden die, die sich kahl scheren lassen, offensichtlich eine Minderheit, denn ich bemerkte nur einige wenige junge
Männer mit geschorenem Kopf. Auch tarpana, das Wasseropfer für die Vorfahren, wird den Vorschriften gemäß vollzogen. Und am Abend beobachte ich zahlreiche Leute, die Kokosnussschalen auf das Wasser setzen, geschmückt mit Blüten, Früchten und kleinen brennenden Öllämpchen – ein Opfer für die verstorbenen Angehörigen. Pandas begleiten dies mit entsprechenden Mantras. Der Plan der Mela weist den Ort aus, wo der Tirtha Purohita, der für die Riten zuständige
Oberpriester des Pilgerortes, seinen Sitz hat. Allerdings scheint es mir, dass bei der Masse der Gläubigen an die Stelle der Beziehung zum Panda als Familienpriester die zum Guru, dem religiösen Lehrer, und seiner religiöser Gruppierung getreten ist Der Gläubige wohnt im Camp seines Gurus, dessen Vorträgen er lauscht und der für ihn mit der übernatürlichen Autorität seines Asketendaseins ausgestattet ist. Er hat möglicherweise Gelegenheit, sich in
persönlichen Problemen Rat zu holen und hat auf jeden Fall das spirituelle Erlebnis des Anblicks (Darshan) heiliger religiöser Persönlichkeiten. Aber der Pilger hat auch die Möglichkeit, die Bekanntschaft anderer Gurus zu machen. Die Kumbh Mela ist also weit mehr als nur ein rituelles Badefest, sondern auch ein Ort des geistigen Austauschs und des religiösen wie kulturellen Erlebens. Die Kumbh Mela in Allahabad findet alle 12 Jahre im Monat Magh (Januar-Februar) statt, wenn
der Jupiter im Zeichen des Stieres und die Sonne in dem des Steinbocks steht Sie ist Bestandteil eines in der räumlichen Zuordnung und der zeitlichen Abfolge genau fixierten Systems weiterer Kumbh Melas, die entsprechend einer jeweils genau fixierten Planetenkonstellation im Abstand von etwa 3 Jahren in Hardvar (am Oberlauf des Ganges), Nasik (an der Godavari) und Ujjain (an der Shipra) abgehalten werden. Die Tradition des rituellen Badens an diesen vier verschiedenen Orten wird mit einem Mythos
begründet: Die Götter und Dämonen quirlten gemeinsam den am Anfang der Schöpfung alles erfüllenden Milchozean, um den Trank der Unsterblichkeit (Amrita) zu gewinnen. Als der mit diesem Trank gefüllte Krug endlich aus dem Meer auftauchte, ergriff ihn einer der Götter und entfloh damit zum Himmel. Der Weg dorthin dauerte 12 Göttertage, wobei er viermal, nämlich in Hardvar, Allahabad, Nasik und Ujjain, den Krug absetzen musste, so dass jeweils einige Tropfen
dieses Tranks auf die Erde fielen. Dieser Mythos ist offensichtlich jüngeren Datums und in dieser Form auch schriftlich nicht belegbar, dennoch werden durch ihn vier wahrscheinlich vom Ursprung her nicht verbundene heilige Orte zu einer einheitlichen Traditionslinie zusammengefasst. Dabei nimmt die Kumbh Mela in Allahabad als Tirtharaj, als König aller Pilgerzentren, den bedeutendsten Platz ein. Innerhalb der Kumbh Mela in Allahabad gibt es sechs Tage, an denen ein Bad besonders
glückverheißend ist, das ist erstens Paush Purnima, der Vollmondtag im Monat Paush (Dezember-Januar), mit dem die Kumbh Mela eröffnet wird. Zweitens ist es Makar Sankranti, wenn die Sonne in das Tierkreiszeichen des Steinbocks tritt, drittens Muni Amavasya, der Neumondtag der Munis (Asketen), viertens Vasant Panchami, der fünfte Tag der hellen Hälfte des Monats Magh, das Frühlingsfest. An diesen drei zuletzt genannten Tagen findet jeweils die prunkvolle Prozession der Sadhus zum gemeinsamen Bad im Sangam (Shashi Snan) statt. Es ist genau festgelegt, welche Gruppe der Nagas als erste in dem am meisten glückverheißenden Moment zum Wasser darf. Diese Reihenfolge wechselt je nachdem, in welchem Ort die Kumbh Mela stattfindet. Um das Recht des ersten Bades hat es in der Vergangenheit vielfach
gewaltsame Auseinandersetzungen der Sadhus gegeben, bei denen es oft viele Tote zu beklagen gab. Um das für die Zukunft auszuschließen, wurde seinerzeit von den Briten ein genaues Reglement der Reihenfolge ausgearbeitet, an das man sich bis zum heutigen Tag hält. Auch in diesem Jahr gab es insofern Probleme, als die Mela-Leitung kurzfristig die Badetermine für die einzelnen Akharas änderte, was zur Folge hatte, dass ein Akhara sehr verärgert gar
nicht den Weg zur Badestelle antrat. Übrigens gibt es in der gesamten Geschichte der Mela trotz des Streites um das Recht des ersten Bades keinerlei Bericht darüber, dass es gewaltsame Auseinandersetzungen wegen unterschiedlicher Auslegung religiöser Texte gegeben habe. Der fünfte wichtige Tag ist Maghi Purnima (Vollmondtag des Monats Magh), ihm folgt Maha
Shivaratri, die Shiva geweihte Neumondnacht, mit der die Kumbh Mela ihr Ende findet. Astrologische Elemente prägen also die Kumbh Mela entscheidend. Im Jahre 1989 wurde mir Gelegenheit geboten, zu Makar Sankranti nach Allahabad zur Kumbh Mela zu fahren. Ich kam leider zu spät und konnte die feierliche Prozession der einzelnen Sadhu-Orden zum Sangam nicht sehen. Das nachzuholen war eigentlich der Hauptgrund,
weshalb ich das Angebot von Dr. Dubey, Professor für Geschichte und Kultur des alten Indien der Universität Allahabad, begeistert annahm, in dem von ihm organisierten Camp der Society of Pilgrimage Studies für einige Tage zu wohnen. Das war keines der in den Medien vielfach beschriebenen und in der indischen Öffentlichkeit heiß umstrittenen Luxuscamps, aber gut ausgestattet mit 2 Toiletten, einem Wasserhahn, einem Küchenverschlag und mehreren Zelten
mit Reisstrohlager. Die Temperaturen gingen nachts bis auf wenige Grade über Null hinunter, und der vom Wasser aufsteigende Nebel drang mit seiner Kälte durch Mark und Bein. Aber nachdem ich alle in meinem Besitz befindliche Kleidung über einander angezogen und mich fest in die beiden Wolldecken von Herrn Dubey gewickelt hatte, verlor sich die Kälte. Das Camp befand sich im Sektor 4, in dem sich die Camps auch anderer Bildungseinrichtungen befanden,
es war nicht allzu weit von den Sektoren entfernt, in dem die verschiedenen shivaitischen, vishnuitischen und die Sikh-Akharas sowie die Nagas ihre Camps hatten. Bis zum Sangam waren es allerdings etwa 5 km. Um dieses Mal rechtzeitig dort zu sein und die Prozession der Sadhus sehen zu können, machten wir uns um vier Uhr auf den Weg, Herr Schäfer aus Berlin, Georgia, eine Studentin aus Venedig, die über die Kumbh Mela ihre Magisterarbeit schreiben
will, und ich. Dichter Nebel machte nur eine Sichtweite von einigen Metern möglich, das Licht der Laternen am Wegesrand wurde durch den Nebel rötlich gefärbt, und es war schon recht gespenstisch anzusehen, wie durch diese Nebelschwaden Tausende von Menschen in Richtung auf den Sangam hasteten. Auf unserem Weg kamen wir am Camp der Nagas vorbei. Beißender Rauch stieg uns in die
Augen. Nach uraltem Brauch wurden vor den Zelten dicke Holzkloben verbrannt. Die Waffen, welche die Nagas normalerweise mit sich führen, Hellebarden und Speere, waren sorgsam zusammengestellt. Die Zelte standen offen, und ich wunderte mich über den Wecker am Kopfende des Schlafplatzes, so wie ich vor 12 Jahren erstaunt das Kofferradio in einem Zelt der Nagas registriert hatte. Herr Schäfer war im Besitz einer Karte von der Mela, aber eine Orientierung war nicht nur des
Nebels wegen sehr schwierig, denn um Panik durch zu dichtes Gedränge zu verhindern, waren viele Wege und Brücken nur in einer Richtung zu begehen, so dass weite Umwege erforderlich wurden. Schließlich mussten wir erkennen, dass ein Vordringen bis zum Sangam unmöglich war, wir hätten uns dazu wahrscheinlich bereits am Abend zuvor auf den Weg machen müssen. So postierten wir uns an einem der durch Bambusbarrieren abgeschirmten Weg, den ein Teil der Prozession benutzen würde. Als erstes kamen die Nagas des Nirvani Akhara, nackte Sadhus, die auf Pferden ritten.
Es schlossen sich von Traktoren gezogene Wagen anderer shivaitischer Akharas an, auf denen
auf Thronsesseln die jeweiligen Oberhäupter saßen. Elefanten, auf denen früher die Würdenträger ritten, sind nicht mehr erlaubt, da es in der Vergangenheit einige sehr tragische Massenunfälle durch wild gewordene Tiere gab. Auf einigen Wagen standen auch weibliche Asketen,
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und zwei Wagen nahm ich wahr, auf denen sich mehrere in ockerfarbene Roben gekleidete Frauen befanden, und auch auf dem Thron saß eine Frau. Auch hier findet also die Gleichberechtigung allmählich ihren Einzug: Neue Einflüsse zeigen sich darin, dass in den traditionellen Asketenorden heute auch Frauen in zunehmender Zahl zu finden sind. Nach früher
allgemein verbreiteter Meinung bestand die religiös-moralische Verpflichtung der Frauen darin, gute Ehefrauen und Mütter zu sein, während ihnen das Recht auf eine mit dem Asketendasein verbundene Freizügigkeit abgesprochen wurde. Frauen galten zudem als Gefahr für das asketische Bestreben der Sadhus, die jeden Kontakt mit Frauen zu meiden hatten. Inzwischen gibt es aber sogar Sannyasinis, die in hohe Ämter gewählt wurden, wie z.B. Gita Bharati, die Mahamandaleshwari im Nirvani Akhara ist.
Aber auch das ist ein neuer Zug: ich sehe beim Camp des Niranjari Akhara einen Lastkraftwagen, auf dem dicht gedrängt mit ängstlichem Blick männliche und weibliche Ausländer in Orange und Weiß gekleidet stehen. Es sind die amerikanischen Anhänger des Oberhauptes einer der früher als sehr konservativ geltenden Gruppierung hinduistischer Sannyasins, der seinen Math (Kloster) in den USA hat. Noch vor 100 oder 50 Jahren wurden in diese Gruppierung nur junge Männer aus brahmanischen Familien aufgenommen, eine Reise über das „schwarze Wasser“ war Brahmanen nicht gestattet, und falls sie doch unternommen
wurde, war eine aufwendige Reinigungszeremonie vonnöten. Enttäuscht darüber, nicht zum Sangam vorgedrungen zu sein, aber doch glücklich, wenigstens einen Teil der Sadhus gesehen zu haben, waren wir gegen 9 Uhr wieder im Camp. Unsere indischen Freunde aber machten sich nun auf den Weg, denn kurz nach 10 Uhr war die genau berechnete Zeit von Makar Sankranti, also der Moment, in dem die Sonne nach alter
Vorstellung ihren nordwärts gerichteten Lauf beginnt, an dem ein Bad im Sangam als besonders glückverheißend gilt. Ohne Zweifel ist die Kumbh Mela die bedeutendste aller hinduistischen Wallfahrten, kommt dennoch die übergroße Mehrheit aller Pilger aus Nordindien, denn alle Veranstaltungen, Ankündigungen, Aufschriften usw. sind in Hindi, so dass Südinder Schwierigkeiten bei der
Orientierung hätten. In Tamil-Nadu, wo ich zuvor war, hatte man recht gleichgültig meine Absicht, zur Kumbh Mela zu fahren, zur Kenntnis genommen. Was dort das Bild bestimmte, waren die großen Scharen schwarz gekleideter Pilger, die zum Berg Sabarimala in Kerala pilgerten, um den Gott Ayappa zu ehren. Wenn also die Kumbh Mela ein für uns kaum fassbares religiöses Ereignis ist, dessen
Dimensionen alles Vorstellbare übertrifft und dessen Bedeutung im Rahmen hinduistischer Religiosität kaum zu überschätzen ist, so darf man sich doch nicht dem Irrtum hingeben, mit Berichten über die Kumbh Mela den alleinigen Schlüssel zum Verständnis des Hinduismus in den Händen zu halten. top
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