Einleitung Der Bedarf an der Disziplin "Vergleichende Philosophie" wird immer größer, denn sie kann verhindern, daß sich die rivalisierenden philosophischen Traditionen immer mehr voneinander abgrenzen. Darüber hinaus vermittelt sie uns ein besseres Verständnis der bislang unzureichend geklärten Probleme der Philosophie. Die Probleme der Philosophie sind nichts anderes als Probleme des Lebens, mit denen sich alle Menschen weltweit
auseinandersetzen müssen. Aus diesem Grund sind diese Probleme sowie ihre Lösungsversuche das Anliegen all jener Menschen, deren erklärtes Ziel das Wohl der Menschheit ist. Auf dem Wege zum Humanismus müssen erst die künstlichen Grenzen, die auf die unterschiedlichste Art und Weise zwischen Menschen errichtet wurden, beseitigt werden. Die Unterscheidung, die zwischen dem Osten und dem Westen getroffen wird, ist nur oberflächlich, denn die menschliche Natur ist essentiell überall die gleiche.
Es ist das primäre Ziel der vergleichenden Philosophie, diese Wahrheit ans Licht zu bringen. Was wir jetzt brauchen, sind neue Denkansätze, neue moralische Standards und neue Formen der Verwaltung. Nur auf diese Art und Weise kann unsere philosophische Tradition bedeutender und pragmatischer werden. Die bemerkenswerte Flexibilität des indischen Geistes hat sich in den zahlreichen Versuchen offenbart, neue
Dimensionen philosophischer Aktivität zu erforschen. Diese Aufgabe wurde von den Philosophen der indischen Renaissance unternommen. Eine Philosophie, die alle Bedürfnisse des menschlichen Lebens befriedigen will, hat nicht nur die Aufgabe, uns die Grundprinzipien eines ganz bestimmten Weltbildes zu vermitteln, sondern sie muß uns darüber hinaus auch Einblicke in wissenschaftliche Einsichten gewähren, die für alle Formen sozialer Aktivität bestimmend sind. Es ist eine weitverbreitete Ansicht,
daß die indische Philosophie neben ihrer Bestimmung, ein " Weg des Denkens" zu sein, auch eine pragmatische Funktion erfüllt. In diesem Sinne verkörpert sie auch einen bewußten "Lebensweg", der verschiedene Elemente, wie etwa die Ethik, beinhaltet. Wir kommen nicht umhin, sie zu berücksichtigen, denn das Leben ist eine Einheit, ein Ganzes, und seine verschiedenen Phasen können nicht isoliert betrachtet werden. (1) Natürlich ist in den philosophischen Systemen Indiens keine
Systematik der Ethik enthalten. Dennoch kann die indische Philosophie sich selbst und unsere Zivilisation erhalten, indem sie die Vergangenheit und Zukunft zu einer Synthese bringt. Das alleinige Objekt einer vergleichenden Philosophie muß die Synthese sein. Nur auf diese Art und Weise kann sie der Gesellschaft neue, einander ergänzende Denk- und Verhaltensmuster offenbaren. Als Lebensphilosophie beinhaltet das indische philosophische System verschiedene Aspekte der Disziplinen Religion,
Metaphysik, Logik, Psychologie und andere Lebensregeln, die vielmehr religiöser als ethischer Natur sind. Was wir vom Westen lernen sollten, ist der Sinn für Organisation, auch wenn dies nicht das einzige Ziel der Philosophie sein sollte. Das führende Lebensprinzip ist in unserer Philosophie bereits vorhanden. Um unser soziales Leben zu bereichern, müßte es jedoch den sozialen und politischen Aspekten unserer Gesellschaft angeglichen werden. Eine Beziehung zwischen den führenden Prinzipien
unserer Denkweise und den verschiedenen Aspekten des sozialen Lebens ist nur dann möglich, wenn wir beginnen, unsere Philosophie mit der westlichen Denkweise zu vergleichen. Die Notwendigkeit einer vergleichenden Philosophie Die vergleichende Philosophie stellt eine wichtige Unterdisziplin der Philosophie dar, die von vielen indischen Gelehrten bislang nicht genügend beachtet wurde. Wenn es überhaupt einen Vergleich gab, war er nur sehr oberflächlich; er ist nie bis in die Tiefen des indischen Geistes vorgedrungen. Die Scheu davor, vergleichende philosophische Studien durchzuführen, hat einen bestimmten Grund. Vielleicht rührt sie daher, daß sich die
Inder der westlichen Kultur unterlegen fühlen. Dies wäre sehr bedauernswert, denn es gab viele westliche Gelehrte, welche die spekulative Kapazität des indischen Geistes nachhaltig bewundernd anerkannt haben. Aus diesem Grunde sollten wir uns gegenüber dem Westen nicht minderwertig fühlen.(2) Eine weitere Opposition gegenüber einer vergleichenden Philosophie basiert auf der Befürchtung, dies könne zu einer falschen
Interpretation der wesentlichen Lehren des Ostens und des Westens führen. Viele tendieren dazu, das von Spinoza dargelegte Konzept der Substanz mit Shankaras Brahman zu vergleichen. Zwischen beiden Denkern existiert ein grundsätzlicher methodischer Unterschied. Zwar transzendiert Spinozas Konzept der Substanz wie ShankarasBrahman den Bereich des diskursiven Denkens, jedoch berücksichtigt Spinoza in seinen gedanklichen Ausführungen die Widersprüchlichkeit nicht, die sich ergibt, wenn er die empirische Welt ableitet von dem über unser diskursives Denken Hinausgehenden. Darüber hinaus weist Spinoza der Methode der Ableitung in seinem philosophischen System eine tragende Rolle zu. Im Gegensatz hierzu behauptet Shankara,
daß die Methode der Ableitung nicht legitim ist. Er stützt sich auf eine dialektische Methode, die auf dem Prinzip der Nichtwidersprüchlichkeit basiert. (3) Diese Methode ist mit der Bradleys oder Bosanquets vergleichbar. Aber selbst dieser Vergleich kann nicht als völlig legitim betrachtet werden, denn Shankaras Methode hat eine ausschließlich negative Bedeutung, wohingegen die Methoden Bradleys und Bosanquets eine ausschließlich positive Bedeutung haben. Aus diesem Grunde sollte eine vergleichende Untersuchung niemals erzwungen werden. Ein Vergleich sollte immer nur zwischen Systemen und nicht zwischen Konzepten durchgeführt werden. (4)
Man könnte also anführen, daß eine solche Vorgehensweise aus den unterschiedlichsten Gründen nicht wünschenswert wäre, dennoch besteht die Möglichkeit, auf diese Art und Weise zu wichtigen Schlußfolgerungen und neuen philosophischen Einsichten zu gelangen. Ein solches Unterfangen müßte im Sinne der modernen Generation sein, denn sie vertritt ein starkes Interesse, die Rationalität in anderen Systemen zu erkennen. Darüber
hinaus können wir unterscheidend wahrnehmen, was in unserer eigenen Tradition lebendig bzw. veraltet ist. In der gegenwärtigen Epoche wird unser Leben von der " wissenschaftlichen Natur" dominiert. Diese führt in unserer Generation ganz allmählich zu einem schleichenden Vertrauensverlust gegenüber unserem Dharma, unseren Veden und unserer Philosophie. Westliche Gelehrte, wie etwa Max Müller, haben uns mittels der vergleichenden Philosophie etwas von dem Vertrauen in unsere dharma-shastras, unsere Veden und unsere Philosophie wiedergegeben.
Ein weiterer wichtiger Faktor zur Erfassung der Bedeutung eines Systems oder einer Philosophie ist die Individualität. Sie ist eine lebendige Kraft. Sie sollte unsere Entscheidungsprozesse maßgeblich leiten, vitale Elemente aus der Vergangenheit beizubehalten und neue Ideen von außen zu assimilieren. Dies kann nur der Fall sein, wenn wir die wahre Natur unserer Individualität verstehen, und dazu ist der Vergleich unserer
Individualität mit der Anderer nötig. (5) Mithilfe der vergleichenden Philosophie gelangen wir zu einer neuen Synthese durch das Überprüfen verschiedener Systeme. Vergleiche enthüllen häufig wertvolle Prinzipien oder nicht beachtete Widersprüche. Wie dem auch sei, ein Vergleich ist immer förderlich. Wir haben zum Beispiel die Tendenz, den Atomismus des Vaisheshika mit dem des Democritus zu vergleichen. Der bedeutendste Beitrag des Nyaya-Vaisheshika zur Philosophie ist die Logik. In der Philosophie des Democritus findet sich keine Spur von Logik. Nur in der Philosophie Platos und besonders in der des Aristoteles finden sich einige bedeutende Beiträge zur Logik.
Wir sollten vergleichende Philosophie im Hinblick auf eine globale Philosophie fördern. Schon Masson-Oursel, ein französischer Vertreter der vergleichenden Philosophie, bemerkte treffend: " Die Reichweite der vergleichenden Philosophie ist so unermeßlich wie das Universum." (6) Aus diesem Grund sollte die vergleichende Philosophie als wichtigste philosophische Aktivität des gegenwärtigen Jahrhunderts angesehen
werden, in dem der Osten und der Westen sich ernsthaft um ein gegenseitiges Verständnis bemühen. Nachdem wir die Notwendigkeit einer vergleichenden Philosophie erörtert haben, mag es paradox erscheinen zu sagen, es gäbe keine vergleichende Philosophie, ebenso wenig wie es eine vergleichende Religion gibt. Was wir vergleichende Philosophie nennen, ist in Wahrheit eine vergleichende Untersuchung der Philosophie.
"... In technischer Hinsicht müssen wir die Bedeutung des Begriffes als vergleichende Studien der östlichen und westlichen Philosophien festlegen...." (7) Das Hauptanliegen der vergleichenden Philosophie ist eine neue Systematisierung unseres Denkens, ein alle gegebenen Faktoren einschließender und sie dennoch transzendierender Prozeß, weil jeder Prozeß der Systematisierung den gegebenen Faktoren etwas Neues zufügt, das den Faktoren selbst nicht innewohnt. Der Mensch als Brennpunkt Das gegenwärtige Zeitalter ist nicht nur das Zeitalter der Wissenschaft, sondern auch das des Humanismus. Die Philosophien dieses Zeitalters verlagern ihre
Aufmerksamkeit allmählich von Gott, Materie und Wissenschaft zum Menschen. Aus diesem Grunde wurde aus der Philosophie eine Philosophie des Menschen. Selbst analytische Philosophen wie Russell, der die Kultur und die Philosophien des Mittelalters auf das Heftigste kritisierte, sind der Ansicht, daß das höchste Ziel der Philosophie die Beibehaltung menschlicher Werte sei trotz der Entstehung neuer Zweige der Philosophie, die sich mit den verschiedenen Aspekten der Welt befassen. Der Mensch
wird zum Brennpunkt der unterschiedlichster Formen einer Philosophie, die wir vergleichende Philosophie nennen. Ungeachtet ihres verschiedenen Aussehens und ihrer verschiedenen kulturellen Traditionen gehören alle Menschen zur gleichen Gattung. Eine vergleichende Untersuchung der verschiedenen philosophischen Traditionen kann uns einige wichtige Schlüsse hinsichtlich der Natur der menschlichen Werte eröffnen, die sich für die gesamte Menschheit als wichtig erweisen könnten. Mit diesem Ziel
vor Augen schlage ich vor, die folgenden Bereiche der vergleichenden Philosophie zu analysieren: - Gegenstand der vergleichenden Philosophie
- vergleichende Philosophie und philosophische Synthese
- Methoden der vergleichenden Philosophie
Gegenstand der vergleichenden Philosophie Die vergleichende Philosophie untersucht die Natur des Menschen, wie sie in den verschiedenen philosophischen Systemen des Ostens und des
Westens dargelegt wird. Es gibt einige Aspekte des Denkens und Handelns, die im Osten mehr Anerkennung gefunden haben als im Westen. Dies zeigt ganz deutlich, daß sich die östliche und westliche Sichtweise unterscheiden. Nicht nur das, es ist ein klares Anzeichen dafür, daß ihre Sichtweisen einseitig sind. Dies soll nicht heißen, daß sich die essentielle Auffassung über die Natur des Menschen im Osten von der im Westen unterscheidet. Der Mensch ist überall gleich. Als historisches Wesen
drückt sich der Mensch verschiedener Rassen und Kulturen auf die unterschiedlichste Art und Weise aus. Nun stellt sich folgende Frage: Was genau vergleichen wir hinsichtlich der Auffassung der Natur des Menschen? Vergleichen wir verschiedene Kulturen und die Geschichte verschiedener Nationen? Ein solcher Versuch wurde in einer vergleichenden Studie über die Geschichte Chinas und Indiens gemacht. Eine derartige
Studie kann mit Sicherheit sehr nützlich sein, da wir etwas über die Ähnlichkeiten und Unterschiede verschiedener Kulturen erfahren. Ein kultureller Vergleich kann jedoch nicht als vergleichende Philosophie bezeichnet werden. Der Gegenstand der vergleichenden Philosophie ist die vergleichende Untersuchung der verschiedenen philosophischen Traditionen. Zwei unterschiedliche Traditionen können den gleichen sittlichen Werten Bedeutung verleihen. Da diese Werte beiden Traditionen gemeinsam sind,
könnten sie sich für bestimmte Aspekte des Lebens interessieren. Zum Beispiel schenkten die chinesischen Philosophen den Werten der Menschen und der Gesellschaft in dieser Welt große Beachtung. Ihre Suche zielte auf die ethisch erstrebenswerte Lebensart. Die indischen Philosophen sind im großen und ganzen an der Realität der Innerlichkeit im Gegensatz zu derjenigen der Äußerlichkeit interessiert. Dies trifft auf nahezu jedes indische System zu, sei es monistisch oder pluralistisch,
realistisch oder idealistisch, aktivistisch oder quietistisch. (8) Es ist eine Tatsache, daß jedes philosophische System bestimmte Aspekte des menschlichen Lebens bis auf das Höchste entwickelt hat. In diesem Prozeß hat es eventuell andere Aspekte des menschlichen Lebens außer Acht gelassen. Die vergleichende Philosophie kann uns helfen herauszufinden, was in jeder Tradition fehlt. Abgesehen davon können wir
Rückschlüsse auf die Lösungen verschiedener Lebensprobleme, wie sie etwa in anderen Kulturen gegeben sind, ziehen. Normalerweise vertreten verschiedene Traditionen zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Werte. So ist es zum Beispiel sehr schwierig zu ermitteln, ob die westliche Tradition in ihrer Methode nach innen führend oder nach außen gehend ist. Ähnlich verhält es sich im Falle der chinesischen Tradition. Die frühe klassische chinesische Schule hat ihren eigenen Maßstab an Werten, die
sich von denen des Buddhismus unterschieden. Worauf wir hier hinauswollen, ist die Vermittlung der Erkenntnis, daß die verschiedenen Werte, die verschiedenen Kulturen zu verschiedenen Zeitepochen als Maßstab dienen, nur mittels einer vergleichenden Analyse der verschiedenen Kulturen ermittelt werden können. Das höchste Ziel aller Traditionen ist eine Untersuchung des Wesens des menschlichen Lebens aus den unterschiedlichsten Perspektiven heraus. Es gibt noch einen weiteren Faktor, der berücksichtigt werden muß. Die zur Erkenntnis führenden Strategien und Hilfsmittel der vergleichenden Philosophie können je nach Tradition verschieden sein. Es ist die Verantwortung der vergleichenden Philosophie, die Ähnlichkeiten und Unterschiede hinsichtlich der Methoden und Ergebnisse, wie sie in unterschiedlichen Traditionen offenbar werden, ebenso wie ihre Relevanz zum Leben, hervorzuheben. Um es
mit den Worten Radhakrishnans auszudrücken (9): " Die Grundsätze menschlicher Erfahrung, welche die Daten philosophischer Reflexion bilden, sind überall die Gleichen. Die Vergänglichkeit aller Dinge, Zufälle, Gefühle der Liebe und des Hasses, Angst und Eifersucht, die Allgegenwart des Todes, die Angst, die Verfälschung der Dinge nicht überwinden zu können, flüchtige Momente...all das gibt den Ausschlag für die
Bedeutung und Wertigkeit des Lebens eines jeden Menschen." Trotz der zu allen Zeiten vertretenen Unterschiede in den Werten und Traditionen ist das menschliche Leben überall gleich, denn der Mensch ist überall der Gleiche. Aus diesem Grund sollte das richtige Verständnis des menschlichen Lebens und der Welt das wichtigste Anliegen der vergleichenden Philosophie sein. Wenn ihr diese Orientierung fehlt, dann
könnte man alternativ ermitteln, ob ein gegebenes System idealistisch, realistisch, naturalistisch, monistisch, pluralistisch, materialistisch, organistisch, etc. ist. Hierfür braucht man keine vergleichende Philosophie. Die Klassifizierung verschiedener philosophischer Systeme in verschiedene Kategorien ist eine Sache, die Beurteilung einer vergleichenden Philosophie eine andere. Wenn wir den Menschen zum
Brennpunkt einer solchen Untersuchung machen, dann ist es nicht unsere Absicht, nur einen Aspekt des Menschen zu untersuchen. Wir konzentrieren uns vielmehr auf den gesamten Radius menschlicher Aktivität. Der Mensch kann aus unterschiedlichen Blickwinkeln untersucht werden: materialistisch, theologisch, psychologisch, soziologisch, ethisch, religiös, etc., denn er ist ein komplexes Wesen, das "ein inneres und ein äußeres Leben führt und ein Verlangen nach beiden Wegen hat." (10)
Jede der oben genannten Methoden ist für sich allein gesehen unvollständig. Sie ist nicht in der Lage, die gesamte Natur des Menschen zu erfassen. Je intensiver wir uns mit dem Menschen auseinandersetzen, desto mehr erfahren wir über ihn. Dies ist das erklärte Ziel der vergleichenden Philosophie. Das kann die "Philosophie des Lebens" genannt werden. Eine häufige Frage in diesem Zusammenhang lautet: Ist die
essentielle Natur aller Menschen gleich? Wenn dem so ist, warum wird der östliche vom westlichen Menschen unterschieden, als gehörten beide verschiedenen Gattungen an? Der östliche Mensch wird häufig mit folgenden Eigenschaften in Verbindung gebracht: intuitiv, lethargisch, spirituell, mystisch, introvertiert und zufrieden, der westliche Mensch hingegen mit den Eigenschaften: rational, aktiv, materialistisch, ethisch, extrovertiert und unzufrieden. Diese Unterscheidung wird jedoch nicht von
allen akzeptiert. Radhakrishnan behauptet, daß der Mensch grundsätzlich gleich ist, auch wenn er in unterschiedlichen Kulturen lebt. Alle Menschen teilen die gleichen Bedürfnisse, Instinkte und Ideale. Wenn wir den östlichen und den westlichen Menschen miteinander vergleichen, versuchen wir, die kulturellen Errungenschaften oder seine angeborenen Fähigkeiten zu vergleichen? Der psychologische Vergleich zweier verschiedener Individuen erfolgt immer hinsichtlich ihres Intelligenzquotienten und
nicht im Hinblick auf ihre kulturellen Errungenschaften. Wenn wir uns um ein essentielles Verständnis der Natur des Menschen bemühen, sollte die Untersuchung nicht auf den kulturellen Errungenschaften basieren sondern auf dem Bewußtsein der Gleichheit der inneren Natur aller Menschen. Ohne diese Ausrichtung wird vergleichende Philosophie sehr müßig. Um unsere Ansicht zu bestärken, könnten wir wie folgt argumentieren: Wenn ein Psychologe einen Menschen in Hinblick auf seine Gefühle,
Empfindungen, Gedanken, etc. untersucht, sind seine Ergebnisse universell auf alle Menschen anwendbar. Träfe das nicht zu, wären die Ergebnisse der westlichen Psychologie für die östliche Psychologie irrelevant und umgekehrt. Aus diesem Grund muß man a priori annehmen, daß die Natur des Menschen überall die gleiche ist. Das ist das oberste Prinzip der vergleichenden Philosophie. Der Mensch ist ein kreatives Wesen. Er kann Kultur schaffen, Ideale aufstellen und sie wieder verändern, aber darüber hinaus ist der Mensch noch viel mehr. Er kann sich den Veränderungen der Umwelt perfekt anpassen. Letztendlich geht es darum, daß der Mensch hinter der Kultur wichtiger ist als die Kultur selbst.
Obwohl sich Ideologien und Philosophien der verschiedenen Nationen voneinander unterscheiden, hat keine Philosophie oder Ideologie jemals behauptet, daß sie das menschliche Leben und den Willen zum Leben nicht respektiert. Wenn die Erfüllung eines glücklichen Lebens und die Erhaltung menschlicher Werte das Ziel jeder Ideologie und Philosophie sind, dann sind sie auch die Begegnungsstätte aller Menschen. Am Anfang waren
das menschliche Wissen um das Leben und die Theorie des Wissens nur sehr vage und unbestimmt. Aus diesem Grund führte jeder Versuch, die Philosophie des menschlichen Lebens von seiner Theorie der Kenntnis darüber abzuleiten, zu einem unvollständigen Bild. Der beste Weg zum Verständnis der Lebensphilosophie des Menschen besteht in der Unterordnung der Theorie des Wissens dem Leben gegenüber. Nur unvoreingenommenes Wissen ist zur Erkenntnis des menschlichen Wertes Wahrheit in der Lage. Aber
Wissen als Stärke verhilft dem Menschen zur Kontrolle und Beherrschung der rohen Naturkräfte, die auf den Fortbestand des menschlichen Lebens katastrophale Auswirkungen haben können. In diesem Sinne hat Bacon mit seiner Behauptung recht, daß Wissen Macht ist. Die Entdeckungen und Erfindungen des Menschen müssen dem menschlichen Leben dienen und dürfen ihm nicht schaden. Eine Weltanschauung wird erst dann zu einem wichtigen Wegbegleiter des Menschen, wenn sie die dem menschlichen Leben
förderlichen Werte in den Vordergrund stellt. Aus diesem Grund sollte es das erklärte Ziel der vergleichenden Philosophie sein, die ursprünglich integrale Auffassung in einer deutlicher gegliederten Weise wieder aufleben zu lassen im Hinblick auf die Entwicklung einer geeigneten Weltphilosophie . Mit anderen Worten: die vergleichende Philosophie zielt auf die Ausarbeitung eines metaphysischen Humanismus, der nur eine Weltanschauung des menschlichen Lebens und für das menschliche Leben
repräsentiert. Ist philosophische Synthese möglich? Diese Frage kann positiv beantwortet werden. Es ist eine Tatsache, daß das gegenseitige Bemühen um Verständnis
und Interaktion zwischen dem Osten und dem Westen in diesem Jahrhundert rapide zugenommen hat. Osten und Westen sollten nicht aufgrund dürftiger Argumente als separate Einheiten behandelt werden. Es wird häufig behauptet, der Osten sei statisch im Gegensatz zum dynamischen Westen. Es gibt auch im Osten ganz klare Nachweise für schnellen Fortschritt. Der schnelle, bzw. langsame Fortschritt einer Kultur hängt von verschiedenen Faktoren ab. Manchmal muß der Mensch schnellstmöglich Entscheidungen
treffen und Veränderungen durchführen und manchmal nicht. Aber daraus sollten wir nicht auf die Unterschiedlichkeit der Menschen an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten schließen. Die künstliche Unterscheidung zwischen Ost und West wird dann verschwinden, wenn die Menschheit die höchsten universellen Ideale, die allen Menschen gleich sind, erkannt und begriffen haben wird. Einige Kulturen werden ihnen bislang unbekannte wahre menschliche Werte kennenlernen. Diese Werte werden von
allen Kulturen begeistert aufgenommen werden, denn es handelt sich um echte menschliche Werte. Somit " werden Probleme und ihre Lösungen in einer Kultur automatisch für alle Kulturen relevant werden." (11) Es kann natürlich passieren, daß die Konfrontation mit neuen Werten für einige Kulturen mit Anfangsschwierigkeiten verbunden sein wird. Aus diesem Grunde müssen sie adäquat darauf vorbereitet werden. Auch hier erweist sich die vergleichende Philosophie als rettende Hand. Denn nur
sie kann dem Menschen zu einer größeren und tieferen Perspektive des menschlichen Lebens verhelfen. Nur eine solche Perspektive verdient es, Weltperspektive genannt zu werden und kann zu einer globalen Philosophie führen. Globale Philosophie ist kein philosophisches System, das einer bestimmten Gruppe von Individuen zuzurechnen ist, sondern gilt für die gesamte Menschheit. Eine globale Philosophie dient der Gestaltung harmonischer, interkultureller Beziehungen. Methoden der vergleichenden Philosophie Dem Humanismus als Philosophie wurde von den Akademikern bislang nicht genügend Respekt gezollt, denn sie fürchten, daß er in Opposition zu Metaphysik
und Logik steht. Dies ist jedoch nicht der Fall. Die Philosophen der Vergangenheit haben eine Weltanschauung vertreten, die immer nur ihre eigene Rasse, Nation und Gemeinschaft vor Augen hatte. Nicht nur das, sie haben auch behauptet, daß ihre Erkenntnisse für die gesamte Menschheit gelten. Es ist jedoch unbestreitbar, daß sie eine Weltphilosophie erdacht haben, die für die Menschheit insgesamt nur bedingt gültig ist. Im Gegensatz hierzu muß ein Vertreter der vergleichenden Philosophie diese
Grenzen aufheben und eine Weltphilosophie entwickeln, die eine Annäherung aller Menschen dieser Welt vor Augen hat. Die Harmonie des Lebens und die Annäherung aller Menschen ist das alleinige Anliegen der vergleichenden Philosophie. Doch welches ist die richtige Methode, um dieses Ideal zu verwirklichen? Die richtige Herangehensweise an die vergleichende Philosophie muß von der Philosophie her erfolgen. Aus diesem
Grunde sollten die Methoden auch philosophische Methoden sein. Wie sehen jedoch die Methoden der Philosophie aus? Inwiefern unterscheiden sie sich von den Methoden der Psychologie, Ethnologie, Anthropologie, Philologie , Soziologie, etc.? Bei den Methoden der Philosophie handelt es sich um Reflexion und Beurteilung/Auswertung. Ein Vertreter dieser Richtung reflektiert kritisch über die verschiedenen Werte unterschiedlicher Denktraditionen, bzw. wertet sie kritisch aus. Die vergleichende
Philosophie befaßt sich folglich mehr mit Werten als mit wissenschaftlichen Tatsachen. In diesem Punkt unterscheidet sie sich von anderen Wissenschaften, auch wenn sie nicht in Opposition zu ihnen steht. Schließlich transzendiert die Vernunft des Menschen den Bereich all dieser Wissenschaften. Keine von ihnen kann die Kriterien für die Philosophie erfüllen. Sie können uns verschiedene Fakten über das Leben liefern, aber sie können uns keine Lösungen anbieten. Diese Aufgabe bleibt den
Philosophen überlassen. Einige Philosophen, wie zum Beispiel Paul Masson-Oursel, Kwee Swan Liat und F.S.C. Norton haben sich der vergleichenden Philosophie vom phänomenologischen Standpunkt her genähert. Sie haben vergleichende Philosophie mit Phänomenologie gleichgesetzt und Einzelheiten angeführt, die zur Entwicklung der Philosophie beitrugen. Im Grunde genommen bemühten sie sich um eine Verdeutlichung der
Beziehung des Philosophen zu seinem sozialen Umfeld. Das soll nicht heißen, daß ihre Arbeit unterbewertet werden sollte. Ihre Untersuchungen sind im Sinne von beschreibenden und positivistischen Studien zweifelsohne als bedeutende Beiträge zu beurteilen. Der Prozeß des Philosophierens beinhaltet einen Einblick in die Natur des Menschen und der Welt und in den Sinn des Lebens. Phänomenologie kann diese Aufgabe nicht erfüllen. Liat entwickelte aus Kenntnis der Mängel der phänomenologischen
Methode eine Form der Meta-Philosophie, welche die Werte der verschiedenen philosophischen Traditionen ermitteln kann. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage: Welche Kriterien sollte man für Beurteilung/ Auswertung ansetzen? Alle essentiellen, menschlichen, grenzüberschreitenden Werte sollten unsere Kriterien sein. Wie kommen wir zu solchen Werten? Durch die Reflexion über unsere eigenen Erfahrungen. Der Terminus " Erfahrung" sollte nicht im engen Sinn aufgefaßt werden,
sondern vielmehr als innerer und äußerer Ausdruck des Menschen. Aus diesem Grund sollte die Selbstreflexion am Anfang unserer Untersuchung stehen. Will ein Philosoph geistig offen bleiben, muß er in seinem Bemühungen der Wahrheitsfindung ehrlich sein. Er muß sich selbst gegenüber genauso kritisch sein wie gegenüber allen Anderen. Er muß Anderen als Modell dienen. Die Standards für eine objektive Beurteilung sind
nicht wie etwa Fußballregeln oder logische Kalkulationen vorgefertigt. Ein Vertreter der vergleichenden Philosophie muß sie anhand seiner persönlichen Lebenserfahrungen ermitteln. Diese Erfahrungen mögen individuell verschieden sein, aber Unterschiede können durch Vergleiche und Auswertung abgebaut werden. Unterschiede entwickeln sich durch versteckte Neigungen eines Individuums gegenüber bestimmten weltlichen Erscheinungen. Deshalb ist geistige Offenheit so wichtig für den vergleichenden
Philosophen. Die grundlegende Voraussetzung für vergleichende Philosophie ist gegenseitige Toleranz. Auch auf künstlichem Wege kann Übereinstimmung von Meinungen herbeigeführt werden. Eine solche Vorgehensweise ist jedoch höchst unphilosophisch und unprogressiv. Dem menschlichen Fortschritt bringt sie viele Nachteile. Einwände gegen die vergleichende Philosophie
Obwohl die vergleichende Philosophie eine sehr nützliche Methode ist, gibt es immer noch Gelehrte, die sie für nicht durchführbar und wünschenswert halten. Sie bezweifeln die Vergleichbarkeit östlicher Philosophien, insbesondere die essentiell spirituelle und praktische indische Philosophie, mit westlichen intellektuellen und
diesseitigen Philosophien. Selbst wenn man sie vergleichen kann, lehnen sie diese Methode ab. Wenn man behauptet, daß sich östliche und westliche Philosophien nicht vergleichen lassen, dann heißt das schlicht und einfach, daß wir einander nicht verstehen können. Diese Schlußfolgerung widerspricht jedoch den vorhandenen Fakten. Es gibt westliche Philosophen, welche die indische Philosophie verstanden haben und umgekehrt. Ein gegenseitiges Verständnis ist der erste Schritt, der zu einer
vergleichenden Philosophie führt. Das Denkschema der westlichen Philosophen wird von den indischen Philosophen mittels ihres eigenen Denkschemas verarbeitet. Eine solche Rezeption der Gedanken führt unweigerlich zu einem Vergleich der Systeme. Aus diesem Grund hat die Aussage Kiplings, "der Zug kann sich niemals treffen" in der heutigen Welt keine Bedeutung mehr. Es gibt jedoch noch ein anderes Argument
gegen eine vergleichende Philosophie. Wie können wir die indische Philosophie, die Darshana Erfassung der höchsten Realität, mit der westlichen Philosophie vergleichen, die häufig als " Liebe zur Weisheit" bezeichnet wird? Es ist Mode geworden, indische Philosophie als praktisch und westliche Philosophie als theoretisch zu bezeichnen. Diese Annahme ist jedoch falsch. Die Philosophie Platos, Aristoteles‘ und Hegels sind in ihrer politischen, ethischen und sozialen Entwicklung eindeutig praktisch ausgerichtet. Wir können eine philosophische Tradition nicht einfach als theoretisch oder praktisch, aktivistisch oder quietistisch bezeichnen, ohne ein fundiertes Verständnis über den Kontext zu besitzen, in dem diese Begriffe in den verschiedenen Bereichen des menschlichen Daseins verwendet werden. Berücksichtigen wir diese Tatsache nicht, erhalten wir als Ergebnis einen "Trugschluß, der durch falschen Vergleich herbeigeführt wurde." (13)
Obwohl das Wort Darshana im eigentlichen Sinne "Sehen" bedeutet, sollte es vielmehr in seiner Bedeutung als "Ansehen" aufgefaßt werden. Verschiedene Darshanas in der indischen Tradition haben unterschiedliche Ansichten über die Natur des Menschen präsentiert. Die Wahrheit ist immer die gleiche, aber die Ansichten über ihr Wesen sind von Darshana zu Darshanaverschieden. Auch
die Behauptung, Philosophie sei "Liebe zur Weisheit" ist eine Fehlinterpretation. Die griechischen Philosophen waren nicht nur daran interessiert, "Liebe zur Weisheit" zu vermitteln; sie haben uns darüber hinaus gut definierte philosophische Systeme hinterlassen. Das gleiche trifft auf die indischen Philosophen zu. Aus diesem Grunde kann die Behauptung, daß indische und westliche Philosophie nicht miteinander verglichen werden können, da Erstere darshana und Letztere Philosophie sei, als Irrtum "etymologischen Mißbrauchs" bezeichnet werden. (14)
Schlußfolgerung: höchstes Ziel der vergleichenden Philosophie ist die Zusammenfassung der verschiedenen Ideale der unterschiedlichen philosophischen Traditionen des Ostens und des Westens. Dies ist ein wesentlicher Punkt, denn die Natur des Menschen ist immer gleich. Die verschiedenen Ideale der einzelnen Traditionen ergänzen sich, da sich die Menschen verschiedener Kulturen fremd sind. Philosophie gehört nicht zu einem
Niemandsland, sie ist vielmehr eine Lebensphilosophie, denn sie bringt Fakten und Werte zusammen. Die Synthese der verschiedenen Wahrheiten und Werte der einzelnen Traditionen sollte nicht als eklektizistisch gebrandmarkt werden. Diese Werte und Wahrheiten sind grundsätzlich für alle Menschen gültig. Aus diesem Grund wird eine vergleichende Philosophie mit dem Menschen im Mittelpunkt einen neuen Humanismus einleiten.
Anmerkungen: - P. T. Raju, "Thought and Reality": Hegelianism and Advaita (London, 1937), S.20.
- Ibid., S.24.
- P.T. Raju, "The Outcry Against Comparative Philosophy", Aryan Path, Band 6, 1935, 98.
- Ibid.
- P.T. Raju, Thought and Reality: Hegelianism and Advaita, S. 27.
- P.T. Raju, Introduction to Comparative Philosophy, (Nebraska, 1962), S. 283.
- P.T. Raju, Lectures on Comparative Philosophy, (Poona, 1970), S. 2.
- P.T. Raju, Introduction to Comparative Philosophy, S. 285.
- Ibid., S. 2.
- Vgl.: P.T. Raju's 'Introduction' in S.
Radhakrishnan and P.T. Raju (Hrsg) The Concept of Man; A Study in Comparative Philosophy, (Nebraska, 1960), S. 24.
- P.T. Raju, Introduction to Comparative Philosophy, S. 288.
- Ibid.
- P.T. Raju, Lectures on Comparative Philosophy, S. 66.
- Ibid., S. 67.
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