1.Einleitung Wie
in vielen anderen Ländern auch wird die Schulmedizin in Indien heutzutage in Frage gestellt. Jedoch hat seit einigen Jahren das Interesse an Ayurveda, wie die alte indische Medizin heißt, zugenommen. Ayurveda heißt "das Wissen vom Leben", und es hat im strengen Sinn nichts zu tun mit den Veden, den Heiligen Schriften der Hindus. Das Wort Ayurveda findet sich nicht in den vedischen Schriften, weil der Ayurveda später entwickelt wurde. Er beschreibt, wie das gute und das schlechte,
das glückliche und das unglückliche Leben aussieht und will das glückliche Leben fördern. 2. Die Medizin heute in Indien Heute gibt es in Indien verschiedene medizinische Systeme, darunter die Allopathie, d.h. die westliche Schulmedizin, den Ayurveda und die Homöopathie. Die drei letztgenannten können in Indien an den Universitäten studiert werden, und es gibt Ärzte, die nach diesen Systemen die Kranken in Krankenhäusern und Kliniken behandeln. Ferner existieren Systeme wie Unani und Naturheilkunde, die in privater Lehre weiter vermittelt werden und in
genehmigter, anerkannter privater Praxis die Gesundheit wiederherstellen. Das Unanisystem hatten die muslimischen Kaiser in Indien eingeführt und gefördert. Diese Favorisierung des Unanisystems ist ein Grund, warum die Tradition des Ayurveda fast verloren ging. In meinem Vortrag werde ich eine kurze Darstellung der Philosophie des Ayurveda und des Yogasystems geben, in der ich auch zeigen möchte, wie
die beiden Systeme zusammen gehören und daß die den beiden Systemen zugrunde liegende Philosophie das gleiche Denkbild hat. 3. Die Systeme der Medizin Die Legenden besagen, daß das Wissen des Ayurveda von Brahma selbst stammt und vor der Erschaffung des Menschen in hunderttausend Versen mitgeteilt wurde. Wir besitzen jedoch nur eine verkleinerte Version dieses Wissens, weil die menschliche Fähigkeit des Wissens begrenzt ist. Atreya, Agnivesa, Bhardwaja, Dhanwantri, Susruta, Kasyapa, Siddha und Caraka sind die berühmten Namen, die mit diesem medizinischen System verbunden sind. Viele von
ihnen waren nicht nur Mediziner sondern Weise, die die Menschen in alltäglichen Lebensschwierigkeiten begleiteten. Heute finden wir 1082 Manuskripte (1) über den Ayurveda; darunter sind die Caraka Samhita, die Kasypa Samhita, die Susruta Samhita, Panchakarma, Ashtanghridya und Rogavinashya, die wichtigsten und berühmtesten Schriften. Das Studium von Caraka Samhita und Susruta Samhita ist für den
Ayurveda unerläßlich. 4. Die Caraka Samhita Die Caraka Samhita wurde sehr wahrscheinlich im Anschluß an eine
internationale medizinische Konferenz verfaßt, die am Fuße des Himalaja zwischen 300-200 vor Christus stattfand. Das ursprüngliche Traktat der Caraka Samhita wurde von einem Weisen namens Atreya geschrieben und später von dem Mediziner Agnivesa mit Unterstützung seiner Mitstudenten erweitert. Das Buch von Agnivesa wurde wiederum von einem Caraka, der sehr wahrscheinlich ein Wandermönch war, erweitert und neu verfaßt. Das bis heute erhaltene Manuskript kann man sicher in die Zeit von
König Kanishka (120-162 nach Christus) einordnen (2), dessen Arzt Caraka hieß. Ob es sich um dieselbe Person handelt, können die Wissenschaftler nicht mit Sicherheit sagen. Die 120 Kapitel der Caraka Samhita sind in acht Teile aufgeteilt. Sie behandeln: - Allgemeine Prinzipien der Krankheitslehre
- Pathologie
- Das Wissen über den Geschmack und die Säfte
- Der Mensch und sein Körper
- Die Sinnesorgane und deren Funktion
- Diagnosemöglichkeiten
- Pharmakologie
- Therapie
Heute unterrichtet man Ayurveda in Übereinstimmung mit den Bereichen der Susruta Samhita: - Kayacikitsa (Körperteile über den Schultern oder den Schlüsselbeinen)
- Shalyakaya (kleine Chirurgie)
- Shalya (Chirurgie)
- Kumarabhrtya (Pädiatrie)
- Agada Tantra (Toxikologie)
- Bhuta Vidya (Psychiatrie)
- Rasayana (Vitamine und Wiedererkräftigung)
- Vajikarana (männliche Ertüchtigung, Virillifikation)
Das richtige Heilmittel ist das, welches zur Heilung beiträgt. Solche Mittel hat Caraka in seinem Traktat über die Medizin beschrieben. Er nannte seinen Schülern Möglichkeiten, Wissen über den menschlichen Leib zu erlangen: "Derjenige, der für sich die gute Erkenntnis der Chirurgie haben will, soll einen Leichnam gut vorbereiten, und er soll ihn in allen Glieder gut schneiden, so daß er klares und zweifelsfreies Wissen über den Körper hat." (3). Er riet den Schülern, auch die Blätter von Bäumen zu beobachten und sie schneiden zu lernen. Er sagte, daß
der Weise die Pflichten gegenüber seinem eigenen Körper nie vernachlässigen und daß der Mensch für sein Wohlbefinden die Mittel benutzen soll, die der Dharma ihm erlaubt. In gleicher Weise soll er sich einem friedvollen und arbeitsamen Leben ergeben, damit er ein glückliches Leben hat (4). Die zweite Schrift des Ayurveda, die Susruta Samhita, hat als Verfasser Dhanvantari, doch eigentlich wurde das Manuskript von seinem Schüler Susruta erweitert. Die jetzige Ausgabe der Susruta Samhita
verdanken wir Nagarjuna, einem buddhistischen Mönch und Philosophen, der sie uns durch seinen Kommentar erhalten hat, sehr wahrscheinlich wurde sie im Jahre 150 n. Chr. verfaßt. Die Susruta Samhita hat sechs Teile: - Sutrasthana, 46 Kapitel,
- Nidansthana, 16 Kapitel,
- Sharirasthana, 10 Kapitel,
- Cikitsasthana, 40 Kapitel,
- Kalpasthana, 8 Kapitel,
- Uttarasthana, 66 Kapitel.
Uttarasthana ist ein erweiterter, zusätzlichen Teil, in dem 120 Krankheiten, die auch schon in den anderen Teilen besprochen wurden, ausführlich behandelt werden unter Angabe der Medizin für diese Krankheiten. 5. Die Unterschiede zwischen Caraka und Susruta Die Susruta Samhita beschäftigt sich mit Chirurgie und enthält eine genaue Beschreibung des menschlichen Körpers sowie der chirurgischen Instrumente, ebenso gibt sie pädagogische Hinweise zur
Unterrichtung der Schüler in der Operationstätigkeit. Dagegen beschreibt die Caraka Samhita die ethischen und philosophischen Hintergründe der Medizin, sie stellt somit die Grundprinzipien und Grundlagen der Medizin dar. Nach Auffassung des Caraka ist der Fötus die Zusammensetzung des Eis und des Samens und wird
als Lebensprinzip in den Schoß eingepflanzt. Das Lebensprinzip ist das unmanifestierte Brahman und zugleich das Prinzip des Selbstbewußtseins (5), durch Vater, Mutter, Nahrung, Umstände und durch das Lebensprinzip wird der Fötus gestaltet. 6. Tridoshas Der Ayurveda übernahm die Lehre von den drei Säften, den Tridoshas, aus den Veden. Im menschlichen Körper gibt es die drei Säfte Vayu, die Luft, Pitta, den Gallensaft und Kapha, den Schleim. Vayu verursacht die Bewegung, kontrolliert die äußere und die
innere Bewegung und gleicht sie den Umständen an. Vayu nennt man den Lenker des Körpers (Tantrayantradharaha). Pitta ist primär thermaler Natur. Er sorgt für die Hitze im Körper und hilft, die metabolischen Funktionen im Leib auszuführen. Kapha ist die lebendige Flüssigkeit der Protoplasmen (adibijam). Kapha
enthält Proteine, Kohlehydrate, Fett, Mineralien und Vitamine. Er verändert sich ständig durch die Einwirkung von Pitta und Vayu. Gesundheit ist das Gleichgewicht der drei Tridoshas, Krankheit oder Unordnung bedeutet Verlust dieses Gleichgewichtes. Die Krankheiten werden wegen ihrer primären Ursachen in drei Kategorien eingeteilt: - Adhyatima-Krankheiten werden durch die Natur des Selbst verursacht,
- Adhibhautika-Krankheiten haben ihren Ursprung in der physischen Welt und in anderen Geschöpfen,
- Adhidaivika-Krankheiten entstehen durch klimatische Umstände oder übernatürliche Kräfte göttlichen Ursprungs, wozu auch die
Krankheiten als Folge von Hunger, Durst und Alter gehören.
7. Prakriti und Purusha Der Ayurveda sagt in gleicher Weise, daß die drei Doshas die Krankheiten physischer Natur und die zwei Gunas, Rajas und Tamas, die Krankheiten psychischer Natur verursachen. Er sieht jedoch die Wurzeln der Krankheit in den drei Doshas. Alle materiellen Dinge dieser Welt entstehen aus den fünf Elementen, Luft, Erde, Wasser, Licht und Feuer (Äther = Luft). Deshalb sind sie auch durch drei Hauptgunas, Satva, das Wahre, Rajas, das
Bewegende, und Tamas, das Schwere, zu heilen. Alles Existierende, ob menschlicher Leib oder Tier oder Sache, ist aus diesen drei Gunas zusammengesetzt. Der Mensch ist ein Mikrokosmos. Er trägt alle fünf Elemente in sich, weil er letztendlich aus Purusha und Prakriti entsteht. Die Prakriti verursacht die Veränderungen und Werdeprozesse in ihm, der Purusha ist das Ewige, das Unveränderliche, das
Unmanifestierte, das allem Seienden innewohnt, der sein Selbst Erkennende. Der Purusha wirkt in uns durch die Sinne und den Intellekt. Er bleibt der Lenker und seinetwegen findet alles statt. Die wahre Befreiung besteht darin, daß der Mensch erkennt, daß er das All ist, daß er das Wahre ist. Ein Dialog zwischen Vater und Sohn in der Chandogya-Upanishad erklärt uns die Hintergründe. Uddalaka, der Vater,
fordert seinen Sohn auf, eine Frucht des Nyograda-Baumes zu holen: "Hier ist sie", sagte der Sohn. "Zerbrich sie und sage mir, was es darin gibt", sagte der Vater weiter. "Ich sehe einige kleine Samen", antwortete der Sohn. "Zerbreche einen der Samen", sagte der Vater. "Ich habe es getan", antwortete der Sohn.
"Was siehst Du darin", fragte der Vater noch einmal. "Nichts", antwortete der Sohn. Da belehrte Uddalaka seinen Sohn: "Ein so kleiner Same, den du mit bloßen Augen nicht siehst, hat so einen großen Baum hervorgebracht. Mein Sohn, so ist das Wahre. In ihm existiert alles in diesem Universum in einer potentiellen Gestalt. Dieses Wahre bist Du." (6) Alles, was geschieht, findet in uns statt. Das, was in uns wirkt, ist nur eine scheinbare Wirklichkeit, es ist nicht die wahre Realität. Die wahre Realität ist nur die des Atman, des Sat, das in uns wohnt. Dieses kann weder zerstört noch verbrannt noch vernichtet werden. Es ist das Ewige, das Unveränderliche, das Unzerstörbare. Alles, was uns fremd scheint, ist in Wirklichkeit nicht so fremd, wie es uns scheint.
Können wir die Wirklichkeit der anderen Dinge in uns sehen? Der Mensch als Mikrokosmos hat diese Fremdheit und Identität in sich selbst. Wenn der Mensch sein Selbst in diesem Wahren, Sat, sieht, dann hört seine Vorstellung der Dualität auf, und er erfährt nur das Selbst, das unendliche Atman. Dies ist die wahre Befreiung, in der es weder Leid noch Vergnügen, Schmerz noch Veränderung gibt. Den Frieden
oder den Zustand des befreiten Menschen beschreibt Caraka als ohne Sünde zu sein, als frei zu sein von Rajas und Tamas. Dieser Zustand ist die höchste Stabilität und kann weder zerstört noch vernichtet werden, er ist ewig und unvergänglich. Deshalb versteht die Caraka Samhita den Purusha als das Heil wirkende in einem Menschen. Die Heilung findet statt, wenn der Mensch sich unter den Einfluß des
Purusha begibt. Die Medizin ist nur eine Hilfe, um diesen Prozeß der Befreiung zu beschleunigen. 8. Die yogische Perspektive Wenn wir über Yoga sprechen, dann müssen wir uns ganz klar sein, daß es zwei verschiedene Arten von Yoga gibt. Die erste Art von Yoga ist der Yoga von Patanjali, den man auch Raja-Yoga nennt, und die zweite Art heißt Hatha-Yoga. Die Yogasutren von Patanjali wurden im Jahre 250 nach Chr. verfaßt, dagegen wurde die Hatha-Yoga-Pradipika im 9. Jahrhundert von einem Mönch namens Gorakshanatha geschrieben. Uns ist der Text aus dem 15. Jahrhundert
erhalten. Im ersten Vers der Hatha-Yoga-Pradipika wird das Ziel des Hatha-Yoga genannt. Hatha-Yoga steht im Dienst des Raja-Yoga. Um den Raja-Yoga zu erreichen, wird der Hatha-Yoga praktiziert. Im dritten Vers wird gesagt, daß der Mensch sich in widersprüchlicher Lehre befindet und von Raja-Yoga nichts weiß. Einem solchen Menschen bietet Swatmaram das Licht des Hatha-Yoga an. (7) Die Yogasutren des Patanjali sind eine Methode der Versenkung, in der die Einheit mit dem göttlichen Urgrund erreicht wird. Patanjali versteht den Menschen als psychosomatische Einheit. Nach seiner Auffassung ist es der Purusha, der in einem Menschen wohnt, der ihn von Krankheiten, d.h. von der Trennung, befreit. Dagegen berichtet die Hatha-Yoga-Pradipika ausführlich von körperlichen Übungen, von
Reinigungsmethoden der Organe und von Aktivierung der Energiestellen im menschlichen Körper. Das Gemeinsame der beiden Systeme ist die Atemübung, Pranayama. Prana und Ayam sind die zwei Grundzüge des Atemverfahrens. Prana bedeutet Atmung, Atem, Leben, Vitalität, Wind, Energie und Kraft. Ayam bezieht sich auf Länge, Ausdehnung, Ausstrecken und Zurückziehen des Atems und seine Beherrschung. Die
Körperübungen werden in Verbindung mit Atemübungen ausgeführt. Die Asanas, wie die Körperübungen im Yoga heißen, werden nicht als Heilmittel zur Erlangung von Gesundheit betrachtet. Sie sollen dem Menschen nur helfen, Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit zu entwickeln. Jedoch werden durch die Konzentration physische Krankheiten und Fehlhaltungen dem Leben gegenüber beseitigt, die Glieder werden entspannt, und der Geist bleibt wachsam. Durch solche Umwandlung gesundet der Körper, und der
Mensch fühlt sich vitaler als vorher. Pranayama, die Atemübungen, dienen zur Reinigung der Nadis und der Adern. Die Reinigung der Adern hilft dem Blutsystem und dadurch dem ganzen Körper. In gleicher Weise wird durch die körperliche Haltung Druck auf die inneren Organe wie auch auf die Muskulatur ausgeübt, wodurch die Organe gesund massiert werden. Hier möchte ich Vers 31 der Hatha-Yoga-Pradipika (8) als Beispiel geben. Er besagt, daß das Mayurasan (eine Körperübung) alle Krankheiten des Magens und der Milz schnell heilt, die Unausgeglichenheit der Körpersäfte überwindet und die Anhäufung von Giften als Folge falscher Eßgewohnheiten verhindert. Die geistigen Feuer werden entzündet und durch sie auch die Gifte verdaut. In diesem Vers werden die ayurvedischen Prinzipien der drei Hauptsäfte Luft, Gallensaft und Schleim vorausgesetzt, denn die Lehre des Ayurveda besagt, daß es sie im menschlichen Leib gibt. 9. Kleshas: Leid Nach Auffassung des Patanjali gibt es folgende Hindernisse auf dem Weg zur Einheit mit Gott: - Krankheit
- Starrheit
- Zweifel
- Nachlässigkeit
- Faulheit
- falsche Anschauung
- Nicht-Erreichen des Grundes
- Nicht-Ausharren in der Übung
Hier wird deutlich, warum Krankheit nicht wünschenswert ist. Man versteht unter Krankheit einen Widerstand gegen die Natur und die Entwicklung von Gewohnheiten, die ständiges psychosomatisches Leiden bedeuten. Wenn man von einer Gewohnheit überfallen wird, tötet man seine Offenheit und sein Gespür für das, "was ist".
Dieser Zustand wird brutal erschüttert durch den allerersten Schritt auf dem Yogaweg. Das ruft seltsame Arten von Krankheiten hervor. Patanjali nennt fünf Arten von Kleshas, die Leid verursachen: - Nichtwissen
- Ichhaftigkeit
- Begierde
- Haß
- Verkennung des wahren Selbst
Sie wohnen tief im Menschen und werden immer weitergetragen. Jedoch kann man sie durch die Gegenströmung der seelisch-geistigen Vorgänge in der
Meditation aufheben. 10. Chitta Das "Chitta", das der Yoga zur Ruhe bringen will, ist weder
Intellekt noch Geist noch Gehirn. Das Wort "Chitta" kommt von der Wurzel "Chit", die "sehen", "beobachten" und "erkennen" bedeutet. Chitta ist Partizip Passiv der Vergangenheit des Verbs Chid, es bedeutet daher das Gesehene, das Beobachtete, das Erkannte. Es ist das in der Vergangenheit Erfahrene und von daher das Organ des Denkens und auch des Bewußtseins als Ort aller inneren Vorgänge. Das Wort Organ kann hier eine gewisse Verwirrung bringen. Chitta ist ein Organ, das aus feinstofflichen Substanzen gebildet ist. Deshalb ist es nicht gleich zu setzen mit einem Organ, das aus groben Stoffen gebildet ist, z.B. dem Gehirn. Chitta ist ein einheitliches Denk- und Wahrnehmungsorgan, das mit dem Kernwesen des Menschen (Purusha) bis zu seiner
Erlösung verbunden ist. Im Bereich der Urnatur (Prakriti) ist es dem ununterbrochenen Lauf der drei Gunas unterworfen, die die ständig wechselnden Manifestationen der Prakriti verstrickt. In dem Sinn ist Chitta kein fertiges Organ. Es ist ein unbeständiges und immer im Werden begriffenes Organ. Die Vrittis bestimmen auch das Wesen des Chitta. Sie hinterlassen jene unbewußten latenten Eindrücke, die zu jeder Zeit wieder akut werden können und dann neue Vrittis hervorbringen. In der
psycho-analytischen Terminologie ausgedrückt bilden diese Eindrücke das machtvolle Unbewußte, das immer wieder hervorbricht und Denken, Wahrnehmungen, Fühlen und Wollen des Menschen bestimmt. Praktisches Ziel des Yoga ist, die Vrittis zu analysieren und schließlich zu bezähmen. In der Psychoanalyse genügt es nicht, die Verstrickungen zu erkennen, sondern sie müssen integriert werden. In gleicher Weise
besagt der Yoga, daß durch den Prozeß der Versenkung die Verstrickungen in unser Bewußtsein integriert werden können. Samadhi, die Versenkung, ist ein Prozeß, in dessen Verlauf Chitta, d.h. das Organ des Denkens, völlig ruhig gestellt und in seiner sattvischen Verfassung erfahrbar wird. Es ist ein Integrationsprozeß und auch ein Isolationsprozeß zugleich, in dem der Purusha, das wahre Selbst, von der Denksubstanz unterschieden wird. Chitta gleicht hier einem reinen Kristall, durch den das Wesen des Purusha unverfälscht schaut. Die yogische Philosophie hat keinen Versuch unternommen, Chitta zu definieren. Sie hat die Funktionen Chittas erklärt und gezeigt, wie Chitta ständig neu zum Werden gelangt, weshalb eine festlegende Bestimmung nicht möglich ist. 11. Der Geist als Arzt Die Inder der Antike haben Chitta als den menschlichen Geist betrachtet. Für sie ist der menschliche Geist ein Werkzeug von etwas höherem als dem Menschen selbst. Ich möchte hier Sri Aurobindo
zitieren, den Meister des integralen Yoga. Er sagt, daß "der Geist in uns der einzige allmächtige Arzt ist und daß die Hingabe unseres Körpers an ihn das einzige wahre Heilmittel ist" (9). Caraka hat in seinem Traktat sicher viel über die Medizin, den Leib und über die Chirurgie gesprochen. Er sieht das Gesundheitswesen ganzheitlich, er hat Prophylaxe und Heilung im Blick. In diesem System
haben Medizin, Chirurgie, körperliche Übungen und auch Atemübungen ihren Platz. Gebet und Meditation werden nicht vergessen, damit der Kranke nicht nur mit seiner Umwelt und Mitwelt Kontakt hat sondern auch seinen Ursprung, die Quelle seines Lebens, nicht vergißt. Caraka hat nicht vergessen, über den Arzt zu sprechen. Er riet seinen Schülern: "Du sollst nach dem Glück aller Menschen streben. An
jedem Tag, ob sitzend oder stehend, mußt du mit ganzem Herzen den Kranken behandeln. Du sollst nicht sehr viel von deinem Patienten verlangen, wenn Du es auch für deine Ernährung und Unterkunft brauchst. Du sollst weder die Frau eines anderen Mannes in Gedanken berühren noch Dich nach seinem Vermögen sehnen. Halte Reinheit in Deiner Kleidung und Gesinnung. Du sollst keine Sünden begehen noch den anderen helfen zu sündigen und letztlich sollen auf deiner Zunge Worte sein, die sauber, mild und
gerecht sind" (10). 12. Geburt und Tod Wie sieht die Caraka Samhita Geburt und Tod? Zuerst beschreibt
Caraka die verschiedenen Faktoren, die zur Geburt eines Menschen führen. Der Fötus wird durch Vater, Mutter, Selbst, günstige Umstände und durch Nahrung produziert. Im nächsten Satz sagt er, daß der Geist (Manas) sich in diesem Prozeß auch assoziiert. Das Bewußtseinsprinzip bewirkt, daß ein Individuum zu einem Individuum wird. Das Geheimnis des Mensch- und des Individuumseins führt er letztendlich auf den Purusha zurück, der allein das Wahre ist. Danach beschreibt Caraka, wie der Sterbende aussieht und wie seine Sinne schwach werden. Er erwähnt die verschiedenen Merkmale des sterbenden Menschen. Ein guter Mediziner erkennt den herannahenden Tod, darf dem Kranken jedoch die Zeichen des Todes nicht offenbaren. Wenn er nach dem Tod gefragt wird, muß er wissen, daß die Offenbarung den Tod nicht beschleunigt, für den anderen aber schmerzhaft ist. Im nächsten Kapitel beschreibt Caraka glückliche Zeichen und Symbole und fordert den Arzt auf, die glücklichen Zeichen im Haus, in der Verwandtschaft und der Umgebung des Sterbendes zu sehen. Er soll auch die anderen auf diese Zeichen hinweisen. Caraka Samhita sieht den Arzt als den Menschen, der den anderen hilft, das Glück zu finden.
13. Die Herausforderung Das ayurvedische Wissen fordert die westliche Schuldmedizin und die westliche Psychologie heraus, den Menschen in seiner Persönlichkeit nicht als Gegenstand zu behandeln. Der Mensch ist ein
sehr aufmerksames und bewußtes Subjekt, das sich in jeder Situation wie auch in jeder Krankheit frei verhält. Seine Heilung und sein Wirken sollen immer ganzheitlich sein. Die Heilung für den Menschen besteht darin, daß er mit seiner Umwelt und seiner Mitwelt als freies Subjekt tätig bleibt und auch den anderen ihre Freiheit läßt, weil nicht die Krankheit eines Kranken zu heilen ist, sondern die Krankheit der Gesamtheit. Unter einer Krankheit leidet nicht ein Mensch, sondern die Menschheit.
Die Heilung eines Kranken schließt die Heilung seiner Mitwelt und Umwelt ein. Literaturangaben: - Rama Rao, A check list of Sanskrit Medical Manuscripts in India, New Delhi, 1972
- Raina, B. L., HealthScienceinAncientIndia, New Delhi, 1990, S. 102
- Mehata, P. V.; Charak Samhita, Bd. 1-3, Rajkot, 1949; u.a. Agnibesha, Mahamuni, Caraka Samhita, Calcutta, 1897
- Sutrasthana, 1. 103
- Sharirasthanam,IV, 5 & 6
- Chandogya Upanishad, VI, 12, 1-3; vide: Radhakrishanan, S. ThePrinzipal Upanishads, London, 1953, S. 462
- Brahmananda, Hathayogapradipika, Madras, 1972, 1.3
- Hathayogapradipika, 1. 31
- Sri Aurobindo, Purnayoga
- Indriyasthana, 5. 62-64
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