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Wege durch die Zeit ins 21. Jahrhundert


 Die Philosophie des Heiligen
Jnaneshvara: Ein Weg zum Weltfrieden 

von Prof. Vishwanath D. Karad
 

 Übersetzung und Redaktion: Carla Geerdes

Christentum
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Frieden
Hinduismus
Komparative
Kultur
Ökonomie

 

Seit undenklichen Zeiten entwickeln sich vielfältige Umwälzungen und Veränderungen auf der Erde. Einiges diente sicherlich zur Steigerung der Qualität des menschlichen Daseins und trug zum Ruhm der Menschheit bei, aber es wurde auch aus nichtigen Gründen oder wegen großer Imperien zur Schande der Menschheit gegeneinander gekämpft. Leider ist kein Ende solcher Geschehnisse abzusehen, statt dessen nehmen sie in unserer Zeit der modernen Wissenschaften und Technologien zu. Doch im Laufe der Menschheitsgeschichte gab es auch 'Goldene Zeitalter', in denen das Zusammenleben vielleicht deshalb verhältnismäßig harmonisch und friedlich gestaltet werden konnte, weil die Menschen auch nach spiritueller Erleuchtung strebten und weniger nach materiellem Wohlstand und materialistischen Vergnügungen verlangten. Aufruhr, Blutvergießen und Massaker aus religiösen, sozialen und nationalen Gründen sprechen Bände vom zerstörerischen Potential im Wesen des Menschen und verbreiten sich trotz des hohen Bildungsniveaus, der atemberaubenden wissenschaftlichen Entwicklung und eines noch nie dagewesenen ökonomischen Booms über die ganze Welt.

Wenn wir sinnvollere Grundlagen wie Frieden, Harmonie und universelle Brüderlichkeit, die heutzutage völlig fehlen, für das menschliche Zusammenleben die Oberhand gewinnen lassen wollen, sollten wir Innenschau und philosophisches Denken im Hinblick auf die großen Männer der Vergangenheit und Gegenwart anwenden. Es lohnt sich, etwas über die das System des Universums und des Menschen auf der Erde steuernden Parameter zu erfahren, bevor wir die Weltanschauung oder Philosophie des Heiligen Jnaneshvara in Bezug auf den Weltfrieden erörtern.

Das komplexe System des Universums besteht aus zahlreichen Himmelskörpern, die sich durch gegenseitiges Einwirken in perfektem Gleichgewicht halten. Die Erde trägt als einziger bis heute bekannter Planet Lebewesen, wobei die intelligente menschliche Spezies die beiden anderen Arten von Lebewesen direkt oder indirekt beeinflußt.

Die Menschen dieses Subsystems stehen im Hinblick auf ihre unterschiedlich ausgeprägten Gefühle wie Verlangen, Habgier, Ärger, Ego, Versuchung und Neid ständig unter dem Einfluß der kosmischen Kräfte. Forschungen haben ergeben, daß Unruhe, Durcheinander und Chaos in der Gesellschaft mit steigendem Anteil dieser Gefühle zunehmen. Große Denker, Erzieher, Heilige, Weise, Seher und Wissenschaftler versuchten im Laufe der Menschheitsgeschichte immer, die Menschen mit ihren wertvollen Lehren zu erleuchten und sie zu einer Verringerung des Chaos und des Durcheinanders anzuregen.

Der Einfluß der verschiedenen Himmelskörper aufeinander, Ordnung und Gleichgewicht im Universum und werden durch zahlreiche wissenschaftliche Gesetze und Grundsätze erklärt. Sonne, Mond, Merkur, Saturn, Uranus, Neptun, Sterne und Galaxien beeinflussen sich gegenseitig und auch die Erde und die Menschen sind dagegen nicht immun. Die Anziehungs- oder Abstoßungskraft zwischen zwei Körpern ist direkt proportional zum Produkt ihrer Massen und umgekehrt proportional zum Quadrat ihrer Entfernung voneinander. Das Universum wird unter anderem von den folgenden klaren Grundsätzen und Naturgesetzen bestimmt:

Universum, Raum und Zeit sind unendlich. Veränderungen im Universum finden lediglich in den manifestierten Formen kontinuierlich statt, Masse und Energie bleiben konstant, Schöpfung und Zerstörung wohnen den Naturgesetzen inne. Es gibt keine identischen zwei Menschen oder Dinge, jeder Mensch auf der Welt hat seine eigene Denkweise und sein individuelles, von den anderen verschiedenes Wesen, überdies werden geistiges Verhalten und Wesen eines Individuums, wie schon gesagt, von unbekannten Kräften beeinflußt. Der Heilige Jnaneshvara drückte diese Grundsätze und Gesetze des Universums in seinen Schriften in höchst poetischer Sprache aus.

Während das Bestreben der Natur in der Erhaltung des Gleichgewichts liegt, bringt der Mensch es häufig durcheinander. Etwas Übergeordnetes erhält das Gleichgewicht und verbindet das gesamte Universum, genannt Bewußtsein, die Höchste Wirklichkeit, kosmische Kraft, der endgültige Zustand der Materie oder die unbekannte Form der Energie. Durch dieses Bewußtsein werden die Himmelskörper sowie auch die Menschen, Tiere und Pflanzen beeinflußt. Dieser Prozeß der Beeinflussung des menschlichen Geistes ist ziemlich schwer zu verstehen und durch Selbst-Verwirklichung in die richtigen Handlungen umzusetzen. Die indische Philosophie versuchte, auf diese Probleme wissenschaftliche und logische Antworten zu finden. Die Gemeinschaft der Wissenschaftler sucht daher Lösungen zu diesen Fragen in philosophischen Beratungen mit bedeutenden Denkern.

Zu allen Zeiten brachte die Welt hervorragende Philosophen hervor. Sie hinterließen unauslöschliche Spuren in der menschlichen Zivilisation und beeinflußten das Weltgeschehen zu ihrer Zeit und sogar darüber hinaus, dazu gehören Plato, Aristoteles, Sokrates, Spinoza, Konfuzius, Kant, Vyasa, Shankaracharya, Madhva, Jnaneshvara und Galaxien anderer. Ihre Herangehensweise und Konzeptionen mochten unterschiedlich sein, aber letzten Endes setzten sie alle sich für das Wohl der Menschheit ein.

Dem auf den Veden, den Upanishaden, der Bhagavad Gita und anderen großen Schriften basierenden Denken der indischen Philosophie wurde weniger Bedeutung zugemessen als es verdient, vermutlich, weil diese Bücher als religiöse Schriften angesehen wurden, obwohl dies weit von der Wahrheit entfernt ist. Tatsächlich geben diese Bücher, Juwelen der Weisheit und des Wissens, der gesamten Menschheit die Grundlagen harmonischer Lebensführung bekannt, wahre Liebe, Zuneigung und universelle Brüderlichkeit. Ihre universalen Appelle gehen über jede religiöse und soziale Zugehörigkeit hinaus und basieren auf Freiheit von Leiden und ultimativer Glückseligkeit für die gesamte Menschheit. Obgleich der Heilige Jnaneshvara vieles dazu beitrug, wurde er nicht ernst genommen. Sogar indische Philosophen nahmen ihn nicht gebührend zur Kenntnis, weil sie seine Lehren lediglich religiöser Natur befanden.

Jeder Philosoph setzt sich auf seine eigene Weise für das Wohl der Menschheit ein, doch Jnaneshvara war nicht nur Fürsprecher der Menschen sondern aller Lebewesen auf Erden. Vermutlich betete er als erster Visionär für Harmonie, Frieden, Liebe und universelle Brüderlichkeit aller Lebewesen auf der Welt. Um das zu unterstreichen, stellen wir die indische Philosophie, insbesondere die Jnaneshvaras der westlichen Philosophie gegenüber. Im Westen gibt es im Allgemeinen keine Beziehung zwischen Philosophie und Religion, wohingegen die indische Philosophie sehr eng mit Religion verbunden ist, denn sie beschäftigt sich mit dem Verhältnis des Menschen zur Welt und mit Anfang und Ende des menschlichen Lebens.

Die westliche Philosophie besteht zum größten Teil aus intellektueller Übung im Hinblick auf soziale Aspekten des Zusammenlebens, während die indische Philosophie vorrangig die Beziehung des Menschen zum Universum behandelt. Die Handlungen eines Menschen sollten das Gleichgewicht der Natur nicht stören, andernfalls wird alles, die Menschen eingeschlossen, nachteilig in Mitleidenschaft gezogen; Ziel der indischen Philosophie ist die Suche nach der Höchsten Wirklichkeit.

Philosophie wird im Allgemeinen als Denkprozeß der logischen Analyse betrachtet, der manchmal in intellektuellen Übungen landet, wobei hauptsächlich Folgerungen über maßgebliche soziale Systeme zum Wohle der Menschheit vorgebracht werden. Die indische Philosophie durchdringt das Leben rational und kritisch in einem lebendigen Prozeß.

Die westliche Auffassung von Philosophie basiert auf zwei Annahmen:

  1. Religion und Philosophie werden unterschiedlich voneinander betrachtet, wie schon vorher erwähnt,
  2. Wahrnehmung, Folgerung und Logik.

 

Die indische Philosophie fügt noch Anubhati hinzu, die Selbst-Erfahrung der ultimativen Realität. Außerdem differenziert sie nicht zwischen Philosophie und Religion, da Religion als Lebensart endgültig dazu verhilft, eine holistische Gesellschaft aufzubauen. Das westliche Konzept von Philosophie strebt nach Erlangung von Kenntnissen und trifft auf die Nachfrage aus intellektueller Neugier. Jedoch liefert es keine Lösung für dauerhafte Harmonie, dauerhaften Frieden und dauerhaftes Glück. Es bietet nur temporäre Lösungen und verschafft momentanes Vergnügen. Die indische Philosophie hingegen stellt dauerhafte Lösungen für die Probleme der menschlichen Existenz bereit, da Selbst-Verwirklichung, Selbst-Erkenntnis und Zufriedenheit ihre Hauptanliegen sind. Dies ist nur durch Selbst-Erfahrung (Anubhati)möglich. Dies berührt direkt das menschliche Leben und beeinflußt alle Bereiche menschlicher Aktivität, alle Fragen des warum und wie der menschlichen Existenz werden beantwortet.

Der indische Idealismus mit seinem Ursprung in den Upanishaden zielt auf die Erziehung des Menschen im Hinblick auf das Wohl der Gemeinschaft und auf das Verständnis des Wesens der Höchsten Wirklichkeit, die dem Wesen nach reines Bewußtsein ist, in den Upanishaden Brahman oder Atman genannt. Bewußtsein als das führende Prinzip des Universums ist also der Hauptaspekt des Idealismus, Jnaneshvara fügte noch angeborene Liebe oder göttliche Liebe (Bhakti) hinzu.

Religion basiert auf Glauben, Philosophie auf Vernunft und Erfahrung. Die indische Philosophie wird im Allgemeinen als antisozial, religiös und spirituell angesehen, Swami Vivekananda, Rabindranath Tagore, Aurobindo und Dr. S. Radhakrishnan widerlegten diese Ansicht.

In drei meisterlichen Abhandlungen Jnaneshvari, Amritanubhava und Changdev Pasahti stellt Jnaneshvara seine Philosophie vor. Die Jnaneshvari ist ein poetischer Kommentar zur Bhagavad Gita, Amritanubhava basiert als größtes mahratisches Werk der Philosophie auf Jnaneshvaras eigenen Erfahrungen, die fünfundsechzig Verse des Changdev Pasahti sind an den Hatha-Yogi Changdev gerichtet, der wegen seiner Errungenschaften im Leben etwas selbstherrlich geworden war.

Im Alter von nur 16 Jahren schrieb Jnaneshvara die Jnaneshvari mit erstaunlicher Begeisterung für das intensive Streben zu Gott. In der folgende Anrufung drückt er sein angeborenes Bedürfnis aus, den Seiner Selbst-bewußten Brahman/Atman zu verstehen:

 

Om namoji adya / ved pratipadya
Jai Jai Svasamvedya Atmarupa

In dem oben zitierten Vers sagt Jnaneshvara:

Ich verneige mich und grüße die Höchste Realität
Den endgültigen Zustand der Materie und das Selbst-Bewußtsein
Klar formuliert in den vedischen Wissenschaften

Am Schluß seiner berühmtesten Schrift Jnaneshvari drückt er die Hoffnung aus, daß diese philosophische Schilderung den Menschen eine Hilfe sein möge, das Wesen der Selbst-Realisation der Höchsten Wirklichkeit zu verstehen, damit Frieden und Harmonie in der Welt herrschen.

Jnaneshvaras oben zitierte Anrufung schildert philosophisch die Grundsätze des Universums und der Natur, sie liefert die wissenschaftliche Darlegung des menschlichen Lebens und des Universums.

Jnaneshvara nahm am Leben des einfachen Menschen und seinem Wohlergehen Anteil und veröffentlichte vor fast 700 Jahren sein Konzept einer sozialen und ganzheitlichen Gesellschaft. Eine kurze Wiedergabe seiner Philosophie zeigt, daß er philosophisch und spirituell ein Monist ist. Die Höchste Wirklichkeit ist für ihn spirituell eine Einheit. Der Geist ist reines Bewußtsein, die göttliche Shakti-Energie bewohnt das gesamte Universum. Die Einheit von Erkenntnis, Erkanntem und Erkennendem konstituieren wichtige Aspekte der Philosophie Jnaneshvaras. Shiva, der oberste spirituelle Lehrer, und Shakti, die bewußte göttliche Energie, bilden eine Einheit. Die Hingabe an die göttliche Liebe reinigt den Geist und reduziert alle Laster, sie kontrolliert die Sinne und führt zur Realisierung des Höchsten. Reinheit des Geistes, der Gedanken und der Handlungen führen zu Selbst-Erkenntnis und bilden die Grundlagen zum Aufbau einer natürlichen und harmonischen Gesellschaft.

Jnaneshvara spricht weiterhin von der Stärke, die im Äußern des Namen Gottes enthalten ist. Er zieht dieses Äußern des Namen Gottes verschiedenen anderen Ritualen vor, denen viele Menschen blindlings folgen. Er glaubt an Gebete als die höchste Art der Erkenntnis und kostbarste Erfahrung des Göttlichen. Jnaneshvara berät die Anhänger über die Bedeutung spiritueller Lehrer und kritisiert religiösen Aberglauben, Rituale und die darin enthaltene Heuchelei.

Jnaneshvara verbreitet die Theorie des Chidvilas, der Verspieltheit des göttlichen Bewußtseins, in der das Universum Ausdruck des Höchsten, Brahma, ist. Er glaubt an Shanti (Frieden), den er mit Bhakti gleichsetzt, dem Gefühl der tiefen Liebe zu Gott. Ein wahrer Anhänger ist eins mit Gott und stets bereit, Ihm zu dienen durch seinen Dienst an der Menschheit.

Amritanubhava basiert auf Jnaneshvaras eigener Konzeption von Religion und philosophischem Verständnis. Er erläutert seine Theorie von Sphurtivada, in der die Welt vom höchsten Schöpfer Brahma ständig ausgeströmt wird. Er widerlegt andere Theorien wie den Dualismus der Sankhya-Philosophie, den subjektiven Idealismus sowie den Nihilismus des Buddhismus. Er enthüllt das Geheimnis der tiefen Liebe zu und Hingabe an Gott, auf der die Philosophie für die Bhakti-Religion in Maharashtra und anderen Teilen Indiens basiert.

Jnaneshvara faßt die Wirklichkeit als sich selbst-offenbarend und sich selbst-erleuchtend auf, sie muß durch keine ihr nicht zugehörigen Mittel bewiesen werden, Wissen und Unwissenheit sind relative Begriffe. Die Höchste Wirklichkeit besteht aus reiner Intelligenz und Erkenntnis. Zur Widerlegung von Mayavadaträgt er verschiedene Argumente vor: Maya hat seiner Ansicht nach keine Grundlage, weil sie nicht erfahren werden kann, sie kann weder unabhängig existieren noch gleichzeitig mit Erkenntnis bestehen und durch nichts bewiesen werden. Maya kann im reinen Zustand des Atman-Selbst-Bewußtseins nicht verweilen.

Atman–Selbst-Bewußtsein kann nicht beschrieben werden, es ist ewig und kann weder geschaffen noch zerstört werden. Auf die folgenden Verse aus der Bhagavad Gita trifft diese Theorie zu:

 

Übersetzt bedeutet das, daß Atman weder von einer Waffe verletzt werden kann, noch im Feuer verbrennen kann oder vom Wasser befeuchtet oder vom Wind ausgetrocknet werden kann.

Gott als Höchstes, der Mensch und die Welt sind drei wichtige Schwerpunkte der Philosophie, für die der reale Test darin besteht, eine befriedigende Erklärung für ihr zeitgleiches harmonisches Bestehen zu finden. Jnaneshvara hat sein eigenes philosophisches Konzept, das im Wohlergehen der ganzen Menschheit wurzelt und niemals Begriffe wie Kaste, Glaubenszugehörigkeit oder Religion in Anspruch nimmt. Seiner Ansicht nach können die Probleme der Menschheit durch Glauben an Gott und Liebe zu Gott verringert werden. Er betrachtete jeden Menschen, jedes Geschöpf als wesentlichen Bestandteil der Seele Gottes, was in den folgenden Versen zum Ausdruck kommt:

 

Die Übersetzung bedeutet, daß das wahre Wesen eines Individuums dem Gottes gleich ist. Jnaneshvara beschrieb dies mit schönen Gleichnissen. Er empfindet die Beziehung zwischen dem individuellen Selbst, der Welt und Gott als sehr innig, natürlich und real.

Die Realität wird in der indischen Philosophie als Sat, Chit und Ananda – Existenz, reines Bewußtsein und reine Freude - angenommen. Diese Triade wird als Einheit in der einzigen Realität zusammengefaßt. Es ist sinnlos, die Höchste Wirklichkeit als existent oder nicht-existent zu beschreiben, sie ist reine Existenz, reines Bewußtsein und reine Freude. Der Erkennende und das Erkannte sind keine separaten Einheiten, sie sind unzertrennlich vereint, manifestiert in den mannigfaltigen Objekten der Welt.

Bhakti oder liebende Hingabe an Gott ist ein wichtiger Bestandteil im religiösen und spirituellen Leben Indiens. Bhakti ist gemäß Jnaneshvara die ideale Lebensform, das irdische Leben im Geiste Gottes. Jnaneshvara sieht die Welt als Manifestation des Göttlichen an und unterstützt deshalb die Entsagung von der Welt nicht. Er betrachtet das Erledigen der im Leben gestellten Aufgaben als Gottesdienst und empfiehlt, jede Handlung pflichtbewußt und in Gebetshaltung auszuführen. Karma sieht er als die Ethik der Taten an. Man sollte nicht im Hinblick auf etwaige Belohnungen handeln, da eine auf ihren Sinn vertrauende Handlung sicherlich auch Früchte tragen werde. Der folgende Vers offenbart diese Philosophie:

 

Karmanye vadhikasraste maphaleshu kadachan

Das Absolute in der Philosophie und Gott in der Religion sind für Jnaneshvara identisch. Die Höchste Wirklichkeit besteht aus reinem Bewußtsein, göttlicher Liebe und schöpferischer Energie. Liebe ist nichts materielles sondern lebendiger Geist, Selbst-Bewußtsein und Selbst-Verwirklichung. Jedes Objekt in der Welt ist für einen Anhänger bedeutsam. Für ihn ist es kein Objekt bloßer Sinnenfreude wie für einen Materialisten, sondern Ausdruck der Liebe Gottes und damit des wahrhaftigen Ursprungs seines Lebens. Für Jnaneshvara hat Bhakti den höchsten Wert nicht nur aus menschlicher Sicht sondern auch aus der Sicht der Absoluten Erfahrung.

Das Medium für den Ausdruck der Liebe Gottes ist unser Leben, was wir durch die Vereinigung unseres endlichen Selbst mit dem Göttlichen realisieren können. Das ist das größte, was im Leben erreicht werden kann und liegt in der Reichweite eines jeden Menschen, unabhängig von Kasten- und Glaubenszugehörigkeit, Religion, Zeit und geographischen Barrieren.

Die bedeutsame Dynamik in der Philosophie Jnaneshvaras besteht in der Anerkennung des Empfindens, im Gegensatz zu seinem westlichen Gegenstück, das die intellektuellen Aspekte stärker betont. Jnaneshvara faßt die äußere Welt als realistisch, natürlich und positiv auf. Gott erfreut sich daran, sich in den unendlich mannigfaltigen Daseinsformen zu erkennen. Er verkörpert die Liebe, weshalb ihn zu erkennen heißt, ihn zu lieben. Diese Liebe inspiriert zu edlen Taten und wichtigen sozialen Diensten. Dieser Aspekt in Jnaneshvaras Philosophie ist von großer Tragweite für die heutige Welt.

In der Philosophie Jnaneshvaras finden wir eine glückliche Harmonie zwischen Bhakti (Liebe zu Gott) und Karma (Ethik der Taten). Der Aspekt des Empfindens in der Philosophie wird ohne den Erkenntnisaspekt zu opfern betont. Weltliche Angelegenheiten können dadurch völlig anders betrachtet werden .

In der Jnaneshvari finden wir einen allgemein verständlichen, poetisch-kraftvoll analytischen Kommentar zur Bhagavad Gita im Hinblick auf die ethischen Werke des Karma. Jnana Yoga (Ethik der Erkenntnis) und Bhakti Yoga (Ethik der göttlichen Liebe) betonen die Philosophie des Karma Yoga(Ethik der Taten) als wichtigen Bestandteil im Leben jedes Individuums. Jnana und Bhakti (Erkenntnis und göttliche Liebe) folgen dem eigentlich automatisch. Sie veranlassen die Menschen zum Nachdenken über die Dualität von Versuchung und Pflicht. Sobald ein intensives Verlangen nach der Ausführung einer Handlung besteht, ist sie für Jnaneshvara möglich. Versuchung oder Anziehungskraft finden ohne jede Bewußtheit oder völlig unbewußt statt, während Zorn aus anderen Gründen entsteht. Von Versuchung oder Gier kann man sich nicht ohne Selbst-Erkenntnis befreien. Verlangen, Habgier oder Versuchung kennen wir alle, sie führen zu Unentschlossenheit und schaffen letztendlich Probleme für einen selbst, für die Familie und für die Gesellschaft.

In der Bhagavad Gita belehrt Lord Krishna den verwirrten Arjuna über seine Pflicht. Arjuna wurde von Maya in materialistischer Liebe zu seinen Blutsverwandten verschlungen. Lord Krishna erläuterte die zutreffende Vorstellung von Erkenntnis und Unwissenheit im folgenden Vers, der von Jnaneshvara für den einfachen Menschen in höchst geeigneten Worten interpretiert wird:

 

Jnaneshvara erklärt den Unterschied zwischen wahrer Weisheit und Wissen. Jnana ist das vollständige Verständnis vom Selbst, vom Bewußtsein, von der Höchsten Wirklichkeit, von wahrer Weisheit; die Information über irgend etwas außerhalb der Seele Atman ist Wissenschaft Vijnana. Weiter betont er nachdrücklich, daß diejenigen, die denken, daß das Wissen über die äußerliche materielle Welt wahres Wissen ist, damit ihre Unwissenheit über die genaue Definition wahren Wissens ausdrücken. Er glaubt fest, daß ohne das volle Vertrauen und wahres Wissen des Höchsten – des Höchsten Brahman – keine wirklich natürliche und ganzheitliche Familie und somit Gesellschaft aufgebaut werden kann.

Jnaneshvara zeigt, abgesehen von seinen Einblicken in verschiedene philosophische Theorien, sein Wissen über verschiedene wissenschaftliche Grundsätze, wenn er sagt:

 

Dieser Vers zeigt seine Weitsicht und seinen Bezug auf städteplanerische Aspekte, er erkennt die Bedeutung von Aufforstung und regt die Anlegung von Süßwasserseen nahe der Städte an. Das spricht für sein Interesse an und seinen Bezug zu Ökologie und Umweltfragen. Ähnlich legt er dar, daß es illusionär ist, wenn man die vermeintliche Bewegung der Sonne von Osten nach Westen sieht. Dies zeigt klar seine korrekte Auffassung der Tatsache, daß die Erde sich um die Sonne bewegt.

Jnaneshvara verleiht zahlreichen ähnlichen wissenschaftlichen Feststellungen in seiner poetischen klaren Sprache Ausdruck und gibt sehr geeignete Beispiele, um seine wissenschaftlichen Konzepte zu erklären. Durch diese Beispiele erläutert er die Gesetze der Schöpfung und Zerstörung, der Ausdehnung des Universums und die Parameter, welche die Natur, den Geist und die Materie kontrollieren. Ebenso bestätigt er nachdrücklich, daß das Universum aus dem völligen Nichts (Urknall) entstanden ist und in sich zusammenfallend wieder in das Absolute zurückkehren wird.

In seiner anderen Abhandlung, Changdeva Pasashti, bittet Jnaneshvara den großen Yogi Changdeva, der große yogische Macht erlangt hatte, das Ego aufzugeben. Ego und selbstsüchtige Motive bilden die Basis praktisch aller Konflikte und allen Unheils, was letztendlich zu Unruhe, Instabilität und schließlich zu Durcheinander im Leben führt.

Derjenige, der Selbst-Erkenntnis zu erlangen sucht und der seinen Pflichten und seiner Verantwortung aufrichtig gegenüber ist, kann sein Scherflein zum Wohl der Gemeinschaft beitragen. Außerdem kann man ein glückliches und zufriedenes Leben führen, wenn man sein Begehren, seine Wollust, seinen Zorn, seine Habgier, sein Ego, seine Versuchungen und seinen Neid meistert. Ebenso können Frieden und Harmonie in die Gesellschaft einkehren, wenn die heutzutage üppig wuchernden Spannungen und Gewalttätigkeiten reduziert werden. Derartige Meisterung hilft, die Familien intakt zu halten, was Form in das Leben bringt. Das Konzept der Familie fördert die soziale Rekonstruktion, was auch in der Bhagavad Gita gesagt wird. Das ist kein spirituelles, sondern ein ganz irdisches soziales Problem. Jnaneshvara glaubte fest daran, daß eine natürliche, ganzheitliche Gesellschaft auf der Grundlage eines gut miteinander verbundenen Familiensystems entstehen kann, das auf gegenseitigem Verständnis und füreinander Einstehen beruht.

Alle Denker, Heiligen, Seher und Wissenschaftler haben das Wohl und Glück der Menschheit zum gemeinsamen Ziel. Ihr ganzes Leben lang waren sie alle auf der Suche nach dem Verständnis der Grundsätze und Gesetze der Natur, des Lebens und der Höchsten Wirklichkeit. Die Wissenschaftler versuchten, Lösungen für Probleme der materiellen Welt zu entdecken und zu erfinden und drückten wissenschaftliche Gesetze und Grundsätze der Natur in Form von Gleichungen und Formeln der Mathematik und Physik aus. Aber die Heiligen, die Weisen und die Seher, die auch große Visionäre waren, drückten in ihrer höchst poetischen und klaren Sprache ebenso die Grundsätze und Gesetze der Natur aus.

Am Ende stellen wir im Nachhinein fest, daß die Gesetze jeder Gesellschaft oder Nation mit den Regeln des Lebens und der Natur übereinstimmen müssen, denn die Regeln der Natur sind die Gesetze des Kosmos, das Gesetz des Höchsten, des Schöpfers, Brahmans. Eigentlich spiegelt das tatsächlich das Talent der Philosophie Jnaneshvaras wider, die zu allen Zeiten wahrhaftig und universal ist.

Wenn man die Jnaneshvari voller Demut und Konzentration studiert, findet man ein Meisterstück der Philosophie, Literatur, Poesie, Metaphysik, Wissenschaft, Spiritualität, Religion, Yoga und einen echten Leitfaden für ein zufriedenes Leben, das auch andere glücklich leben läßt. Wenn die Lehren des Heiligen Jnaneshvara und die der großen Meister der Vergangenheit einen Teil des Bildungssystems formen könnten, würde es den Studenten helfen, Ehrfurcht und Achtung zu entwickeln und ihre Eltern, ältere Menschen und Lehrer zu respektieren. Darüber hinaus würde es das Zerbrechen von Familien und Heim verhindern, was weltweit alltäglich geworden ist. Die Einheit von Wissenschaft und Religion kann der Welt möglicherweise über das Medium Bildung Frieden bringen und trägt für das Zusammenleben der Menschen in einer ganzheitlichen Gesellschaft zur nötigen Charakterbildung bei.

Die internationale Gemeinschaft der Intellektuellen, Denker und Führungspersönlichkeiten kann das Schicksal der Welt gestalten, wenn sie sich dazu entschließt, die Aufgabe zu übernehmen, Frieden und Harmonie zu stiften. Es ist an der Zeit und entspricht dem Gebot der Stunde, die Philosophie Jnaneshvaras in das universale Bildungssystem zu integrieren und in die Praxis umzusetzen.

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