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Wege durch die Zeit ins 21. Jahrhundert


Die Zukunft der weiblichen Vernunft: Frauenbewegungen und Aufklärung 

Prof. Mona Abousenna
Ägypten

 
Übersetzung: Dr. Katerina Wolf
Redaktion: Carla Geerdes

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Feminismus gilt heutzutage als ein anerkanntes Gebiet der politischen Philosophie und zwar in dem Sinne, daß Politik Macht bedeutet und daß Frauen politisch von Männern kontrolliert werden. Dies ist auch die Bedeutung des Begriffes "patriarchalisch", wie er von Kate Millet in ihrem Buch "Sexual Politics" (1970) verwendet wird.

Durch diesen Begriff wurde der Feminismus von drei Trends beeinflußt: vom dialektischen Materialismus, von der Psychoanalyse und vom Post-Strukturalismus. Diese Trends befruchteten sich jedoch gegenseitig und führten zu einem Durchbruch des Marxismus und des Liberalismus. Das Problem bei diesem Ergebnis ergab sich aus dem Umstand, daß die Frauenbewegungen aus der Aufklärung, die als Wurzel des Marxismus und Liberalismus gelten, ausgeklammert wurden. Dadurch sah sich die Frauenbewegung außerstande, den weiblichen Geist und seine Unzulänglichkeiten tiefer zu erforschen.

Die Bewegung beschäftigte sich mit Fragen wie zum Beispiel: Liegt den Geschlechtern eine gemeinsame menschliche Natur zugrunde? Und wenn dem so ist, warum sind beide sozial nicht gleich?

Solche Fragen komplizierten die Dinge, denn die Frauenbewegung mußte sich mit sozialen Problemen wie zum Beispiel Bedeutung der Frau, spezifischer Frauenarbeit, Ehe und Familie auseinandersetzen. Konsequenterweise wurde die Analyse der weiblichen Vernunft vollständig außer acht gelassen. Als Ergebnis erlagen die feministischen Bewegungen der optischen Täuschung von der Befreiung der Frau.

Diese optische Täuschung hat eine Geschichte. In Teil 6 des Werkes "Die Republik" setzt sich Plato mit der Stellung der Frau und der Familie in seiner idealen Gesellschaft auseinander. Er konstatiert verschiedene Faktoren, die Frauen daran hindern, mit Männern zu konkurrieren - auch wenn er erkennt, daß einer der Haupthinderungsgründe darin besteht, daß Frauen Kinder großziehen. Dann behauptete Aristoteles, daß Frauen über eine defekte Vernunft verfügen, weshalb er die Herrschaft des Mannes über die Frau für gerechtfertigt hält.

Wenn wir jedoch zu den Wurzeln der Menschheit zurückgehen, finden wir heraus, daß die menschliche Spezies in ihrer primitivsten Ära, als sie sich gerade aus dem Bereich des Tierischen löste, in dem Sinne eins mit der Natur war, daß sowohl Männer als auch Frauen von der Natur beherrscht wurden. Diese Ära war ebenso von intimer und organischer Einheit zwischen Mann und Frau gekennzeichnet, die beide Objekt der Natur und nicht Subjekt der Geschichte waren. In ihrem Bestreben, sich aus dem Machtbereich der Natur zu befreien und anstelle des Objektes der Natur zum Subjekt der Geschichte zu werden, befanden sich Männer und Frauen in einem Zustand perfekter Harmonie in dem Ausmaß, daß alte Mythen uns von der Existenz androgyner Wesen berichten, die Mann und Frau zugleich waren.

Die historische Verlagerung vom Objekt der Natur zum Subjekt der Geschichte spaltete die Einheit zwischen Mann und Frau bis heute.

Wie?

Zur Zeit der Jäger und Sammler, als Männer und Frauen noch von der Natur beherrscht wurden, mußten sie sich mit der "Nahrungskrise" auseinandersetzen, einer durch Migration und Klimawechsel verursachten Verknappung des Tierbestands. Es ist anthropologisch bewiesen, daß die Frau die Menschheit vor dem Untergang rettete, indem sie landwirtschaftliche Anbaumethoden erfand. (Bernal, Science in History). Diese Technik symbolisiert die Tatsache, daß Frauen aufgrund ihres Verstandes sehr wohl die Fähigkeit besitzen, die Natur zu verändern und zu beherrschen. In historischer Hinsicht bedeutete dies den Übergang von den Jägern und Sammlern zu Ackerbau und Viehzucht, und dies wird als der wahre Beginn der menschlichen Zivilisation angesehen. Aufgrund der Erfindung der Landwirtschaftstechnik repräsentierte die Frau die Autorität und legte im Zeitalter des Matriarchats auch das soziale System, ebenso wie das Wertesystem fest. In der matriarchalischen Zivilisation stand alles in Bezug zur biologischen Natur der Frau, der Repräsentantin der Fruchtbarkeit, die mit der Fruchtbarkeit der Erde identifiziert wurde.

Der Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat kennzeichnet auch den Beginn der Herrschaft des Mannes über die Frau. Das matriarchalische Wertesystem wurde zwar vom Patriarchat übernommen, doch diente es lediglich der Herrschaft des Mannes über die Frau. Und das zu einer Zeit, in der die Götter weiblich waren und die Religion sich mit dem wesentlichen und universellen Merkmal der weiblichen Erfahrung - der Fruchtbarkeit, die mit "Mutter Erde" identifiziert wurde - auseinandersetzte.

Der Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat ist durch die Entfremdung der Frau von Natur oder externer Welt gekennzeichnet und durch ihre Isolierung im Haushalt, vor allem in der Küche. Diese Isolierung in der Küche führte zu einer radikalen qualitativen Veränderung ihres geistigen Horizontes und ließ ein Phänomen auftauchen, das ich als "kulinarische Vernunft" bezeichnen möchte. Diese hat sich bis heute erhalten und findet vermutlich ihren besten Ausdruck in dem berühmten Spruch "der leichteste Weg zum Herzen eines Mannes führt durch seinen Magen".

Die "kulinarische Vernunft" stellt einen Bruch in der Geschichte der menschlichen Zivilisation dar. Unsere Aufgabe ist es, die Wurzeln dieses Bruches aufzudecken. Er vollzog sich zu dem Zeitpunkt, als das Matriarchat auf seinem Höhepunkt war - während der Eleusischen Religion, die von der Göttin Demeter gegründet wurde. Um das Matriarchat zu entmachten, erfanden Männer etwas, das Betty Friedan die "weibliche Mystik" nennt. Diese Mystik hat Frauen im Sinne der Freudschen Terminologie in ein "Puzzle" verwandelt.

Versuchen wir einmal, dieses Puzzle zu lösen, indem wir die Kategorien von Kant nicht nur als Symbole der Theorie des Wissens an sich verwenden, sondern als Symbole der Aufklärung der Vernunft. In diesem Sinne können wir behaupten, daß die "kulinarische Vernunft" eine Art Gegen-Aufklärung ist und zwar in dem Sinne, daß sie Gefühlen Priorität gewährt und das Zufällige dem Wesentlichen vorzieht. In diesem Sinne verliert die Frau die Kontrolle über die Realität und ist mehr für Unterwerfung als für Gleichheit prädestiniert.

"Kulinarische Vernunft" ist in erster Linie durch Launenhaftigkeit gekennzeichnet. Sie unterliegt keinen Gesetzen, sondern lediglich dem Geschmack des Nahrungskonsumenten, ist also rein subjektiv. Auf diese Art und Weise wurde die Frau allen universellen Gesetzen entfremdet, mit deren Hilfe sie sich die Geschehnisse in der externen Welt und ihre eigenen Erfahrungen erklären konnte. Statt dessen wurde sie in ihrem Verständnis, ihren Erklärungen und den Interpretationen ihrer Erfahrungen auf ihre eigene geistige Kapazität beschränkt. Wenn dies nicht ausreichte, griff sie auf mythische Erklärungen zurück, die eine Alternative zu ihrer Unfähigkeit darstellte, sich die Geschehnisse um sie herum kraft ihres Intellektes zu erklären. Ein Beispiel hierfür ist der weibliche Aberglaube (Horoskope, Wahrsagerei, etc...). So wurde die Frau ihrer zivilisatorischen Rolle, die sie zu Beginn der Zivilisation noch ausübte, nach und nach entfremdet und vom Subjekt der Zivilisation zum kulturellen Objekt in einer patriarchalischen Kultur transformiert. Somit wurde der Handlungsraum der Frau auf die Befriedigung der männlicher Wünsche und Ambitionen reduziert.

Wenn ein Mann verkündete, die Frau sei lediglich ein Objekt der Schönheit und dazu angelegt, in einem Mann den Geschmack für Schönheit zu befriedigen, dann konzentrierte sie ihr Bestreben darauf, ihre Schönheit zu perfektionieren, um von Männern akzeptiert und begehrt zu werden. Auf diese Art und Weise wurde die Frau vollständig von der Festlegung des Wertesystems, die nun zu einem Monopol der Männer geworden war, ausgeschlossen. (Gesetze, Religion, Sitte, Tradition...etc.).

Dennoch hat sich die Frau diesen Bedingungen nicht vollständig unterworfen, sondern blieb in einem kontinuierlichen Zustand von Spannung und Widerstand, und diese Spannung charakterisiert ihre Persönlichkeit und hält sie in einem Zustand, in dem sie jederzeit bereit ist, zu explodieren. Hier stellt sich die Frage: Wie können wir diese unterdrückte Spannung und diesen Widerstand in eine positive Revolution gegen alle Formen der Dichotomie, dem Merkmal patriarchalischer Kulturen, transformieren?

Um eine Antwort auf diese Frage zu bekommen, muß sich die Frau zunächst der Ursache ihrer Spannung im Umgang mit Anderen (Frauen eingeschlossen) bewußt werden und begreifen, in welchem Maße diese Spannung ihr Leben dominiert. Bewußtwerdung beginnt mit dem Aufdecken der Wurzeln der weiblichen Illusionen, die ihre "kulinarische Vernunft" kennzeichnet. Diese Illusionen können auf vier beschränkt werden:

Erste Illusion: der Glaube der Frau, daß ein Mann ihr Sicherheit gibt, und daß er willkürlich darüber entscheidet, ob er ihr diese Sicherheit gewährt.

Zweite Illusion: der Glaube der Frau, daß ihre Freiheit vom Mann abhängig ist.

Dritte Illusion: der Glaube der Frau, daß sie für den Mann ein Objekt der Begierde ist.

Vierte Illusion: der Glaube der Frau, daß ihr Ziel darin besteht, für die Ziele ihres Mannes zu leben (hinter jedem großen Mann steht eine starke Frau).

Die ersten vier Illusionen stützen sich auf den Glauben, daß Männer im Sinne von Macht, Autorität und Freiheit den Frauen und somit in ihrer Fähigkeit, das eigene Schicksal zu bestimmen, überlegen sind. Diese Illusion ist das Resultat eines Mangels an Bewußtsein der historischen Dimensionen, die eine repressive Realität für Männer und Frauen abdecken und die optische Illusion schaffen, daß Männer Frauen überlegen und in ihrer Beziehung zu Frauen repressiv sind.

Fernerhin ist es offensichtlich, daß die Verbreitung dieser vier Illusionen von Frauen und nicht von Männern abhängt, trotz der Tatsache, daß der Mann der Ursprung der Illusionen oder im engeren Sinne der der patriarchalischen Gesellschaft ist, die auf männlicher Autorität und Dominanz basiert.

Um die Wurzeln der weiblichen Illusion aufzudecken, muß die Frau ihre eigenen Täuschungen mit kritischer Vernunft betrachten.

Meiner Ansicht nach ist die vierte Illusion die gefährlichste von allen, denn sie ist für die "kulinarische Vernunft", dem wahren Hindernis bei der Befreiung der Frau aus der Dichotomie in ihren Beziehungen zu Männern, verantwortlich. Die weiblichen Ambitionen müssen aus ihrem innersten Selbst oder in den Worten Bergsons aus dem "moi profond" und nicht aus dem oberflächlichen Selbst oder "moi social" erwachsen. Das soziale Selbst (moi social), welches nicht authentisch und oberflächlich ist und somit im Widerspruch zum authentischen Selbst (moi profond) steht, wird von der patriarchalischen Gesellschaft geschaffen, um Frauen zu zwingen, ihr moi profond zu unterdrücken und ihre berechtigten Ambitionen zu verneinen, sich vollständig als menschliches Wesen zu verwirklichen. Um dies zu erreichen, wurde den Frauen die Illusion vermittelt, ihr höchstes Ziel bestehe darin, männliche Ambitionen zu erfüllen. Dies begünstigte die Entstehung bestimmter Eigenschaften, die als weibliche Eigenschaften identifiziert werden, wie etwa Verschlagenheit, Heuchelei, Lügen usw. Diese Eigenschaften wurden allmählich zum Bestandteil ihrer psychologischen Struktur im Sinne eines von Frauen entwickelten Verteidigungsmechanismus zum Überleben in einer männlich dominierten Kultur. So liegt die Abhängigkeit von Frauen in patriarchalischen Kulturen in der Negation ihrer kreativen Rolle in der Geschichte der menschlichen Zivilisation. Was nun zu tun bleibt, ist die Negation der Negation, welche die verlorengegangene Einheit zwischen Mann und Frau wiederherstellt und ihre natürliche, zu Beginn der Zivilisation vorherrschende Beziehung wieder gutmacht.

Abschließend möchte ich folgende Gedanken anführen: Zur Befreiung der Frauen von der "kulinarischen Vernunft" ist es meiner Ansicht nach notwendig, daß sich Frauenbewegungen, insbesondere die Theoretiker/innen des Feminismus trotz ihrer Vielfalt folgender Tatsache bewußt werden sollten:

Die Zurückweisung einer universellen Vernunft aufgrund der Tatsache, daß sie patriarchalisch, maskulin und logo-zentriert ist, führt zu einer Erhaltung der "kulinarischen Vernunft".

Eine Zurückweisung der Aufklärung enthüllt die wahren repressiven Tendenzen, die in verschiedenen Kulturen gegen Männer und Frauen vorherrschen, wie zum Beispiel religiöser Fundamentalismus und Konservatismus.

Die Notwendigkeit, eine Form der post-kulinarischen Vernunft zu formulieren, indem man eine neue Erkenntnistheorie mit neuen Kategorien entwickelt, die sich von Kantschen Kategorien ableiten und diese dann in dem Sinne ablösen, daß anstelle einer Dichotomie zwischen Mann und Frau eine neue Einheit zwischen den Geschlechtern tritt. Diese neue Einheit richtet sich gegen eine repressive entmenschlichende Macht, indem wir gemeinsam auf eine Bewegung der Entdogmatisierung hinarbeiten und auf diese Weise allen Formen der Dogmatisierung entgegenwirken, seien sie religiöser oder fundamentaler Natur oder sozialer und politischer Konservatismus.

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