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Wege durch die Zeit ins 21. Jahrhundert


Ethik der Schaffung, der Verteilung und des Konsums von Wohlstand

Ansprache in der Eröffnungssitzung "Ethik der Schaffung, der Verteilung und des Konsums von Wohlstand"

Christian Comeliau
Professor für Wirtschaftsentwicklung am "Institut Universitaire d`Etudes du Developpement", Genf, Schweiz

 
Übersetzung: Dr. Katerina Wolf
Redaktion: Carla Geerdes

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Ökonomie

 

Einführung

 

Als Vertreter der Wirtschaftswissenschaften fühle ich mich außerordentlich geehrt, eine Eröffnungsrede im Rahmen der Konferenz "World Philosophers Meet" halten zu dürfen. Ich möchte Ihnen an dieser Stelle ins Bewußtsein rufen, daß die Begründer der "politischen Wirtschaft" im achtzehnten Jahrhundert Philosophen waren. Heute haben jedoch die meisten Ökonomen die moralische Dimension ihrer Rolle weitgehend vergessen.

Ich möchte meinen Vortrag mit einem Thema beginnen, das ich selbst als das zentrale Paradoxon der Neuzeit ansehe. Dieses Paradoxon liegt im Kontrast zwischen Leistung und Potential unseres Systems der "Moderne" und den wachsenden Bedürfnissen unserer Gesellschaft. Die Leistungen unseres wirtschaftlichen Systems waren in den letzten zwei Jahrhunderten hinsichtlich der technischen Erfindungen, der Akkumulation und des Konsums von Wohlstand für eine Bevölkerung, die im Jahre 1750 0,8 Milliarden, im Jahre 1900 1,6 Milliarden betrug und im Jahr 2000 mehr als 6 Milliarden betragen wird (Bairoch, 1997, I S. 22), mehr als überragend. Den Angaben des UNDP (1997) und Untersuchungen über Einkommen und Lebensstandard zufolge verringerte sich die Armut in den letzten fünfzig Jahren mehr als in den vergangenen fünf Jahrhunderten. Dieselben Quellen besagen jedoch auch, daß die Anzahl der in extremer Armut lebenden Menschen (weniger als ein US Dollar Tagesverdienst pro Kopf) heute ca. 1,3 Milliarden beträgt, mit steigender Tendenz. Das Ungleichgewicht bezüglich des Einkommens und dem Zugang zu materiellen Grundbedürfnissen vertieft sich wieder; in vielen Ländern, die reichen OECD Länder eingeschlossen, entstehen neue Probleme in den Bereichen Ernährung, Gesundheit sowie Unterkunft und Bildung. Entwicklung und Unterentwicklung leben in den gleichen Ländern und Regionen, manchmal sogar in den gleichen sozialen Gruppen nebeneinander und betreffen nicht nur die Komponenten des materiellen Wohlstands sondern auch ihre sozialen Dimensionen: extremer Individualismus anstelle von Verantwortung und sozialem Zusammenhalt, Konkurrenz und Einsamkeit anstelle von Geselligkeit und Solidarität, Entfremdung und Autoritarismus anstelle von sozialem Bewußtsein und echter Demokratie.

All diese Merkmale sind bekannt, und es liegt nicht in meiner Absicht, hier eine neue Beschreibung der sozialen Situation der heutigen Zeit vorzulegen; ich möchte lediglich den Kontrast zwischen den außergewöhnlichen Kapazitäten unserer Zivilisation, die eine zunehmend globale Dimension für sich beansprucht und der Tatsache, daß diese Zivilisation offenbar unfähig ist, auch nur die geringsten Grundprobleme dieser Welt - extreme Armut, um nur ein Beispiel zu nennen - zu lösen und darüber hinaus in unbegrenztem Maße neue Formen sozialer, politischer, ökonomischer und ökologischer Probleme kreiert, hervorheben. In anderen Worten: das Potential unseres technologischen und ökonomischen Systems war bislang nicht in der Lage, die Probleme der heutigen Zeit zu lösen, im Gegenteil, es scheint, daß die Probleme noch vertieft wurden.

Diesen Kontrast möchte ich in meinem Vortrag kurz analysieren. Im zweiten Teil, der sich auf die Tatsache beruft, daß unser soziales System grundsätzlich von ökonomischen Voreingenommenheit und Werten dominiert wird, versuche ich, die wesentlichen Prinzipien ökonomischen Denkens darzulegen, das "Entwicklungsmodell" oder die Form sozialer Organisation, die ihren Ursprung in der Geschichte Westeuropas hat und sich im weiteren Verlauf über die ganze Erde verbreitet hat, zunächst unter dem Kolonialsystem und dann mit Hilfe nationaler und internationaler Strategien. Im dritten Teil meines Vortrags möchte ich verdeutlichen, warum dieses System meiner Ansicht nach absurd ist und nicht als "globalisiert" bezeichnet werden kann. In den letzten beiden Abschnitten stelle ich die Frage: "Können wir etwas tun, um diese Situation zu ändern?". Ich werde einige geläufige Antworten auf diese Frage aufgreifen und die notwendigen Veränderungen erörtern, die in unserem System ethischer Werte für die Zukunft vorgenommen werden müssen.

Soll ich meine Angst darüber eingestehen, daß ein solches Konzept, wie ich es auf den folgenden Seiten skizziere, ebenfalls absurd sein könnte, weil es die Dinge vereinfacht oder gar zu ehrgeizig ist? Das Problem unserer "Entwicklungsstrukturen" und ihrer zugrundeliegenden Werte ist ihrer Natur nach jedoch "global", und ich finde es extrem schwierig, die Argumentation zu teilen, wenn ich Ihnen eine kritische Analyse dieser Muster präsentieren möchte. Aus diesem Grunde bitte ich Sie, mir meinen Eifer nicht nachzutragen. Ich habe nicht vor, sie hinsichtlich aller meiner Schlußfolgerungen zu überzeugen, aber ich möchte mit Ihnen zumindest eine Art tiefster Beunruhigung teilen, was die Zukunft unserer Gesellschaft angeht. Diese Zukunft sieht sich mit Problemen konfrontiert, die primär nicht nach technischen Lösungen, sondern nach einer grundsätzlich neuen Auseinandersetzung mit unserem Wertsystem verlangen. Und es ist dieser Prozeß, der mir persönlich als die wichtigste Aufgabe eines Treffens der "Philosophen dieser Welt" erscheint.

 

Die wesentlichsten Prinzipien der vorherrschenden ökonomischen Denkweise

 

Lassen Sie mich zunächst auf einige Grundprinzipien hinweisen, die hinter der vorherrschenden ökonomischen und sozialen Organisation unserer Zeit stehen, das bedeutet, hinter dem ökonomischen System dieser Welt, von dem gesagt wird, es befinde sich im Prozeß der "Globalisierung". Wie Sie sicherlich verstehen, werde ich einen konzeptionellen Rahmen vorstellen, um die globale Situation erklären zu können und nicht versuchen, den einen oder anderen sozialen Lösungsvorschlag zu rechtfertigen.

Die Grundprämisse der sozialen Philosophen der "Aufklärung", die sich in Westeuropa während des 18. Jahrhunderts entwickelt hat, kann in folgenden Gedanken zusammengefaßt werden: sozialer Fortschritt ist sowohl wünschenswert als auch vorstellbar, das menschliche Individuum ist für diesen Fortschritt verantwortlich, soziale Macht und Autorität kommt nicht von Gott, sondern ergibt sich aus einer Übereinstimmung individueller Bürger einer demokratischen Gesellschaft. Die technologischen Veränderungen der "industriellen Revolution", die Expansion des Austausches wirtschaftlicher Güter und die Entstehung des kapitalistischen Systems, welches durch die Niederlage der sozialistischen Alternative Ende des gegenwärtigen Jahrhunderts noch verstärkt wurde, haben die Idee des sozialen Fortschrittes in materielle und quantitative Begriffe übersetzt: Fortschritt oder "Entwicklung" bedeutet: Wachstum der Produktion, des Austausches, der Akkumulation und des Konsums von Waren (innerhalb der freien Marktwirtschaft wären dies z.B. Güter und Dienstleistungen, die individuell verwendbar sind). In diesem Sinne findet die Produktion für den Konsum statt. Für den Konsumenten ist Konsum jedoch nur möglich, wenn er die Güter, die er konsumieren will, auf dem freien Markt individuell erstehen kann: die wichtigste Regel der Marktwirtschaft ist, daß er eine Ware nur gegen Bezahlung erhält (wobei das Preissystem anonym durch die Konfrontation zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Markt festgelegt wird). Auf der Seite des Produzenten und gemäß der Logik der Marktwirtschaft werden Waren und Dienstleistungen nur produziert, wenn der Hersteller sie zu einem profitablen Preis verkaufen kann: Produktion findet nicht statt, wenn Bedarf da ist (wie auch immer die Definition, die Realität und Künstlichkeit dieses Bedarfs aussehen mag), sondern nur dann, wenn sich eine Rentabilität daraus ergibt. Die Bedürfnisse zahlungsunfähiger Individuen sowie die "kollektiven" Bedürfnisse - das bedeutet die Bedürfnisse, die nicht durch individuelle Zuweisung von Gütern oder durch individuellen Zugang zu Dienstleistungen abgedeckt werden - (z.B. das öffentliche Gesundheitswesen oder das System der Straßenbeleuchtung oder soziale Gerechtigkeit) werden durch eine reine Marktwirtschaft prinzipiell nicht in Betracht gezogen, es sei denn, sie versprechen Rentabilität.

In dieser Sichtweise soll ein profit-orientiertes ökonomisches System mit einem bedürnis-orientierten ökonomischen System identisch sein. "Entwicklung" besteht aus einem unbegrenzten Wachstumsprozeß von Gütern, die produziert und ausgetauscht werden. Die sogenannten "Entwicklungsstrategien" konzentrieren sich fast ausschließlich auf das, was man als die Grundlagen für den Wachstumsprozesses ansieht, nämlich Kapitalinvestition und -akkumulation, Festhalten an der freien Marktwirtschaft mit minimalen "Abweichungen" (deren Ursache in äußeren Interventionen vermutet wird), konsequente Öffnung für Im- und Export und - an wichtigster Stelle - Gewinnmaximierung der privaten Seite. Diese Ecksteine sind jedoch nicht nur theoretische Prinzipien, denn, obgleich sie in praktischer Hinsicht in verschiedene Richtungen differenziert werden müssen, so bilden sie doch die geistige Grundlage für die Mehrheit der Entwicklungspolitik auf der nationalen ebenso wie auf der internationalen Ebene, was deutlich wird, wenn man sich die rechtlichen Grundlagen der Bretton Woods Institutionen ansieht.

 

Die Hauptschwächen des Weltwirtschaftssystems

 

Die Mehrheit der Mächtigsten von heute, und dies gilt sowohl für die öffentliche als auch für die private wirtschaftliche Sphäre, beansprucht, stolz auf das oben skizzierte System sein zu können, von dem angenommen wird, daß es in der Vergangenheit in der Lage war und in der Zukunft in der Lage sein wird, die Probleme des sozialen Fortschritts zu lösen und zwar in dem Maße, daß diese in den Fortschritt des materiellen Wohlstandes durch quantitativen Wachstum assimiliert werden. Seit Beginn der neunziger Jahre, dem Fall der Berliner Mauer und dem Niedergang des "Sozialismus" als praktische Alternative für die Entwicklungsländer, wurde dieser exklusive, quasi-religiöse Glaube an die freie Marktwirtschaft das Objekt einer intellektuellen Systematisierung und, was noch wichtiger ist, einer politischen Lehre, die in Frankreich la pensee unique genannt wird.

Lassen sie mich einen Punkt ganz klar machen: ich stehe nicht in Opposition zu den Prinzipien der Marktwirtschaft, ich sehne mich nicht nach einer Rehabilitation der Sowjeterfahrung - die zweifelsohne aus den unterschiedlichsten Gründen zu den größten Katastrophen der Menschheit zählt - und ich bemühe mich auch nicht um irgendeine Form des Autoritarismus. Ich möchte lediglich anbringen, daß reine Marktwirtschaft ebenfalls verschiedene menschliche Katastrophen verursachen kann und zwar in dem Maße, in dem sie ein exklusives Kriterium sozialer Organisation ermöglicht. Die Essenz dieses Arguments liegt in dem Wort "exklusiv": trotz der offensichtlichen Verfeinerung des gegenwärtigen wirtschaftlichen Systems ist die Menschheit und die Welt zu komplex, als daß sie von einem einzelnen und vereinfachten Kriterium regiert werden könnte. Aus diesem Grunde muß eine Lösung der Probleme in den Begriffen einer "gemischten Marktwirtschaft", welche die Mechanismen der Marktwirtschaft mit den Mechanismen des politischen Prozesses kombiniert, in Betracht gezogen werden. An dieser Stelle möchte ich das Prinzip einer "gemischten Marktwirtschaft" nur sehr kurz erörtern, denn ich glaube, es ist effektiver, wenn ich mich bei diesem Vortrag auf die Werte einer neuen Denkweise konzentriere, die zu einer Verhinderung der bevorstehenden "Sackgasse" des gegenwärtigen Weltwirtschaftssytems beitragen könnten.

Ich möchte mich nun erneut der Logik der Marktwirtschaft zuwenden. Ich wiederhole, daß gemäß dieser Logik sozialer Fortschritt materiellen Wohlstand bedeutet, Entwicklung unbegrenzten Wachstums der Konsummöglichkeiten, "besser" soviel wie "mehr" versinnbildlicht und Profitabilität die Grundvoraussetzung des gesamten Wirtschaftssystems darstellt. Ich wiederhole fernerhin, daß in dieser Sichtweise "nicht-profitable Bedürfnisse" (individuelle oder kollektive) schlichtweg ignoriert werden. An diesem Punkt offenbart sich ein neues Paradox dieser sogenannten "Logik": das System, welches "nicht-profitable Bedürfnisse" ignoriert, multipliziert die Situationen "nicht-profitabler Bedürfnisse" und "kollektiver Bedürfnisse", die durch dieses System, laut Definition, nicht gelöst werden können.Die Gründe für dieses Paradoxon sind vielseitig und komplex: ich möchte versuchen, sie anhand dreier Kategorien zu schematisieren:

a) Wachstum stellt nicht nur eine von vielen Komponenten dieser wirtschaftlichen Organisation dar. Im kapitalistischen System ist sie eine der Grundvoraussetzungen der Marktwirtschaft. Dies erklärt die spektakulären Erscheinungsformen des Systems in der Vergangenheit und vor allem die Bedeutung der Industrialisierung - eine Möglichkeit der Produktionssteigerung und des Wachstums - innerhalb der historischen Expansion dieses Systems. Industrialisierung war und ist auf Konsumsteigerung nicht erneuerbarer Ressourcen begründet und zwar in einem Rhythmus, der sich mit keiner anderen Periode der Menschheit vergleichen läßt. Das Resultat hiervon sind nicht nur verschiedene Formen der Umweltverschmutzung, sondern die unwiederbringliche Zerstörung und radikale Veränderung natürlicher Ressourcen, wie etwa biologische Vielfalt und klimatische Stabilität. Das Bewußtsein für diese Konsequenzen fängt sich nun langsam an zu manifestieren, aus überwiegend politischen Gründen geschieht dies jedoch nicht in dem Ausmaß, in dem es hinsichtlich der zukünftigen Entwicklung notwendig wäre (z.B. hinsichtlich des individuellen Energieverbrauchs). Dies trifft auf die meisten reichen Länder zu, die jegliche Form der wirtschaftlichen Veränderung ablehnen, die eine Reduktion des Konsums natürlicher Quellen beinhaltet; in besonderem Maße trifft dies jedoch auch auf die sogenannten "Entwicklungsländer" zu, die sich selbst als benachteiligt ansehen und kein Verständnis dafür entwickeln wollen, ihr diesbezügliches Verhalten zu ändern. Das "globale" Resultat dieses endlosen Wachstums ist die Tatsache, daß der Lebensraum des Menschen die Kapazität dieses Planeten bei weitem überschreitet (Daly, 1991).

b) Es ist eine unweigerliche Tatsache, daß die Übernahme dieses Entwicklungskonzeptes durch die Entwicklungsländer eine Reproduktion der westlichen Erfahrung und somit eine Imitation der Lebensweise der eigenen Vorfahren darstellt. Und es ist dieses Konzept, welches nach wie vor das Ideal eines positiven Entwicklungskonzeptes repräsentiert und zwar nicht nur für die Mehrheit der weltweiten öffentlichen Meinung, sondern auch in den Augen ihrer jeweiligen Regierungen, einflußreicher internationaler Organisationen, wie etwa der Weltbank oder der Welt-Handels-Organisation. Es erscheint mir jedoch, daß dieses Konzept aus folgenden Gründen in eine Sackgasse zu führen scheint: zum einen, weil dieser Übernahmeprozeß arithmetisch wesentlich länger dauert, als gewöhnlich angenommen wird und zum anderen - und dies ist von wesentlicherer Bedeutung - weil dieser Imitationsprozeß ein unbegrenztes, unter Umständen sogar unmögliches Unterfangen darstellt. Ein weiterer, sehr wichtiger Grund, liegt in der gegebenen Begrenzung der lebenserhaltenden Kapazität unseres Planeten.

c) Das oben genannte Argument kann als Einführung für die Verteilungslösung angesehen werden, die dem Globalisierungsprozeß der Marktwirtschaft und den vorherrschenden Entwicklungsstrategien inhärent ist. Ein auf Kriterien der Profitabilität und Lösbarkeit basierendes System führt unweigerlich zur Akkumulation von qualitativem Ungleichgewicht: der Produktionsapparat arbeitet in erster Linie für die profitabelsten Bedürfnisse, es vergütet die Besitzer der produktivsten Faktoren, die Reichen werden immer reicher und die Armen werden immer ärmer. Ich möchte noch einmal ganz klar hervorheben, daß diese Behauptung nicht nur eine theoretische Schlußfolgerung darstellt, sondern empirisch bewiesen werden kann: das Ungleichgewicht auf dieser Erde wird immer größer und zwar weniger zwischen Nationen als vielmehr zwischen sozialen Gruppen oder Klassen innerhalb der Nationen (Giraud, 1996).

Die Verteilung stellt aus wirtschaftlichen, sozialen und ethischen Gründen das Hauptproblem unserer Gesellschaft dar. In einer Marktwirtschaft brauchen Käufer Geld, um produzierte Waren und Dienstleistungen kaufen zu können; in den meisten Fällen wird die Kaufkraft des potentiellen Käufers durch die Vergütung seiner Arbeit gewährleistet. Hinsichtlich der Profitabilität braucht die Wirtschaft jedoch immer weniger menschliche Arbeit, und Kaufkraft könnte immer konzentrierter werden: wenn das Potential des Exportmarktes erschöpft sein wird, könnte es zu einer Art Versorgungsüberschuß in der Weltwirtschaft kommen - trotz der Tatsache, daß viele Grundbedürfnisse unabgedeckt bleiben. Soziale Kohäsion und Gleichgewicht kommen in arge Bedrängnis, wenn das Ungleichgewicht bestimmte Grenzen überschreitet, besonders, wenn das System individuellen Wettkampf, Ausführung und Bereicherung unterstützt und Solidarität, Zusammenarbeit und sozialen Austausch zerstört. Ein Minimum an sozialer Kohäsion ist jedoch notwendig, wenn die Marktwirtschaft funktionieren soll. Ungleichgewicht und Unterschiede sind offensichtlich in keiner Gesellschaft zu vermeiden; sie werden jedoch dann zu einem ethischen Problem, wenn sie die menschliche Würde beeinträchtigen und zu Ausbeutung, Vorherrschaft und Kriegen zwischen sozialen Gruppen führen.

Aus diesen Gründen können wir argumentieren, daß das kapitalistische System kollektive Bedürfnisse weckt, für die es keine kollektiven Lösungen anbietet. Die Verhinderung unbegrenzten Wachstums durch begrenzte Ressourcen und die Entstehung von Spannungen, die mit der Ausweitung von Konkurrenz bei einer gleichzeitigen Verminderung von Solidarität zusammenhängen, stellen kollektive Veränderungen dar, die nur durch kollektive Entscheidungen oder durch einen Agent der kollektiven Meinung gelöst werden können. Die Marktideologie entmutigt jedoch systematisch den Bereich der Marktwirtschaft - ausgenommen, wenn es direkt der Wirkungsweise der Marktwirtschaft dient. So stoßen zum Beispiel Gesundheitswesen oder Demokratie bei den Entscheidungsträgern der freien Marktwirtschaft auf kein Interesse, es sei denn, daß hierdurch die Produktivität oder die öffentliche Ordnung verbessert wird, Grundvoraussetzungen für das Funktionieren dieser Märkte. Es ist für unser Verständnis von wesentlicher Bedeutung, daß diese Herausforderungen nicht das Resultat der Mechanismen der Marktwirtschaft sind sondern des exklusiven Gebrauchs dieser Mechanismen und der systematischen Unterordnung aller kollektiver Mechanismen unter die Mechanismen der Marktwirtschaft. Es ist zum Beispiel nicht schwierig zu demonstrieren, daß die sogenannte "neue" Rolle des Staates, wie sie von der Weltbank in dem "World Development Report 1997" bezeichnet wird, in Wirklichkeit ein "untergeordneter Staat" ist, ein Staat, der fast völlig von der Marktwirtschaft abhängt (Comeliau, 1998b).

An dieser Stelle können wir folgende Schlußfolgerung treffen. Die Tendenz zu einer exklusiven Verallgemeinerung der marktwirtschaftlichen Systems als exklusive Regel für die Organisation aller Beziehungen in allen menschlichen Gesellschaften auf der gesamten Erde ist absurd, unmöglich und auf alle Fälle inakzeptabel. Diese Sichtweise ist absurd, weil sie Bedürfnisorientierung und Profitorientierung verwechselt, so zum Beispiel die Bedeutung und die Resultate wirtschaftlicher Aktivität; weil sie kollektive Probleme multipliziert, während sie kollektive Lösungen zurückweist und vor allem, weil sie ausschließlich unbegrenztes Wachstum in einer begrenzten Welt vor Augen hat. Aus diesem Grund ist sie auch nicht zu verwirklichen (wer kann so tun, als ob das gegenwärtige Ausmaß des Energieverbrauchs pro Kopf in Nordamerika oder Westeuropa in einer Bevölkerung von sechs bis zwölf Milliarden realisierbar sein kann?), und sie ist nicht umsetzbar, weil Distanz und Ungleichgewicht eine unentbehrliche Komponente des Imitationsprozesses sind.

Und schließlich, warum sollte diese Sichtweise als nicht annehmbar angesehen werden, wenn sie sowieso niemals verwirklicht werden kann? Ich glaube, hierfür gibt es einen präzisen Grund: die Logik und Ideologie des Systems benötigt eine grenzenlose Verbreitung auf dem gesamten Planeten; auch wenn dies möglich wäre, die Überzeugung, daß dieses System nicht verallgemeinert werden kann, wird von seinen Befürwortern nicht öffentlich anerkannt. Für sie besteht die einzige Lösung darin, sich so zu benehmen, als könne man das bestehende System verallgemeinern und gleichzeitig, zumindest für einen Übergangszeitraum, eine Art "politisch akzeptierbarer Ausschließlichkeit" derer, die auf jeden Fall ausgeschlossen werden müssen, zu organisieren. Ich denke, diese Hypothese vermag eine vernünftige Erklärung für den gegenwärtig modernen "Kampf gegen die Armut" abgeben. Aber offensichtlich bleibt diese Art von Trick auf einer ethischen Grundlage völlig inakzeptabel.

 

Was muß getan werden?

 

Können wir über diese negative Haltung radikaler Kritik hinausgehen? Was können wir tun, wenn wir uns bewußt werden, daß das gegenwärtige System nicht um seiner selbst willen gerettet werden soll, sondern daß Gegenwart und Zukunft der Menschheit hinsichtlich Erhaltung der Gesellschaft und Überleben der Mehrheit der Menschen (vielleicht aller) beträchtlichen Problemen entgegensieht? Und was können wir tun, wenn wir uns vor Augen führen, daß die meisten Komponenten des gegenwärtigen Systems aus ethischen Gründen inakzeptabel sind?

Eines meiner Hauptargumente hinsichtlich der Interpretation unseres gegenwärtigen wirtschaftlichen und sozialen Systems ist seine ausschließliche Abhängigkeit von den Wirkungsweisen der Marktwirtschaft, unsere Gesellschaft in wirtschaftlicher und somit sozialer Hinsicht zu organisieren, denn wir leben in einer Welt, in der wirtschaftliche Vorurteile immer mehr überwiegen. Aus diesem Grund muß hinsichtlich einer Lösung der Probleme eine "gemischte Wirtschaft", die in der Lage ist, die individuelle Effizienz der Mechanismen der Marktwirtschaft mit der sozialer Effizienz des politischen Prozesses zu kombinieren, in Betracht gezogen werden. Wie ich jedoch bereits gesagt habe, ist dies weder der Ort, noch der Augenblick, sich wiederholt (Comeliau, 1998a) ausführliche Gedanken über die möglichen Inhalte eines solchen Systems zu machen. Ich möchte hier lediglich drei Beobachtungen darlegen und Ihnen die dritte als eine allgemeine Schlußfolgerung nahelegen.

Die erste Beobachtung betrifft die Notwendigkeit einer politischen Debatte hinsichtlich der Zukunft unserer Gesellschaft. Mit "politisch" meine ich nicht nur "kollektiv", sondern vielmehr eine kollektive Debatte über die Resultate, Ziele und Visionen unserer Gesellschaft, dies kennzeichnet die Merkmale, die sie als ihre eigene Form sozialen Fortschritts oder Verbesserung annehmen wollen. Politische Debatten sind aus der Mode gekommen, dennoch: viele Deklarationen zugunsten von Demokratie, Führung unserer Gesellschaft insbesondere in wirtschaftlicher Hinsicht, sind grundsätzlich technokratisch, autoritär und politisch unverantwortlich. Die erste Voraussetzung für eine solche Debatte bestünde darin, entgegen dem gegenwärtigen Trend "Politik" in den Vordergrund zu stellen - im etymologischen Sinne von "die Regierung eines Staates" - und in der Unterordnung von Wirtschaft und Technologie.

Die zweite Beobachtung zielt darauf, einige geläufige falsche Lösungen aus Gründen der Absurdität, Undurchführbarkeit und Inakzeptanz zurückzuweisen. Zu diesen falschen Lösungen zählen: die Auffassung von Entwicklung als Übernahmeprozess und Imitation der westlichen Erfahrung; die Überzeugung, daß die Schwächen des gegenwärtigen Systems vielmehr auf eine unvollständige oder inadäquate Anwendung ihrer Regeln als auf die Regeln als solche zurückgeführt werden und die daraus resultierende Empfehlung einer wesentlich radikaleren Anwendung der Logik der Marktwirtschaft; der Glaube, daß Wachstum immer "die Lösung aller wirtschaftlicher Probleme" darstellt, insbesondere der Probleme der Beschäftigung und ihrer Konsequenzen, und daß Wachstum aus diesem Grund um jeden Preis sozial und ökologisch vergrößert oder aufrechterhalten werden sollte; und schließlich die Ansicht, daß die Bekämpfung der Armut, so wie sie gegenwärtig organisiert ist, eine annehmbare Lösung für die strukturellen Probleme unserer Gesellschaft darstellt - sowohl sozial als auch ethisch.

 

Schlußfolgerung: Bewegen wir uns auf ein neues Wertesystem zu?

 

Wie bereits angekündigt, ist die dritte Beobachtung die bedeutendste von allen. Denn hier erhebt sich die Frage nach einem neuen Wertesystem.

Es gibt jedoch einleitende Schwierigkeiten: Ist eine Entstehung "universeller" Werte in dieser Welt möglich? Ist sie überhaupt wünschenswert? Die Antwort darauf ist komplex und ziemlich paradox.

Einerseits ist die "Globalisierung" zumindest einiger ökonomischer Beziehungen, so etwa im Bereich der Technologieproduktion, des Handels und der Finanzen, nicht mehr nur eine ideologische Angelegenheit, sondern vielmehr eine reale Tatsache geworden. Verallgemeinernd läßt sich sagen, daß der "Entwicklungsprozeß" als eine Streuung verweisender, in Westeuropa beheimateter Entwicklungsmuster analysiert werden kann. Die Basiskriteria dieser Muster sind Effizienz, Profitabilität, Konkurrenz, etc., sozialer Fortschritt, ökonomische Entwicklung und wirtschaftliches Wachstum. Daher ist dieser "Entwicklungsprozeß" auch die Streuung verschiedener Grundwerte, wie zum Beispiel Individualismus, materielle Bereicherung, Aggression, Tüchtigkeit, Konsumverhalten, etc. Daher die Frage: befinden sich diese Werte nicht schon ohnehin in einem Prozeß der Universalisierung?

Andererseits wird die Streuung dieser Entwicklungsstrategien durch verschiedene Gesellschaften mit verschiedenen Kulturen und sozialen Strukturen und somit sozialen und kulturellen Reaktionen konfrontiert: Globalisierung kann nicht Homogenisierung bedeuten. In diesem Zusammenhang kann die Auferlegung westlicher Werte als eine Form von unannehmbarem Ethnozentrismus oder sogar kulturellem Imperialismus angesehen werden. Die gegenwärtige Diskussion hinsichtlich der sozialen Klausel im internationalen Handel, hinsichtlich des Bestrebens, die Fruchtbarkeitsrate in den armen Ländern zu senken, hinsichtlich des Konzepts der Armut und hinsichtlich verschiedener Interpretationen menschlicher Rechte sind Beispiele für solche sozialen und kulturellen Reaktionen. Als vorläufige Schlußfolgerung können wir festhalten, daß ein Prozeß einer progressiven und tendenziösen Universalisierung bestimmter Werte, insbesondere hinsichtlich der Grundvoraussetzungen der Weltwirtschaft existiert: es ist jedoch mehr als ungewiß, daß dieser Satz von Werten über einen "funktionalen Mindestsatz" hinweg entwickelt werden kann, bzw. sollte.

Nachdem dies nun gesagt wurde, sollte eine Lösung - die Notwendigkeit eines neuen Nachdenkens über die Zukunft der Weltwirtschaft und der Gesellschaft - nicht darin bestehen, eine klare Entscheidung zwischen einer Akzeptanz bzw. Ablehnung des gesamten westlichen Wertesystems zu treffen, sondern vielmehr darin, eine Selektion innerhalb dieser Werte vorzunehmen. Die Prinzipien dieser Selektion sind klar: sie sollte nach solchen Kriterien getroffen werden, die es ermöglichen, die ausgewählten Werte hinsichtlich ihrer sozialen Annehmbarkeit, wirtschaftlichen Effizienz, ökologischen Haltbarkeitund politischen Angemessenheit in Beziehung zu den Orientierungen, die sich aus der politischen Debatte entwickeln, zu setzen.

Natürlich ist eine derartige Formulierung außerordentlich komplex und mag darüber hinaus nicht sehr realistisch erscheinen, zumindest solange sie nicht auf einen speziellen sozialen und kulturellen Kontext angewendet wird. Um dies ein wenig nachvollziehbarer zu machen, lassen Sie es mich mit dem zentralen, oben entwickelten Argument in Verbindung setzen: nach allem besteht das Hauptproblem des gegenwärtigen Systems nicht so sehr in seiner Abhängigkeit von den Mechanismen der Marktwirtschaft und ihres Wertesystems, sondern in seiner ausschließlichen Abhängigkeit von diesen Mechanismen und Werten und in der Tatsache, daß es keine anderen Kriterien akzeptiert. Das Problem bei der Auswahl neuer Werte liegt daher im Verwerfen der Ausschließlichkeit (oder des monopolistischen Status, wenn Sie das vorziehen), der Kriterien der Konsumsouverenität, Konkurrenz, Kurzzeit-Profitabilität, etc. und in ihrer Kombination mit kollektiveren Kriterien. Wenigstens drei solcher Kriterien können hier erwähnt werden:

  • individuelle Freiheit; und zwar nicht nur im Sinne von Autonomie der Entscheidung bzw. Wahl des Konsumenten, sondern vielmehr im Sinne von der Möglichkeit, sich aus den engen geistigen Grenzen des homo oeconomicus und einem ökonomischen Globalisierungsprozeß, vor dem es, in den Worten William Greiders (1997, S. 15) "kein Entrinnen gibt" zu befreien; Sie können dies die Suche nach "Transzendenz" nennen.
  • ein Gefühl von Solidarität und sozialem Zusammenhalt, in dem die Rechte aller Menschen auf ein gutes Leben, sowohl als Individuum als auch als Mitglied einer Gruppe, anerkannt werden.
  • und, allgemeiner, ein Sinn für soziale Verantwortung - wie sie in der globalen Auffassung z. B. von Hans Jonas (1993) definiert wurde -, "sowohl für eine kleine Gruppe als auch für die Menschheit, sowohl für die Gegenwart, für eine längere Periode, als auch für die zukünftigen Generationen".

Ich halte es nicht für notwendig, mit einer ausgiebigen Aufzählung wünschenswerter Werte für die Zukunft fortzufahren. Die oben erstellte Liste mag vielleicht trivial erscheinen, in Wirklichkeit stellt sie jedoch das genaue Gegenteil dessen dar, was von den herrschenden Vertretern der (vom Westen seltsamerweise so benannten) "entwickelnden Gemeinschaft" als geläufiges Wertesystem akzeptiert wird. Die Herausforderung besteht nicht darin, eine solche Liste zu erstellen, dennoch: die Herausforderung für alle Gesellschaften besteht in einer Diskussion über ihre Entschiedenheit, über die Grundsteine eines besseren sozialen Lebens und darin, diese Grundprinzipien in Lösungen zu übersetzen, die von ihnen zunächst gefunden werden müssen. Solche praktischen Lösungen können z. B. folgendermaßen aussehen: wie können menschliche Bedürfnisse und Wünsche im Rahmen der gegenwärtigen wirtschaftlichen Organisation und darüber hinaus und über die Grenzen der Marktwirtschaft hinaus zum Ausdruck gebracht werden? Wie sieht die Zukunft der menschlichen Arbeit und Beschäftigung aus? Wie sieht die wünschenswerteste Rolle des Staates in einer gemischten Wirtschaft und Gesellschaft aus? Welche Werte sollten verwendet werden, wenn Geld, Profit und Kapitalanhäufung nicht mehr als Hauptkriterien von Entwicklung gewertet werden und welche Rolle könnten Institutionen oder institutioneller Wandel hinsichtlich der Entwicklung einnehmen?

Lassen Sie uns noch einmal wiederholen: die Debatte ist politischer Natur. Das ökonomische Denken sollte politischem und ethischen Denken dienen und nicht andersherum. Aber die politische Debatte ist heute dringender, als sie es jemals war.

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