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Wege durch die Zeit ins 21. Jahrhundert


Ethische und Moralische Implikationen neuer Technologien inklusive Gentechnik

Neue Technologie und Laientum: Eine spirituelle Perspektive, anläßlich des World Philosophers Meet im August 1998 in Genf, Schweiz, vorgelegt von

S. K. Chakraborty
Convenor, Management Center for Human Values, Indian Institute of Management, Calcutta,
           Indien

Übersetzung: Fritz Mikesch
Redaktion: Carla Geerdes

Energie
Frieden
Hinduismus
Holismus
Kommunikation
Kritik
Musik

Erfindung als Mutter der Notwendigkeit

Zum Auftakt möchte ich mich vielen anderen anschließen, deren Glückwünsche den weitreichenden, oft spektakulären Beiträgen der Technologie zur menschlichen Existenz gelten. Das wirft ein Dilemma auf und mündet in die Frage, ob ich undankbar bin, indem ich sie als Nutznießer zugleich kritisiere.

Nun kann ich aber nicht anders, als einen holistischen Blick auf die Technologie und ihre beiden Dimensionen zu werfen: ihren augenscheinlichen Glanz und ihre andere Seite, die als wirklich besorgniserregend gelten muß. In diesem Prozeß werde ich einen primär subjektiven Standpunkt einnehmen, während ich objektive Technologie betrachte und über einige Anstöße reflektieren, die sich aus dem Vorrücken eines Königreichs der Meßbarkeit im Verhältnis zum Geschick der Unermeßlichkeit des Daseins ergeben.

Die psycho-philosophische Indische Theorie der gunas (Elemente des Ursprungs, die alles in der Natur konstituieren), werde ich als Rahmenwerk benutzen, um das Thema zu erschließen. Die Perspektive wird dem Blick auf die Welt im Sinne der Bhagavadgita entsprechen. Der andere Teil theoretischer Begründung unserer Analyse wird um das Konzept von Ich und Selbst (oder das Ich in Umkehrung seiner selbst) aufgebaut werden (empirisches in Relation zum transzendentalen Ich oder vyavaharika im Verhältnis zu paramarthika vyaktitva ). Die schwierige Lage der Dritten Welt, die in den Wirbel der Technologie gerät, wird, wenn auch nur am Rande, ebenfalls berührt werden. Die Verwandlung des menschlichen Wesens in eine zwanghafte Wunschmaschine, die sich dem Erneuerungs- und Erfindungsprinzip als Puppe zur Verfügung stellt, ist Anlaß der tiefen persönlichen Beunruhigung, an deren Darstellung mir gelegen ist.

II. Hastige Heirat und Zeit, zu bereuen

Lassen Sie mich ein paar Schnappschüsse der technologisch basierten Lebensweise anbieten, die sich mehr und mehr verbreitet:

(A) Personal Computer: Vor ein paar Jahren galt er als Statussymbol. Jetzt ist er beinahe allgegenwärtig. Mit Zuweisungen unbegrenzter Information und höchst beschleunigter Verarbeitungsenergie wurde sein Ruhm gesungen. Diese Eigenschaften, hieß es, würden dem Benutzer die Freiheit gewähren, zu denken, überflüssiger Plackerei zu entkommen, zahlreiche Alternativen zu erforschen, herausragende Lösungen oder Entscheidungen zu erzielen und so weiter fort.

    Ein kürzlicher Bericht allerdings fördert wie auch immer PC-Sorgen zutage, indem er sie mit der flotten Phrase "cyber sickness" (Cyber-Krankheit) belegt. Der Schreiber erwähnt neuartige Gebrechen wie das Computer-Visions-Syndrom (CVS) und das Kritische Tunnel Syndrom (CTS), zitiert den Befund einer pharmazeutischen Gesellschaft, der nachweist, daß 60 Prozent aller Augenbeschwerden Computerbenutzer betreffen. Er stellt auch fest, daß im Westen sieben von zehn Leuten, die beruflich mit Computern zu tun haben, unter dem CVS Syndrom leiden (1).

    (B) Betrugsrechner und Websites (Netzplätze): Vor kurzem gab es in einer australischen Zeitung einen Report über die neueste Prüfungs-Schummel-Waffe, eine Sorte japanischer Kalkulatoren, die es jeweils zwei Studenten erlauben, einander gegenseitig während der Examina per Richtstrahl unsichtbare Antworten auf Prüfungsfragen zu übermitteln. Der zunehmende Verkauf "elektronischer Essays" und "Terminpapiere" durch Websites für Schurken wie Evil House of Cheat oder School Sucks in den USA ist eine anschwellende Bedrohung akademischer Institute. (3)

    (C) Zwänge technologischer Investition: Dow Corning hatte ein Silikon-Gel-Produkt entwickelt und mit dem Vertrieb begonnen. Einige Mitglieder der Firmenbelegschaft waren besorgt wegen uneindeutiger, wenn auch potentiell schädlicher Folgen des Produkts. Deren Ansichten gingen aber in der generellen Übereinstimmung aller anderen unter, das Produkt wunschgemäß zu verkaufen, um vernünftige R&D-Investmentchancen und weitere Fabrikation zu sichern. Wie auch immer, etwas später gab es aufgrund der stetig wachsenden Häufung nachteiliger Anhaltspunkte eine Regierungsintervention, gefolgt von einem Haufen ungünstiger Publicity, das alte Management wurde abgelöst und das neue verpflichtet, die Herstellung des fragwürdigen Verkaufsartikels einzustellen.

    (D) Die Antwort der Technologie auf technologische Probleme: Ingenieure werden ständig ermahnt, sich um die Gewichtsreduktion und Steigerung der Leistungsfähigkeit von Automobilen in Relation zum Treibstoff zu kümmern, zugleich wird eingeräumt, daß die Zahl der Autobenutzer unaufhaltsam ansteigen wird. Von technologischen Durchbrüchen dieser Art erwartet man sowohl die Lösung von Problemen der Verkehrsdichte, als auch der Luftverschmutzung. Ähnlich wird auf dem Gebiet der Informationstechnologie das verführerische Bild der Möglichkeit entworfen, über ein Taschentelephon zu verfügen, dessen gleichzeitiger Kabel- und Radioempfang unter einer einzigen persönlichen Nummer registriert werden. (4)

    Es ist schwer zu begreifen, wie der ansteigende Autokonsum unsere Probleme nicht komplizieren und verschlimmern sollte, während das Wachstum der menschlichen Bevölkerung als überaus beängstigend gelten muß. Ähnlich werden Pocket-Telefone und andere solcher Spielsachen für Erwachsene das geistige Gleichgewicht und die Gesundheit ihrer Besitzer auf nagende Weise bedrohen. Wie kommt es, das derart ernsthafte, in Kürze zu erwartende Gefährdungen des Individuums schlicht ignoriert werden? Daß eine 24-Stunden-Dauerbetriebs-Gesellschaft die Menschheit an den Rand des Wahnsinns treibt, das machen die folgenden Worte technikferner Autoren bewußt (5):

    "Die Amerikaner werden durch Arbeit angefeuert, von Zeitmangel zerfetzt. Technik hat ihr Leben nicht verbessert. Kein Wunder, daß ein Viertel von ihnen sagt, sie seien erschöpft. Sie werden sich abkühlen müssen, bevor sie den Ort des Zusammenbruchs erreichen."

    (E) Internet Netzwerk: Es wurde mitgeteilt, eine der Initialbemühungen im Rahmen von Cyberspace-Technologie sehe vor, den Internet-Benutzern dieselbe Leichtigkeit des Surfens per Fernsteuerung zu erlauben, an der sich gegenwärtig die Fernsehzuschauer erfreuen. Dieses Projekt bis zum Jahr 2002 zu installieren, würde bedeuten, im Zeitraum von drei Jahren 840 Satelliten in die Umlaufbahn zu schicken. Der Orbit ist aber schon überladen mit gefährlichem Weltraumschrott. Nebenbei würde das Vorhaben auch die komplexen Schwierigkeiten einschließen, Signale von einem Satelliten zum anderen zu übermitteln (6). Es erhebt sich die Frage, ob dieses technische Wunder auf irgendeine Weise zur Linderung der Armut, schlechten Gesundheit und Arbeitslosigkeit beitragen wird. Scheint es nicht vielmehr eine Brutstätte unvorstellbarer Probleme für künftige Generationen zu sein ?

    (F) Biotechnologie und Genetik-Ingenieurwesen: Die Reise in diese Sphäre hat mit Samenkreuzungen und hybriden Kühen zugunsten der Ertragssteigerung begonnen. Jetzt kulminiert sie in Form des Tier- und Menschenklonens. Irgendwann werden solche Labordurchbrüche kommerzialisiert oder militarisiert werden, weil das heutzutage die beiden dominierenden Impulse der Welt sind. So haben es zwei Autorinnen kürzlich beobachtet: "...als Dolly, das Klon-Schaf, letzte Woche für seine ersten Fototermine herausgeputzt wurde, hatte das Publikum Gelegenheit, zu lernen, daß nun alle Arten genetischen Unheils inklusive der Säugetier-Klonung möglich sind." (7) Es ist eine allgemein vergessene Tatsache, daß die meisten der technologischen Kunststücke, die dem Durchschnittsmenschen heute auf Schritt und Tritt begegnen, ihre Herkunft und Entstehung aus Kriegszeiten ableiten. 1985, als die Welt politisch-militärisch bipolar (in zwei große Lager geteilt) war, mußte ein Nobelpreisträger, der Physiker Maurice Wilkins, zugeben, daß ungefähr "die Hälfte aller Wissenschaftler und Ingenieure der Welt jetzt mit Programmen der Kriegführung beschäftigt sind, daß die gesamte amerikanische Raumfahrt sich zu sehr erheblichen Teilen auf militärische Bedürfnisse gründet und daß der wahre Umfang des Vortriebs der globalen Wissenschaftstätigkeit durch das Militär bis jetzt noch nicht vollständig realisiert wird. (8)

    Was wir jetzt sehen, ist folgendes: unschuldige Kinder kommen auf verborgenen Minenfeldern zu Tode, auf dem Mond werden Hotels geplant, der schwunghafte Organhandel mit menschlichen Transplantaten floriert, usw. Was auch immer die Versprechen gentechnischer Ingenieurkunst von heute sein mögen, indem sie sich an historische Tendenzen vorangegangener Entwicklungen der Technik halten, die Quelle der Zukunft, die aus dieser Ära der neuen Stoßrichtung entspringen mag, kann schwerlich als insgesamt gütig und hilfreich wirkend begriffen werden, egal, was die Gentechnik gegenwärtig in Aussicht stellt.

    (G) TV - Unterhaltung : nach drei Dekaden des Massengebrauchs hat es der Fernseher zum Titel "Idioten-Box" gebracht. Er ist eine Bedrohung geworden, Ursache weltweit degradierender Angleichung von Kindern und Jugendlichen im Sinne von Gewalt, Promiskuität, auffallend unerträglicher Konsumbereitschaft und so weiter. Diese nachteiligen Folgen überwiegen die viel gerühmten Vorteile des Fernsehens wie Information, Unterhaltung, Erziehung etc. Faktisch hat die heutige Generation (unsere Kinder) das Lesen als Mittel der Selbsterziehung oder einfach zum Vergnügen vergessen, weil alles gargekocht und aufgemotzt über den Bildschirm flimmert. Seichte Rast- und Ruhelosigkeit ist das natürliche Resultat dieser Tendenz.

    (H) Menschliche Gesundheit: Anstatt einem der heiligsten Aufrufe der Menschheit zu entsprechen, wurde aus der Gesundheitsvorsorge ein geschäftsmäßiger High-Tech-Beruf. Technologie hat das Feld in solchem Ausmaß besetzt, daß wir heute nur fachlich eingeengte Spezialisten haben, die nicht fähig sind, den Patienten in seiner Gesamtheit zu begreifen. Für die Kranken ergibt sich daraus häufig die schreckliche Erfahrung, zu zahllosen kostspieligen und komplizierten Testverfahren verpflichtet zu werden, die oft mit Gewimmer enden.

    Vor kurzem wurde ein Herzpatient von einem angesehenen Pflegeheim in Kalkutta nach Amerika verlegt. Die indischen Ärzte gaben aufgrund ihrer Erfahrung mit dem Patienten ihren amerikanischen Kollegen die Anweisung, ihre High-Tech-Verfahren beständig, aber behutsam anzuwenden. Letzteres wurde nicht beachtet, und der Patient starb sehr bald aufgrund der zugemuteten hochtechnologischen Testreihen-Hetze. Sein System gab auf, bevor die Behandlung beginnen konnte.

    (I) Befruchtete Unfruchtbarkeit (oder: Verödung durch Fruchtbarmachung): wissenschaftliche Mitglieder Zentrums für Erdwissenschafts-Studien haben unlängst mitgeteilt, daß die "Reis-Schüssel" von Kerala (Kuttanad) fast vollständig zerstört wurde. Während einer Zeit von dreißig Jahren nach der Konstruktion eines Damms (im Original bund), angeblich, um die Übersalzung durch Meerwasser zu verhindern, erwies sich die Ablagerung und Anhäufung von Rückständen chemischen Düngers in stehenden Gewässern als die unerwartete Seite des geplanten Effekts. Das hat die Ökologie des Areals in solchem Umfang geschädigt, daß nicht nur der jährliche Ertrag von Hülsenreis ohne Steigerung blieb, sondern die Fische in den Seen und die Palmbäume (für die Herstellung von Palmschnaps- oder Whisky) entlang der Felder zu sterben begonnen haben. Die Ansässigen werden gedrängt, das Gebiet aufgrund des erosionsbedingten Verlustes der Lebensgrundlagen zu verlassen. (9)

Die wenigen zur Verfügung gestellten Beispiele sollten uns anspornen, ernsthaft über die Weisheit nachzudenken, die in der geistreich-witzigen Aussage des gewählten folgenden Untertitels dieser Sektion enthalten ist.

III. Nektar zum Einstand, Gift für das Ende 

(aus Nektar beim Aufbruch wird Gift, das dich tötet)

Die erste Zeile von Vers 37 und die zweite von Vers 38 im Kapitel 18 der Bhagavadgita lesen sich wie folgt : (10)

    yat tad agre vishamiva, parinamey-amritopaman

    parinamey vishamiva, yad tad agre amritopaman

Das erste Zitat kündet von der Freude, die anfänglich wie Gift, zuletzt aber wie Nektar ist, während das zweite von der Nektarähnlichkeit zu Beginn spricht, die am Ende wie Gift wirkt. Es gibt Leute, die von der Neigung beherrscht werden könnten, Wohlbefinden oder Glück anzustreben, indem sie sich eines der beiden charakteristischen Motive zu eigen machen. Bei weitem die Mehrzahl von uns neigt allerdings zur zweiten Möglichkeit. Ob aus Gründen göttlichen Willens oder genetischer Kondition, das zeitgenössische Menschentum läßt mehr denn je zuvor eine allgemeine Tendenz erkennen, sich um den Preis langwieriger Pein für kurzfristige Ziele zu entscheiden. Wie läßt sich dieses Phänomen psychologisch erklären ?

Die indische Theorie von trigune, den elementar psycho-energetischen Kräften, (gunas genannt ), scheint eminent geeignet, um diese mißliche Lage zu interpretieren. Qualitativ am höchsten verfeinert und herausragend unter den drei gunas ist sattwa guna, wovon erhellendes Verstehen konstituiert wird. Und so interpretiert Sri Aurobindo Vers 14.11 der Gita über diesen Modus der Natur :

    Die Intelligenz ist lebhaft und lichtvoll, die Schnelligkeit der Sinne wird gesteigert, die gesamte Geistesverfassung ist eine zufriedene und voll von strahlendem Glanz, der Nervenzustand ein beruhigter, von Helligkeit des Behagens und Klarheit erfüllter, prasada. Wissen, harmonisches Wohlgefühl, Freude und Glück sind die charakteristischen Ergebnisse von sattwa.

Das zweite, rajo guna oder rajas, vereinigt essentiell positive Bestandteile mit ebenfalls assoziierten gefährlichen Merkmalen. Vers 14.2 über dieses guna wird folglich von Sri Aurobindo auf diese Weise ausgelegt: (12 )

    Rajas....ist die kinetische Kraft unter den Methoden der Natur. Seine Frucht ist das Verlangen nach Tätigkeit, aber auch nach Kummer, Schmerz und allen Arten des Leidens; da es von seinen Gegenständen nie recht Besitz ergreifen will,...und sogar seine Freude über gelungene Aneignung ist gestört und unstabil, weil es kein klares Wissen davon hat....alles unwissend passionierte Streben des Lebens gehört zum raja-verbundenen Naturbereich.

Das dritte, tamo guna oder tamas ist das ärmste der drei und befindet sich zu beiden anderen, sowohl sattwa, als auch rajas, in Opposition. Wie Sri Aurobindo es darstellt:

    "Tamas entspricht der Trägheit des Unwissens und Trägheit der Untätigkeit, einer doppelten Verneinung." (13 )

Diese guna Theorie ist das Resultat lang währender Versuche und durchlittener Erfahrung von indischen Seher-Psychologen der alten Zeit. Alle Manifestationen im Wirkungskreis der Natur, eingeschlossen die menschliche Persönlichkeit, sind Varianten der Kombination dieser drei gunas. Es ist das Überwiegen einer Komponente gegenüber den beiden anderen, woraus sich die verschiedenen Arten des Verhaltens, der Attitüden und Anlagen erklären lassen. Wenn sattwa das dominierende guna ist, dann wird eine leitende Persönlichkeit zum Beispiel im Sinne illuminierter Dynamik agieren, sich selbst und andere in Richtung langfristiger Ziele führen (des Nektars, könnte man sagen), indem sie der Versuchung kurzfristiger Zielsetzung widersteht (was auf Dauer wahrhaftig mit Gift gleichzusetzen wäre). Wenn die Führungskraft andererseits, und das trifft in dieser Angelegenheit auf jeden anderen in jeder beliebigen Rolle zu, von rajas beherrscht wird, wird sie sich von knappen Zielfristen ködern und zu blindem Dynamismus verleiten lassen (verbunden mit langen Zeiten künftiger Pein). Das Überwiegen von tamas würde natürlich zu träger Tatenlosigkeit führen.

Nach meiner Meinung trifft auf das galoppierende Tempo technologischer Neuerungen (ich ziehe es vor, den Begriff des Fortschritts nicht zu verwenden) folgendes zu: es symbolisiert die vehemente Dominanz des blind machenden rajo guna. Rajas ist narzißtisch, fasziniert von seinem eigenen blendenden Charme. Es ermangelt der objektiven Distanz, die aus sattwa zufließt. In unserer Epoche, diesem Zeitalter kalkulativen Kommerzialismus (das weder Ritterlichkeit noch kluge Gelassenheit kennt), scheint die Welt von einer vorherrschend "rajas-bedingten Schwächung" der Nationen, führenden Persönlichkeiten, Institutionen und so weiter fort regiert und gemanagt zu werden. Kommerzialisierung jeder Einzelheit unserer Existenz, wie sie diesem Rajas-Antrieb entspringt, scheint jedesmal zum Verfall menschlicher Werte geführt zu haben, sei es im Sport, in der Musik und Kunst, dem Erziehungswesen oder der Gesundheitspflege. Wissenschaft und Technik sind auch zu Werkzeugen der rajas-gelenkten Kommerzgesinnung geworden. Folglich, so brillant und lobenswert ihre Leistungen für sich genommen auch sein mögen, entsprechen deren zunehmende Stoßkraft und wachsender Einfluß auf den Menschen doch wesentlich einer wiederholten Erhärtung der Wahrheit, die in der Warnung enthalten ist: "Heirate überstürzt und nimm dir viel Zeit für die Reue". (oder: und nutze die Muße, um zu bereuen)

Cooper schrieb kürzlich über das von der Technologie geschaffene "relative Chaos", das "die Möglichkeit eines Lebens in Gänze stört ", sowie auch über die "von der Technologie offerierte Bedrohung der Vertraulichkeit" (14). Aber natürlich kann für einige wenige Nektar sein, was für die Vielen Gift ist. Auf diese Weise haben wir gierige Befürworter, die Bücher mit dem Gewicht eines Lexikons darüber schreiben, wie es sich im Chaos gedeihen läßt (15). Wir haben auch enthusiastische Anhänger der auf Computerbildschirmen entworfenen "virtuellen Welten", wo "in Häusern gewohnt wird, Rosen gerochen und durch Umarmungen Freundschaften zusammengehalten werden können" (16). Rajas-Narzißmus scheint diese Schriften für die Tatsache blind zu machen, daß solche virtuellen Realitäten lediglich die Vernichtung gehegter Wirklichkeiten der menschlichen Gesellschaft beweisen. Man ist sich kaum bewußt, daß kybernetische Räume leer und ohne nachhaltige Wirkung sind. Mechanische oder elektronische Meditation können unmittelbare menschliche Verbindungen nicht ersetzen. Virtuelle Umgebungen tendieren dazu, steril und leblos zu werden, sobald die erste Begeisterung verebbt.

IV. Ich brauche deine Gier für meine Gier

Das Hitopadesa (ein Ratgeber für wohl eingestimmtes Sein) erzählt die Geschichte eines listigen, wenn auch alt gewordenen und eher unbeweglichen Tigers, der einen leichtgläubigen Mann mit einer goldenen Kette verlockt, die er in der Pranke hält. Heuchlerisch benimmt er sich, als habe er seine gewalttätigen Gewohnheiten komplett aufgegeben und als warte er nur darauf, etwas wirklich Gutes für den Menschen zu tun und ihm die Kette auszuhändigen, für die er keine Verwendung hat. Der Mann zaudert eine Weile. Aber seine Gier überwiegt die Vorsicht. Also nähert er sich dem Tiger und streckt seine Hand aus, um nach der Kette zu greifen. Der Tiger schlägt seine Krallen in die Hand, zerrt den Unvorsichtigen zwischen seine Kiefer und erledigt ihn. Diese Parabel liefert profunde Gründe des Nachdenkens über die wahre Natur der techno-kommerziellen Ära, in der wir jetzt leben.

Es ist wahr, daß menschliche Wünsche und Gier uns hier immer begleitet haben. Aber dieses Faktum ehern legitimiert und in die wichtigste Maschine zur Steuerung der Menschheit verwandelt zu haben, scheint ein Post-Aufklärungs-Phänomen gewesen zu sein. Diese Periode hat viel hervorgebracht, worauf man stolz sein kann und was von der menschlichen Rasse gepflegt werden sollte. Nun bezeugt aber, und dies unbemerkt von den rationalistischen Protagonisten der Aufklärung, dieser selbe Zeitabschnitt Episoden wie die globale Spannweite des Kolonialismus, Sklaverei in der Neuen Welt und Dezimierung von hilflosen Eingeborenen, Apartheid, zwei katastrophale Weltkriege, den Holocaust, den Abwurf von Atombomben auf Japan, Imperialismus, sprießenden Waffenhandel, der lokale Kriegshandlungen schürt, die Gewaltspirale und soziale Störungen, ökologische Zerstörung und so weiter. Sollte die gegebene Aufzeichnung der Zeitläufe nach der Aufklärung, armiert und verstärkt durch den Einsatz neuer Technologien, nicht klargemacht haben, daß es die Gier ist, deren Gewalt als Schlüsselmotiv hinter all diesen Katastrophen agiert?

Arnold Toynbee, der Geschichtsdenker, hat Anklage dagegen erhoben, daß die moderne wissenschaftlich-technologische Zivilisation der materiellen Gier praktisch die Zügel schießen ließ. Auf der Suche nach den Wurzeln dieses Phänomens führen ihn die Spuren zum ursprünglichen Judaischen Monotheismus, später intensiviert durch Christen und Moslems, die zu dem Schluß kommen, daß niemand anders als der eine Schöpfer allein göttlich ist und daß die Gesamtheit des nicht-menschlich Erschaffenen durch Ihn in die Hand menschlicher Wesen gegeben wurde, auf daß sie damit verfahren wie es ihnen beliebt (18). Diese Weltanschauung hat alle Scheu und Ehrfurcht vor der Natur eliminiert. Als Resultat und parallel zur ansteigenden Kurve der Technologie hat sich die klaffende Lücke der technologischen Ethik erweitert, Rang und Glück des Menschen haben darunter gelitten (19). Toynbee's Einsichten sind eine klare Herausforderung an die Adresse aller leichthin zur Glorifizierung neigenden Anhänger der Aufklärungsrationalität (deren einige so weit gehen, sogar die Existenz des Wortes Gier zu leugnen).

Welche theoretischen Einsichten hat die Betrachtungsweise der altehrwürdigen Upanishaden in diesem Fall beizusteuern? Nehmen wir zum Beispiel den ersten Vers der Isha Upanishad : (20)

    Isha vasyam idam sarva,

    Yat kincha, jagatyam jagat;

    Tena tyaktena bhunjita,

    Ma gridha, kasya svid dhanam.

(All dies -- was auch immer auf Erden existiert -- sollte gesehen werden als bedeckt und umsponnen von Gott. Genieße es abgelöst. Sei nicht versessen auf irgend jemandes Reichtum.)

Der Typus erziehender Philosophie, die Art der Bewußtseinsformung im Interesse menschlicher Entwicklung, die sich in diesem Vers stillschweigend auf indirekte Weise vermitteln, lassen sich gliedern wie folgt:

    1. Alles auf Erden, so gut wie das eigene Ich, ist eine Manifestation höchster   Göttlichkeit, kultiviere und nähre dieses Gewahrsein durch beharrliche Mühe.

    2. Es gibt deshalb keinen Grund, irgend etwas zu beherrschen, anzugreifen oder sich habgierig anzueignen. Wenn Wahrheit Einssein und Gleichheit von allem bedeutet, was dann besitzen, wonach greifen?

    3. Nimm nur so viel, wie es deinen vernünftigen Bedürfnissen entspricht. Die Erde hat genug, um dies für alle zu erfüllen. Lerne überdies, nicht begehrlich oder gierig zu sein.

Nachweislich haben die Ashrams bewohnenden Befreier vor einigen tausend Jahren das vorbeugende Rezept für die Klemme und mißliche Lage des Menschen präzise so formuliert, daß es mit dem übereinstimmt, was Denker wie Toynbee seit einigen Jahren zu artikulieren begonnen haben.

Signifikanterweise haben zwei der neuesten Gentechnik-Autoren ähnliche Interessen wie Toynbee bekundet, indem sie sich auf das gestrandete Schiff des Judaismus, des Christentums und des Islam beziehen, Anschauungen, von denen die Schöpfung behandelt wird, als sei sie für die Ausbeutung durch Menschen geschaffen. Und wieder, wie Toynbee, schauen sie im Sinne einer fälligen korrektiven Annäherung hoffnungsvoll auf hinduistische und buddhistische Philosophie (21).

Durch das vorher Gesagte sollte deshalb klar sein, daß der Vedantische Monismus anstelle des Judeo-Christlichen Monotheismus eine mehr holistisch betonte und daher tragfähigere Philosophie bereitstellt, um während des nächsten Milleniums erzieherisch auf das menschliche Bewußtsein einzuwirken. Nur monistische Orientierung könnte imstande sein, Wissenschaft und Technologie bei der Wiederherstellung ihrer verlorengegangenen Empfindung für Balance und Proportionen zu helfen. Das mag auf den ersten Blick unmöglich und belanglos erscheinen. Aber da weder theoretisch, noch grundsätzlich eine bessere Alternative zur Verfügung steht, sind alle Anstrengungen aufgerufen, sich weit gespannt und bestimmend auf die Erweckung des monistischen Bewußtseins zu richten. Wenn das teilbare dualistische Bewußtsein, unterfüttert mit Monotheismus, ein paar Jahrhunderte gebraucht hat, um in unsere Zellen und Gewebe einzudringen, müssen wir geduldig und weitsichtig sein, um es allmählich durch den einigenden monistischen Geisteszustand zu ersetzen. Abnahme der durch High-Tech betankten Gier kann nur durch solche Art gelassener Mühe erreicht werden.

Wir haben in Indien eine Psychologie des Ich, die mit der Philosophie des Monismus korrespondiert und dazu paßt. Diese psychologische Theorie besagt in Kürze, daß es notwendig ist, die menschliche Persönlichkeit auf zwei verschiedenen Ebenen zu beurteilen: der des niedrigen, unreifen oder empirischen ich, und der anderen des höheren, reifen und transzendentalen Ich. Die Swetaswatara Upanishad transportiert dieses Zwei-Ebenen-Konzept in Form der Metapher eines Baumes, auf dem zwei vollkommen identische goldene Vögel zu sehen sind. Einer von ihnen hüpft rastlos von Zweig zu Zweig und pickt unaufhörlich an bitteren oder süßen Früchten. Der andere sitzt zufrieden im Wipfel und beäugt als ruhevoller Zeuge seinen rastlosen Kameraden, der zwischen Pein und flüchtigem Vergnügen hin und her hüpft (22). Irgendwann aber schaut der untere Vogel nach oben, erhascht einen Blick auf den Gefiederten, der auf den höchsten Zweigen sitzt und völlig gleich aussieht, wenn auch gefaßt und unverwandt. Jetzt erinnert sich der untere wieder an das Gefühl der Identität mit dem höheren Vogel, fliegt hoch und verschmilzt mit ihm in perfekter Vollendung. Alles in allem ist Hierarchie nicht so scheußlich und widerwärtig, wie sie von bestimmten intellektuellen Kreisen dargestellt wird.

Psychologisch gesprochen symbolisiert der Hühnerstangenvogel im Bereich der unteren Zweige unser von Defiziten betriebenes, unaufhörlich hungriges Ich. Der Vogel auf den Zweigen höherer Regionen andererseits ist das selbstbeherrschte poorna Ich. Er repräsentiert das unabhängige, in sich selbst glückselige Substrat der menschlichen Persönlichkeit. Dieses Ich ist wahrlich die Fontänenspitze der Würde, von der Toynbee spricht. Der niedrigere Vogel, allzeit gierig und hungrig, neigt zu Bösartigkeit und kleinlichem Wesen. Die biblische Hervorhebung, daß "das Königreich des Himmels innen ist", oder die Gita Erklärung: "atmany eva atmana tusta" (23) (der atman oder das höhere Ich ist in sich selbst zufrieden) dies sind die Rufe, die uns aus den Klauen des unversöhnlich gierigen rajas-niedrigen Ich retten können.

Moderne Technologie bringt das erbarmungslose Schwanken dieses Ichs zum Vorschein. Rajo guna wird tatsächlich von diesem niedrigen Ich aufgeladen, sehr im Sinne einer wirkungsbedingten Verwandtschaft. Das ruhelos dahin hetzende, von außen gesteuerte Wesen von rajas ist der Schlüsselfaktor im Hintergrund der explodierenden Technologiewolke. Es ist das sattwa-genährte, selbstgenügsame höhere Ich (oder Selbst), das die Wissenschaft davor schützen kann, in den Händen der Technologie zu degenerieren. Laßt uns diese schönen Zeilen aus Shelley's Stanzen in Erinnerung rufen:

Geschrieben in Niedergeschlagenheit, nahe Neapel :

that content surpassing wealth

the sage in meditation found,

And walked with inward glory crowned.

 

Übertragung des Übersetzers :

 

dies Genügen über alle Maßen reich

in Meditation der Weise fand's

Und schritt gekrönt vom innern Glanz.

 

Wissenschaft kann als Suche der Menschheit nach dem "Wissen um des Wissens willen" im Königreich des Äußeren behandelt werden. Technologie bleibt aber verdächtig, weil sie fast immer "Wissen nutzt, um der Gier zu dienen".

Cooper hat recht, wenn er sagt, daß Versuche, die "Formen reflektierenden moralischen Urteils" vor sentimentaler Kontamination, dem verderblichen Einfluß der Gefühle zu schützen, ohne Zusammenhang sind (24). Ich stimme vollkommen mit ihm überein, wenn er weiterhin das Horror-Gefühl gegenüber bio-technisch erzeugten Tieren kommentiert, indem er zu bedenken gibt, daß "objektive" Urteile darüber nur aus "angemessenen Empfindungen" von Leuten abzuleiten seien, "mit denen alles in Ordnung ist" (25). An anderer Stelle habe ich des längeren die psychologische Theorie und das Verfahren von chittashuddi oder antarshuddi (Purifikation des Herzens, der Gefühle und Emotionen) als Grundlage für ganzheitliche, holistische und objektive Entscheidungen diskutiert (26). Das ist erforderlich, weil das menschliche Wesen im Kern subjektiv ist, nach Objektivität ringt und zuletzt an diesem Vorsatz scheitert. Bevor wir uns mit diesem Faktum nicht konfrontieren, wird das kontaminierte (und Gier setzt eine psychische Vergiftung in Gang) niedrigere Ich (oder Selbst) fortfahren, ein subjektives Element zu manifestieren, das entartet ist und wir werden das Tor verfehlen, eine objektive äußere Umgebung zu erschaffen, die geeignet wäre, um auf das Individuum erhebend zu wirken, trotz aller Ansprüche der Technologie. Dem sauren Apfel muß mitten ins Herz gebissen werden: der Frage von Ich vice versa Ich. (Selbst in Umkehrung seiner selbst)

Der stürmische Zuspruch, der heute den Marktplätzen, der Globalisierung, Privatisierung, Liberalisierung und ähnlichem zuteil wird, ist eine direkte Folge der Vergöttlichung des Eigeninteresses, ein Euphemismus für Gier. Sauls Argument, daß "Alles, von der Schulausbildung bis zu den öffentlichen Dienstleistungsbetrieben auf der selbst-destruktiven Basis des Eigeninteresses umstrukturiert wird" ist korrekt (27). Der Marktplatz entspricht dem neuen allmächtigen Uhrmacher-Gott, solide unterstützt von seinem Erzengel Technologie (28). Später fährt Saul in seinem Buch damit fort, zu betonen, daß die Invokation des "Marktplatzes" als Heiliger Geist nur dazu diene, uns selbst "auf das schmale und kurz terminierte Prinzip der Ausgrenzung einzuschränken" (29); das oft laute und irreführende Gerede über Energien und Vorteile durch technologischen Aufwand sich zu wenig mehr als "geringfügigen technischen Manipulationen" summiere (30) und daß, wenn "Globalisierung" (und Handel) als "Essenz der Bestimmung" ausgerufen werden, deren Protagonisten sich zugleich wenig um die Folgen für Jobs und Lebensmaßstäbe scheren (31).

Nachdem sie das ausschließlich "ökonomische Modell des Menschen" auf die Spitze getrieben hatte, wurde damit zwangsläufig festgelegt, daß Technologie ausnahmslos den Geboten der Regierungen und Institutionen dienen würde, jeden Aspekt des sozialen Umweltgefüges so inhuman wie möglich zu gestalten. Nach Ansicht der Vedantisch-spirituellen Psychologie deutet sich damit an, daß unsere Gesellschaft ausschließlich auf dem Fundament des niedrigeren oder empirischen Ich erbaut ist, das konstitutionell defizitär gelenkt wird.

Die Hauptrichtung moderner Psyche scheint dem ökonomischen (oder niedrigeren, mangelgesteuerten) Modell des Ich beträchtlich dabei geholfen zu haben, seine Vormachtstellung durch resolute Leugnung des trans-empirischen höheren Ich zu erreichen. Dieses spirituelle Ich ist selbst-erfüllt, in sich ganz und vollständig. Dies ist die psychologische (oder seelenkundliche) Bedeutung der Kunde: "Das Königreich ist innerlich".

Die furiose Gangart des technisch gesteuerten Handels und Geschäftsverkehrs macht aus den Menschen vollständig veräußerlichte Wesen. Die Überschwemmung unserer Leben durch den Massenandrang exponentiell wuchernder Technologie erzeugt eine verblödende, erschöpfende Zentrifugalität des Bewußtseins. Eine derart nach außen gerichtete, fliehkraft-bestimmte Existenz verliert ziemlich bald ihren Charme und treibt uns dazu, ohne Unterlaß nach frischen technologischen Inputs zu suchen, die über das tägliche Leben herfallen und einmarschieren. Dieses chaotisch ankerlose Environment ist der Inbegriff psychologischen Fallouts der Technologie für das individuelle Laientum (für den technischen Laien als Individuum).

Die Isha Upanischade und ihre Anweisung, nicht auf den Reichtum anderer versessen zu sein, kann nur gebührend beachtet werden, wenn das Individuum nicht vollständig von seinem rajasischen, defizitär gesteuerten niedrigen Ich in Anspruch genommen wird. Schließlich sollte wenigstens ein Teil ihres oder seines Bewußtseins in das Gewahrsein des autonom vollständigen (poorna) höheren inneren Ich eingebettet sein. Falls Technologie das Individuum verschleppt und immer weiter von seinem höheren Ich wegzerrt, sollte es damit beginnen, sich in aller Stille aus dieser fatalen Zerschlagung zurückzuziehen. Ein Hauch von Shelley's Weisem muß den inneren Raum jedes Menschen bewohnen und sich darin finden lassen.

Am Beginn dieses Jahrhunderts hatte Rabindranath Tagore, Indiens mystischer Nobelpreisträger der Literatur, über Einfachheit als Quelle der Wahrheit, Kraft und Schönheit gesprochen. Einfachheit beseitigt die Blockaden, von denen die Fähigkeit der inneren Vision behindert wird und fördert die Transparenz. Beides ist wesentlich um der Wahrheit willen, die, obschon nicht greifbar, dennoch "wirklicher ist, als das Faßliche und Zahlreiche" (32). Die "Philosophie der Armut" erklärend, die seiner Schule in Shantiniketan zugrunde lag, hatte Tagore seinem amerikanischen Publikum zu verstehen gegeben, daß "Armut uns in vollständige Berührung mit dem Leben und der Welt bringt, weil wohlhabendes Leben zum größten Teil Leben durch Vollmacht ist und auf diese Weise der Existenz in einer Welt von geringerem Wirklichkeitsgrad entspricht. Das mag gut sein für das eigene Vergnügen und den Stolz, aber nicht für die Selbsterziehung" (33). In diesem Sinne folglich auch sein wagemutiger Vorschlag, daß jedermann eine begrenzte Zeit seines/ihres Lebens dafür reservieren sollte, nach Art der Primitiven verbracht zu werden, in unmittelbarer Berührung mit Natur und Natürlichkeit (34).

Im Rahmen einer Lesung in China 1924 hatte Tagore das folgende besonders betont: "Einfachheit ist das Ergebnis von Jahrhunderten der Kultur; diese Einfachheit rechnet nicht mit ihrem eigenen Wert, fordert keinen Lohn und deshalb haben alle, die in die Macht verliebt sind, kein Bewußtsein davon, daß die Einfachheit des spirituellen Ausdrucks das höchste Gut der Zivilisation ist" (35).

Sattwa guna, höheres Ich und Schlichtheit verhalten sich komplementär bei der Erschaffung des einzigen für die Menschheit erträglichen Milieus, eines spirituell geprägten. Die höchste Form des Humanismus, die edelste Würde waren und sind nur durch spirituelle Einfachheit zu erlangen.

V. Technoxikation ? - Vorsicht

1989 begannen die Vereinigten Staaten mit dem Genom-Projekt, das mehr als drei Billionen Dollar kosten und bis zum Abschluß vermutlich fünfzehn Jahre benötigen wird. Sein Zweck ist es, den gesamten genetischen Code des Menschen zu identifizieren.

Das ist nach allen Maßstäben ein spektakuläres sci-tech Projekt. Daß ein solcher Aufwand mit der innewohnenden höchstmöglichen Qualität wissenschaftlicher Hingabe verbunden ist, steht außer Frage. Trotzdem ist es ein hervorstechendes Kennzeichen dieser Bemühung, daß sie ausschließlich auf die materielle, physische Existenz von Menschen gerichtet ist. In ihrem Rahmen wird von "Human-Steigerung" (Verbesserung, Verschönerung) durch geplanten Umbau genetischer Codes gesprochen. Zweifellos werden die Entdeckungen dieser Forschung und deren Anwendung neue Krankheiten und Gebrechen der wohl-habenden sci-tech Ära effektiver anpacken. Dennoch scheint die gesamte Ausrichtung solcher Ziele die Rolle des menschlichen Willens, seine/ihre physio-sensuellen Grenzen zu transzendieren und in das Königreich nicht-egoistischer, nicht-leibfixierter Ebenen psychischer Perfektion einzugehen, vollkommen zu ignorieren. Nicht subjektive Anhebung des Bewußtseins, sondern objektive genetische Manipulation scheint als bestimmend für die nächste Runde der menschlichen Evolution angesehen zu werden. Sri Aurobindo, der bedeutendste indische Philosoph und Weise der Neuzeit, sagte :

    Für immer in diesem Ego eingeschlossen zu sein, entspricht nicht seiner letztmöglichen Vollendung;

    er kann eine universelle Seele werden, eins mit der höchsten Einheit, eins mit anderen, eins mit allen Wesen.

    Das sind der hohe Sinn und die Stärke, die sich in seinem Menschsein verbergen.

Dieses Statement ist von kapitaler Wichtigkeit, weile es eine Sicht der Evolution vermittelt, die sich insgesamt von allem unterscheidet, wovon das Genom-Projekt gesteuert wird. Aurobindos erläuterndes Rahmenwerk sagt uns, daß sich die dynamische Natur aufeinanderfolgend gemäß der folgenden Sequenz entwickelt hat : "Materie -- Leben -- Verstand -- Geist" (über dem Verstand). Zunehmend verfeinerte und vollkommene Entfaltung des Bewußtseins sind der Grundton dieser evolutionären Reise. Gemessen daran, daß der menschliche Körper offenbar eine bessere Gußform ist, als der einer Pflanze oder eines Tieres, um das Erblühen mentaler Bewußtheit zu fördern, ist die progressive Entschlossenheit der Natur unmißverständlich. Aber der gegenwärtig verwirrte, stolpernde, problemerzeugende mind-set der Menschheit kann nicht der finalen oder obersten Intention ihrer Entwicklung entsprechen. Bis zur Ankunft menschlicher Form auf Erden war die Natur verschwenderisch mit der fortgesetzten Kreation von Millionen physischer Erscheinungen beschäftigt. Wie auch immer, nach dem Auftauchen des Menschen hat sie allem Anschein nach aufgehört, weiterhin neue Formen hervorzubringen. Die Beschaffenheit des Menschen scheint der Höhepunkt des physischen Aspekts der Evolution zu sein. Entwicklung ist nunmehr mit der Absicht verbunden, sich im subjektiven Bereich höheren und immer höheren Bewußtseins in Richtung des Geistes zu entfalten (38). Dieses Bewußtsein wird von Sri Aurobindo als "yogic consciousness" bezeichnet. Er erklärt, was es ist und bedeutet:

    Nicht nur der Dinge, oder der Kräfte gewärtig zu sein, sondern auch des bewußten Wesens, das sich hinter diesen Kräften verbirgt.

    All dessen ist man sich nicht nur in sich selbst bewußt, sondern auf universelle Weise (39).

    (im Sinne der Identität mit dem Universum)

Das humangenetische Ingenieurwesen garantiert, daß sein therapeutischer Effekt von einigermaßen positiver Relevanz für das physische Leben des Menschen ist, aber findet sich im Rahmen der Zunahme menschlicher Vorstöße auf dem Gebiet der Gentechnologie auch nur das geringste Anzeichen, diese Zeilen aus der Evolutionstheorie Aurobindos zu integrieren? Das in der Tat ist das größte Problem. Einige Autoren wie Singer und Wells äußern sich warnend dazu (40):

    Wenn wir versuchen, die Evolution zu verbessern, könnten wir aus einigen ziemlich unerwarteten Gründen entdecken müssen, daß wir alle Angelegenheiten verschlechtert haben.

Aber sie gehen nicht darüber hinaus, die Gefahr solcher sci-tech Bemühungen herauszuarbeiten. Aus dem, was sie sagen, ist keine positive Ansicht bezüglich des evolutionären Trends innerhalb der Natur zu entnehmen. Diese Schwierigkeit erhebt sich, weil Evolution für diese Autoren nicht mit Heiligkeit, Weisheit und Veredelung verbunden ist. Evolution ist für diese Schule des Denkens "völlig gleichgültig gegenüber dem Wohlergehen oder endgültigen Schicksal unserer Spezies" (41). Anderson ist kategorischer in seinen Ansichten als Singer und Wells, und anders als diese erwähnt er auch Spiritualität (42):

Unsere Unstimmigkeiten darüber, was "Menschlichkeit" konstituiert, sind notorisch. Und unsere Einsichten, inwiefern und bis zu welchem Grad genetische Komponenten für das, was wir als unsere spirituelle Seite begreifen, eine Rolle spielen könnten, existieren beinahe überhaupt nicht. Wir sollten uns einfach nicht auf Gebieten einmischen, denen wir so ignorant gegenüberstehen. Dies ist eine Ermahnung zur Vorsicht unter dem Deckmantel des offenkundigen Konservatismus.

Cooper, der von der Technik in ihrer Gesamtheit spricht, beklagt "die nicht vorhandene Mitte der technologischen Gesellschaft", ihr "relatives Chaos" als Ersatz für "sich graduell entfaltende Normen früherer Gesellschaften" und die daraus resultierende Gefährdung des "Lebens als Ganzes" (43). Kwame Gyeke, der für die soziale Transformation mit Unterstützung der Technologie plädiert, macht zu Recht darauf aufmerksam, dies werde nicht zu erreichen sein, "bevor sich die Technologie unter der Schirmherrschaft menschlicher Grundwerte dahin bewegt" und erst wenn sie sich "von anderen, vielleicht wesentlichen und ultimativen menschlichen Wertmaßstäben leiten läßt" (44).

Falls die Technologie, ohne solche menschlichen Werte zu beachten, dazu tendiert, eine soziale Transformation auszulösen, die primär chaotisch und ankerlos, nichts anderes hervorbringen kann als perpetuierte Ungewißheit, gefährdete Sicherheit und emotionale Entfremdung, was für ein evolutionäres Stadium würde daraus für die Menschheit entstehen?

Untereinander und zusammengenommen repräsentieren die Stimmen von Singer und Wells, Anderson, Cooper und Gyekye den Zustand der Gesundheit in einer Ära, da große Teile der Weltbevölkerung von den Effekten der Technoxikation beschwipst sind. Aber noch hält man vergeblich bei ihnen Ausschau nach einem strahlenden Horizont der Hoffnung für die individuelle Suche nach tiefgründigem Leben, einem Leben kraftvoller Selbstbemühung, das niedrige Ich in Richtung des höheren zu treiben, anstatt es mit es mit impotenten Unternehmungen der Gentechniker zu beschäftigen, die nichts wissen von der Existenz eines übergeordneten Ich.

Wenn Förderung des Menschseins definiert würde als Wachstum ihres/seines Wachstums der Übereinstimmung mit den universalen oder kosmischen und transzendentalen Kräften, die den empirisch-egoistischen übergeordnet sind, und auf diese Weise wirklich in zweierlei Hinsicht gekräftigt würde, nämlich dies zu erreichen und entsprechend gute Wirkung auszuüben, dann würde dadurch eine einwandfreie Wertmarkierung geschaffen, an der sich die Gentechnologie messen könnte.

Nach meiner eigenen Ansicht ist die Gentechnik inhärenterweise nicht imstande, diesen Test zu bestehen, weil sie ihre Ansprüche nicht mit etwas verbinden kann, was höher und jenseits von purem Zweck- oder Messungsniveau existiert, dem Bewußtsein des Geistes. (Geist des Bewußtseins). Nicht der Tisch läßt das Licht erscheinen, sondern das Licht den Tisch. Der fragmentierte Intellekt kann holistisches Bewußtsein nicht verwirklichen. Im Augenblick des Versuches würden daraus Splitter und Bruchstücke resultieren. Das ist es, warum Buddha, nach Gott gefragt (der nichts ist, als reines Bewußtsein), die Antwort gab, indem er schwieg. Dies, glaube ich, ist das psycho-philosophische Prinzip hinter Anderson's Skepsis bezüglich der Rolle der Gentechnik für die Vervollkommnung des Menschen. Es gibt bedeutende Chancen, daß diese Spielart der Technologie zu auftragsgemäß maßgeschneiderten Robotern für eine robotisierte Umwelt führt.

Die simple, wenn auch grundsätzliche Frage lautet: Kann Gentechnik jemals Gier, Grausamkeit, Mißgunst, Begehren vermindern, Zufriedenheit, Dankbarkeit, Demut, Mitgefühl und ähnliches vermehren? Was würde dann als charakter-formende Erziehung durch und für das Individuum übrigbleiben? Adams äußert seine Sorge zu diesem Punkt, obschon er argumentiert, indem er sich auf Technologie im Ganzen bezieht. Er zeigt sich beteiligt an der Nachhaltigkeit der Varianten jener "Ökonomie des Verlangens" (sollte das ein Euphemismus für Gier sein?), die von neuen Technologien begünstigt wird. Er spricht von der ausdrücklichen Richtung ökonomischer Aktivitäten "durch und hinsichtlich positiver menschlicher Werte". Ein einziges Mal erwähnt er die "Gier" (45).

Aber diese Beweisführung genügt nicht, um zu bekräftigen, was wir hier vorbringen: Sollte menschliches Streben sich durch Selbsterziehung von der Liste negativer Werte abkoppeln und sich der Summe oben erwähnter positiver humaner Wertvorstellungen zuwenden? Welche Position im Bereich dieser Matrix der Werte würde sich die Technologie selbst zuordnen?

Bhagwan fühlt, daß in Anbetracht der Entwicklungsländer "die dunkle Seite des Bildes gegenwärtig beweiskräftiger ist als die helle". Er zitiert Beispiele des forcierten Ruins der Landbevölkerung auf den Philippinen, karibischen Inseln und Madagaskar, deren Exporterträge wie Reis, Zucker, Vanille etc. durch bio-technologisch erzielte industrielle Ersatzprodukte im Sinne fortgeschrittener Ökonomie ersetzt wurden. Möglicherweise werden stark bevölkerte Entwicklungsländer künftig Hauptimporteure von technologisch intensivierten Nahrungsmitteln aus den reichen Ländern sein (46). Bhagwan hebt auch hervor, daß die wegen ihrer kurzfristig positiven Resultate aufgrund laborgezüchteter, hohen Gewinn abwerfender Getreideerträge hochgelobte "Grüne Revolution" zugleich die Existenz von hunderten natürlicher, an Ort und Stelle gedeihender Varianten dieser Erträge nachhaltig gefährdet hat. Die Gefahren der "Biorevolution" für die weiträumigen Königreiche der Pflanzen und Tiere, Ursache mannigfaltiger größerer, von Menschen verursachter Verluste für die biologische Vielfalt, sind ernst genug. Entsprechend bezweifelt Bhagwan die Weisheit des Establishments der Entwicklungsländer, das sich von unmittelbaren Hoffnungen auf dramatisches Wachstum der Produktivität durch die Biorevolution ködern läßt (47).

In der Tat ein weiteres Beispiel für "hastige Heirat und folgende Muße, den Schritt zu bereuen" !

Wir verfügen über ein wachsendes Konvolut von Literatur dieser Art kritischer Betrachtung der Biotechnik, Gentechnologie und wissenschaftlichen Forschungstätigkeit allgemein (48). Insgesamt scheint die Fokussierung durch Konzentration auf verschiedene soziale Auswirkungen von sci-tech begrenzt. Stillschweigende Akzeptanz des ehrfurchtgebietenden Marsches der wissenschaftlichen Technologie und eine Art von Resignation gegenüber ihrer Zwangsläufigkeit sind aus all diesen Schriften herauszuhören. Die psychologische Stoßkraft der sci-tech Invasion im Rahmen des täglichen Lebens der Bürger wird nicht angesprochen. So wenig wie den noch tiefer reichenden philosophischen Problemen und Fragen, etwa nach der Bedeutung menschlicher Geburt, der Bedeutung wahrer Menschlichkeit, der ultimativen Bestimmung des Menschen in diesen Büchern auch nur die geringste Beachtung geschenkt wird. Auf solche Probleme der Vernachlässigung versucht dieser Beitrag aufmerksam zu machen.

VI. Schlußwort : Globalisierende Spirituelle Ambitionen

(Spirituelle Bestrebungen von welterfassender Wirkung)

Sci-tech hat ihren Job der Globalisierung von materiellem Ehrgeiz und die Aufgabe, bis in die entferntesten Winkel der Erde vorzudringen, phantastisch erledigt. Ein gieriges Globaldorf scheint am Ende des zweiten Milleniums unsere krönende Vollendung zu sein. Laßt uns hoffen und beten, daß es uns gelingt, über den Status halbherzig soziologischer Kritik hinauszugelangen und unsere Kräfte im Dritten Jahrtausend von Anfang an welterfassenden spirituellen Ambitionen zu widmen. Um diese paradigmatische Umstellung vorzubereiten, sollten wir Nachhilfeunterricht nehmen bei den Tagores, Gandhis und Aurobindos, die es zu ihrer Lebensaufgabe gemacht haben, nicht äußerlich, sondern innerlich zu wachsen. Und dies, obwohl sie nicht weniger systematisch, rational und gewissenhaft waren, als irgendein Wissenschaftler in seinem Laboratorium. Nur daß sich deren Laboratorium in erster Linie innen, und erst in zweiter Linie außen befand. Niemals haben sie das Äußere gescheut, wurden aber erst nach oder wenigstens während der Bemühung um innere Erhebung in seiner Richtung tätig. Und ihre Mitte war auf Gott gerichtet, nicht im sterilen theologischen Sinn, sondern im Festhalten an dieser Existenzebene des Bewußtseins. Laßt uns also auf sie hören.

Zuerst im Sinne der Ährenlese aus Gandhis Äußerungen :

    a) "Wer kann leugnen, daß vieles, was heute als Wissenschaft (und Kunst) durchgeht, die Seele zerstört, anstatt sie zu erheben und uns mit unseren abgründigsten Leidenschaften verkuppelt, anstatt das beste in uns wachzurufen" (49).

    b) "Falls die Theorie des Blutkreislaufs ohne Vivisektion nicht entdeckt worden wäre, hätten wir es auch ohne sie geschafft" (50).

    c) "Ich verstehe ziemlich gut, daß eure "Massenproduktion" ein technischer Terminus für die geringstmögliche Zahl der Beschäftigten mit Hilfe hochkomplizierter Maschinerie ist. Ich habe mir gesagt, das ist falsch. Meine Maschinen müssen dem elementarsten Typus entsprechen, den ich in Millionen von Heimstätten aufstellen kann (51).

Dem "technoxikations"-okkupierten Verstand mag das alles einfach bizarr und zutiefst leichtgläubig erscheinen. So nachteilig sie sein mögen, solche Reaktionen sind durchaus nicht unnatürlich. Verrückte sind nicht dafür bekannt, daß sie es akzeptieren, verrückt geworden zu sein. Viele nationalistisch gesinnte Bürger Indiens empfinden sich aufgrund des Mangels an innovativen Fähigkeiten und der offensichtlichen technischen Rückständigkeit alltäglicher Lebensumstände des durchschnittlichen Menschen als minderwertig. Dieser defensiven Mentalität wollte Gandhi vielleicht zuvorkommen und antwortete deshalb einem Leser wie folgt (52):

    Es geht nicht darum, daß wir nicht geahnt hätten, wie man Maschinen erfindet, aber unsere Vorfahren wußten, daß wir, falls sich unsere Herzen nach solchen Dingen ausrichten, zu Sklaven werden und den Lebensstrang unserer Moral einbüßen würden.

Entsprechend betonte er einige Tage später einem anderen Leser gegenüber:

    "Darum sagen wir, daß das Nicht-Beginnen einer Sache der höchsten Weisheit entspricht." (53)

Warum? Jedes Glied der sci-tech-Kette hat beinahe zwangsläufig das nächste zur Folge. Aber da das Universum ein höchst komplexes und subtiles System darstellt, tendiert der wissenschaftlich-technologische Rammstoß dazu, Probleme auszubrüten, deren Fortpflanzung jenseits des normalen menschlich rationalen Vermögens der Einschätzung liegt. Ohne eine endgültige Lösung anzudeuten oder wenigstens darauf anzuspielen rast die sci-tech entlang einer Spirale immer komplexerer Probleme dahin und nennt das Fortschritt.

Wir wollen uns noch einmal Tagore zuwenden. Während eines seiner frühmorgendlichen Diskurse sprach er 1908 im Shantiniketan Ashram auf diese Weise zu uns (54):

    Egal, wie viele Eisenbahnzüge wir fahren lassen und Telegraphendrähte wir verlegen, auf dem Feld der Energie bleiben wir unendlich weit hinter Gott zurück.

    Wenn wir es wagen, uns an ihm zu messen, dann wird unsere grenzüberschreitende Bemühung verflucht und mit Vernichtung konfrontiert sein.

    Kein Wissenschaftler, kein Techniker hat die Fähigkeit, auch nur ein Staubkorn auszuloten, in dem Er wohnt. Deshalb ist jemand, der den Wettstreit mit Gott in der Sphäre der Macht und Stärke herausfordert, wie Arjuna, der seine Pfeile auf den verkleideten (getarnten) Mahadeva abschießt, Pfeile, die ihn nicht berühren. Besiegt zu werden ist da unvermeidlich.

Dies Warnungen entsprangen der Weisheitsebene eines Bewußtseins, das fähig war, quer durch Bruchstückhaftigkeit und vergänglich-flüchtiges das allumfassend Ganze und die Ewigkeit zu schauen. Sie als poetisches Geschwätz beiseite zu kehren wäre für die übermäßig selbstgewisse wissenschaftliche Technologie ein unverzeihlicher Akt unumstößlicher Leichtfertigkeit. 90 Jahre, nachdem Tagore diese Worte während einer winterlichen Morgendämmerung in einem kleinen, stillen, schlichten Winkel der Erde geäußert hat, wird uns deren prophetische Genauigkeit durch viele Facetten unserer Existenz bewußt.

Wahr ist, daß menschliche Wesen nicht ohne Ehrgeiz, Wünsche und sehnsüchtiges Verlangen leben können. Die Frage lautet: Was für eine Qualität und Richtung haben diese Formen des Antriebs? Wenn sie ausschließlich materieller Natur und von außen gelenkt sind, wird das Individuum fortfahren, in einer chaotisch unverständlichen, außerhalb gelegenen fremden Umwelt zu leben. Das war der psychologisch langfristig zugrundeliegende Trend der sci-tech-Entwicklung. Ihr oder sein Leben wird nun im Zustand eines furiosen Wettrennens verbracht, um mit den invasorischen Sturzbächen der sci-tech-Objekte mithalten zu können, die von außen her eindringen. Wenn andererseits menschliche Bestrebungen und Sehnsüchte umgeleitet werden könnten, angefangen mit den Aktivitäten derer, die bereits mehr als genug an materieller Nahrung haben, um die Aufmerksamkeit auf den beständigen inneren Kern des Seins zu lenken, dann könnte die Wiederbelebung ihrer oder seiner verlorenen Fähigkeit beginnen, die äußere Umgebung zu meistern. Der Verlust des äußeren Paradieses ist eine Folge der (Selbst-) Vertreibung aus dem inneren Paradies. Hier wenden wir uns noch einmal Sri Aurobindo zu, der es präzise formuliert hat (55):

    Der Mensch...ist (ein) Geist, gehüllt in Schleier tätiger Energie, unterwegs zur Entdeckung seiner selbst, der Göttlichkeit fähig. Eine Seele, die naturgemäß bewußter Selbstheit entgegen wächst; er ist eine Gottheit und ewiges Sein...Das naturhafte, halb-tierische Geschöpf, das er für eine Weile zu sein scheint, entspricht nicht der Fülle seiner Bestimmung und hat in keiner Weise etwas gemein mit seinem wirklichen Wesen.

Biotechnik, Gentechnologie, Kybernetische Kommunikation und all dies müssen deshalb im Verhältnis zur oben zitierten Definition des menschlichen Wesens beurteilt werden, einer Definition, in der die einzige wahre Hoffnung auf eine Welt enthalten ist, die auf Dauer bestehen könnte. Entdeckung, Stabilisierung und Tätigkeit nach Maßgabe der eigenen spirituellen Identität muß an die Spitze der universalen Tagesordnung aller menschlichen Wesen gerückt werden, anstatt auf ein paar spezialisierte Sucher eingegrenzt zu bleiben, wie das bis jetzt in der Geschichte des Menschen der Fall war. Nur eine Globalisierung dieser Art ist wahrhaftig aller menschlichen Mühe würdig.

Goran Wall, ein zeitgenössischer Physiker, spürt das Bedürfnis nach einer solchen Umstellung, weil "der gegenwärtige Umgang der Gesellschaft mit den Ressourcen auf lange Sicht eine technologische Sackgasse in Aussicht stellt, die nur zur Vernichtung führen kann". Wie ist unsere Zivilisation an so eine Sackgasse geraten ? Wall antwortet einfühlsam und sensibel, daß diese Kalamität auf "ihren Mangel an Geist und Seele" zurückzuführen sei. Ungeachtet massiver Propagandaeinsätze der intellektuellen und anderer Spielarten des Kapitals "wird die Seele der Gesellschaft schrittweise reduziert auf Unterhaltung, Gier und Wettbewerb. ...Eine kranke Seele in einem gesunden Leib ist untauglich, sie wird auch den Körper krank machen" (56). Dieser Fehlschlag des augenblicklich modischen Mantras vom "intellektuellen Kapital" hängt mit dem zusammen, was Sri Aurobindo am Menschen deutlich wahrnimmt, jener "besonderen, durch Zwecke eingeschränkten Intelligenz", die "der Größe nicht fähig ist" (57). Daraus resultiert, daß ihn die eindringliche Beschäftigung mit allem, was er sich für die Zeit seiner Existenz vorgenommen hat, daran hindert, zu erkennen, an welcher Stelle es ihn verletzen oder sich gegen seine kosmische Bestimmung richten wird.

Arnold Toynbee hat ohne gezierte Umschweife festgestellt, daß "nicht wissenschaftlich-technischer Fortschritt, sondern Karma der Faktor ist, aus dem die Entstehung von Wohlergehen und Glück oder andererseits Mißgeschick und Sorge resultieren" (58). Und karma ist ein Schlüsselwort aller Schulen Indischen Denkens, die sich mit der ethisch-moralischen Entwicklung des Individuums befassen. Sowohl im Interesse des wahren eigenen Wohlergehens, als auch im Hinblick auf das der Gesellschaft muß jedes Individuum bestrebt sein, ihr oder sein persönliches Karma durch wachsende Meisterung des Ich zu verbessern.

Fördern oder beeinträchtigen Wissenschaft und Technologie die Meisterschaft über sich selbst, Würde, Demut und ethisches Bewußtsein des Einzelnen? Während er auf den Punkt der zunehmenden Unvereinbarkeit von Technologie und Ethik eingeht, beantwortet Toynbee diese Frage, indem er klarstellt, daß "menschliche Würde nicht im Feldbereich der Technologie erreicht werden kann, wo die menschlichen Wesen so sachkundig tätig sind. Sie kann nur auf dem Feld der Ethik erworben werden" (59).

Unglücklicherweise kehrt das rajasische niedere Ich, diese von Defiziten gelenkte, dominierende und weltweit wirkende aktuelle Führungskraft, ein taubes Ohr hervor, an dem die weisen Einsichten sowohl der Praktiker von damals und heute, als auch die der Denker aus Vergangenheit und Gegenwart abprallen. Konsequenterweise behält die Zivilisation eine "Krankheit" (60) zurück, die sich mit dem langsamen Virus von fehlgeleitetem Karma fortsetzt, der sich in ihre vitalen Grundlagen frißt. Es gibt daher gerade jetzt wenig Hoffnung für einen Einzelnen, jenes Evolutionsversprechen der Natur zu erfüllen, das in der menschlichen Gestalt verborgen ist.

Nun sind aber dennoch langfristiges Vertrauen und der Glaube an die unwiderstehlich aufsteigende evolutionäre Kraft der Natur etwas, was wir ungeachtet all unserer zwischenzeitlichen Niedergeschlagenheit weiterhin hegen sollten. Laßt uns Sri Aurobindo lauschen, dessen Stimme von Gewißheit kündet (61):

    Jedes Stadium der Existenz birgt eine Kraft in sich, deren Antrieb auf Selbstüberschreitung zielt. Materie bewegt sich in Richtung des Lebens. Das Leben reist der Bewußtwerdung entgegen. Der Verstand trachtet danach, sich in vorbildliche Wahrheit zu verwandeln. Wahrheit schwingt sich empor, um göttlicher und unendlicher Geist zu werden.

Wissenschaftliche Technologie sollte genügend Bescheidenheit in sich nähren, um diese Botschaft anzunehmen und ihren Kurs modifizierend zu mäßigen. Das Aufklärungsprojekt des achtzehnten Jahrhunderts, menschliche Perfektion durch säkulare Wissenschaft zu erzielen, begleitet von Gleichsetzung der Religion mit Magie (62), verleitet wohlmeinende Kritiker dazu, jede Diskussion über "gut oder böse" der Techno-Wissenschaft zu meiden und ausschließlich danach zu fragen, "wer für die Produktion und den Vertrieb der Technologie verantwortlich ist" (63). Die Qualität dieses "Wer", an welchen Maßstäben auch immer gemessen, ist nicht, worum es sich handelt. Daß Religion Spiritualität bedeutet und keineswegs Magie, ist eine Wahrheit, von der nur Praktizierende berichten können, weil sie wissen, wovon sie reden.

Der Philosoph, der sich selbst für nichts weiter, als einen "Übersetzer" diverser Diskurse hält (64), anstatt sich als Praktizierenden zu begreifen, ist bereit, zu vergessen, daß dieselben Testverfahren, die angewendet werden, um einen Kritiker der Techno-Wissenschaft als qualifiziert einzustufen, auch für jemand gelten, der vorhat, sich kritisch über Religion zu äußern (65). Die Goswamis sagen zurecht, daß es heute "durch Technologie mehr Zerstreuung (Ablenkung) gibt", die das Trennende eher verstärkt, als die Einigkeit der Gesellschaft (66).

Evolution im Sinne einbezogener Göttlichkeit zugunsten der Einheit wird die angemessene Richtung sein, der es zu folgen gilt. Das könnte in der Folge die allmähliche Verlangsamung, einen slow-down der sci-tech-Fusion von Technologie und Wissenschaft nach sich ziehen.

 

Referenzen

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(2) G. Healy; 'Exam Scammers Gain High-Tech Edge on Universities', The Weekend Australian, February 28, 1988.

(3) D.D. Singer and R. Smith; 'The Ethical Significance of Corporate Teleology', Journal of Human Values, January-

June, 1997, pp.86-7.

(4) W. Barlow; 'Engineering and The Future of Planet Earth', RSA Journal, August- September 1977, pp.52-3.

(5) Newsweek, March 6, 1995.

(6) The Financial Express, August 17, 1996.

(7) J.O.C. Hamilton and J. Flynn; 'When Science Fiction Becomes Social Reality', Business Week, March 10, 1977, p.84.

(8) Interviews with Nobel Laureates, (Bombay :The Bhaktivedanta Institute, 1986), p.36, p.42.

(9) Times of India, May 12, 1988.

(10) Sri Aurobindo; The Message of the Gita, (Pondicherry :Sri Aurobindo Ashram, 1977), pp.253-4.

(11) Ibid., p.205.

(12) Ibid., p.206.

(13) Ibid., p.206.

(14) D.E. Cooper; 'Technology: Liberation or Enslavement?' in Philosophy and Technology ed. R. Fellows (Cambridge: Cambridge University Press, 1995), p.18.

(15) T. Peters; Thriving on Chaos (New Delhi: Tata McGraw-Hill, 1989)

(16) E. Reid; 'Virtual World, Culture and Imagination' in Cyber Society, ed. S.G. Jones (Thousand Oaks: Sage, 1995), p.182.

(17) The Hitopadesa; trns. V. Balasubramanyan (Calcutta: The M.P. Birla Foundation, 1989), p.54.

(18) A.J., Toynbee, and D. Ikeda; Choose Life (New Delhi: Oxford University Press, 1987), pp.38-9.

(19) Ibid., p.342.

(20) Shankara's Commentary on Isha Upanishad, trns. Swami Gambhirananda (Calcutta: Advaita Ashrama, 1983), p.4.

(21) M.J. Reiss and R. Straughan; Improving Nature? (Cambrridge :Cambridge University Press, 1996), pp.80-1.

(22) Shankara's Commentary on Svetasvatara Upanishad, trans. Swami Gambhirananda (Calcutta :Advaita Ashrama,

1986) 4.6, p.145

(23) The Message of the Gita, op.cit, II.55.

(24) D.E. Cooper; 'Intervention, Humility and Animal Integrity' in Animal Bio-Technology and Ethics, eds. A. Holland and A. Jhonson (London :Chapman and Hall, 1988), p.148.

(25) Ibid., p.149.

(26) S.K. Chakraborty; Management By Values (New Delhi :Oxford University Press, 1991), pp.62-4, pp.142-3.

(27) J.R. Saul; The Unconscious Civilization (Australia: Penguin, 1997) p.36.

(28) Ibid., p.19.

(29) Ibid., p.140.

(30) Ibid., p.142.

(31) Ibid., p.146.

(32) Rabindranath Tagore: Personality (New Delhi: Macmillan, 1985) p.25.

(33) Ibid., p.121.

(34) Ibid., p.122.

(35) R. Tagore: Lectures and Addresses (New Delhi: Macmillan, 1988) p.50.

(36) Ethical Issues in Scientific Research, eds. E. Erwin, S. Gindin and L. Kleiman (New York: Garland Publishing, 1994) p.303.

(37) Sri Aurobindo; Collected Works (Pondicherry: Sri Aurobindo Ashram, 1972) Vol.14, pp.98-9.

(38) Sri Aurobindo; The Hour of God(Pondicherry: Sri Aurobindo Ashrama, 1982), pp.35-37.

(39) Sri Aurobindo; Collected Works, op. Cit., vol.24, pp.1149-50.

(40) P. Singer and D. Wells; 'Genetic Engineering' in Ethical Issues in Scientific Research, op. cit., p.313.

(41) Ibid, p.312.

(42) W.F. Anderson; 'Human Gene Therapy', in Ethical Issues in Scientific Research, op. cit., p.347.

(43) D.E. Cooper; 'Technology: Liberation or Enslavement?', op. cit., p.18.

(44) K. Gyekye; 'Technology and Culture in a Developing Country' in Philosophy and Technology, op. cit., p.141.

(45) R. Adams; 'Functional Markets and Indigenous Capability For Sustainable Development' in New Generic Technologies in Developing Countries, ed. M.R. Bhagwan (Great Britain: Macmillan Press, 1977) pp.210-1.

(46) M.R. Bhagwan; 'The Major Issues Under Debate' in ibid, pp.300-1.

(47) Ibid, p.303.

(48) For example, A. Davison, I Barns and R. Schibeci, 'Problematic Publics: A Critical Review of Surveys of Public Attitudes to Bio-technology' in Science, Technology and Human Values, vol.22, no.3, Summer 1997, 317-348; H.P. Sagal; Future Imperfect (Amherst: University of Massachusetts Press, 1994), 33; O. Renn, T. Webler and P. Wiedemenn (eds.), Fairness and Competence in Citizen participation, (Dordrecht : Kluwer Academic Publishers, 1995); L.J. Frewer, C. Howard and R. Shepherd, 'Public Concerns in the U.K. about General and Specific Applications of Genetic Engineering', Science, Technology and Human Values, vol.22, no.1, Winter 1977, 98-124; D. Vaughan, The Challenger Launch Decision (Chicago : University of Chicago Press, 1996); S. Jasanoff, Science at the Bar (Cambridge MA :Harvard University Press, 1995).

(49) Mahatma Gandhi; Collected Works, (New Delhi: Government of India Publication Division, 1994), vol.34, p.319.

(50) op. cit., vol.29, p.325

(51) op. cit., vol.48, p.166

(52) Selected Works, ed. S. Narayan (Ahmedabad :Navjivan Trust, 1969), vol.4, p.151.

(53) Ibid., p.190.

(54) Human Values: The Tagorean Panorama, trans. S.K. Chakraborty and P. Bhattacharya, (New Delhi: New Age International, 1996), pp.85-6.

 

(55) Sri Aurobindo; Collected Works, op.cit, vol.14, p.98.

(56) G. Wall; 'Energy, Society and Morals'; Journal of Human Values, July-December, 1997, p.202, p.204.

(57) Sri Aurobindo; Hour of God, op.cit, p.54.

(58) Choose Life, op.cit, p.54.

(59) Ibid., p.342.

(60) Mahatma Gandhi; Selected Works, op.cit, pp.118-22.

(61) The Hour of God, op. cit., pp.34-5.

(62) R. Sassower; Technoscientific Angst (Minneapolis: University of Minnesota Press, 1977), p.10.

(63) Ibid., p.129.

(64) Ibid., p.128.

(65) Ibid., p.16.

(66) A. Goswami and M. Goswami; Scientific and Spirituality (New Delhi: Project of History of Indian Science, Philosophy and Culture, 1977), p.38.

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