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Wege durch die Zeit ins 21. Jahrhundert


FRIEDEN UND GEWALT

Beitrag zum Thema ”Erziehung und Friedenstraining” im Rahmen des World Philosophers Meet 1998 in Genf, Schweiz

vorgelegt von Bhaskar E. Avhad


Übersetzung: Fritz Mikesch
Redaktion: Carla Geerdes

Christentum
Feminismus
Frieden
Hinduismus
Komparative
Kultur
Ökonomie

 

Der Mensch ist selbstsüchtig und das grausamste aller Tiere. Paradoxerweise bewirken Modernisierung und technische Entwicklung, daß Egoismus und Grausamkeit zunehmen. Intellektueller Fortschritt und wachsende Bevölkerungszahlen haben mehr zu Uneinigkeit und Gewalt beigetragen als zur Förderung der Voraussetzungen für den Frieden. Nichtsdestoweniger, laßt uns nicht den Mut verlieren. Der Mensch ist auch ein soziales Tier. Also müssen wir an beiden Enden des Spektrums planen. Tatsache ist, daß sich legale Gruppen, deren Tätigkeit auf Bewahrung des Friedens und ein Ende der Gewalt zielt, zugleich durch Respektlosigkeit gegenüber sozialen Normen und der öffentlichen Meinung definieren. Das Gesetz unternimmt aber nichts, um die Selbstbeherrschung derer zu stärken, von denen die öffentliche Meinung geachtet wird. Diesem Teil der Gesellschaft müssen wir mehr Aufmerksamkeit widmen als dem anderen. Wir dürfen nicht vergessen, daß Interessenkonflikte vielfältig unterschiedener menschlicher Wesen auf jeden Fall weiterhin existieren werden. Entsprechend werden wir die Gemüter durch Training schulen müssen, nicht zu gestatten, daß diese Verführung durch persönliche Motive über das Charakteristikum der Zurückhaltung triumphiert.

Friede ist kein Negativ- oder Minderungsbegriff wie Finsternis. Bloße Abwesenheit von Gewalt kann daher nicht als Frieden betrachtet werden. Bevor wir damit fortfahren herauszufinden, was er bedeutet, sollten wir einigen illustrativen Situationen Beachtung schenken, die uns die angemessene Perspektive für das Verständnis des Wortes ”Frieden” eröffnen könnten.

Wenn in einer Fabrik während der Arbeitszeit absolute Stille herrscht und weder Maschinen, noch Beschäftigte den geringsten Lärm machen, ist das Frieden? Dabei kann es doch inmitten des größten Getöses, das technische Geräte und Arbeiter erzeugen, vollendet friedlich sein.

Nehmen wir an, es gibt einen Schiffbruch auf hoher See, Sie und einige andere überleben. Prüfen Sie Ihre Geistesverfassung, während Sie ins Wasser geschleudert werden. Empfinden Sie Frieden, während Sie fürchten, daß ihre Kraft nach kurzer Zeit erschöpft sein könnte und Sie nicht mehr imstande sein würden, zu schwimmen, oder sich treiben zu lassen?

Etwas später entdecken Sie eine schmale Holzplanke, bekommen sie zu fassen und fühlen sich gerettet. Wenn auch einsam, den Gefahren des Meeres preisgegeben und sich dessen bewußt. Empfinden Sie Frieden? Wie ist Ihr Gemütszustand in diesem Augenblick?

Nach einer Weile bemerken Sie in einiger Entfernung einen anderen Überlebenden und fühlen Verbundenheit. Während Sie ihm näher kommen und Liebenswürdigkeiten ausgetauscht werden, finden Sie, daß es sich um einen prima Kerl handelt. Jetzt treiben Sie gemeinsam dahin. Nach einer Weile müssen Sie feststellen, daß sich in ihrer rettenden Planke an einigen Stellen Risse zeigen und bekommen Angst, zu ertrinken, falls sie vollständig zerbricht. Außerdem fällt Ihnen auf, daß der Balken des anderen wuchtiger und stabiler ist als das eigene Holz und Sie beschließen, sich den zu schnappen, falls Ihr Brett in Teile zerbrechen und sich davonmachen sollte. Beobachten Sie Ihre Geisteshaltung während jeder dieser Phasen und entsprechend viele Fakten, die mit der Bedeutung des Friedens verbunden sind, werden sich zeigen.

Angenommen, in einer Stadt wurde Ausgehverbot verhängt, alle Bewohner halten sich in ihren Häusern auf. Auf den Straßen ist niemand zu finden, überall ist es ruhig und die menschliche Tätigkeit ist zum Stillstand gekommen. Sollen wir das Frieden nennen ? Oder ist es nicht vielmehr die maximale Abwesenheit des Friedens?

Frieden ist ein positiver Begriff. Frieden ist eine Geisteshaltung. Es ist eine Hinwendung menschlicher Wesen zum eigenen Leben. Zuerst muß jemand Frieden mit sich selber machen. Es ist die gleichzeitige Verbindung eines menschlichen Wesens mit dem Inneren und Äußeren, das heißt, mit sich selbst und den anderen. Es ist eine Haltung der Angleichung, der Schicklichkeit, der Höflichkeit, des wechselseitigen Respekts, bedeutet Verständnis für den Plan des Universums, Gleichheit und Brüderlichkeit, richtet sich gegen ungerechte Bereicherung, bedeutet Ablehnung von Gewalt und Selbstsucht, wahrt die eigenen Rechte und schützt eigene Interessen, ohne die Rechte anderer gewaltsam zu beeinträchtigen oder ihnen Verluste zuzufügen. Bedeutet Anerkennung der begründeten Dankbarkeit des Individuums gegenüber der Gesellschaft, die gegenwärtig ein verhältnismäßig reiches Leben anbietet, dessen Vorzüge man anstreben kann.

Frieden heißt, sich verantwortlich zu fühlen für alles, was einem anderen Menschen, irgendeinem Lebewesen oder der Umwelt angetan wird. Er meint Verständnisbereitschaft für den Gesamtplan des Universums und die Rolle, die das Individuum darin spielt. Frieden ist die Erkenntnis von der Wichtigkeit der Gegenwart anderer Lebewesen und unbelebter Dinge, von denen wir umgeben sind. Frieden ist Mut, der Wirklichkeit zu begegnen. Frieden ist Freiheit von Furcht, Gier und Schwäche des Geistes. Im Zustand des Friedens zu sein, heißt in bewußter Harmonie mit dem Universum zu leben.

Obwohl wir im Zeitalter der schnellen Verbreitung von Nachrichten leben und mehr wissen als unsere Ahnen, ist die zeitgenössische Gesellschaft uneiniger, bietet weniger Sicherheit und neigt mehr zur Gewalt, hat unter Terrorismus, Extremismus und Umweltvergiftung zu leiden, die Pflanzen- und Tierwelt bedroht, treibt Mißbrauch durch Ausbeutung beinahe erschöpfter natürlicher Vorräte.

Frieden kann besser verstanden werden, wenn wir ihn der Gewalt gegenüberstellen. Gegenstand soll die Ausschaltung von Gewalt sein. Zuerst müssen wir aber richtig verstehen, was Frieden ist und was Gewalt. Der Friedensbegriff hat verschiedene Facetten. Es kann sich um individuellen Frieden handeln, in diesem Fall um die Beziehung der Person zu sich selbst, oder das persönliche Verhältnis zur Gesellschaft, oder zur Umwelt. Und während es sozialen Frieden geben kann, zum Beispiel die friedliche Koexistenz einer Gruppe, eines Teils der Gesellschaft mit anderen Gruppierungen oder Sektionen der Sozietät, kann auch Frieden auf internationalem Niveau herrschen, wenn er das Verhältnis verschiedener Staaten zueinander kennzeichnet.

Um die Anatomie der Gewalt angemessen zu begreifen, sind wir genötigt, ihre verschiedenen Komponenten zu analysieren. Sprich:

  1. Seelische Unruhe, die daran beteiligt ist, ihre Ursachen, ihre persönlichen, sozialen und politischen Folgen.
     
  2. Von Gewalt geprägtes Denken, seine Ursachen und Wirkungen.
     
  3. Gewalt ausübende Gruppen, ihre sozialen, ökonomischen, politischen, religiösen, ethnischen und anderen Beweggründe, daraus resultierende Ergebnisse.
     
  4. Rechtfertigung von Gewalt durch die Gesellschaft, das allgemeine Verhalten und Entscheidungen, die Veränderung des Bestehenden zu erzwingen.
     
  5. (vergeblicher) Wunsch nach Motivation und Courage, die Gewalt zu zügeln und abzulehnen.
     
  6. Duldsam unterwürfiges Verhalten durchschnittlich anständiger Leute gegenüber gewalttätigen Vagabunden.
     
  7. Soziale und politische Anerkennung von Missetätern, Kriminellen und Unheilstiftern.
     
  8. Gesellschaftliche Einstellung/Empfänglichkeit/Annäherung, Verbrechen und Strafe betreffend.
     
  9. Verborgene Anlässe, die zur Gewalt führen, wie politische, soziale oder wirtschaftliche Ausbeutung von Leuten durch irgendwelche stärker und besser organisierte Gruppierungen.
     
  10. Leidenschaften – persönliche und kollektive – die den Frieden stören und Gewalt erzeugen.
     
  11. Konflikte unterschiedlicher Ideologien, Ideale, Religionen, Geschichtsauffassungen und Differenzen moralischer oder ethischer Hintergründe.
     
  12. Bestimmtheit allgemeiner und legaler Unterstützung derer, die Gewalt bekämpfen oder das Fehlen dieser schützenden Übereinkunft.
     
  13. Soziale, politische, religiöse oder ökonomische Vorteile, nach denen das gewaltsame Vorgehen gewisser Interessengruppen der Gesellschaft trachtet.
     
  14. Arten und Typen der Gewalt.
     
  15. Die Zusammensetzung jedes Typus der Gewalt.
     
  16. Stärke und Schwäche jedes einzelnen der Typen von Gewalt.
     
  17. Internationale und ethnische Ursachen der Gewalt.
     
  18. Formen stillschweigender Duldung von Gewalt durch gewaltlose Gruppen.
     
  19. Eventuelle und folgenschwere Gewalt, die durch ungerechte Gewaltakte ausgelöst werden kann.
     
  20. Frieden und Verbrechen, Selbstmord inbegriffen.
     
  21. Isolationshaft und schlechte Behandlung.
     
  22. Internationale Störungen, gerechte und ungerechte Kriege. Gewaltanwendung, um Gewalt abzuwenden.

 

Vereinigung sozialer Kräfte und Frieden

Es muß beachtet werden, daß es abgesehen von gesetzlichen Systemen gewisse Elemente gibt, die als Bindemittel der Gesellschaft agieren. Das sind die Religionen.

Religionen spielen zum großen Teil in der Vergangenheit und bis zu einem gewissen Grad heute eine wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung des Friedens, aber auch, indem sie Gewalt auslösen. Es ist an der Zeit, daß die Religion unterschiedliche Menschen eines gemeinsamen Glaubens zusammenführt und deren Einheit bewahrt. Aber gleichzeitig wird eine beliebige dieser Personen, obwohl religiös gesinnt und eben noch so mitfühlend tolerant gegenüber den eigenen Glaubensgenossen, sich augenblicklich feindlich verhalten, wenn es sich um Mitglieder anderer Religionsgemeinschaften handelt. Laßt uns nicht vergessen, die Geschichte des Menschen hat erwiesen, daß mehr Blut im Namen der Religion vergossen wurde, als aus irgendwelchen anderen Gründen. Deshalb sollten wir uns im wechselnden Szenarium und mit dem Ziel, eine holistische Gesellschaft aufzubauen, ausschließlich auf die säkularen Prinzipien verschiedener Religionen konzentrieren.

Politische Staaten sind ein weiteres Instrument, das menschliche Gemeinschaften entwickelt haben, um die Einigkeit zu fördern. Es hilft den Leuten, in Sicherheit zusammenzuleben, für gemeinsame Vorteile, Zufriedenheit und Wohlstand zu arbeiten. Aber wie auch immer, zugleich sorgen Interessenkonflikte der Bürger eines Staates mit Bürgern eines anderen für Gewalt auf internationaler Ebene.

Die Existenz eines gerechten Regierungssystems ist die Grundvoraussetzung für die Instandhaltung des Friedens im Rahmen einer politisch organisierten Gesellschaft. Das System muß sich sowohl um einwandfreies, als auch ausgleichendes Rechtswesen kümmern. Der Staat muß Freiheit und Chancen jedes Bürgers gewährleisten.

 

Die Rolle von Wissenschaft und Technologie

Bloße Förderung des Wissens wird dem Frieden nicht zugute kommen. Wissenschaft, Forschungsaktivitäten und neue Technologien produzieren ihren eigenen Abfall an sozialen Auswirkungen. Es ist nicht Sache der Wissenschaftler, über diesen fallout und seine sozialen Effekte zu urteilen. Ein Wissenschaftler mag sich darauf berufen, daß er im Bereich der Abstraktion tätig ist und sich um die Konsequenzen seiner Forschung oder Erfindungen nicht kümmern kann. Wie auch immer, die Gesellschaft sollte ihre Wachsamkeit dem Anwendungsbereich zuwenden.

Wir haben den modernen Anwendungsbereich avancierter Wissenschaft sowohl im Dienst der Kriegführung, als auch der Friedensförderung und sozialen Entwicklung erfahren. Die meisten dieser Errungenschaften haben mehr zum Schaden als zum Schutz der Umwelt beigetragen und dem menschlichen Leben mehr Leid zugefügt, als sie es bereichert haben. Alle diese Aspekte des Vorrückens im Rahmen der Wissenschaft können als ”Gewalt der Wissenschaft” klassifiziert werden. In der Tat bewirkt das Wesen der Aktivität, die von dem Wort ”Wissenschaft” selbst gekennzeichnet wird, verstrickende kulturelle und soziale Folgen.

Jede Wissenschaft ist ein systematisierter Organismus oder Körper des Wissens. Wissen ist nicht pure Information, sondern etwas den Geist kultivierendes. Der eigentliche Gegenstand jeder Wissenschaft und ihrer Existenzberechtigung ist der soziale Bedarf, den sie zu befriedigen trachtet. Folglich können wir es nicht allein den Wissenschaftlern überlassen, über Natur und Konsequenzen ihrer Tätigkeit zu entscheiden. Wissenschaftliche Entdeckungen mögen für sich genommen reine Ideen und von abstrakter Beschaffenheit sein, aber wenn ihnen erlaubt wird, mit der Sozietät Kontakt aufzunehmen, dann sollte es die Grundbedingung für diesen Aufritt sein, daß die Ruhe des Gesellschaftslebens, soziale Ideale, ja, sogar politische Emotionen oder Empfindlichkeiten dadurch nicht beeinträchtigt werden. Und was Gesetze dem Einzelnen innerhalb der Gesellschaft als Handlungsspielraum vorschreiben, muß notwendigerweise auch die Wissenschaftler und deren Erfindungen regierend im Zaum halten. Zweierlei Arten wissenschaftlichen Vorgehens sind möglich:

  1. Wenn der Wissenschaftler im voraus weiß, worauf er hinaus will oder was er zu finden hofft.
     
  2. Wenn er nicht recht weiß, was er finden könnte oder zufällig etwas findet, was er niemals erwartet hätte.

Im ersten Fall würde der eigentliche Anlaß der Aktivität ein sozio-wissenschaftlicher (soziologischer) sein, im zweiten Fall könnte daraus nach dem Begreifen möglicher Ergebnisse eine sozio-wissenschaftliche Bestrebung werden. Bei jeder Tätigkeit dieser Art müssen die Grundlagen der Ethik, von denen eine Gesellschaft zusammengehalten wird, im Geist (Verstand) geboren werden. Mit anderen Worten, wir müssen eine Ethik der Wissenschaft entwickeln und ihr gewissenhaft folgen, um die Wissenschaft als Instrument des Friedens zu bewahren oder eines aus ihr zu machen. In Anerkennung dessen dürfen wir erwägen, Wissenschaft in Beziehung zu einigen anderen Faktoren zu setzen. Sagen wir:

Wissenschaft und Frieden

Wissenschaft und Gewalt

Wissenschaft und Wirtschaft, Erfindungen und deren Anwendung

Wissenschaft und Technologie / Technik

Wissenschaft und Geistesformung / Bewußtseinsaufbau

reine und normative Wissenschaften

Wissenschaft der Literatur und Literatur der Wissenschaft

Wissenschaft und Methodologie / Methodik

Wissenschaft und persönliche Ökonomie und Gesellschaftsökonomie

Wissenschaft und Ausbeutung natürlicher Reserven, respektive, der Umwelt

Wissenschaft und Ungerechtigkeit

Wissenschaft und Krieg

Wissenschaft und Politik, etc.

 

Die Rolle der Erziehung

All dies führt uns zu dem Schluß, daß eine Veränderung in der Erziehung der Jungen und bei der Schulung der Älteren nötig wird.

Heutzutage spielen Familien eine wesentlich geringere Rolle für die Charakterbildung eines Kindes, als sie es in der Vergangenheit getan haben und wie es vernünftigerweise von ihnen erwartet werden darf. Gegenwärtig wird die Formung eines Kindes meistens formeller Erziehung überlassen. Vielleicht ist daraus die lediglich formale Erziehungsverpflichtung geworden, aus dem Kind einen pflichtbewußten Bürger zu machen. Wir sind mit weltweiter Rastlosigkeit und Gewalt konfrontiert und das sollte uns nötigen, anstelle verantwortlicher Bürger eines Staates verantwortungsstarke Bürger der Welt, bewußte Weltbürger entstehen zu lassen. Es muß Bürger mit Verständnis geben, Bürger mit einer Vision, und das Erziehungssystem muß solche Bürger formen. Es muß darauf ausgerichtet sein, das Zusammenwirken sozialer mit persönlich begründeten Werten einzuschärfen, um sich mit dem Bedarf an besser fundierten Notwendigkeiten der Erziehung zu treffen. Wir müssen auch die Ausbildung der Lehrpersonen im Auge behalten, die wiederum ihrerseits Schüler und Studenten erziehen.

In den Erziehungsinstitutionen kann die bloße Wissensvermittlung nicht als einzig wichtige Bestimmung betrachtet werden. Unser Ziel muß auch die Gestaltung des Charakters sein. Wir müssen darauf achten, auch das Gefühl für Zusammenarbeit und Harmonie zu fördern und daß Kinder begreifen, wie wichtig es ist, zu leben, ohne der Gesellschaft oder der Umwelt Schaden zuzufügen. Wir müssen die Unterschiede zwischen östlichen und westlichen Kulturen in Betracht ziehen. Der wissenschaftliche Fortschritt von heute ereignet sich mit derartiger Geschwindigkeit, daß Wissen nicht länger Wissen bleiben kann, das mit einem bestimmen Ort verbunden ist, zu einer Gesellschaftsordnung oder zu einem Staat gehört, es handelt sich um globales Wissen.

Deshalb müssen wir in unserem Erziehungssystem Vorkehrungen treffen, für Sicherheitsventile sorgen, die geeignet sind, um Annäherungen zwischen unterschiedlichen Kulturen und Ideologien zu begünstigen. Erziehung muß auf die Förderung konstruktiven Verhaltens zielen, das sich von Mitgefühl, Freundlichkeit und Vernunft leiten läßt, um nach universellem Verständnis und Selbstintegration zu trachten. Die Gesamtheit der Bürger sollte sich bewußt machen, daß die ”Überziehung” der Zukunft (im Sinne von Überschreitung des Kreditrahmens – Anm. d. Übersetzers) einer Art von Gewalt gegenüber künftigen Generationen gleichkommt und durch Training daran gewöhnt werden, sich des Wissens mit Weisheit zu bedienen. Das würde uns nötigen, folgendes zu garantieren (sicherzustellen):

  • Frieden der Bürger untereinander und innerhalb der Familie.
     
  • Frieden zwischen unterschiedlichen Individuen, Personen, Persönlichkeiten.
     
  • Spirituelle Werte universeller Natur.
     
  • Moralische, sozio-religiöse, sekuläre (profane) und theologische Werte (Wertvorstellungen).
     
  • Fähigkeit, Konflikt-Ursachen zu kennen, herauszufinden, oder zu lokalisieren, die Anatomie (den Aufbau) der Auseinandersetzungen zu analysieren und Maßnahmen zu ergreifen, um sie zu verhindern.
     
  • Kenntnis und Beschreibung geeigneter Mittel reformierender, präventiver, als auch heilender Art.
     
  • Fähigkeit, leitend auf verschiedenen Ebenen tätig zu sein und unterschiedlichen Menschen gerecht zu werden.

 

Was wir benötigen, ist ein Schema subjektbezogener Klassifikation, dessen mögliche Zuordnungen sich auf die genannten Faktoren gründen.

Menschliche Wesen sind verschieden, und trotzdem, ja, gerade deshalb müssen wir die Gleichberechtigung der Ungleichen unterstützen und für ein Minimum an Unterschieden zwischen den verschiedenen Klassen der Gesellschaft sorgen. Diskriminierung jeder Art tendiert zur unmittelbaren Bedrohung des Friedens, unabhängig davon, ob sie mit politischen, ökonomischen, religiösen, sozialen, rassischen oder geschlechtsspezifischen Positionen verbunden ist.

Demgemäß müssen wir die Beziehung einer Person zu sich selbst, das Verhältnis des Individuums zu anderen Personen, die persönliche Verbundenheit mit der Gesellschaft, die Haltung einer Gruppe von Personen gegenüber anderen Gruppen, der Einzelperson oder der Gruppe gegenüber dem Staat, das Verhältnis des Einzelnen zur internationalen Gemeinschaft, des Individuums zu anderen Lebewesen, die Verbundenheit eines Individuums mit Natur und Umwelt, etc. in Erwägung ziehen. Es handelt sich um ein Beziehungsgeflecht, die Korrelation zwischen dem Ich, der Gesellschaft, Gruppen, Organisationen, Familie, Sekten, Flora und Fauna, natürlichen Ressourcen, Umwelt und Natur. Jeder dieser Aspekte muß zusammen mit allen anderen von Erwägungen begleitet werden, die der Erhaltung des Ganzen gelten und keines seiner Teile benachteiligen oder verletzen. Atharva, eine der vedischen Schriften, faßt es dergestalt zusammen (sinngemäße Übersetzung):

“Einer, der da wünscht, Gewalt zu nutzen gegen andere, der wendet sie im Grunde unausweichlich gegen sich, denn der Gewalt ist kein Erfolg beschieden.”

Obwohl unsere Zielgruppen hauptsächlich Studenten und Jugendliche sein werden, dürfen wir trotzdem auch die Älteren nicht vergessen. Wenn wir uns mit den Angelegenheiten der Studenten beschäftigen, müssen wir wissen, aus welchen Klassen (Verhältnissen) sie kommen. Es entspricht einem weltweiten Befund, daß Studenten, die aus der Mittelklasse oder armen Familien kommen, gewissenhafter, mehr auf Karriere bedacht und empfänglicher für Wertvorstellungen sind als Studierende vermögender Herkunft. Also müssen vorbereitende, Absolventen- und Diplomlehrgänge auf allen Ebenen bis zur Promotions- oder Habilitationsreife mit einem sehr intensiven System der Überprüfung gekoppelt sein, mit Ausnahme der Vorstufe des Grundschuleintritts, wofür dieses Verfahren nicht nötig sein mag.

Wie auch immer, das wird seine eigenen Auswirkungen für den Finanzhaushalt der zuständigen Institutionen haben; belastende Gebühren grenzen hohes Ausbildungsniveau als Domäne der Reichen ein, während die Armen davon automatisch ausgeschlossen werden. Dieser Umstand könnte möglicherweise zu standes- und klassenbedingten Konflikten führen. Was wir zusätzlich anstreben müssen, ist ein prägendes und Bewußtsein formendes Training der Eltern, Lehrer, Sozialarbeiter, Regierungsangehörigen und Vertreter öffentlicher Körperschaften (eingeschlossen Verwaltungs-, Polizei- und Justizbeamte, etc.).

Schließlich muß unser Ziel die Gründung einer holistischen (ganzheitlichen) Gesellschaftsform sein. Laßt unterschiedliche Individuen nicht in Zirkeln leben, die einander überschneiden, laßt sie innerhalb der internationalen Gemeinschaft Kreise bilden, die einen gemeinsamen Mittelpunkt haben. Ein holistisches Erziehungssystem entspricht dem schreienden Bedarf dieser Zeit. Wir müssen nach dem Frieden trachten und uns der Tatsache vollkommen bewußt sein, daß jede Ungerechtigkeit, gegen wen auch immer, das Friedensprinzip bedroht. Allein die Stärke, alle Ungerechtigkeit auszurotten, der Wille und Vorsatz, den Frieden zu schützen, werden deshalb imstande sein, den Frieden zu retten. Selbst machtvolles Vorgehen, um den Frieden zu bewahren, kann nicht als Gewalt bezeichnet werden, sei es in seiner Eigenschaft als wesentlicher Bestandteil von Gesetz und Ordnung oder im Sinne der Kriegführung zum Zweck der Verteidigung.

Die expandierende Bevölkerung des Planeten Erde, ein Phänomen, das sich inzwischen jedem lenkenden Einfluß entzieht, und die Knappheit der Ressourcen haben zu großen Interessenkonflikten geführt. Es existieren weiträumige Gebiete, in denen ausreichendes Trinkwasser oder Nahrungsmittel nicht verfügbar sind, während es zugleich andere Gebiete gibt, in denen der Überfluß einem Pegelstand entgegen wächst, der vulgäre Dimensionen erreicht. Der Sache des Friedens ist damit nicht gedient. Die ausgleichende Teilhabe an Gesundheit, gerechte Verteilung der Vorräte, vernünftiger Umgang mit den Reserven und die Weigerung, menschliche Wesen oder Gemeinschaften auszubeuten, sind wesentliche Voraussetzungen für die Erschaffung friedlicher menschlicher Gesellschaftsordnungen.

Wenn diese verwirklicht werden sollen, müssen neue Sozialpläne ausgearbeitet werden, ein neuer Code internationaler ethischer Überzeugungen muß sich entwickeln und die Gesellschaften werden sich nicht mit der Zielvorstellung neuer sozialer Verhältnisse innerhalb der Beschränkungen existierender politischer Grenzen, sondern mit deren Geltung für den Anwendungsbereich der internationalen Arena beschäftigen müssen.

Dies alles mag nach Wunschdenken klingen. Nichtsdestoweniger, wenn wir uns wünschen, ein geborgenes, sicheres und bereicherndes Leben in Frieden zu führen, gibt es keine Alternative.


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