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Wege durch die Zeit ins 21. Jahrhundert


Friedenserziehung

Ansprache im Rahmen der Eröffnungssitzung: "Bevölkerung und Erziehung"

Magnus Haavelsrud
Professor, Institut für Erziehungsforschung, University of Tromso, Tromso, Norwegen
 

 Übersetzung: Dr. Katerina Wolf
Redaktion: Carla Geerdes

Biologie
Frieden
Gentechnik
Hinduismus
Holismus
Kultur
Ökologie
Ökonomie

 

Ich möchte in meinem Vortrag einige Aspekte des Konzeptes für den Frieden in der Absicht erörtern, auf diesem Wege zu einer Definition zu gelangen, die dann im Rahmen der Diskussion "Erziehung als Strategie für den Frieden" verwendet werden kann. Mein Vortrag ist in drei Themen untergliedert.

Als erstes werde ich erläutern, was Frieden ist und was nicht (negativer Frieden). Zweitens werde ich die Relevanz von Frieden bezüglich seiner nahen, fortgeschritteneren und weit entfernten Realität aus der Perspektive des Individuums untersuchen. Als letzten Schritt werde ich Strukturen und Prozesse des Friedens analysieren.

 

Integration von negativem und positivem Frieden

 

Jedes Konzept kann grundsätzlich im Hinblick darauf untersucht werden, was es ist (positive Definition) und darauf, was es nicht ist (negative Definition). Dies trifft auch auf das Konzept für den Frieden zu. Frieden ist ein sehr gebräuchliches Wort, welches in den meisten Ländern häufig verwendet wird. Dennoch gibt es hinsichtlich der Bedeutung von Frieden nur wenig Klarheit und Übereinstimmung. Es existiert weder eine Übereinstimmung darüber, was Frieden ist, noch darüber, was Frieden nicht ist. Die Ergebnisse zahlreicher Untersuchungen haben gezeigt, daß der Begriff Frieden von verschiedenen Individuen unterschiedlich aufgefaßt wird. Da seine Bedeutung von individuellen Präferenzen abhängt, scheint es sich um ein äußerst subjektives Konzept zu handeln. Hinzu kommt, daß die Bedeutung von Frieden und seiner Äquivalente in den verschiedenen Kulturen unterschiedlich aufgefaßt wird.

Erst kürzlich wurden Versuche unternommen, das Konzept wissenschaftlich zu definieren. Obwohl solche wissenschaftlichen Definitionen von der Subjektivität des Wissenschaftlers beeinflußt sind, bieten sie enorme Vorteile, denn sie sind systematisch entwickelt und diskutiert worden. Solange die Werte, von denen eine solche Definition abgeleitet wurde, vollständig geklärt und erörtert worden sind, ist die offen zugängliche wissenschaftliche Subjektivität einer verborgenen Subjektivität, die als selbstverständlich angenommen wird, jederzeit vorzuziehen. Der härteste Fall in dieser Hinsicht wäre, wenn subjektive Ansichten über Frieden (oder ein anderes Problem) als objektive Wahrheit präsentiert und maskiert werden. Wenn Wissenschaftler diesen Fehler begehen, dann ist dies ein wesentlich schwerwiegenderes Vergehen, als wenn jemand anderes dies tut, denn jemand, der kein Wissenschaftler ist, behauptet in der Regel nicht, daß seine Subjektivität wissenschaftlich ist.

 

Negativer Frieden

 

Die Vorstellung, daß Frieden das Nichtvorhandensein von Krieg oder einer anderen Form von organisierter physischer Gewalt bedeutet, geht auf eine lange Geschichte zurück und nimmt im Rahmen der geläufigen Definition von Frieden eine dominante Rolle ein. Diese Vorstellung wurde auch in die wissenschaftlichen Definitionen integriert.

Negativer Frieden scheint leicht definiert werden zu können. Er trifft mit Sicherheit auf die Fälle zu, in denen es zwischen oder innerhalb von Nationen keinen Krieg bzw. Bürgerkrieg gibt. In diesen Fällen benötigt man lediglich eine Definition von internationalen Kriegen und Bürgerkriegen, um zu bestimmen, was negativer Frieden ist. Beide Formen des Krieges beinhalten organisierte Gewalt von seiten des Staates oder großer organisierter Gruppen von Menschen innerhalb eines Staates. Ob andere Formen organisierter Gewalt, wie zum Beispiel politisch motivierte terroristische Anschläge, Guerillakriege und wirtschaftlich motivierte Gewalt der Unterwelt (z.B. Bandenkriege, Mafia) als Ableger von negativem Frieden angesehen werden sollten, ist nicht geklärt.

Noch ungeklärter ist die Frage, ob individuell motivierte physische Gewalt gegen andere Individuen in die Definition von negativem Frieden eingeschlossen werden sollte.

 

Positiver Frieden

 

Nach Galtung (1969) kennzeichnet positiver Frieden die Abwesenheit struktureller Gewalt oder die Präsenz sozialer Gerechtigkeit. Im Gegensatz zu negativem Frieden ist positiver Frieden nicht auf die Vorstellung beschränkt, etwas loswerden zu wollen, sondern beinhaltet die Idee, etwas errichten zu wollen, das fehlt. Wenn man sich struktureller Gewalt oder sozialer Ungerechtigkeit entledigen will, muß an dieser Stelle positiver Frieden oder soziale Gerechtigkeit geschaffen werden.

 

Strukturelle Gewalt oder soziale Ungerechtigkeit

 

Eine Definition dieser Konzepte ist noch komplexer als die Definition persönlicher (direkter) Gewalt. Galtung hat strukturelle Gewalt als die Distanz zwischen dem Konkreten und dem Potential festgelegt. Diese Definition läßt viele Interpretationen zu, die auf unterschiedlichen Auffassungen des Konkreten und des Potentials basieren. Jedes Individuum wird aufgefordert, sich eine Meinung darüber zu bilden. Andererseits kann wissenschaftliche Forschung dazu beitragen, die Ebene der subjektiven Auffassung darüber, was "ist" (das Konkrete) und was "sein könnte" (das Potential) zu transzendieren. Das wissenschaftliche Streben der menschlichen Gesellschaft bringt systematische Studien über die Lebensqualität in allen Gesellschaften hervor. Diesen Studien haben wir es zu verdanken, daß wir über Informationen über Schulabbrecher, Kindersterblichkeit, Arbeitslosigkeit, Sozialhilfeempfänger und Jugendkriminalität verfügen. Die sozialwissenschaftliche Forschung zeigt uns darüber hinaus, wie sich die Lebensbedingungen in den verschiedenen Nationen und sozialen Gruppen voneinander unterscheiden. Solche empirischen Daten über gegenwärtige Bedingungen werden im Licht sozialer Theorien gesehen, die wiederum dazu beitragen, Antworten auf die Ursachen der ermittelten Ergebnisse zu finden. Unser Wissen über das Konkrete nimmt daher einen großen Teil der Forschung ein. Im Fall der Kindersterblichkeit könnte man z.B. argumentieren, wenn der Mangel an Nahrung die Hauptursache für dieses Problem ist, seine einfachste Lösung darin bestünde, ausreichend Lebensmittel bereitzustellen. Falls dies nicht möglich ist, weil die Eltern nicht über ausreichende Mittel verfügen, für ihre Kinder die notwendige Nahrung zu beschaffen, dann stellt sich die Frage, warum diese Eltern arbeitslos oder arm sind. Einige mögen argumentieren, daß es daran liegt, daß sie nicht arbeiten wollen, zu faul sind oder sich dafür entschieden haben, arm zu sein. Andere hingegen könnten ganz anders argumentieren, indem sie behaupten, die massive Kindersterblichkeit sei auf extern herbeigeführte Ursachen, wie etwa die soziale Unterteilung der Gesellschaft, zurückzuführen. Der Überschuß an Lebensmitteln in einigen Teilen der Welt wird denjenigen, die ihn so bitter zum Überleben benötigen, nicht zur Verfügung gestellt. Dies ist ein Beispiel für strukturelle Gewalt. Zwischen verschiedenen und innerhalb verschiedener Nationen existiert genügend Potential, um eine andere Struktur zu errichten, in der Grundbedürfnissen Priorität über die Kaufkraft oder über den Besitz von Ressourcen zugebilligt wird. Ähnliche Argumente ließen sich durchaus auch auf andere Indikatoren für Lebensqualität (z.B. Gesundheit, Wohnung, Erziehung) anwenden.

Im Gegensatz zu dem großen Nachdruck, der in den Sozialwissenschaften auf die Probleme des Konkreten gelegt wird, ist unser Wissen über das Potential nur unzureichend. Fragen bezüglich dessen, was "sein könnte", wurden von den Sozialwissenschaften nicht im gleichen Maße erörtert wie Fragen über das Konkrete. Wenn die Zukunftsforschung sich mit Fragen über das Potential auseinandersetzt, dann stehen die zugrundeliegenden Werte häufig im Widerspruch zu denjenigen Werten , die einer Darstellung gewalttätiger Realitäten zugrunde liegen. Aus diesem Grund wird das Potential im Licht anderer Werte gesehen als derjenigen, die im Konkreten dominieren. Wenn Kindersterblichkeit durch eine Struktur verursacht wird, in welcher der Wert von Besitz (Besitz von Nahrung) höher eingestuft wird als der Wert des Lebens, dann sollte man eine Struktur ins Auge fassen, in der diese Wertigkeit genau andersherum gesehen wird. Eine potentielle Struktur könnte integrierte Mechanismen besitzen, Lebensmittel für diejenigen bereitzustellen, die sie brauchen, unabhängig von der Kaufkraft der Empfänger.

 

Schlußfolgerung

 

Sowohl persönliche als auch strukturelle Gewalt führt hinsichtlich von Tod und menschlichem Leid häufig zum gleichen Ergebnis. Man könnte gewissermaßen argumentieren, daß strukturelle Gewalt schlimmer als persönliche Gewalt ist, weil ihre Opfer in vielen Fällen Menschen sind, die nicht direkt in den vorhandenen Konflikt involviert sind, sondern sich vielmehr am empfangenden Ende einer globalen Gewaltstruktur befinden, die ihren Opfern mehr oder weniger verborgen bleibt.

Galtung (1969) integriert das Konzept von negativem und positivem Frieden folgendermaßen:

 

Gewalt
|

 

|

 

     |

Persönlich
(direkt)

 

Strukturell
(indirekt)
 
(wird auch als
soziale Ungerechtigkeit
aufgefaßt)

|
|

 

     |
     |

Abwesenheit
von
persönlicher Gewalt

 

Abwesenheit
von
struktureller Gewalt

oder
negativem Frieden

 

oder
positivem Frieden
 
(wird auch als
soziale Gerechtigkeit
aufgefaßt)

|

 

     |

 

|
Frieden

 

 

Diagramm 1: Das erweiterte Konzept von Frieden und Gewalt.

Dieses Diagramm faßt meine Argumente für eine Integration von negativem und positivem Frieden zusammen. Nur unter Berücksichtigung beider Begriffe kann ein umfassendes Friedenskonzept erarbeitet werden. Dem liegt das Verständnis zugrunde, daß das Gegenteil von Frieden nicht Krieg, sondern Gewalt ist. Nun möchte ich mich der Erörterung des Friedenskonzeptes in seinem Bezug zu verschiedenen Ebenen der Gesellschaft, von der individuellen bis zur globalen Gesellschaft, zuwenden.

 

Die Integration von Mikro und Makro

 

Vor nur 15 Jahren wurde festgestellt, daß der US-Staat Nord-Dakota, im Falle seiner Loslösung von den Vereinigten Staaten, die drittgrößte Nuklearmacht der Welt darstellen würde. Dieser Staat war ein "auf Landwirtschaft basierendes Gebiet von Pflugscharen und Schwertern, riesigen Mähdreschern und ebenso großen Mittelstreckenraketen, das über genügend Ressourcen verfügte, die Welt entweder zu ernähren oder zu zerstören". (Goodman, 1983)

Es ist schwer, ein noch besseres Beispiel zu finden, das zeigen könnte, wie eng die nahen und weit entfernten Realitäten miteinander verwoben sind. Die nahe Realität der 630 000 Nord-Dakotaer wurde im Verlauf der letzten hundert Jahre völlig auf den Kopf gestellt. Während die Sioux in ihrem Überleben noch von der Natur und ihrer Mythologie abhängig waren, hing die moderne Bevölkerung von Entscheidungen ab, die in Washington oder Moskau während des Kalten Krieges getroffen wurden. Sowohl in Washington als auch in Moskau wurde der Technologie der Weg geebnet, und wir erhielten eine neue Mythologie der Abschreckung, die errichtet wurde, um die Sicherheit durch eine konstant wachsende Unsicherheit zu verbessern (z.B. Myrdal, 1978).

Wie wir alle wissen, war Nord-Dakota eines von vielen weltweiten Nuklearzielen. Wenn Nord-Dakota in die Luft fliegen sollte, dann träfe dies auch auf den Rest der Welt zu. Die Entscheidung hierfür lag in der Hand einiger weniger Männer, genaugenommen zweier alter Männer, einer in Washington und einer in Moskau. Man kann sich sehr leicht vorstellen, daß diese Entscheidung genauso gut auch von einem alten Mann hätte getroffen werden können, entweder in Washington oder in Moskau.

Unser einführendes Beispiel hat gezeigt, daß die Situation, so wie sie zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort vorzufinden ist, von entfernten Faktoren abhängt. Im zweiten Diagramm werde ich Ihnen einen Rahmen für das Verständnis solcher Beziehungen zwischen Mikro und Makro darstellen.

Die Raumachse (Diagramm 2) ist horizontal und die Zeitachse ist vertikal. Ihr Berührungspunkt illustriert den "Kontext des Hier und Jetzt" eines jeden Individuums. Dieser Kontext verändert sich im Laufe der Zeit und der Entwicklung der Situationen außerhalb des "Hier und Jetzt" konstant. Das Diagramm plaziert folglich jedes Individuum in das Zentrum von Raum und Zeit.

 

Zeit

 

Zeit wird gewöhnlich im Sinne von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufgefaßt. Die Vergangenheit ist unbegrenzt, ebenso wie die Zukunft. Die Gegenwart kann im Sinne von meßbarer Zeit, wie etwa Sekunden, Stunden, Tage, Wochen oder Monate, verstanden werden. Zu meinem Zweck ist es erforderlich, die äußeren Grenzen dessen, was als gegenwärtige Zeit bezeichnet werden soll, zu spezifizieren. Es scheint, daß die Grenzen der gegenwärtigen Zeit von Individuen häufig in Bezug zu Ereignissen, wie etwa Ortswechsel (z.B. der Weg von zu Hause zur Schule), Handlungswechsel (z.B. morgens aufzustehen bedeutet einen Wechsel im eigenen Verhalten vom Zustand des Schlafens zum Frühstücken) oder eine Veränderung des sozialen Kontextes (z.B. ein Gast kommt an oder fährt ab).

Von solchen Kontexten des "Jetzt" ausgehend kann die Zeitachse in die Vergangenheit und in die Zukunft verfolgt werden. Ich habe in beiden Richtungen drei Punkte indiziert, um Ihnen zu demonstrieren, daß die Zeit im Sinne ihrer Distanz zu jedem Individuum gesehen werden kann.

Die zwei Pfeile entlang der Zeitachse illustrieren die Kausalität der Zeit. Der nach oben weisende Pfeil kennzeichnet, daß der Kontext zu einer Zeit den Kontext zu einer anderen Zeit beeinflussen wird (z.B. die Vergangenheit verursacht die Gegenwart und die Gegenwart verursacht die Zukunft). Der abwärts zeigende Pfeil zeigt die Idee hinter der sich selbst erfüllenden Prophezeiung: Erwartungen, Hoffnung und Visionen über die Zukunft beeinflussen das menschliche Verhalten zu einem früheren Zeitpunkt (z.B. Visionen über die Zukunft beeinflussen unsere gegenwärtige Taktik oder Strategien, die Gegenwart im Hinblick auf unsere Visionen zu verändern).

 

Raum

 

Raum kann in physikalischen Begriffen gemessen werden (z.B. Meter und Kilometer). Solche geographischen Maßeinheiten sind auch in der heutigen Welt von Bedeutung, weil nur Wenige über die Möglichkeiten verfügen, große geographische Distanzen mit dem Flugzeug zu überwinden.

Raum kann auch im Sinne von gesellschaftlichen Dimensionen, wie etwa sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Realitäten verstanden werden. Wie wir wissen, gibt es in diesen Realitäten von Kontext zu Kontext große Unterschiede. Jedes Individuum ist eng mit spezifischen sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Realitäten aufs Engste verknüpft und gleichzeitig von anderen weit entfernt. Die sozialwissenschaftliche Forschung verwendet solche Dimensionen häufig als Geschlecht, Einkommensebene und Erziehung, Beruf, geographische Lage (Zentrum vs. Peripherie) und ethnischem Status, um die individuelle soziale Position in Bezug zu anderen zu bestimmen. Ein Marxist würde sich auf die individuellen Beziehungen im Sinne von Produktion (Besitz und Kontrolle) konzentrieren, um eine Klassenanalyse durchzuführen. Welche Dimensionen auch immer verwendet werden, die alltägliche Realität von Individuen und Gruppen unterscheidet sich hinsichtlich sozialer, kultureller, wirtschaftlicher und politischer Fakten. In einer vergleichbaren Sichtweise können spezifische Realitäten im Sinne ihrer Ähnlichkeit bzw. ihres Unterschiedes von anderen Realitäten gesehen werden.

Obwohl es so scheint, daß sich Unterschiede zwischen alltäglichen Kontexten als eine Funktion physikalischer Distanz zu verstärken scheinen, gibt es keine einfache lineare Beziehung zwischen physikalischer Distanz und Formen sozialer, kultureller, wirtschaftlicher und politischer Merkmale von zwei oder mehr alltäglicher Kontexte. Tatsächlich können in dem gleichen Ort, z.B. in einer großen Stadt, größere Unterschiede zwischen zwei Kontexten auftreten als zwischen dem bestimmter Kontext zweier Kontinente. Zwischen dem Kontext einer Oberschicht-Familie in New York und London kann eine größere Übereinstimmung existieren als zwischen diesem Kontext und dem Kontext armer Familien in Harlem und Ost-London. Die Letzteren können mehr gemeinsam haben als mit ihrem Oberschicht-Gegenpart in der gleichen Stadt.

Da es aber nicht meine Absicht ist, in diesem Rahmen Kontexte bezüglich ihrer Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu analysieren, möchte ich diesen Punkt hier nicht weiter erörtern. Zu meinem Zweck wird es genügen aufzuzeigen, daß jeder spezifische und jeder alltägliche Kontext, in dem Leute direkt interagieren, gewisse Verbindungen zu höheren Schichten der gleichen Gesellschaft aufweist, der seinerseits wiederum über gewisse soziale, kulturelle, wirtschaftliche und politische Merkmale verfügt. Dies wird durch die Zeitachse in dem Diagramm verdeutlicht. Die äußerste linke Seite kennzeichnet die Stellung des Individuums und der nach rechts deutende Pfeil den grenzenlosen Raum in physikalischen Begriffen. Da das menschliche Leben (von nur wenigen Ausnahmen abgesehen) auf unseren Planet begrenzt ist, deutet der Berührungspunkt zwischen äußerem Kreis und Raumachse auf die physikalischen Grenzen unserer globalen Gesellschaft hin. Daher repräsentiert dieser Punkt den Planeten Erde in physikalischen Begriffen und die sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Merkmale der globalen menschlichen Gesellschaft.

Der nach links weisende Pfeil entlang der Raumachse illustriert den gesellschaftlichen Einfluß auf die einzelnen Individuen. Der nach rechts weisende Pfeil entlang der Raumachse illustriert die Tatsache, daß die Gesellschaft ein menschliches Produkt ist. Daher deutet das Diagramm darauf hin, daß es eine dialektische Beziehung zwischen der Weltgesellschaft und jedem Individuum gibt. Jedes Individuum ist in einen alltäglichen Kontext verwoben, der wiederum mit außerhalb des alltäglichen individuellen Kontextes liegenden Kontexten verbunden ist. Die "außen" liegenden Kontexte werden in dem Diagramm als weiter entfernte und weit entfernte Realitäten bezeichnet.

 

Beziehungen zwischen Mikro und Makro

 

Werden Zeit und Raum gemeinsam betrachtet, wird offensichtlich, daß es mögliche kausale Zusammenhänge gibt, die von jedem beliebigen Zeitpunkt in der Vergangenheit und in der Zukunft sowie von jeder beliebigen Stelle entlang der Raumachse auf das Individuum einwirken. Gleichzeitig existieren mögliche kausale Zusammenhänge, die von jedem einzelnen Individuum ausgehend in die Zukunft weisen. Dieser mögliche Einfluß ist nicht auf die individuelle Zukunft beschränkt, sondern beinhaltet die Zukunft der Weltgesellschaft. Daher kann das Individuum möglicherweise die zukünftige Welt ebenso wie jeden beliebigen Teil von ihr, sich selbst eingeschlossen, beeinflussen. Aus diesem Grund befindet sich das Einflußgebiet im Bereich der Zeitachse, z.B. in der Zukunft. Vergangene und gegenwärtige Realitäten sind bereits erschaffen und können nicht mehr verändert werden. Nur unser Verständnis dieser Realitäten kann sich ändern, nicht die Realitäten an sich.

Makro produziert Mikro. Aus dem Umstand, daß die zwischenmenschlichen Beziehungen der Vergangenheit (zwischen Individuen, sozialen Gruppen und Institutionen) unsere gegenwärtige Gesellschaft geschaffen haben, geht klar hervor, daß eine wichtige Beziehung darin besteht, daß Makro Mikro erschafft. Es ist die Aufgabe der historischen Wissenschaften zu erklären, in welcher Hinsicht der Mikrokontext in Nord-Dakota während des Kalten Krieges ein Produkt der vergangenen Interaktionen inner- und außerhalb der Gemeinschaften und des Staates Nord-Dakota war. Es ist die Aufgabe der Sozial- und Politikwissenschaften, zu analysieren, wie die Makrobedingungen den Mikrokontext in Nord-Dakota hinsichtlich der Aufrechterhaltung bzw. Veränderung dieser Kontexte beeinflußt hat. Fernerhin können wir festlegen, daß die Geschichte ihr Augenmerk in erster Linie auf vergangene Entwicklungen richtet und die Sozial- und Politikwissenschaften es vorrangig auf gegenwärtige Entwicklungen richten, wobei sich die drei Disziplinen in vielerlei Hinsicht überschneiden. Einige Kritiker behaupten, daß die Geschichte zu asoziologisch und die Soziologie zu ahistorisch sei. Einige halten es für wünschenswert, diese beiden Disziplinen zu integrieren im Sinne eines Beitrages zu einem holistischen Verständnis.

Wenn der Mikrokontext als Resultat des Makrokontextes gesehen werden kann, dann kann man argumentieren, daß Makro Mikro ist. So fand z.B. der Kalte Krieg zwischen den zwei Supermächten in einem weltweiten Mikrokontext seinen empirischen Ausdruck. Daher können wir sagen, daß der Kalte Krieg in einem "Hier und Jetzt" Kontext stattgefunden hat. Obwohl sich die Manifestationen sehr voneinander unterschieden, waren sie dennoch ein Produkt des Kalten Krieges, und sie hätten nicht existiert, wenn der Kalte Krieg keine historische Tatsache auf der Makroebene gewesen wäre. Um es genauer zu kennzeichnen scheint es, daß die Spuren des Wettrüstens dem Mikrokontext in Nord-Dakota aufgedrückt wurden: die physische Präsenz der Mittelstreckenraketen ist eine solche empirische Manifestation.

Wir könnten Verbindungen zwischen den Kriegen nach dem Zweiten Weltkrieg und den Tatsachen des Kalten Krieges herstellen. Demzufolge ist der Kalte Krieg für eine weltweite Schaffung von Makrokontexten verantwortlich. Die empirische Manifestation des Kalten Krieges umschließt eine Spanne vom Aufbau militärischer Werbekampagnen über Kriegshandlungen bis hin zu physischer Gewalt. Gemeinsam mit solch konkreten militärischen Resultaten entstanden zahlreiche militärische Haltungen und Meinungen, die notwendig waren, um das Konzept der Abschreckung zu einem Eckstein der Sicherheitslehre des Kalten Krieges zu machen.

Mikro erschafft Makro. Dies führt zu einer Dominanz von Mikro über Makro. Die Merkmale des größeren Kontextes hängen von der Existenz ähnlicher Merkmale im Mikrokontext ab. Ohne die Existenz von Haltungen, Meinungen und Werturteilen von Menschen in den unzähligen Mikrokontexten, in welche die Menschen Tag für Tag eingebunden sind, wäre das Konzept der Abschreckung lediglich ein an der Spitze der Gesellschaft stehendes Phänomen, welches nicht im Alltagsleben der Menschen verwurzelt wäre. Eine solche Verwurzelung im Mikro ist eine notwendige Voraussetzung für die kontinuierliche Aufrechterhaltung der Merkmale der größeren Makrogesellschaft. Aus diesem Grunde würden der Stamm, die Zweige und Blätter des Gesellschaftsbaumes ohne die Unterstützung von Energie, die durch die Wurzeln geleitet wird, verschwinden. In diesem Sinne ist jede kleine Wurzel eine Energieleitung, die ein Baum für seine Existenz benötigt. In anderen Worten: Mikro erschafft Makro. Diese Produktion kann auf Reproduktionreduziert werden, sie kann jedoch auch ein Akt der Schöpfungsein, wenn neue Wurzeln aus Samen entstehen, die vom Baum herabgefallen sind. In beiden Fällen kann man argumentieren, daß der Einfluß von Mikro auf Makro so aussieht, daß Mikro ein Bestandteil von Makro ist.

 

Schlußfolgerung

 

Das Friedenskonzept kann nicht auf eine spezifische Zeit oder einen bestimmten Kontext (Ort) isoliert werden. Dieses Konzept ist für alle Zeiten und Orte (Kontexte) relevant. Wenn Frieden auf eine bestimmte Zeit und einen bestimmten Kontext (Ort) reduziert wird, dann würde eine Beziehung zwischen Mikro und Makro, wie sie oben vorgeschlagen wird, nicht mehr in Betracht kommen. Und ein solcher Ausschluß könnte dann zu einer verzerrten Friedensauffassung führen, denn es ist schwierig, einen Kontext zu finden, der vom Rest der Welt völlig isoliert ist. Die Vorstellung, daß ein bestimmter Kontext eine Welt innerhalb einer Welt darstellen könnte, die keinerlei Einfluß auf den Rest der Menschheit hat, ist nur im Falle einer längst vergangenen Geschichte denkbar.

 

Integration von Struktur und Interaktion

 

Eine dritte Möglichkeit, Frieden zu definieren, besteht darin, Frieden im Sinne von Struktur und (Zustand) und Interaktion (Prozeß) zu sehen.

 

Frieden und Struktur

 

Eine Friedensstruktur beinhaltet ein soziales System, das die Werte des Friedens verstärken soll. Wie in jeder anderen Struktur gibt es hier Raum für bestimmte Interaktionen, ebenso wie andere Interaktionen ausgeschlossen werden. Um bei unserem Beispiel aus der Architektur zu bleiben, eine extreme Strukturform wäre z.B. diejenige, die für den Individualismus geschaffen würde. Eine solche Struktur hätte keine gemeinsamen Räume, und jede individuelle Einheit würde von den anderen getrennt werden und wäre somit völlig unabhängig. Ein Wohnhaus für Alleinstehende wäre in der realen Welt das naheliegende Beispiel. Ein anderes Extrem wäre die Kommune, die so beschaffen ist, daß sie den Werten des Kollektivismus treu bleibt. In dieser Struktur gäbe es ausreichend Raum für gemeinsame Aktivitäten und ein paar wenige Räume für individuelle oder private Aktivitäten. Dazwischen gibt es unzählige andere Strukturen, die bestimmte Interaktionen zulassen, andere wiederum ausschließen. Die geläufigste Struktur ist das Familienhaus.

Eine Struktur wird als das Vorhandensein relativ permanenter Beziehungen zwischen spezifischen Einheiten aufgefaßt (Mathiesen, 1979, S. 24). Die Einheiten können alle beliebigen sozialen Agitatoren sein, von Individuen und Gruppen auf der Mikroebene bis hin zu Nationen und transnationalen Organisationen, wie z.B. der UN auf der Makroebene. Eine Friedensstruktur wäre eine Struktur, die Friedenswerte verstärkt, und zwar sowohl diejenigen Werte, die negativen Frieden verstärken (Abwesenheit einer direkten Gewalt), als auch solche, die den Frieden betonen (soziale Gerechtigkeit). Um herauszufinden, ob eine spezifische Struktur Friedenswerte verstärkt, muß man die Interaktionen zwischen zwei oder mehr Einheiten innerhalb der Struktur hinsichtlich der Friedenswerte untersuchen. Lassen Sie uns die Beziehung zwischen zwei Individuen als ein Beispiel, die Beziehungen zwischen sozialen Gruppen eines Landes als anderes Beispiel nehmen.

Ich möchte nun die Verhaltensstruktur im Fall von zwei Kindern untersuchen, einem 14 Monate alten Jungen und einem fünfjährigen Mädchen. Die Eltern der beiden Kinder sind alte Freunde und ihr häufiger Kontakt beinhaltet die Interaktion zwischen den Kindern. Wenn die beiden Kinder interagieren, dann bildet sich sehr schnell eine Verhaltensstruktur heraus, in deren Verlauf das Mädchen den Jungen dominiert, seine Spielsachen an sich nimmt und diejenigen für sich beansprucht, die der Junge am meisten haben möchte. Nachdem sie die begehrtesten Spielsachen an sich genommen hat, baut sie Grenzen aus Stühlen und Tisch zwischen sich und dem Jungen auf oder begibt sich auf eine höhere Ebene (z.B. den Tisch), auf der sie für den Jungen unerreichbar ist. Dann spielt sie für sich alleine und beobachtet die ganze Zeit über die Bemühungen des Jungen, am Spiel teilzunehmen. Jedesmal wenn der Junge es geschafft hat, ihren Bereich zu erreichen, errichtet sie neue Barrieren. Hierbei ist keine direkte Gewalt zu beobachten, mit Gewißheit jedoch strukturelle Gewalt. Das Kind findet die Situation eher überraschend und scheint verwundert zu sein, da es die Situation nicht versteht. Es versucht beständig, die Situation ohne jeglichen Erfolg zu seinen Gunsten zu verändern. Nachdem die Eltern die Situation eine Weile beobachtet haben, greifen sie ein und beenden sie. Jedesmal, wenn die beiden sich treffen, entsteht diese Situation in verschiedenen Formen. Es gibt hinsichtlich der Struktur der Interaktion eine Kontinuität. Es ist hier eine Struktur entstanden, die auf der Beherrschung des jüngeren Kindes durch das ältere basiert. Dies ist ein Beispiel für strukturelle Gewalt.

Ich habe dieses Beispiel gewählt, um Ihnen zu zeigen, wie strukturelle Gewalt aussieht und wie eine Friedensstruktur aussehen könnte. Glücklicherweise habe ich persönliche mehr Beispiele der zweiten Art erlebt. Eine Friedensstruktur zwischen Individuen ist durch Kooperation, Freude und Enthusiasmus gekennzeichnet, die sich auf ein gemeinsames Ziel richten. Dies war die vorherrschende Erfahrung des 14 Monate alten Jungen, und zwar nicht nur in Bezug auf Erwachsene, sondern auch bezüglich gleichaltriger oder älterer Kinder. Was solche Interaktionsmuster kennzeichnet, ist die Tatsache, daß die Erwachsenen und ältere Kinder, die mit jüngeren Kindern zu tun haben, dies aus einer kindlichen Perspektive heraus tun. Das bedeutet, daß das Kind alle Spielsachen haben kann, die es will und sich solange frei bewegen kann, solange es Andere oder sich selbst nicht in physische Gefahr bringt.

Ein anderes Beispiel für eine Friedensstruktur betrifft die Interaktion zwischen sozialen Gruppen innerhalb einer Nation. Wie wir wissen, bedeutete Apartheid legale rassistische Diskriminierung. Hierbei handelte es sich um strukturelle Gewalt, in der eine Gruppe zum Vorteil einer anderen daran gehindert wurde, ihr Potential zu entwickeln. Dieses Prinzip wurde in einer legalen Struktur verfestigt und ließ somit solche Strukturen zu, die Ausbeutung und strukturelle Gewalt nach sich zogen. Strukturelle Gewalt muß nicht durch Gesetze legalisiert werden. Häufiger noch scheint das Gesetz für alle sozialen Gruppen Gerechtigkeit und Fairneß zu vertreten, obwohl einige sozialen Gruppen ganz konkret diskriminiert werden.

Hierfür gibt es zahlreiche Beispiele .Die Erziehungssoziologie hat z. B. gezeigt, auf welche Art und Weise das Schulsystem Gewinner und Verlierer produziert. Die ungleiche Verteilung von Gewinnern und Verlierern in sozialen Gruppen zeigt ganz deutlich, daß Kinder aus sozial schwachen Gruppen weniger Chancen haben, später erfolgreich zu sein als Kinder aus sozial starken Familien. Dies wird den meisten Theorien zufolge durch die Tatsache verursacht, daß die Schulen den Stil und die Werte der dominanten sozialen Gruppen vertreten. Dies ist für diejenigen, die nicht zu den dominanten Gruppen gehören, von Nachteil. Forschungen haben gezeigt, daß männliche Werte dominanter sind als weibliche Werte, Werte der Mittelklasse stärker als Werte der Unterschicht, und Werte kultureller Minderheiten werden insgesamt weniger respektiert. Eine solche Schulung führt zu einer ungleichen Entwicklung des Potentials jeder sozialen Gruppe und wird, den Theorien der Erziehungssoziologie zufolge durch die unfairen Merkmale der Schulstruktur verursacht, welche die Interaktionen bestimmter Gruppen begünstigt und die anderer Gruppen ausschließt.

 

Frieden als Interaktion

 

Wie die Diskussion über die Friedensstruktur bereits gezeigt hat, wird eine Struktur im Sinne von Interaktion zwischen bestimmten Einheiten über eine gewisse Zeit hinweg definiert. Die Strukturen, die durch Interaktionen entstehen, können entweder aufrechterhalten werden oder durch neue Interaktionen verändert werden. Solche friedlichen Interaktionen können innerhalb nicht-friedlicher Strukturen auftauchen. Erlaubt man diesen friedlichen Strukturen, sich über einen gewissen Zeitraum in neue Muster zu entwickeln, so werden sie innerhalb der Oberstruktur des Nichtfriedens langfristig zu Friedensstrukturen. Genau zu diesem Zeitpunkt können die neuen Strukturen so mächtig werden, daß ihre Konfrontation mit gewaltsamen Strukturen zur Schaffung einer friedlichen Oberstruktur führt. Es kann natürlich auch das Gegenteil zutreffen, so z.B. die Unterdrückung von friedlichen Strukturen durch gewaltsame Strukturen.

Die Geschichte ist voller solcher Beispiele. Ein relativ aktuelles Beispiel war die Entstehung der polnischen Solidarität. Hierbei handelte es sich um eine Friedensstruktur innerhalb eines totalitären Regimes, die über Jahre hinweg durch die Interaktion polnischer Arbeiter entstanden war. Das Entstehen der "Solidarität" konfrontierte die nicht-friedliche Struktur der kommunistischen Regierung mit einer solchen Kraft, daß sie mit Repressionen reagierte. Ein weiteres Beispiel ist die gewaltlose Bewegung, die Gandhi im indischen Unabhängigkeitskampf führte. Tatsächlich scheint es, daß die meisten Interaktionen, die zur Zeit der Dekolonialisierung auf den Werten Unabhängigkeit und Autonomie basierten, zur Entstehung neuer Strukturen führte, die letztendlich erfolgreich waren, den Status quo abzubauen. Heute sind wir Zeugen von Freiheitsbewegungen von Frauen, ethnischen Minderheiten, Gruppen, die unter Verletzung der Menschenrechte zu leiden haben, der Arbeiterklasse und der Armen dieser Welt. Solche Interaktionen zwischen verschiedenen Gruppen basieren häufig auf Friedenswerten und haben ihren Ursprung in den Interaktionen zwischen Mitgliedern dieser Gruppen, die außerhalb des Kontrollbereichs der Mächtigen liegen. Diese Interaktionen werden, wenn sie über einen gewissen Zeitraum hinweg verfolgt werden, immer mehr Menschen integrieren und schließlich werden sie zu Friedensstrukturen, welche die bestehenden Gewaltstrukturen konfrontieren werden.

 

Schlußfolgerung

 

Wenn wir das Friedenskonzept definieren, dann müssen wir sowohl seine strukturellen als auch seine interaktionalen Aspekte berücksichtigen. Eine Friedensstruktur bedeutet die Präsenz relativ beständiger Beziehungen, die Friedenswerte zwischen bestimmten Einheiten unterstützen (negative und positive Werte). Das Konzept einer "relativen Beständigkeit" impliziert, daß Frieden ein Zustand ist, der einem Prozeß entgegengesetzt ist. Aber Frieden kennzeichnet auch den Prozeß der Interaktion zwischen bestimmten Einheiten, solange die Interaktion dazu verwendet wird, negative oder positive Friedenswerte zu verstärken.

 

Was ist Frieden

 

Jede wahre Definition von Frieden muß meiner Meinung nach die wesentlichen Punkte, die bislang erarbeitet wurden, einschließen.

Frieden ist:

  1. Das Gegenteil von Gewalt. Es gibt zwei Hauptformen von Gewalt, direkte und strukturelle Gewalt. Die Abwesenheit direkter Gewalt ist negativer Frieden, und die Abwesenheit struktureller Gewalt ist positiver Frieden oder soziale Gerechtigkeit.
  2. Frieden ist ein Konzept, das bezüglich verschiedener Ebenen, von der individuellen bis zur globalen Ebene, analysiert werden kann. Es handelt sich auch um ein Konzept, das auf alle Kontexte und Zeiten ebenso wie auf alle Beziehungen zwischen Kontexten und Zeit angewendet werden kann.
  3. Frieden verfügt über eine Struktur, die Friedenswerte unterstützt. Frieden kennzeichnet darüber hinaus Prozesse der Interaktion, die dazu angelegt sind, Friedensstrukturen zu schaffen.

 

 

Integration von Friedensproblemen

 

Auf der Basis der oben genannten allgemeinen Definition, möchte ich nun drei wichtige Friedensprobleme der Gegenwart erörtern. Ich bin davon überzeugt, daß Friedensprobleme von einem bestimmten historischen Kontext abhängen. Man kann sich der Friedensproblematik von einem universellen und einem philosophischen Standpunkt her nähern. Nichtsdestotrotz verfügt jede historische Epoche über ihre eigene spezifische Manifestation von Gewalt und Frieden. Aus diesem Grund ist es notwendig, die Friedensanalyse im Sinne eines universellen Konzeptes auf die Friedensproblematik jedes spezifischen historischen Kontextes anzuwenden.

Lassen Sie mich einige Beispiele anführen. Es wäre recht schwierig, die Friedensfrage während einer Zeit der großen Entdeckungen zu untersuchen, ohne die Gewalt zu berücksichtigen, die europäische Kolonialisten den Völkern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas zugefügt haben. Es wäre eine inakzeptable Friedensforschung, würde man die Periode der Sklaverei untersuchen, ohne die von den Sklavenhändlern ausgeübte Gewalt in Betracht zu ziehen. Ebenso wäre es inakzeptabel, die Epoche zwischen 1940 und der Gegenwart zu untersuchen, ohne die Autonomiebewegungen in die Untersuchung zu integrieren, die zur Autonomie der Nationen der Dritten Welt von ihren Kolonialisten führten.

Im folgenden werde ich die drei dringendsten Friedensprobleme der heutigen Zeit analysieren, nämlich Abrüstung, Entwicklungspolitik und Menschenrechte. Zunächst möchte ich ein Modell für ihre Integration unter der Schirmherrschaft des Friedens vorstellen. Ich möchte nicht darauf bestehen, daß nur diese drei Probleme auf der Liste der Friedensproblematik stehen, aber ich denke doch, daß sie die drei wichtigsten darstellen. Diese Annahme ergibt sich aus dem Umstand, daß die häufigste Gewalt (direkt und strukturell), der ein großer Teil der Weltbevölkerung zum Opfer fällt, heutzutage mit diesen drei Problemen im Zusammenhang steht. Jedes Zukunftsszenario muß hinsichtlich der Grundfragen der menschlichen Existenz, wie z.B. Abrüstung, Entwicklungspolitik und Menschenrechte, Stellung beziehen. Obwohl es so aussieht, daß diese Fragen so weit voneinander abweichen, daß man für sie unabhängige Lösungen finden könnte, möchte ich an diesem Punkt betonen, daß sie im wesentlichen voneinander abhängen und eine Einheit bilden. Eine Trennung dieser drei Grundprobleme existiert nur in den Köpfen der Menschen, einige Forscher und Lehrer, die es für notwendig erachten, sie voneinander zu trennen, eingeschlossen. Der französische Professor Rene-Jean Dupuy betont die dialektische Beziehung zwischen diesen drei Konzepten. Er schreibt: "Ohne Abrüstung ist Frieden nicht möglich; ohne Entwicklungspolitik sind Menschenrechte Illusion; ohne Menschenrechte ist Frieden Gewalt" (zitiert in Marks, 1983). Das bedeutet, daß wir sie nicht voneinander getrennt betrachten können. Dies finden Sie in Diagramm 3 illustriert, das aus einem früheren, von Marks (1983) entwickelten Diagramm abgeleitet wurde.

 

 

Diagramm 3 zeigt drei Hauptbereiche: Abrüstung, Menschenrechte und Entwicklungspolitik. Einige Bereiche der Friedensforschung, Friedenserziehung und Friedensbewegungen konzentrieren sich nur auf einen dieser Bereiche. Einige versuchen, zwei zu integrieren, so z.B. Abrüstung und Menschenrechte. Andere wiederum bemühen sich, Menschenrechte und Entwicklungspolitik oder Abrüstung und Entwicklungspolitik zu integrieren. Ich denke, alle diese Ansätze sind gültig und einwandfrei. Das Ziel sollte es jedoch sein, alle drei zu integrieren.

Wir sollten verstehen, daß einige Menschen in erster Linie an Abrüstung interessiert sind, weil sie Krieg und Militarismus erleben. Andere Menschen wiederum interessieren sich für Menschenrechte, weil sie Tag für Tag die Erfahrung ihrer Mißachtung machen. Die Bürger autoritärer Regierungen sind sogar ihrer zivilen und politischen Rechte beraubt. Es ist verständlich, daß Menschen in Entwicklungsländern, die an Lebensmittel- und Wasserknappheit leiden, im Sinne von Entwicklungspolitik denken.

Der "Friedenskegel" zeigt sieben mögliche Brennpunkte gegenwärtiger Friedensprobleme. Die dritte Dimension illustriert mögliche Ebenen der Analyse und ihre gegenseitigen Beziehungen, die sich vom globalen (die Vorderseite des Kegels) bis zum individuellen Bereich (die Rückseite) erstrecken. Zwischen diesen Extremen gibt es eine Vielzahl von Darstellern (z.B. Nationen, Organisationen, Gemeinschaften und soziale Gruppen), die für ein Verständnis der drei Problemfelder und ihrer vielseitigen Kombinationsmöglichkeiten, relevant sind.

 

Frieden

 

Im zentralen Bereich des Diagramms, im Feld Nummer 7, überschneiden sich alle drei Kreise. Die Friedensvision beinhaltet demnach eine Welt, in der Abrüstung, Entwicklungspolitik und Menschenrechte implementiert sind. Dies heißt vermutlich, daß die Weltbevölkerung bezüglich dieser drei Probleme sowohl in der Theorie als auch in der Praxis zu einer Übereinstimmung gekommen ist, und zwar nicht nur auf der globalen sondern auch auf der individuellen Ebene. Ich sage bewußt "vermutlich", denn es ist möglich, diese Übereinstimmung auf die Frage zu reduzieren, wie der Inhalt dieser Konzepte entschieden wird, ohne den Inhalt selbst zu beinhalten. Dies bedeutet, daß eine Übereinstimmung auf dem Weg erreicht wird, die friedliche Beilegung von Streitigkeiten zu gewährleisten. Diese Vorgänge müßten um die Prinzipien der Gewaltlosigkeit und dem Verzicht auf physische Gewalt gruppiert werden.

Nach dieser Analyse des Zentrums dieser Grafik würde es vermutlich nicht so verwundern, wenn Menschen die Schultern zucken und grummeln würden: "Eine solche Utopie gehört ins Jenseits". Ich muß gestehen, daß ich besorgt bin, eine solch "ideale" Definition der Bedeutung der Entwicklung von Friedensvisionen könne die gegenwärtige Entwicklung der Vision behindern. Es ist von Bedeutung, ein Gefühl dafür zu entwickeln, was machbar ist. Ich halte es für angemessen, an dieser Stelle das Konzept einer "realistischen Utopie" (die ursprünglich von Saul Mendlovitz verwendet wurde) vorzustellen. Das Konzept legt den Gedanken nahe, daß die Entwicklung von Wissen hinsichtlich der Utopie nicht zu idealistisch sein sollte. Ich berufe mich darauf, daß Mendlovitz einmal sagte, daß eine Chance von ca. 70-90%, die Utopie zu verwirklichen, vorhanden sein sollte. Je höher die Wahrscheinlichkeit desto realistischer ist auch die Utopie und dementsprechend: je niedriger die Wahrscheinlichkeit desto unrealistischer ist auch die Utopie.

Der Enthusiasmus und die Energie, mit der die meisten von uns der Zukunft begegnen, was Ernst Bloch das "Prinzip Hoffnung" nannte, muß in das pädagogische Friedenskonzept integriert werden. Erst dann wird die Friedensproblematik "jedermanns Angelegenheit" werden. Vielleicht werden wir dann in der Lage sein, besonderes Wissen über Frieden zu entwickeln und uns ebenso wie Bernhard Shaw fragen: "Einige Menschen betrachten die Welt, wie sie ist und fragen sich: warum? Andere hingegen betrachten die Welt so, wie sie sein könnte und fragen: warum nicht?

 

Zusammenfassung

 

In diesem Kapitel wurden die drei Hauptkomponenten des Friedens (Abrüstung, Entwicklungspolitik und Menschenrechte) so betrachtet, wie sie miteinander in Beziehung stehen. Einer der wesentlichen Punkte hierbei war die Erkenntnis, daß sie voneinander abhängen, daß sie gemeinsam analysiert und gelöst werden müssen. Wir haben außerdem gesehen, daß es für Menschen natürlich ist, sich diesem Problemkomplex auf der Grundlage ihrer eigenen einzigartigen Lebenserfahrung zu nähern. Einige Menschen haben vielleicht einen dieser Bereiche intensiver erlebt als andere. Aus diesem Grund ist es natürlich, daß der Ausgangspunkt für die Herangehensweise an diese Probleme individuell verschieden ist. Abgesehen von der Herangehensweise wird es auch wichtig sein, ein Verständnis für die Beziehungen zwischen den drei Problemfeldern zu entwickeln. Das Endziel dieser Wissensentwicklung sollte es sein, sich auf das Zentrum der "Friedensnadel" hin zu bewegen, d.h. auf den Ort, an dem sich die drei Problemfelder berühren.

Die dritte Dimension in dieser Grafik wurde hier besonders beachtet. Ein Friedensproblem hat nicht nur Beziehungen mit anderen Friedensproblemen. Es ist auch Gegenstand der Dynamik von Ursache und Wirkung zwischen verschiedenen Ebenen, vom individuellen bis hin zum globalen Kontext.

 

Literaturverzeichnis

 

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