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Wege durch die Zeit ins 21. Jahrhundert


Hat uns Vivekananda heute etwas zu sagen?

Prof. Dr. Julius Lipner

Ansprache an das Parlament der Religionen
Kalkutta, 11. September 1993

Frieden
Hinduismus
Islam
Jainismus

 

Sehr geehrter Vorsitzender, liebe Freunde,

ich bin sehr dankbar für die Möglichkeit, meine Stimme denen der illustren Redner auf diesem Podium hinzuzufügen. Wir feiern den 100. Jahrestag eines wichtigen Ereignisses in der Religionsgeschichte und darüber hinaus in der Geschichte der menschlichen Zivilisation. Es war ein wichtiges Ereignis, weil zum ersten Mal in menschlichen Angelegenheiten Menschen, die für verschiedene religiöse Traditionen sprachen, an einem Ort und zu einer Zeit zusammenkamen, in der Bemühung, miteinander zu kommunizieren und ihre spirituellen Ideale in einer Vision der Hoffnung auf Humanität auszudrücken. Und dies taten sie durch und durch im Geiste der Freundschaft und Sympathie. Das ist keine kleine Angelegenheit. Wir können also sagen, daß das Chicagoer Parlament der Religionen eine ernste Übung der mitfühlenden Kommunikation über spirituelle Visionen war, die aus alten Traditionen der religiösen Bemühung und der Weisheit in aller Welt entstanden. Als solche war es ein äußerst bedeutsames Ereignis in der Geschichte der menschlichen Zivilisation, und es ist angebracht, sein hundertstes Jubiläum zu feiern und dabei die heutige Situation der Menschheit im Lichte dieses Ereignisses zu analysieren. Deshalb gratuliere ich den Organisatoren zu ihrer Vision, besonders Swami Lokeshwarananda und der Ramakrishna-Mission.

Warum kommen wir aber hier, in Kalkutta, zusammen? Wegen des bemerkenswerten Einflusses, den ein bemerkenswerter Mann auf dieses Ereignis hatte. Es war in jedem Fall Swami Vivekananda - ein Inder, ein Nationalist, ein Visionär, ein Bengale und der Schöpfer des Krishna-Ordens, der das Chicagoer Parlament im Sturm nahm. Für einen jungen Mann von 30 Jahren, verhältnismäßig unbekannt, aus einem Land von politisch subjektiven Menschen und konfusen nationalistischen Hoffnungen, muß es enormen Muts und Selbstsicherheit bedurft haben, nach Übersee, in eine völlig andere Umgebung zu reisen und sich vor eine Versammlung der Guten und Großen zu stellen, die keine Vorstellung hatten, was sie erwarten sollten, und sie für sich zu gewinnen.

Aus einleuchtenden Gründen ist meine Zeit knapp bemessen, deshalb muß ich mich kurz fassen. Ich hoffe, daß wir nicht nur eine besondere Errungenschaft feiern, die in der Vergangenheit liegt. Lebt nicht Vivekananda weiter? Reicht sein Einfluß nicht bis heute? Spricht er jetzt noch zu uns - zu Indern wie zu Nicht-Indern, zu Hindus und Nicht-Hindus, zu Männern und Frauen, Jungen und Alten, Religiösen und Nicht-religiösen? Das ist die Prüfung dieses Mannes.

Ich glaube, daß Vivekananda diese Prüfung besteht und daß er uns heute etwas sehr wichtiges zu sagen hat. Woher kam seine enorme Selbstsicherheit, was führte ihn zu seiner steilen Karriere beim Chicagoer Meeting vor einhundert Jahren? Die erste Antwort ist sein Glaube, die andere seine kraftvolle Fähigkeit, seine Vision der Einheit der Menschheit auf aufrichtige und vereinende Weise mitzuteilen.

Vivekananda bot keine schwammigen Möglichkeiten an. Er sprach nicht, um zu bitten. Seine Botschaft war kein vages "Glaube, was du willst, tu, was dir beliebt; versuch einfach nur, gut zu sein". Ganz im Gegenteil ging er keine Kompromisse ein in seinem Glauben, daß menschliche Wesen einen spirituellen Kern haben, den man unbedingt suchen und verstehen muß, daß Advaita oder Einheit nicht nur das Herz des Hinduismus, sondern das jeder wahren Religiosität ist und daß wir uns aufgeben müssen, um uns zu finden. Es ist schwer, das in einer "feel-good" Gesellschaft, die von Verzicht nichts wissen will, zum Thema zu machen. Wir können mit Vivekanandas Sicht übereinstimmen oder nicht, es ist aber sicherlich auch für uns von Interesse, eine Annäherung an den anderen zu versuchen, der sich offen, tolerant und betroffen zeigt. Vivekananda schien sich in einer praktischen und bodenständigen Art um das Wohlergehen des gesamten Menschen zu kümmern, um Körper und Seele. Er lud Menschen ein, seine Ansichten zu prüfen und tat dies, auch wenn sie nicht alle davon teilen wollten, in einer Weise, die ihre Verschiedenheit respektierte und weder ihre eigenen Ansichten herabsetzte, noch sie persönlich erniedrigte.

Vivekananda sagte nicht: "Deine Sicht ist falsch und meine ist richtig. Deine Religion ist ein Geflecht von Lügen und Falschheit, während mein Glaube der wahre ist, also konvertiere zu meiner Religion!". Im Gegenteil, in seiner Rede über den Hinduismus in Chicago am 19. September 1893 sagte er: "Für die Hindus bewegt sich ein Mensch nicht vom Fehler zur Wahrheit, sondern von Wahrheit zu Wahrheit, von niedrigerer zu höherer Wahrheit à die ganze Welt der Religionen ist nur ein Reisen, ein Kommen verschiedener Frauen und Männer zum gleichen Ziel, durch verschiedene Bedingungen und Umstände. Religiös sein bedeutet also, ein spiritueller Wanderer zu sein, und unsere Humanität zu Erfüllen bedeutet, eine Reise zu unternehmen.

Das unterscheidet sich sehr von dem Ton so vieler religiöser Menschen, besonders religiösen Oberhäuptern und Führern, die reden, als wären sie schon angekommen. Sogar ein nicht-religiöser Mensch kann die Weite des Geistes wertschätzen, der solche Worte zu äußern vermag. Und man muß nicht religiös sein, um zu sehen, daß sein Ansatz in Situationen der Differenzen und der Zwietracht weitaus besser ist, als der der verachtenden Abweisung mit ihren Begleiterscheinungen von verbaler, psychologischer und physischer Gewalt. Diese Güte gegenüber dem anderen hat Vivekananda von seinem spirituellen Meister, Ramakrishna, aufgenommen.

Schaut euch um, Freunde, und ihr werdet sehen, daß wir in einer zersplitterten Welt leben. Strukturen, an denen wir festhalten, lösen sich auf. Es gibt kommunale und rassische Spannungen; familiäre Werte zerfallen; Gier und Korruption machen es schwer, ehrlich zu leben, und die Bedrohung durch die eine oder andere Form der Gewalt füllt die Erde. Wie ihr alle wißt, ist Indien da keine Ausnahme. Obwohl die Probleme sich heute anders darstellen, als zu Vivekanandas Zeit, ist seine Botschaft immer noch relevant: schaue auf eine spirituelle Vision der menschlichen Einheit, hoffe auf ihre Erfüllung, vertrete deinen Standpunkt und teile deine Vision, aber auf eine Art, die die Integrität des anderen nicht bedroht.

Laßt uns nicht sagen: "Wenn doch nur ein neuer Vivekananda in unserer Mitte wäre - in unserem Haus, in unserer Gesellschaft, in unserem Land -, könnten wir einen neuen, hoffnungsvollen Anfang machen." Dies würde das Gedenken an Vivekananda verraten. Es würde bedeuten, daß wir unsere eigene Verantwortung für unsere Zukunft und die, die uns lieb sind, aufgeben. Um Vivekanandas Geist gerecht zu werden, müssen wir uns bemühen, seinem Mut, seiner Weite der Vision und seiner Güte dem anderen gegenüber zu folgen. Wenn sich jeder von uns hier entscheiden würde, diesen Weg zu gehen, würden wir langsam aber sicher zuerst unsere eigenen Welten und dann die Welt, die wir gemeinsam teilen, zum besseren verändern. Wir würden beginnen, eine tiefe Harmonie mitten in den Differenzen der menschlichen Angelegenheiten zu fühlen.

Vivekananda war kein Konformist. Sein Konzept der Weltharmonie war kein einfaches, in dem jeder und alles übereinstimmt. Vielmehr verstand und erwartete er Differenzen und bestätigte sie. Er erkannte, daß die Freiheit des Unterschieds - in der Kultur, im Denken, im Glauben und im Brauchtum - für eine subtilere aber dauerhaftere Harmonie als die sogenannte Harmonie der Uniformität nötig ist. Laßt mich nun mit Vivekanandas eigenen Worten seiner letzten Rede an die Chicagoer Versammlung zum Schluß kommen: "Einige wenige schiefe Töne konnte man von Zeit zu Zeit in der Harmonie [unseres Treffens] vernehmen. Ich danke ihnen besonders, denn sie haben die gesamte Harmonie durch ihren starken Kontrast um so schöner gemacht à Der Christ wird kein Hindu oder Buddhist [oder Moslem oder Jude könnten wir hinzufügen] werden, noch werden der Hindu oder der Buddhist [oder Moslem oder Jude] zum Christen werden. Jeder muß aber den Geist des anderen aufnehmen und dabei seine Individualität wahren und gemäß seinem eigenen Wachstumsgesetz wachsen." Freunde, das ist ein guter Rat; laßt uns ihn befolgen!

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