Kooperation zwischen verschiedenen Glaubensrichtungen wird durch interreligiösen Dialog
ermöglicht, der sich als strenge Disziplin von inhaltslosen Aussagen über Bruderschaft und Toleranz unterscheidet. Ein derartiger Dialog zielt weder auf die Bekehrung Andersgläubiger noch auf den Beweis, daß andere Religionen falsch sind. Es handelt sich hier noch nicht einmal um Präferenzen oder freie Entscheidung. Jeder Dialog basiert auf bestimmten Normen und gemeinsamen Werten. Ein Partner kann nicht als Matrix für einen anderen Partner gelten. Jede Religion verfügt unabhängig von
historischen Zufällen über eine Essenz oder Substanz. So stellt zum Beispiel eine Reformbewegung die Rückkehr zu dieser Essenz dar, nachdem sie mit historischen Zufällen, menschlichen Leidenschaften und sozialen Interessen vermischt worden war. Jede Religion beginnt mit der ihr eigenen Aufklärung, Offenbarung genannt, die identisch mit dem Verständnis des Menschen und der Perfektion der Natur ist, vor allem aber Identität zwischen Offenbarung, Vernunft und Natur bedeutet. Diese Identität
können wir als essentielles Konzept bezeichnen, wohingegen andere religiöse Komponenten wie etwa Dogma, Institution, Gesetz, Geschichte und Symbole periphere Konzepte sind. In der Religion gibt es zwei Tendenzen. Die eine ist ihrem Wesen nach traditionell, dogmatisch, ritualistisch, institutionell und legal; sie resultiert ebenso aus der Geschichte wie aus der menschlichen und sozialen Interaktion. Bergson
bezeichnete sie als die statische Religion. Diese Auffassung von Religion dient Religionssoziologen, positivistischen Anthropologen und Historikern als Forschungsgrundlage, die wie Durkheim (1) Religion als soziales Phänomen definieren. Diese Auffassungsweise veranlaßt Mystiker und Freidenker zur Rebellion gegen die Religion. Es ist die Auffassung der Schriftgelehrten und solcher Glaubensgemeinschaften wie der Pharisäer, die Jesus Christus in der Bergpredikt, Luther in seiner Reform des
römischen Katholizismus und Buddha in seiner Kritik des Hinduismus kritisierte, die Konfuzius im I Ging hinter sich ließ und die von allen Mystikern als Religion der Rechtswissenschaft und nicht der Liebe, als Halaka und nicht als Hagada, als Shari´a und nicht als Haqika angefochten wurde. Diese Auffassung von Religion ließ Freidenker wie Lessing, Rousseau und Tolstoi nach einer Naturreligion Ausschau halten oder solche wie Feuerbach zu Atheisten werden. Sie repräsentiert das periphere Konzept der Religion.
Die andere Tendenz ist liberal, spirituell, zeitgemäß, moralisch, nach innen gerichtet, individuell und human, das Resultat einer der Tiefe des Herzens entspringenden religiösen Erfahrung. Bergson (2) nannte sie die dynamische Religion. Diese Auffassung wird von Religionspsychologen, Phänomenologen, Mystikern und Poeten wie zum Beispiel W. James (3) und Van der Leuw (4) untersucht. Sie zieht Eliten und Freidenker an, die
wie Kant eine rationale Religion verteidigen oder sich wie Lessing für eine Naturreligion aussprechen. Es ist die Auffassung der Propheten und Mystiker, nicht die der Schriftgelehrten oder Rabbis, Hagada gegen Halaka, Ta´wil gegenTanzil, Esoterik gegen Exoterismus, Konfuzius gegen die alte chinesische Religion, Buddha gegen den Hinduismus, Sokrates gegen den griechischen Polytheismus, Jesus gegen die Händler im Tempel, Mohammed gegen die Idolverehrung.
Diese Auffassung liegt Reformbewegungen zugrunde, wie beispielsweise Luther gegen die römisch-katholische Kirche, Spinoza und der liberal reformierter Judaismus gegen die Synagoge. Dies ist die Religionsauffassung der Propheten, Abraham gegen die Sabäer, Moses gegen die Pharaonen, die Essener gegen die Pharisäer. Diese Auffassung repräsentiert das essentielle Konzept der Religion. Das Credo ist ein peripheres Konzept in der Religion. Es bestand anfangs aus einer Weltanschauung, einer Idee oder einer Motivation zum Handeln. Dann wurde es in einen Gegenstand per se umgewandelt. Christus verkörpert nicht nur die Harmonie zwischen dem Ideal und dem Authentischen, zwischen Geist und Natur, sondern als reales historisches Ereignis auch die buchstäblich zu Fleisch gewordene Inkarnation, ähnlich wie das Konzept der Realität im Positivismus. Nur das Notwendige kann intuitiv wahrgenommen werden, Bedeutungen werden rational erfaßt, während in der Phänomenologie Tatsachen zwischen den Klammern bleiben. Das Credo wird manchmal als Mysterium jenseits des menschlichen Verstandes angesehen, als Glaubens- und nicht als Verständnisfrage. Die Doktrin der Erbsünde, die des Heils, die der Autorität der Kirche, die der Unfehlbarkeit des Papstes im Christentum, die der Versammlung und der Wahl im Judaismus, die des Polytheismus im Hinduismus oder in der alten chinesischen Religion bringt den menschlichen Verstand im Namen des humanen Verständnisses zur Auflehnung. Ein Dogma verkörpert keine Wahrheit an sich, es ist keine Theorie, welche die Kriterien für ihre Gültigkeit in sich birgt, es ist einfach nur eine Möglichkeit des Handelns, eine Motivation für menschliches Verhalten. Wird also ein peripheres Glaubenskonzept als Gegenstand, Mysterium oder Theorie per se aufgefaßt, würde ein sich darauf gründender interreligiöser Dialog unmöglich, da es keinen Raum mehr für ein gemeinsames Verständnis gibt.
Auch Rituale stellen ein peripheres Konzept dar. Rituale sind einfache nach außen gerichtete symbolische Gesten für etwas anderes. Sie drücken nicht die Essenz der Religion aus. Sie können als reine Form ohne jeglichen Inhalt durchgeführt werden. Sie können sogar wie bei der Heuchelei andere versteckte Motivationen vertuschen. Während Rituale nach außen gerichtet sind, richtet sich Frömmigkeit nach innen. Alle
Reformbewegungen waren anti-ritualistisch und sprachen sich für die Frömmigkeit aus. Konfuzius lehnte den ritualistischen Aspekt in der alten chinesischen Religion ab, er gab der Religion eine ethische Gestalt und legte die sozialen Beziehungen zwischen Individuum und Gemeinschaft fest. Sokrates kritisierte den unmoralischen Aspekt der miteinander wetteifernden und sich betrügenden Götter und verteidigte statt dessen einen moralischen Standard für das religiöse Leben. Buddha ersetzte die
Religion der körperlichen Gestik ebenfalls durch die Religion der inneren Erleuchtung. Christus lehnte äußerliche Rituale wie den Sabbat ab. Die Anwesenheit Gottes im Herzen bedarf keiner äußeren Manifestation. Luther verwarf die Sakramente der römisch-katholischen Kirche. Tolstoi stellte sich das himmlische Reich in unserem Inneren vor und nicht außerhalb von uns. Rituale sind periphere Vorstellungen. Dieses Konzept kann nicht als Norm für einen interreligiösen Dialog dienen. Da jede Religion über ein Glaubenssystem und ein legales System verfügt, über eine Glaubensüberzeugung und ein Gesetz, und da jeder Glaube eine einfache Motivation für gute Handlungen darstellt und keinen Wert, keine Sache und keine Theorie an sich, stellt das Gesetz ebenfalls einen peripheren Aspekt von Religion dar. Ein religiöses Gesetz ist weder ein Verbot noch eine Vorschrift des göttlichen Willens für den Menschen. Es stellt
lediglich ein moralisches Gesetz dar, ein Streben des Menschen nach Perfektion. Das Strafgesetzbuch findet hier keine Gültigkeit, denn Religion möchte nicht bestrafen. Das religiöse Gesetz bestätigt als natürliches Gesetz die universellen menschlichen Werte wie Leben, Vernunft, Wahrheit und Ehre. Das Gesetz bindet, wohingegen die Natur befreit. In jeder Religion gibt es einen Disput zwischen der wörtlichen und der spirituellen Bedeutung der heiligen Schriften. In der Regel ist die wörtliche
auch die legale Bedeutung. Im Christentum bedeutet dies die Opposition zwischen Gesetz und Liebe, im Judentum zwischen Halaka und Hagada, im Islam zwischen Juristen und Mystikern, zwischen Tanzil und Ta´wil. Kant formulierte das äußere kanonische und religiöse Recht als einfaches moralisches Gesetz, ebenso tat es Fichte in seinem Werk Grundsätze aller Offenbarungen. Spinoza faßte das jüdische Gesetz als natürliches Gesetz des Herzens auf. Religion als Gesetz ist eine
periphere Vorstellung, während Religion als sozialer Inhalt mehr an ein essentielles Konzept gebunden ist, welches einen offenen Dialog ermöglicht. Jede Religion basiert auf dem Konzept des Heiligen: des heiligen Buches, der heiligen Kirche, des heiligen Vaters, des heiligen Landes, der heiligen Stadt, der heiligen Geschichte, des heiligen Ortes, etc., ganz so, als sei das Heilige gänzlich vom Profanen getrennt.
Dabei wird lediglich etwas symbolisiert. Es sind Indikatoren, eschatologische Zeichen für die Bedeutung. Die Person des Propheten ist nicht heilig. Er stellt nur eine Verbindung zum Wort Gottes her. Auch der Papst oder der Priester sind a fortiori wie alle Menschen als Person nicht heilig. Das Buch ist nur ein Bündel beschriebener Papiere. Seine Heiligkeit rührt nicht aus dem Papier, sondern aus den Worten, die darauf geschrieben wurden, nachdem sie vernommen und verstanden wurden. Die
Heiligkeit kommt aus dem Selbst, das die Bewunderung für das Objekt projiziert auf eine Person, einen Ort, eine Sache oder eine Institution. Die Kirche ist nicht heilig. Sie ist eine rein menschliche, von der Geschichte geerbte Institution. Ein Land ist nicht heilig. Nur die Erinnerung an Geschehnisse dort lassen es uns heilig erscheinen. Auch eine Stadt ist nicht heilig, nur durch die Nostalgie der Vergangenheit wird sie es für uns. Geschichte hat nichts Heiliges. Sie ist nur ein Bereich, in
dem Ereignisse stattfinden. Der Gläubige projiziert seine eigenen Hoffnungen und Wünsche auf zukünftige Erlösung dorthin. Das Leben jedoch ist heilig, niemand kann es ausrotten. Die Natur ist heilig, niemand kann sie zerstören oder schwächen. Das Heilige ist ein peripheres Konzept in jeder Religion und keine Grundlage für einen interreligiösen Dialog. Auch die Institution gehört zu den peripheren Konzepten in der
Religion. Sie wurde von Menschen in einem speziellen sozio-historischen Zusammenhang konzipiert. Sie hat nichts mit der Essenz der Religion zu tun. Im Gegenteil, sie mißbraucht die Essenz die ganze Zeit. Eine Institution wird immer von Menschen geschaffen. Gott steigt nicht auf die Erde herab, um eine Kirche zu bauen, eine Synagoge oder einen Tempel zu errichten. Die Kirche ist ein römischer Tempel mit neuer Funktion, die Synagoge ein jüdischer Ort für gemeinsame Feiern. Die Moschee
repräsentiert eine neue Form arabischer, vor-islamischer Zusammenkünfte. Der hinduistische Tempel ist ein Ort der Versammlung für die Armen, ein Ort für Feste und Folklore. Die Institution verwaltet eine Glaubensgemeinschaft und kontrolliert ihr Leben. Dies ist auch der Grund dafür, daß sie von politischen Institutionen herausgefordert wird und für den Machtkampf zwischen Kirche und Staat. Alle Reformbewegungen richteten sich gegen religiöse Institutionen. Ihr Ideal bestand darin, eine
Religion des Geistes ohne die Autorität der Institution zu etablieren, so wie es Luther proklamierte, sie diente schon immer als Quelle der Unterdrückung von Reformern und Freidenkern. Die Inquisition war eine religiöse Institution. Die Institution dringt widerrechtlich in den Machtbereich Gottes und des Menschen ein, um sich Gottes und des Menschen zu bemächtigen. Somit ist auch die Institution eine periphere Vorstellung, die keine Grundlage für einen interreligiösen Dialog bilden kann.
Schließlich möchte ich die Geschichte als peripheres Konzept in der Religion anführen. Die Religion unterscheidet sich von ihren geschichtlichen Manifestationen. Es wird zwischen De jure und De facto, Sein und Sein Sollen, zwischen Fakten und Normen unterschieden. Die Geschichte der Erlösung ist eines, die Erlösung selbst aber etwas anderes. Bereits der heilige Augustinus traf eine
Unterscheidung zwischen der profanen und der Heiligen Stadt in De Civitate Deii. Alle geschichtlichen Ereignisse sind Bestandteil der menschlichen Geschichte. Die Unterscheidung zwischen Christianisierung und Christentum basiert auf dieser Norm. Luthers protestantische Bewegung vertrat zu Recht die Auffassung, daß die Kirche Teil der Geschichte und nicht Essenz der Religion sei. Andererseits hat die Kirche alle Geschehnisse in ihrem Namen zu verantworten. Mord, Verfolgung, Verbrennung,
Exkommunizierung, Verdammnis, Verbannung, Ausschluß, etc., all dies gehört der Geschichte an und nicht der Religion. Wäre Geschichte die Religion, hätte nie ein religiöser Mensch existiert. Der Vollzug der Religion in der Geschichte stellt ein religiöses Ziel dar, jedoch welche Darstellung der Religion und für wen? Die Geschichte ist, selbst wenn es sich dabei um die Geschichte der Erlösung handelt, ein peripheres und kein essentielles Konzept. Auch die Geschichte kann daher nicht als
Grundlage für einen interreligiösen Dialog in Betracht gezogen werden. Im Gegenzug dazu gibt es essentielle Konzepte, die eine hervorragende Basis für einen interreligiösen Dialog bilden. An die Stelle des Dogmas tritt Transzendenz. In etymologischer Hinsicht bedeutet Transzendenz "überschreiten", die Suche nach dem Gipfel und dem Unendlichen. Die Transzendenz befreit den menschlichen Geist von Dogma,
Fixierung, Deifikation und Materialismus. Sie basiert auf einer Unterscheidung zwischen dem Endlichen und dem Unendlichen, dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren, dem Erlebten und dem nicht Erlebten, dem Materiellen und dem Formalen, etc., Solvitur in Excelsis. Auf dieser Grundlage konnte Leibniz sein Konzept der Oekumene entwickeln. Auf dem Gipfel des Berges treffen sich alle Seiten. Als metaphysische Vorstellung erscheint Transzendenz als universeller ethischer Kodex, als Verhaltensnorm
ein bestimmter Wert, dem der Mensch sich gewachsen zeigen muß. Dies entspricht einem rationalen Nachweis für die Vorliebe des Menschen, immer nach dem Jenseitigen zu suchen. Im Universellen treffen sich alle Details. Die Transzendenz verteidigt die Gleichheit zwischen allen Menschen, Kulturen und Religionen. De Jure sind alle gleich,sie liefert die Motivation zum Kampf gegen jegliche Form von de facto Ungleichheit. Transzendenz ermöglicht den interreligiöser Dialog, denn hier sind alle Partner gleich. Sie beabsichtigen das gleiche und verfolgen ein gemeinsames Ziel. Ohne den Geist der Transzendenz würden die Partner gegeneinander ankämpfen, jeder würde für sich beanspruchen, Hüter der Wahrheit zu sein. Oder aber man würde unter dem Vorwand des Pluralismus, der Raum für Koexistenz, nicht aber für Austausch ermöglicht, voneinander getrennt bleiben.
Das Konzept der Transzendenz führt zu einem anderen essentiellen Konzept, dem der Einheit. Da die Transzendenz das menschliche Bewußtsein motiviert, Grenzen zu überschreiten, gibt es nur einen höchsten Punkt, das Vanculum Substantialevon Leibniz. Es gibt jedoch mehr als eine Möglichkeit, über gewisse Grenzen hinaus die ursprüngliche Einheit zu erreichen, so zum Beispiel den Dualismus, den Triadismus und den
Pluralismus. Die meisten philosophischen Systeme waren auf der Suche nach der Einheit. Die Einheit des Ursprungs stellt ein materielles Element dar wie etwa das rationale Prinzip Eleates, das Konzept Platos oder die reine getrennte Form. Auch die Mystiker waren auf der Suche nach der Einheit, der Einheit mit dem Kosmos, mit Gott, mit dem Panentheismus und dem Pantheismus. Alle Dichter und Philosophen der Romantik empfanden in ihren philosophischen Systemen diese Einheit: Fichte, Schelling,
Hegel, Goethe und Schiller. Die Einheit des Ursprungs, des Schicksals, des Lebens, der menschlichen Persönlichkeit, des Denkens, des Fühlens, der Worte und der Taten, auf gesellschaftlicher Ebene die Einheit der verschiedenen sozialen Klassen und auf der menschlicher Ebene die Einheit aller Menschen und Religionen sind Ausdruck der unterschiedlichen Formen der Einheit. Einheit ist das essentielle, jeglicher Erfahrung von Liebe, Freundschaft, Hingabe, Achtung und Opferbereitschaft
zugrundeliegende Konzept. Im interreligiösen Dialog wird die Einheit zwischen allen Partnern vorausgesetzt. Der ganze Dialog soll dazu dienen, Unterschiede aufzuheben, Divergenzen aufzuspüren und sie aufzulösen. An die Stelle von peripheren Ritualen treten essentielle gute Taten. Gebete mögen sich formal unterscheiden, in ihrer Pietät sind sie jedoch gleich. Fasten kann sich hinsichtlich der Quantität unterscheiden,
die Qualität jedoch ist in allen Formen des Fastens gleich. Eine gute Tat zeichnet sich dadurch aus, daß sie von allen angenommen wird, den Hungrigen zu essen gibt, den Bedürftigen hilft, die Schwachen beschützt, die Wüsten zum Blühen bringt und Dürregebiete mit Wasser versorgt. Eine gute Tat bringt die Freigebigkeit in der Natur zum Ausdruck, denn die durch Gottes großzügige Gabe erschaffene Natur ist an sich gut. Nicht allein das individuelle, sondern das gemeinschaftliche Handeln
verkörpert das höchste allgemeine Gut. Der Akt des Dienens stellt eine elaborierte Form guter Taten dar. Geben, ohne etwas dafür zu erwarten, sich zum Wohle aller opfern, wie etwa im Märtyrertum, ist die höchste Form guter Taten. Gute Taten sind das einzige Kriterium für die Erlösung am letzten Tag, wenn jeder seinen Verdiensten entsprechend beurteilt wird. Gute Taten sind das essentielle Konzept, das einen interreligiösen Dialog ermöglicht. Wenn Dogmen als Mysterien über den menschlichen Verstand hinausgehen und Symbole und Bilder wörtlich genommen werden, dann ermöglicht die menschliche Vernunft als essentielles Konzept den interreligiösen Dialog. Es ist schließlich die menschliche Vernunft, die Menschen zur Kommunikation miteinander befähigt. Sie ist die natürliche Gegebenheit, das natürliche Licht in jedem Lebewesen, das Lumen Naturalis. Das Argument der Vernunft ist
kommunikativer als das Argument der Autorität, der Autorität der Schriften und der Tradition. Die menschliche Vernunft ist ein Allgemeingut, die Schriften und die Tradition hingegen unterliegen der Interpretation. In der Religion gibt es kein Mysterium. Die Vernunft ist in der Lage, alle Objekte der Reflexion zu verstehen. Selbst Gott ist ein Akt der Erkenntnis. Offenbarung und Vernunft sind identisch, sie leiten sich aus derselben Ordnung ab. Im Falle einer vermeintlichen Opposition zwischen
der Vernunft und den Schriften wird die Vernunft verteidigt, und die Schriften werden ihren Maßstäben gemäß interpretiert. Schriften, die verschiedenen Interpretationen unterliegen, bleiben anfällig für Mutmaßungen, wohingegen auf Beweisen gegründete Vernunft Sicherheit gewährt. Die Vernunft duldet keinerlei Bevormundung, anderenfalls diente sie als Rechtfertigung für Unterdrückung und Diktatur. Die Vernunft rechtfertigt nichts Vorgegebenes, sie stellt ihre eigenen Gegebenheiten auf. Sie ist
ein essentielles Konzept in jedem möglichen interreligiösen Dialog. Im Gegensatz zur Institution als peripheres Konzept steht die menschliche Freiheit als essentielles Konzept. Das Individuum ist eine vollständige Institution, frei und autonom. Im Islam ist der freie Wille das Prinzip der Individuation, die uns das Verständnis dafür eröffnet, daß es noch etwas anderes gibt als Gott. Die menschliche Vernunft kann
mittels zahlreicher Demonstrationen den Beweis für die Existenz Gottes erbringen, onthologisch, kosmologisch, teleologisch, etc. Der freie Wille jedoch kann als einziger die individuelle Existenz beweisen. Ich bin frei, also bin ich. Das praxisorientierte islamische Cogito basiert auf dieser Freiheit des Menschen und nicht auf seiner Erkenntnisfähigkeit. Daher bleibt die westliche Methode theoretisch, im Gegensatz zur praxisorientierten islamischen. Erstere ist epistemologisch, die zweite axiomatisch. Die Freiheit des Menschen als Voraussetzung für individuelle Verantwortung ist Maßstab für eine gerechte Bewertung gemäß dem Gesetz der Verdienste an unserem letzten Tag. Der Mensch ist frei geboren, er allein ist verantwortlich für seine Taten, er ist keineswegs mit einer Erbsünde belastet. Er kann sich aus eigener Kraft durch die Macht seines Erkenntnisvermögens retten, durch seine Fähigkeit, Richtiges von Falschem zu unterscheiden und durch seine Freiheit, sich für das Richtige zu entscheiden, ohne daß es eines Retters von außen bedarf. Die Freiheit des Menschen ist ein essentielles Konzept für jeden interreligiösen Dialog.
Ist Geschichte schließlich ein peripheres Konzept, dann ist die Gemeinschaft ein essentielles. Das Individuum lebt nicht allein als Nomade, sondern ist Mitglied einer Gemeinschaft. Diese gemeinschaftliche Dimension im Individuum verlangt den Vollzug sozialer Gerechtigkeit mittels sozialer Solidarität und Zusammenhalt, sei es durch individuelle Initiative oder durch soziale Bindung. Das Wohl der Allgemeinheit steht immer
über dem des privaten Individuums. Menschliche Solidarität ist ein positiver Wert, der von keinem vernunftbegabten Wesen geleugnet werden kann. Gott schuf alle Menschen gleich, der einzige Unterschied liegt in der Qualität des individuellen Handelns. Armut ist ein vom Menschen geschaffenes Phänomen, dem man nur mit menschlicher Solidarität begegnen kann. Besitz enthält mehr öffentliche als private Elemente. Der Mensch betritt und verläßt diese Welt, wobei er nur seine guten Taten mit sich
führt und nicht seinen Reichtum. Interreligiöse Kooperation geht weit über gegenseitiges Verständnis, Achtung und Anerkennung hinaus, sie dient als gemeinschaftliches Projekt dem Allgemeinwohl, dem Überleben des Menschen und bekämpft Hunger, Krankheit, Ignoranz, Analphabetentum und Unterentwicklung. Diese essentiellen, effizienten und produktiven Konzepte für einen interreligiösen Dialog gehen über wechselseitige brüderliche Umarmungen und diplomatische Wortwechsel hinaus. Literaturangaben: 1. E. Durkheim: Les Formes Elementaires de la Vie Religieuse, PUF, Paris. 2. Bergson: Les Deux Sources de la Morak et de la Religion, PUF, Paris, 1955.
3. W. James: The Varieties of Religious Experience, Collier, N.Y., 1972. 4. Van der Leuw: Religion, ist Essence and Manifestation, Payot, Paris, 1955. top |