Zu Beginn muß ich eingestehen, daß ich eine gewisse Zurückhaltung verspüre, meine Ansichten in einer Sammlung von Artikeln solch herausragender Gelehrter vorzulegen. Es ist eine Zurückhaltung, die aus dem Bewußtsein
ungenügender intellektuelle Reife erwächst, über das von mir gewählte Thema sprechen zu können. Was ich zu sagen habe, entspringt den unzähligen unbeantworteten Fragen, die ich mit mir herumtrage. Als ein Student der Wissenschaft bin ich letztendlich soweit vorgedrungen, daß ich erkennen kann, wie wenig ich weiß. Der Gegenstand der Kosmologie - die Untersuchung des Ursprungs und der Entwicklung des Universums - zeigt uns, wie klein der Mensch ist und wie begrenzt seine Erfahrungen auf diesem
kleinen Planeten in Anbetracht des physikalischen Universums sind. Um den britischen Kosmologen A. S. Eddington zu zitieren: " Der Mensch ist auf seiner Suche nach dem Wissen über das Universum wie ein Kartoffelkäfer im Inneren eines Schiffes, der versucht, das Wesen des unermeßlichen Ozeans anhand der Bewegungen des Schiffes zu erkennen..." Diese Behauptung von Eddington ist mehr als fünf Jahrzehnte alt. 1970 sagte Fred Hoyle, ein anderer Astronom, der den plumenischen Lehrstuhl in Cambridge innehatte: "...Ich denke, es ist sehr unwahrscheinlich, daß es auf diesem Planeten auch nur ein Lebewesen gibt, daß über ein Gehirn verfügt, welches in der Lage wäre, die Physik in ihrer Totalität zu verstehen.
Ich denke, dies ist absolut unmöglich, und sogar wenn dem so wäre, dann bezweifle ich, daß diese Situation bereits im Jahre 1970 erreicht wäre..." Wenn schon solch geniale Geister ihre Bescheidenheit zum Ausdruck gebracht haben, was bleibt mir dann anderes übrig, als den großen Kalidasa zu zitieren: "mandaha kaviyashprarthi gamishyamyupahasyatarm
pranshulabhye phale mohadudbahuriva vamanah" (Da ich selbst dumm bin und dennoch nach dem Erfolg des Weisen strebe, werde ich in Lächerlichkeit enden, so wie ein Zwerg, der seine Hände nach einer Frucht ausstreckt, die nur ein großer Mensch pflücken kann.) Aber nachdem Kalidasa diese Zeilen geschrieben hatte, ging er daran, sein Meisterwerk Raghuvanshazu
verfassen. Eine solche Hoffnung maße ich mir nicht an! Ich bin lediglich hier, um meine Unwissenheit kundzutun. Wie dem auch sei, die Situation ist die, daß ich mich keineswegs in einer Versammlung fehl am Platze fühle, die zusammengekommen ist, um das 700-jährige Jubiläum des Heiligen Jnaneshvara zu zelebrieren, dessen Werke nie aufgehört haben, die Menschen mit ihrer praktischen und pragmatischen Philosophie zu
beeinflussen und zu leiten. In diesen Werken hat Jnaneshvara stets die Bedeutung der Toleranz im Hinblick auf die verschiedenen Ansätze zur Wahrheitsfindung betont. In jenen 700 Jahren hat die Wissenschaft unvorstellbare Fortschritte gemacht. Ihre konstruktiven und ihre destruktiven Kräfte sind heute ebenso offenbar wie ihr breit gefächerter Einfluß auf die Gesellschaft. Aus diesem Grund sehen viele sie als Herausforderung für die Religion an. In meinem kurzen Vortrag möchte ich einige aus meiner Sicht besonderen Aspekte der Wissenschaft vs. Religion erörtern. Ich hoffe, zum Entfachen einer Diskussion beitragen zu können, die zu Ergebnissen führen wird, die ich selbst außer Acht gelassen habe. Gemeinsame Ziele...
Sowohl Wissenschaft als auch Religion sind von der Suche des Menschen nach Wahrheit geprägt. Ihre Ansätze hinsichtlich ihrer Auffassung von der Wahrheit sind jedoch ebenso wie ihre Konzepte verschieden. Lassen Sie uns zunächst die Wissenschaft in Augenschein nehmen. Die Wissenschaft ist aus der menschlichen Neugier hinsichtlich der Natur, ihrer verschiedenen Abläufe, der Sonne, des Mondes, der Sterne und der Planeten, des Donners und des Blitzes, der verschiedenen, kleinen und großen Lebewesen und des Ursprunges des Universums entstanden. Obwohl es viele Jahrhunderte gedauert hat, bis die Wissenschaft ihre festumrissene Gestalt erhielt, entwickelte sie sich seitdem sehr schnell. Experimente, Beobachtungen, Theorien und Vorhersagen...wobei das letztere durch weitere Experimente bewiesen werden muß. Und so geht es immer weiter. Wenn der Wissenschaftler eine bestimmte Ebene des Naturverständnisses erreicht hat, fängt er an, weitere Fragen zu stellen. In seinem Bemühen um Antworten gelangt er auf eine höhere Ebene und wiederum zu neuen Fragen, von deren Existenz er bislang nichts wußte. Nehmen wir einmal das Beispiel der Struktur der Atome. Warum hat das Wasserstoffatom die Größe eines Teiles eines Nanometers? Diese Frage kann von den Quantenphysikern dieses Jahrhunderts beantwortet werden. Zur Zeit Isaac Newtons hätte diese Frage noch keinen Sinn ergeben. Ähnlich verhält es sich mit der im Jahre 1920 von Eddington aufgestellten Behauptung, daß der Ursprung der Sonnenenergie im nuklearen Fusionsprozeß zu finden sei.
Als er diese Erkenntnis präsentierte, wurde er von den Nuklearphysikern ausgelacht. Innerhalb von anderthalb Jahrhunderten machte die Nuklearwissenschaft jedoch solche Fortschritte, daß sich Eddingtons Erkenntnis bewahrheitete. So erzielt die wissenschaftliche Basis immer präzisere Erkenntnisse hinsichtlich ihres Wissens über die Wahrheit. Dies ist ein endloser Prozeß. Mit Fragen bezüglich des Inneren des
menschlichen Geistes, der Gefühle und des Wissensdurstes kann sie jedoch nicht adäquat umgehen. Warum wurde der Mensch geschaffen? Warum gibt es so viele verschiedene Existenzformen? Welcher Zweck liegt dem Schöpfungsprozeß zugrunde? Warum gibt es überhaupt wissenschaftliche Gesetze? Wieso sind die Gesetze, die der Mensch auf diesem kleinen Planeten entdeckte, auch auf Sterne und Galaxien anwendbar? Hierbei handelt
es sich um Fragen über kosmische Wahrheiten, die den wissenschaftlichen Rahmen überschreiten. Exakt an diesem Punkt kommt die Religion ins Spiel. Verschiedene Religionen haben verschiedene Gedankenmuster geliefert, um diese Fragen zu beantworten. Sogar die Rolle des Schöpfers oder Gottes nimmt in verschiedenen Zusammenhängen unterschiedliche Formen an. Es gibt auch Hierarchien hinsichtlich der Versuche, Wissen über die Religion zu erlangen. In der Gita sagt zum Beispiel Krishna zu Arjuna:
Shreyo hi jnanamabhyasyat jnanat dhyanam vishishyate dhyanatkarmaphalatyagah tyagat shantiranantaram (In der Tat, Wissen ist wichtiger als die Praxis (der Konzentration), Meditation ist wichtiger als das Wissen, und der Verzicht auf die
Früchte der Arbeit ist wichtiger als die Meditation: auf diesen Verzicht folgt der Frieden.) In allen Religionen gibt es einen ultimativen Zustand der Perfektion, den das Individuum anstrebt. Dies kann Moksha, Nirvana oder eine andere Form der Erlösung sein. Es handelt sich um einen Zustand, in dem alle Fragen beantwortet sind und sich keine weiteren Fragen stellen. In gewissem Sinne würde die Wissenschaft diesen Zustand auch gerne erreichen, aber es ist sehr unwahrscheinlich, daß sie dies jemals schaffen wird. Tatsächlich mag der Wissenschaftler das Universum als öden Ort erleben, wenn er alle Antworten auf seine Fragen gefunden hat, während im Gegensatz dazu der Religiöse, am Ende seiner Suche angelangt, Frieden und Zufriedenheit erlangt. ...aber verschiedene Herangehensweisen Die wissenschaftliche Wahrheit unterscheidet sich wesentlich von der religiösen, auch wenn beide an sich unvollständig sind. Die Wissenschaft besteht auf
Objektivität, auf der Wiederholbarkeit ihrer Experimente und auf ihrer Gültigkeit auf einer universellen Skala. Dies bedeutet, daß die Behauptungen von Herrn X nicht anerkannt werden, wenn sie sich durch Experimente oder Behauptungen von Herrn Y nicht bestätigen lassen. Wenn Galilei herausgefunden hat, daß sich die Geschwindigkeit eines Steines, der vom Schiefen Turm von Pisa hinuntergeworfen wurde, proportional zur Zeit nach dem Abwurf steigert, dann muß diese Behauptung gleichermaßen von
jedem x-beliebigen Tom, Hans oder Harry durch das gleiche Experiment nachvollzogen werden können. Mit den religiösen Experimenten verhält es sich ganz anders. Als Krishna Arjuna seine "universelle Gestalt" offenbarte, sagte er zu ihm: na vedayajnadhyayanair na danairna cha kriyabhirna tapobhirugraih
evam rupah shakya aham nruloke drashtum tvadanyen kurupravir (In dieser Form kann ich in der Welt von keinem einzigen Menschen, weder durch die Vedas, durch Opfer, Studium, Geschenke, zeremonielle Riten, noch durch ernsthafte Bemühungen erkannt werden. Das vermagst nur du, oh du Held der Kurus!) Folglich war nur Arjuna privilegiert, sie zu sehen. Kein Wissenschaftler kann jedoch mit der Behauptung wegkommen: "Nur ich habe den Protonenzerfall gesehen...niemand Anderes kann diesen Vorgang erleben." Dies stellt hinsichtlich der Wahrheitsauffassung den Hauptgegensatz zwischen Religion und Wissenschaft dar: Objektivität, auf der die Wissenschaft
beharrt, versus subjektiver persönlicher Erfahrung der Religion. Zum Konflikt kommt es, wenn die Wissenschaftler aufgefordert werden, diese einzigartige persönliche Erfahrung zu glauben. Es ist offensichtlich, daß sie nicht glauben können, was sie selbst nicht erfahren haben. Auf der anderen Seite glaubt der überzeugte Anhänger eines religiösen Sehers ganz fest an den Wahrheitsgehalt von dessen Erfahrung. Er wird den Wissenschaftler, der dies nicht glaubt, vielleicht als halsstarrig
bezeichnen. Zweitens weiß der Wissenschaftler im Bewußtsein der von ihm erstellten Teilwahrheiten ganz genau, wie schwierig es ist, vollständiges Wissen zu erlangen. Die meisten Religionen behaupten jedoch, über das vollständige Wissen basierend auf den Erfahrungen einiger Auserwählter zu verfügen. Ihre unerschütterliche Gewißheit verunsichert den Wissenschaftler. Diese Unterschiede sind echt, und sie müssen von beiden Seiten in Form einer Debatte Wissenschaft vs. Religion erkannt und respektiert werden. Es kommen jedoch noch andere Probleme hinzu, die ich nun ansprechen möchte. Die meisten Religionen dieser Welt entwickelten sich zu einer Form moralischer Verhaltenskodexe, die das soziale Zusammenleben einer bestimmte Gruppe
von Menschen normativ bestimmen. In diesem Zusammenhang gibt es unweigerlich verschiedene Gebote und Verbote. So zum Beispiel die zehn Gebote der Bibel. Darüber hinaus haben Religionen häufig Frieden verheißende Methoden für das konfliktreiche Leben der Menschen entworfen. Auch hier gibt es unzählige "du darfst" und "du darfst nicht". Probleme tauchen dann auf, wenn diese ehrlichen und
praktischen Instruktionen sich so sehr mit Ritualen vermischen, daß die Rituale die Instruktionen übertreffen. Ab einem gewissen Punkt kam noch die Astrologie mit ins Spiel, mit ihrer Vorstellung von ungünstigen Planeten, die versöhnlich gestimmt werden müssen. Hinzu kommen Wunderbezeugungen, die bis zum heutigen Tag Bestand haben. Es scheint, daß die Lehrer ihre Erkenntnisse nicht allein durch ihr Wissen vermitteln können, sondern auf Tricks zurückgreifen müssen, um den zu Bekehrenden zum
Respekt zu bewegen. Wenn diese Wunder von der Wissenschaft entlarvt werden und die astrologische Vorhersage als wirkungslos und unwissenschaftlich bloßgestellt wird, überrascht es keineswegs, daß Wissenschaftler eine Antipathie gegenüber Religion an sich entwickeln. Im gleichen Maße, wie diese pseudo-religiösen Praktiken der Religion zu einem schlechten Ruf verhelfen, trägt auch der Fanatismus dazu bei, den wir
heute Fundamentalismus nennen. Fundamentalismus verbietet jegliches Hinterfragen seiner Prinzipien und ist aus diesem Grunde hochgradig unwissenschaftlich. Religiöser Fundamentalismus lehnt wissenschaftliche Tatsachen und damit die Wissenschaft selbst rigoros ab. Nachdem ich nun diese kritischen Bemerkungen bezüglich der Religion angebracht habe, möchte ich anfügen, daß auch die Wissenschaft davon nicht ganz
unbefleckt ist. Der soziale Druck auf die Wissenschaftler führt zu einer Beeinträchtigung ihres Aushängeschildes, der Objektivität, und läßt wissenschaftlichen Fundamentalismus entstehen. Kopernikus und Galilei waren davon betroffen durch ihren Versuch, die heliozentrische Theorie als eine Alternative zur geozentrischen Theorie zu propagieren. Man könnte anführen, daß dieser Fundamentalismus religiöser Natur war. Dieses Argument entspricht jedoch nur teilweise der Wahrheit. Denn auch
Intellektuelle, die nicht zum katholischen Klerus gehörten, widersetzten sich der heliozentrischen Theorie - und auch auf protestantischer Seite war zum Beispiel Martin Luther King kein Freund dieser Theorie. Man kann sagen, daß sich die Intellektuellen des 16. und frühen 17. Jahrhunderts aus Angst vor der Einbuße ihres sozialen Ansehens und Status nicht öffentlich zu dieser Theorie bekannten. Heutzutage verlassen
sich die Wissenschaftler hinsichtlich ihrer Forschung zunehmend auf die öffentlichen Mittel. Sie haben einen fairen und demokratischen Weg zu der Entscheidung gefunden, in welche Projekte sie investieren sollen. Die Methode basiert auf einer gleichrangigen Prüfung, sie arbeitet jedoch auf eine sehr konservative Art und Weise. Nur die als "sicher" erscheinenden Projekte werden gefördert, d.h., die als durchführbar geltenden oder zumindest für die Mehrheit akzeptablen. Diese Methode
scheint sich hinsichtlich der Verwendung öffentlicher Gelder zwar als vernünftig zu erweisen, schließt jedoch die Förderung neuer wissenschaftlicher Ideen und Entwicklungen aus. Alle mittelmäßig guten wissenschaftlichen Erkenntnisse werden von dem oben erwähnten konservativen Netz aufgefangen, alle progressiven, radikalen, neuen Ideen fallen jedoch durch. Wenn wir uns die Geschichte der Wissenschaft vor Augen halten wird offensichtlich, daß es immer die letzteren waren, welche die
Wissenschaft am Leben erhielten. In diesem Zusammenhang möchte eine Geschichte zitieren, die Eddington erzählt hat: Zwei Flieger beschafften sich in alter Zeit einmal Flügel. Daedalus flog sicher durch den mittleren Raum der Lüfte und wurde nach seiner Landung geehrt. Ikarus flog bis zur Sonne, doch das Wachs, das seine Flügel zusammenhalten sollte, schmolz, und sein Flugabenteuer endete in einer Katastrophe...Die
klassischen Autoritäten sagen uns natürlich, daß er nur einen Stunt vollführte; ich hingegen ziehe es vor, ihn als einen Mann zu betrachten, der einen ernst zunehmenden Konstruktionsfehler der damaligen Flugapparate ans Licht brachte. Genauso verhält es sich in der Wissenschaft. Der vorsichtige Daedalus wird seine Theorien nur in dem Maße anwenden, wie er sicher ist, daß sie auch funktionieren; durch seine
Vorsichtsmaßnahmen werden jedoch ihre Schwachstellen niemals entdeckt werden. Ikarus wird immer soweit gehen, bis die Schwachstellen zu Tage treten. Um des reinen Abenteuers wegen? Vielleicht auch deshalb, denn das liegt in der menschlichen Natur. Aber wenn er auch die Sonne noch nicht erreicht und ihr Rätsel nicht gelöst hat, können wir doch wenigstens von seiner Reise lernen, wie wir eine bessere Flugmaschine bauen können. Vielleicht lassen sich viele ausgezeichnete Wissenschaftler von dem Konformismus irreleiten, daß ihre "ausgetretenen Pfade" die einzig wahren Tatsachen über das Universum enthüllen und daß das Ende ihrer Suche nahe ist. Tatsächlich ist jedoch das Gegenteil wahr: ein Gefühl der Selbstzufriedenheit ist ein Hinweis darauf, daß die erprobte und bewährte Methode das Ende ihrer Nützlichkeit erreicht hat und daß nun etwas völlig Neues
gebraucht wird. Vor hundert Jahren führte der rapide Fortschritt der Gravitationstheorie, der elektromagnetischen Theorie und der Thermodynamik viele Wissenschaftler zu der Überzeugung, daß das Ende der Physik erreicht sei. Diese Prophezeiung wurde von zwei wichtigen Revolutionen dieses Jahrhunderts widerlegt: von der Relativitätstheorie und von der Quantentheorie. Beide sind zu Anfang unseres Jahrhunderts entstanden. Es ist interessant zu beobachten, daß sich die Geschichte in Gestalt des
Wissenschaftlers Stephen Hawking wiederholt, der 1980 voraussagte, daß das Ende der Physik gleich um die Ecke liege. Diese Ecke scheint bereits zu verschwinden. Berücksichtigen wir diese Aussagen über die Wissenschaft, erscheint das Anzweifeln der Glaubwürdigkeit der Wissenschaft durch den Laien durchaus gerechtfertigt.
Komplementarität und Synthese Wie können wir in Anbetracht der Schwierigkeiten, die Realität vom Ideal zu trennen, diese Kluft überbrücken? Erst einmal ist die Erkenntnis vonnöten, daß
Religion und Wissenschaft zwei komplementäre Bedürfnisse des menschlichen Geistes erfüllen. Die Probleme entstehen, wenn es beiderseits zu Übergriffen kommt. Aus diesem Grunde sollten es Wissenschaftler vermeiden, religiöse Gedanken ohne Berücksichtigung ihrer verschiedenen Kontexte zu beurteilen. Religiöse Denker wiederum sollten nicht versuchen, ihre Gedanken durch wissenschaftliche Ergebnisse zu rechtfertigen. Wissenschaftler
werden oft gefragt, ob sie an Gott glauben. Die Bedeutung Gottes ist jedoch von Mensch zu Mensch so verschieden, daß eine Beantwortung mit ja oder nein irreführend wäre. Wird vom Wissenschaftler erwartet, daß er die Existenz Gottes durch Aufzeigen des reibungslosen Funktionierens des Universums beweist? Hilft ihm sein Verständnis von der Entstehung wissenschaftlicher Gesetze weiter? Vom rein wissenschaftlichen logischen Standpunkt her stellt eine neue Aufstellung einer bereits bekannten
Tatsache keinen Fortschritt des Verstehens dar. Mit Sicherheit wäre der Gott, wie er von den Sehern verschiedener Religionen erfahren wird, von der oben genannten wissenschaftlichen Aufstellung verschieden. Um es in anderen Worten auszudrücken, ich glaube, daß es unfair ist, einem Wissenschaftler eine solche Frage zu stellen. Zur Herstellung einer Synthese oder zumindest einer Koexistenz zwischen Wissenschaft und
Religion sind verschiedene Schritte möglich. Zunächst können die Religionen pragmatisch genug sein, ihre Philosophien an die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse über das Universum anzupassen. Die religiösen Konzepte und Glaubensvorstellungen müssen derart gestaltet sein, daß sie mit den wissenschaftlichen Tatsachen kompatibel sind. Auf der anderen Seite müssen sich die Wissenschaftler stets der Unvollständigkeit ihres eigenen Wissens bewußt und daher neuen Ideen und Konzepten gegenüber
aufgeschlossen sein. Zukünftig werden sie über die Möglichkeit verfügen, die Funktion des menschlichen Gehirns zu verstehen. Ihre Forschungen können die Gedanken der Philosophen über Realität, Bewußtsein und über den Sinn der Existenz durchaus bereichern. Darüber hinaus sollte sich der Wissenschaftler stets daran erinnern, daß es vielleicht einige Konzepte und Erfahrungen gibt, die von den ihm bekannten Gesetzen nicht erfaßt werden. Schlußfolgerung An diesem Punkt möchte ich gern einige Gedanken des Svami Vivekananda anfügen. In seiner Ansprache in Chicago, am 19. Sept. 1893, sagte Svamiji folgendes: ...Wissenschaft ist nichts anderes als das Herausfinden der Einheit. Sobald Wissenschaft die perfekte Einheit gefunden hätte, würde sie augenblicklich ihren Fortschritt einstellen, denn sie hätte ihr Ziel erreicht. Die chemischen Wissenschaften würden sich nicht weiterentwickeln, wenn sie ein Element finden würden, aus dem alle anderen entstanden sind. Die Physik würde zum Stillstand kommen, wenn sie die eine Energie entdecken würde,
von der alle anderen nur Manifestationen wären. Und die Wissenschaft der Religion würde zur Perfektion gelangen, wenn sie Ihn entdecken würde, Ihn, der alles Leben inmitten eines Universums des Todes ist, Ihn, der die Basis einer sich stets wandelnden Welt ist. Ihn, der die einzige Seele ist, dessen Manifestation alle anderen Seelen sind. So würde durch Multiplizität und Dualität die höchste Einheit erreicht werden. Weiter kann Religion nicht gehen. Dies ist das Ziel aller Wissenschaften...
Während seiner verschiedenen Ansprachen hat Svami Vivekananda das wesentliche Ziel der religiösen Ansätze - die Einheit - betont. Auch wenn sie in ihren Anfängen verschieden sind, Ekam sat, vipra bahudha vadanti, ist alles, was existiert, eins; die Weisen benennen es mit verschiedenen Namen. Er hat verdeutlicht, wie wichtig Toleranz gegenüber unterschiedlichen Ansichten ist, wenn wir nach der Einheit suchen wollen,
und er stellte heraus, daß diese Toleranz schon immer wesentlicher Bestandteil der indischen Tradition war. Dr. S. Radhakrishnan definierte Toleranz in seinem Buch "Eastern Religions and Western Thoughts" als "Huldigung, die der begrenzte Geist der Unerschöpflichkeit des Grenzenlosen entgegenbringt". Diese Bemerkung bringt die Bedeutung der Toleranz nicht nur im Bereich der Religion, sondern auch
in Philosophie und Wissenschaft zum Ausdruck. Ich denke, ich habe über die Begrenzungen der heutigen Wissenschaft und die Notwendigkeit einer breit gefächerten Suche nach der Wahrheit genug gesagt. Dogmatische wissenschaftliche Theorie hat schließlich einen Punkt erreicht, an der sie nicht mehr weiter kommt. Theorien hingegen, die pragmatisch und gegenüber Kritik aufgeschlossen waren, konnten sich weiterentwickeln. Für
einen Wissenschaftler wie mich findet sich der letztere Ansatz in den Lehren des Svami Vivekananda wieder. In einem Vortrag in New York, im Jahre 1896, sagte er: ...Dies ist die Botschaft des Sri Ramakrishna an die moderne Welt: "Kümmert euch nicht um Lehren, Dogmen, Sekten, Kirchen oder Tempel; sie zählen wenig, wenn wir sie mit der Essenz der Existenz in jedem Menschen - der Spiritualität - vergleichen; und
je mehr diese im Menschen entwickelt ist, desto stärker wird er. Eignet euch dies an und kritisiert niemanden, denn alle Lehren und Glaubensüberzeugungen haben auch etwas Gutes..." Wie relevant sich diese Worte in der heutigen leistungsorientierten Welt anhören! Ein solcher Humanismus wird heute nicht nur im Bereich der Religion benötigt, sondern in jedem Bereich der Wissenschaft. Wie dem auch sei, ich kann diesen Diskurs mit nichts besserem beenden, als mit dem Pasayadan des Heiligen Jnaneshvara. In seiner Anrufung der Hoffnung für das Wohl der Welt spricht er über eine universelle Religion, welche die engen Begrenzungen durch Raum und Zeit überschreitet. Es ist in der Tat bemerkenswert, daß ein Mensch bereits vor 700 Jahren, als noch keine der heutigen Kommunikationsmöglichkeiten zur Verfügung standen, über kosmische Religion sprechen konnte. Dieser Aufsatz soll eine Huldigung an seine Weisheit und sein Verständnis darstellen.
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