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Wege durch die Zeit ins 21. Jahrhundert


Indische Musik und ihr Einfluß auf die Indische Psyche

Prof. Satyasheel Deshpande

 
Übersetzung: Dr. Katerina Wolf
Redaktion: Carla Geerdes

Energie
Frieden
Hinduismus
Holismus
Kommunikation
Kritik
Musik

 

Ich möchte mich in diesem Artikel/ Vortrag auf die Untersuchung eines einzelnen kulturellen Phänomens beschränken und die Verbindungen zwischen diesem Phänomen und den Einstellungen gegenüber der Kunst erforschen. Es handelt sich hierbei um die Kunstrichtung des nordindischen "Khayal"-Gesangs, einer Tradition, zu deren Vertretern ich mich persönlich zählen darf.

Die Hindustanitradition (z.B. die klassische Musik Nordindiens) konnte wie die Sprache durch ihren kontinuierlichen Gebrauch bewahrt bleiben. Eine Sprache bleibt solange lebendig, wie sie von Menschen gesprochen wird. Aber Sprache ist niemals Rezitation. Menschen verwenden Sprache auf ganz verschiedene Art und Weise: weil sie unterschiedliche Dinge zum Ausdruck bringen wollen; weil es sich für sie dabei um ein unterhaltsames Spiel handelt oder weil sie das Gesagte auf eine ganz individuelle Art interpretieren (so würden jedenfalls Psychologen argumentieren). Jedenfalls wird der Gebrauch der Sprache von einer individuellen und einzigartigen Psyche geprägt.

Genau dies trifft auf den Fall des "Khayal" zu. Die Sprache der hindustanischen Musik - die Normen der 'Raag'-Strukturen und des 'Taal' (man könnte auch sagen, die Grammatik der Melodie und des Rhythmus) - überlebt deshalb, weil sie bei jeder Aufführung von jedem Künstler immer wieder aufs neue interpretiert und präsentiert werden. Eine 'Raag' oder ein 'Bandish' (eine festgelegte vorgegebene Komposition) kennzeichnet lediglich einen klar definierten Rahmen, eine Begrenzung von Möglichkeiten innerhalb eines definierten Bereiches, in dem sich der Künstler bewegen kann. Für den Künstler kann dies sowohl als Sprungbrett zu seiner eigenen Imagination als auch als Mittel zur Erforschung seiner eigene Psyche dienen.

Obwohl "Khayal" immense technische Fertigkeiten, grammatikalische Gründlichkeit und Selbstdisziplin erfordert, handelt es sich hier dennoch in erster Linie um die Suche nach Freiheit. "Khayal" nimmt in der Musik der Welt wegen des außerordentlichen Nachdrucks auf die individuelle Interpretation und der Möglichkeit zu spontaner Imagination des Künstlers einen einzigartigen Stellenwert ein. Jeder Künstler verfügt über die völlige Freiheit, jede Grundmelodie auf seine Weise zu erforschen und sich von ihr durch spontane Imagination zur Improvisation inspirieren zu lassen. Ausgehend von den Schlüsselwörtern Individualismus und Spontaneität möchte ich einige besondere Merkmale dessen hervorheben, was ich als Psyche der Khayal-Sänger bezeichnen möchte. Der Begriff Psyche soll in diesem Kontext den Geist oder die Einstellung gegenüber Kunst (und gegenüber dem Leben) darstellen, der allen Khayal-Sängern gemeinsam ist und der sie gleichzeitig von Sängern anderer Traditionen (z.B. Gharanas) unterscheidet.

Die Kunst des Khayal bewirkt eine ganz besondere Einstellung gegenüber der Zeit. Der Khayalerfreut sich einer besonderen Spontaneität, einer Erforschung des Unbekannten innerhalb eines bekannten Rahmens und sucht innerhalb der Begrenzungen eines musikalischen Kodes nach dem Unvorhersehbaren. Diese Beschreibung läßt sich zweifelsohne auch auf andere Kunstformen anwenden, im Khayal wird diese Suche jedoch zu einem aktiven Teil der musikalischen Aufführung, wobei die spontane Improvisation eines vorgegebenen musikalischen Themas den Kernpunkt der Präsentation darstellt.

Die Musik der westlichen Klassik wie auch das "Kriti" der Musik Karnatakas besteht aus vorgegebenen Kompositionen und wird durch die Präsentation nicht verändert. Im Gegensatz hierzu läßt sich niemals voraussagen, zu welchem Zeitpunkt ein kreativer Khayal-Sänger eine bestimmte Melodie ausführt. Dies kann von Mal zu Mal verschieden sein. Welche philosophische Bedeutung ergibt sich hierdurch für die Rolle des Künstlers? Auf der einen Seite bewirkt es eine ganz besondere Sensibilität gegenüber Zeit und Vergänglichkeit; der wahrnehmende Geist vermag für die Dauer der Aufführung die Vergänglichkeit des Augenblicks und des ständigen Wandels zu vergessen und den Augenblick zeitlos zu genießen. Genaugenommen wird hier die Möglichkeit gegeben, bestimmte Strukturen innerhalb eines definierten Bereiches neu zu sehen, denn der Sänger spielt mit verschiedenen Möglichkeiten des Unvorhersehbaren. Bei seiner Interpretation hat er kein festes Ziel oder einen bestimmten Schlußpunkt vor Augen. Es zählt nicht das, was er während seiner Darbietung entdeckt, sondern vielmehr die Art und Weise, wie er den Raum entdeckt und nutzt, in dem er sich bewegt. Keine Interpretation einer bestimmten Melodie ist endgültig; keine Improvisation ist die Improvisation. Sie ist eine Reise, die mit einer Komposition in einer gegebenen 'Raag' und 'Taal' beginnt, die jedoch kein Ende hat. Das Konzept des Khayal kann folgerichtig als Prozeß gekennzeichnet werden. Ich möchte nun erhellen, wie diese besondere Kunstrichtung in der heutigen Zeit aufgrund des technologischen Fortschrittes (insbesondere der modernen Tontechnik) und der Kommerzialisierung immer mehr an Bedeutung verliert.

Es ist sehr schwierig, sich in unserem Zeitalter noch vorzustellen, wie Menschen früher, als es noch keine modernen Aufnahmemöglichkeiten gab, Musik gehört haben. Heutzutage hört man sich ein bestimmtes Musikstück mit dem Bewußtsein an, daß man es jederzeit wieder hören kann. Vor sechzig Jahren war das ganz anders. Das Publikum hörte Khayal mit einer Art physischen Hungers, wohl wissend, daß eine bestimmte Improvisation in dieser Form vielleicht nie mehr wieder gehört werden kann. Es zählte folglich der Augenblick. Die Empfänglichkeit für den einzigartigen Augenblick war für die Atmosphäre des Khayal entscheidend. Die Lust auf diesen Augenblick ergab sich aus seiner Einmaligkeit. Das läßt sich nicht mit romantischer Poesie vergleichen. Es geht hier nicht darum, einem bestimmten Augenblick Unsterblichkeit zu verleihen, sondern vielmehr darum, ihn natürlich sterben zu lassen, um Raum zu schaffen für einen neuen Augenblick. Khayal versucht nicht, musikalische Monumente zu schaffen. Aber genau das ist heutzutage der Fall. Der technische Standard des Khayal wird immer weiter verfeinert, seine Risikobereitschaft und Erforschung des Neuen hingegen nimmt immer weiter ab. Die Musiker sind darauf bedacht, monumentale Aufnahmen zu schaffen, die auch Jahrhunderte später noch gehört werden können. Die Einstellung ist sehr kommerziell geworden. Zweifelsohne handelt es sich hierbei um eine wertvolle und schwierige Herausforderung, sie führt jedoch von den ursprünglichen Werten des Khayal weg. Der Geist des Individualismus ist das zentrale Element des Khayal-Ethos, wobei die Individualität des Künstlers weniger in der Art und Weise liegt, wie er bereits komponierte Stücke präsentiert, als vielmehr in seinem aktiven Eingebundensein in den Prozeß der Improvisation. Hindustani-Musik verwendet keine temperierte Skala, aus diesem Grund spielen mikrotonale Frequenzen eine wichtige Rolle. Es bleibt jedem Künstler überlassen, sie auf seine eigene Art und Weise zu interpretieren. Es ist nicht nur die Stimme, welche die Künstler voneinander unterscheidet, sondern auch die Struktur selbst, und diese ändert sich in jeder Aufführung.

In historischer Hinsicht hat Khayaleine erstaunliche Vielfalt bewiesen, und während ihrer relativ kurzen Entwicklungsphase (ca. 150 Jahre) entstand eine zentrifugale Bewegung aus ihrer ursprünglichen musikalischen Ideologie, die zu einer Vielfalt von Präsentationen und Interpretationen führte. Alle verschiedenen Zweige (z.B. die Gharanas), die sich im Laufe der Zeit entwickelten, schienen über eine eigene Ideologie zu verfügen, die sie einzigartig machte. Auch innerhalb der Begrenzungen der Gharanas klingen die verschiedenen Künstler nicht nur unterschiedlich, sie denken auch unterschiedlich. Man mag denken, daß jeder Gharana-Künstler über eine eigene Psyche verfügt, tatsächlich gibt es aber eine Art kollektiver Gharana-Psyche, die sich erweitert und der individuellen Psyche des Interpreten im Rahmen der Performance Raum gewährt.

Nach meinem Vortrag möchte ich diejenigen Aspekte der Gharanas demonstrieren, die ihre Einzigartigkeit ausmachen. Dieser Vortrag bleibt unvollständig, wenn ich keine Demonstrationen des

  1. Khayal als Form
  2. Die Psyche der Gharanas des Khayal-Gesangs
  3. Die Psyche verschiedener Künstler, die in den Bereich der Gharanas fallen

gebe.

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