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Wege durch die Zeit ins 21. Jahrhundert


Ist die moderne Wissenschaft rational?

Prof. S. R. Bongale
Anantacharya, Indologisches Forschungsinstitut, Somani Schule, Bombay, Indien

 
Übersetzung: Dr. Katerina Wolf
Redaktion: Carla Geerdes

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Rational sein bedeutet hinsichtlich unseres Verständnisses der physikalischen Natur der Wissenschaft, weise zu urteilen. In Bezug auf die Beurteilung unseres Verständnisses von Natur und Realität sind die Begriffe "Wissen/ Weisheit" und "Vernunft" unsere leitenden Prinzipien. Vernunft agiert harmonisierend. Die Essenz der Vernunft ist die Kohärenz unserer Erkenntnis. Die Vernunft vertritt in unserem Bestreben nach der Wahrheitsfindung eine synthetische und synoptische Sichtweise. Dies beinhaltet die Auswirkung einer Form der Erkenntnis auf die andere. Vernunft steht für die Harmonisierung verschiedener Formen der Erkenntnis. Dies liegt darin begründet, daß eine bestimmte Form der Erkenntnis, die eine Abstraktion der Vorstellung einer vollständigen Tatsache darstellt, für sich allein gestellt hinsichtlich unseres Verständnisses bedeutungslos ist. Sie muß im Interesse eines umfassenderen Verständnisses mit anderen Formen der Erkenntnis kohärent sein. So kann zum Beispiel die Physik lediglich die mathematische Struktur physikalischer Tatsachen bestimmen. Bei der Ermittlung von Ereignisabläufen in der Natur verfügt sie über eine festgelegte Rolle und Funktion. Darüber hinaus ist sie jedoch ohne Bedeutung. Die Trennung zwischen verschiedenen Formen der Erkenntnis ist nicht nur bar jeder Vernunft, sie veranlaßt zudem die Entstehung unlösbarer Probleme in der Erkenntnistheorie von Wissenschaft und Philosophie.

In diesem Artikel greife ich Whiteheads Kritik an der modernen Wissenschaft auf. Whitehead hat uns die traditionelle Technologie historischer Religionen in der Überlieferung eines Schöpfergottes gezeigt, der die Natur kraft seines Willens erschaffen hat; eine Vorstellung, die zu einer irrationalen Auffassung der Kosmologie geführt hat. Denn Gott wird in dieser Sichtweise auch zum Repräsentanten des Bösen. Aus diesem Grund hat der Philosoph Shankara das Konzept eines Schöpfergottes in der Philosophie abgelehnt.

In der traditionellen Theologie werden die Naturgesetze von Gott auferlegt, was im wesentlichen ein irrationales Konzept ist. Aus diesem Grund ist die traditionelle Theologie genauso irrational wie die moderne Wissenschaft. In diesem Artikel werde ich ausschließlich aufzeigen, warum Wissenschaft irrational ist.

1. Moderne Wissenschaft basiert auf dem kartesianischen metaphysischen Dualismus, der wiederum unter dem Einfluß des Neo-Platonismus stand. Wir müssen uns stets vor Augen halten, daß sowohl in der Wissenschaft als auch in der Philosophie Fakten mittels Theorien ermittelt werden. Unsere Kritik an der Wissenschaft wird falsch verstanden werden, wenn wir uns nicht auf die Ursprünge der modernen Wissenschaft zurück besinnen. Hier wurde die Natur als lebensunterdrückender Mechanismus aufgefaßt, weshalb sie in der modernen Wissenschaft als leblos angesehen wird und nicht als ein Ort sich entwickelnder Organismen, die ihrerseits Selbstorganisierung beinhalten. Die Art und Weise der Faktenermittlung über die Natur in der modernen Wissenschaft bietet keinen Platz für eine rationale Kosmologie.

2. Gegenwärtig ist die moderne Wissenschaft nach wie vor stark von der historischen Revolte der Wissenschaft gegen den eintönigen Rationalismus des späten Mittelalters geprägt. In der Konsequenz weigert sie sich zu verstehen, daß eine metaphysische Analyse der Natur für ein Verständnis der physikalischen Natur von größter Notwendigkeit ist. Aus diesem Grund sagte Whitehead: "Der Anti-Rationalismus der Moderne hat jeden Harmonisierungsversuch unterbunden, die elaboriertesten Konzepte der Wissenschaft aus Idealen zu ziehen, die einer Erkenntnis der Realität entspringen. Materie, Raum, Zeit und die verschiedenen Gesetze bezüglich der Durchführung materieller Konfigurationen werden als überflüssige Fakten abgetan, mit denen man nichts zu tun haben will....Philosophen sind Rationalisten. Sie sind bestrebt, genau diese Fakten zu untersuchen: sie wollen im Lichte universeller Prinzipien den gegenseitigen Bezug zwischen den verschiedenen Details ermitteln. Sie suchen auch nach Willkür eliminierenden Prinzipien; welche Tatsachen auch immer als gegeben angenommen werden, die Existenz der übrigen Dinge wird zumindest einen Teil der Forderung nach Rationalität befriedigen. Sie verlangen nach einem Sinn." (1)

Henry Sidgwisk bemerkt hierzu: "Es ist das erklärte Ziel der Philosophie, sämtliche Bereiche rationaler Gedanken zu vereinen und in Übereinstimmung zu bringen, und dieses Ziel kann nicht durch eine Philosophie erreicht werden, die Beurteilung und Vernunft, die Hauptbestandteile der Ethik, außer Acht läßt." (2)

3. Die moderne Wissenschaft hat Entwicklung und Fortschritt in den Bereichen der Dynamik, Physik und Chemie vorangetrieben. Durch die Anwendung ihrer eigenen Methoden hat sie apriori subjektive Gesetze geschaffen. Sie hat das Wissensgebiet in verschiedene Richtungen erweitert. Durch ihre Weigerung, die wesentlichen Verbindungen zwischen verschiedenen Formen der Erkenntnis zu akzeptieren, hat sie jedoch versagt, den Ansprüchen des Rationalismus gerecht zu werden. Der Anspruch des Rationalismus ist der Bedarf nach Kohärenz. Die Essenz des Rationalismus ist die Befriedigung des Kriteriums der Kohärenz. Im Zuge der Erkenntnisfindung bedarf dies einer Erweiterung des Kriteriums und seiner Anwendung über die Grenzen aller Disziplinen hinaus. Das Kriterium der Kohärenz in der Wissenschaft muß erweitert und über den Bereich der Physik hinaus auch auf die harmoniebildenden Bereiche von Ästhetik, Moral und religiösen Anforderungen angewendet werden. In diesem Kontext kennzeichnet Kohärenz die auf unserer Erfahrung basierenden Lehrsätze, das heißt auf allen Erkenntnissen. Die Wissenschaftler und Philosophen müssen die gegenseitige Implizierung der Formen der Erkenntnis erkennen. Das Streben nach diesem Ideal ist Sinn und Zweck des Rationalismus.

Jeder Verstoß gegen das Kriterium der Kohärenz zieht eine willkürliche Trennung der ersten Prinzipien nach sich. Wenn es eine Trennung zwischen den verschiedenen Formen der Erkenntnis gibt, dann muß es auch einen Grund dafür geben. Aber Inkohärenz kann niemals zu einer überzeugenden Vernunft führen, sie kann nur Dualismus und Solipsismus erzielen.

4. Im gleichen Maße wie traditionelle Technologie auf einer göttlichen Auferlegung der Naturgesetze beruht, so basiert moderne Wissenschaft auf dem Konzept der Auferlegung. Die Unfähigkeit, die Natur zu verstehen, liegt in der Natur der modernen Wissenschaft begründet. Denn diese basiert auf dem Konzept der Auferlegungslehre sowie auf der von der Newtonschen Kosmologie beeinflußten Vorstellung äußerer Zusammenhänge. Dieser Gedanke wird wiederum von Einstein weitergeführt, der den physikalischen Konzepten die Rolle " freier Kreationen des menschlichen Geistes" zubilligt. Die moderne Wissenschaft übernahm nicht das "Gesetz der Immanenz", dem zufolge die inneren Zusammenhänge zwischen Fakten durch kausale Interaktionen entstehen, in denen die Ursache das Potential für die Wirkung darstellt. Dieses Gesetz ist jedoch das einzige, mit dessen Hilfe ein Verständnis der Natur erzielt werden kann. Aus diesem Grund können alle Gesetze der modernen Wissenschaft lediglich mentale Konstruktionen sein. Sie beschreiben nicht das formale Wesen der Dinge und der Ereignisse in der Natur. Die gegenwärtigen Abläufe in Natur, Raum und Zeit liegen jenseits des wissenschaftlichen Verständnisses. Dies bedeutet, daß Wissenschaft uns weder die wahre Kenntnis der Natur noch ihr Verständnis vermitteln kann. Die Tatsache, daß Wissenschaft uns Gesetze geschaffen hat und unser Wissen erweitert hat, bedeutet noch nicht, daß Wissenschaft rational ist. Auch Religion und Theologie haben uns bestimmte Erkenntnisse über Gott und Ethik offenbart, aber das ist noch kein Beweis dafür, daß die traditionelle Theologie rational ist.

5. Moderne Wissenschaft beansprucht für sich Autonomie über ihre Lehren, und in dieser Hinsicht hat sie sich gegenüber älteren Sichtweisen, etwa der ästhetischen Ethik und Religion, durchgesetzt. Es ist genau dieser Autonomieanspruch der Wissenschaft, der die Sinneswahrnehmung als einzige Quelle der Erkenntnis des wahren Wesens der Natur anerkennt, der den Weg für Obskurantismus und Irrationalismus ebnete. Heute dominiert der Einfluß der positivistischen Philosophie, der die geläufigen Prinzipien der Metaphysik zurückweist. Wir müssen uns eingestehen, daß Irrationalismus die Idee ablehnt, daß Vernunft oder bestimmte Prinzipien an und für sich oder jenseits eines bestimmten Punktes erreichbar sind, der von den speziellen Wissenschaften erzielt wurde. Dies ist der Kern des Positivismus, einer Lehre, die heutzutage von nahezu allen intellektuellen Sphären anerkannt wird. Sie ist die Basis der positivistischen Zurückweisung der Metaphysik. Aufgrund seines wesentlichen Irrationalismus hat Whitehead den Positivismus als Verrat an der Philosophie und Wissenschaft bezeichnet. Es ist offensichtlich, daß es keine rationale Verteidigung des Irrationalismus geben kann. (3) Unter dem Einfluß der Baconschen Methode der rigiden Empirie verleugnete die Wissenschaft weiterhin wichtige Erkenntnisse der Metaphysik.

6. Dennoch weist Wissenschaft eine verblüffende Mischung aus Rationalismus und Irrationalismus auf. Whitehead sagt :" Der gedankliche Unterton der Wissenschaft ist innerhalb ihrer Grenzen rational und außerhalb dieser Grenzen dogmatisch irrational." (4) Wissenschaft ist dogmatisch irrational, weil sie sich weigert, mit anderen Formen des Wissens kohärent zu sein. Auf die Frage, was Rationalismus ist, antwortet Whitehead: "Der Glaube an die Vernunft ist das Vertrauen, daß das höchste Wesen der Natur der Dinge harmonisch beieinander liegt, und dies schließt Willkür aus. Es ist der Glaube, daß wir an der Basis der Dinge keine willkürlichen Mysterien vorfinden werden." Das Konzept des Rationalismus wird noch transparenter, indem er sagt: "Die Tatsache, daß wir scheitern, in der Erfahrung Elemente vorzufinden, die an sich nicht als Beispiel für eine allgemeingültige Theorie dienen können, ist die Hoffnung des Rationalismus. Diese Hoffnung ist keine metaphysische Prämisse. Es ist der Glaube, der die Motive für das Bestreben der Wissenschaften einschließlich der Metaphysik nährt. Die Erhaltung dieses Glaubens muß von einer moralischen Intuition in das Wesen der intellektuellen Aktion abhängig sein; sie muß das "Abenteuer Hoffnung" verkörpern. Eine solche Intuition kennzeichnet den Punkt, an dem Metaphysik und jede andere Wissenschaft eine Zusicherung von der Religion erhalten und zu Religion werden. In sich bildet der Glaube jedoch keine Voraussetzung für die Bildung einer Theorie; er ist ein Ideal, das nach Befriedigung strebt. In dem Maße, in dem wir diese Lehre befürworten, sind wir Rationalisten." (5)

7. Wissenschaft trachtet nicht, wie etwa die Denker des Mittelalters, nach dem "Ideal, eine Harmonie des Verständnisses zu erlangen." (6) Gegenwärtig hat sie kein solches Ziel. Aber eine der Funktionen der Philosophie ist die Schaffung von Abstraktionen. Whitehead sagt dazu: "Ein Ziel der Wissenschaft ist es, die Halbwahrheiten der wissenschaftlichen Grundprinzipien herauszufordern. Die Systematisierung kann nicht in isolierten, undurchlässigen Räumen durchgeführt werden. Alle allgemein gültigen Wahrheiten bedingen einander und die Begrenztheit ihrer Anwendung kann nur im Zuge eines weiter gefaßten Generalismus befriedigend definiert werden. Eine Kritik der Prinzipien muß so aussehen, daß die Prinzipien bestimmt, den verschiedenen fundamentalen Ideen der einzelnen Wissenschaften zugewiesen und die verschiedenen Ideen hinsichtlich ihres Status und gegenseitigen Bezuges berücksichtigt werden. Die Bestimmung dieses Status erfordert die Transzendierung jedes speziellen Gegenstandes." (7)

8. Das Wort Autonomie, wie es in diesem Kontext benutzt wird, kennzeichnet den Anspruch der Wissenschaft, die Bedeutung ihrer Konzepte befriedigend definieren zu können, ohne auf die Prinzipien der Metaphysik zurückgreifen zu müssen. Es reicht nicht aus, daß Wissenschaft ihre Fakten nur im Rahmen ihrer eigenen geläufigen Prinzipien erläutert. Sie muß erkennen, daß sie auch andere, weiter gefaßte Prinzipien in ihr Schema einbeziehen muß, wenn sie das Wesen der Natur rational erklären und verstehen will. Die wissenschaftliche Philosophie der Gegenwart hat bekanntgegeben, daß die metaphysischen Prinzipien einer "letzten Ursache" und eines letzten "Zweckes" außerhalb ihres Bereiches liegen. Aus diesem Grund kann Wissenschaft der Aktivität der Ereignisse in der Natur nur folgende Bedeutung zubilligen: zweckloses und zielloses Abenteuer der Energie. Es ist offensichtlich, daß ein derartiges Konzept nicht zu einem Verständnis der Natur führen kann. Es ergibt keinen Sinn und ist daher irrational.

9. Nach Ansicht der modernen Wissenschaft " sind wir mit der Vorstellung einer Aktivität, in der nichts bewirkt wird, behaftet". (9) Die Frage, warum diese Aktivität sich auf kohärente Art und Weise vollzieht, bleibt unbeantwortet. " Es gibt lediglich eine Formel für eine Aufeinanderfolge, aber es fehlt ein Verständnis ihrer Ursache. Gegenwärtig hat sich die positivistische Wissenschaft in einen Zustand höchster Irrationalität manövriert." (10)

Nun möchte ich auf die anfänglich Behauptung zurückkommen, daß Wissenschaft nicht rational ist. Wissenschaft ist entgegen einer unter Wissenschaftlern und Intellektuellen weit verbreiteten Meinung irrational. Dieselbe Antwort trifft auf Theologie, Ethik und Ästhetik zu. All diese Disziplinen weigern sich, das Kriterium der Kohärenz außerhalb ihrer Grenzen anzuwenden ungeachtet der Tatsache, daß sie ebenso wie die Wissenschaft ihr Wissen erweitert haben, indem sie selbst dazu beigetragen haben.

 

Referenzen

 

1. A.N.Whitehead, Science and the Modern World, Cambridge,1933, S. 175-76.

2. Ibid., S. 176

3. Ivor Leclere, Whitehead´s Metaphysics ,The Macmillan Company New Yorck, 1958, S. 35.

4. A.N.Whitehead, Process and Reality, The Free Press, Macmillan London 1979, S. 35.

5. Ibid., S. 42

6. Science and Modern World, S. 94.

7. Process and Reality, S. 94

8. A.N.Whitehead, The Function and Reason, Princeton Univ. Press, 1958, S. 25.

9. A.N.Whitehead, Modern of Thought, Cambridge 1938, S. 202.

10. Ibid. S. 202-203.

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