"Schmerzen und Kummer sind die
Gedächtnisstützen der Natur für die Seele, daß die Freuden, die sie genießt, nur eine schwache Andeutung der realen Freuden des Daseins sind. In jedem Schmerz und jeder Qual unseres Wesens liegt das Geheimnis einer Flamme der Verzückung, verglichen mit der all unsere größten Freuden nur wie schwaches Flackern sind. Dieses Geheimnis ist es, das die Anziehungskraft der großen Torturen, Leiden und der bösen Erfahrungen des Lebens für unsere Seele ausmacht, die der nervöse Verstand in uns meidet und verabscheut."
Sri Aurobindo
Völlig natürlich fragen wir uns, was dieses Geheimnis ist, zu dem uns der Schmerz leitet. Mit oberflächlichem und unvollständigem Verständnis könnte man glauben, daß die Seele nach diesem Schmerz sucht. Nichts derartiges. Die wahre Natur der Seele ist göttliche Freude, beständig, unveränderlich,
unabhängig, begeistert; aber es ist wahr, wenn sich jemand dem Leiden stellen kann mit Mut, Ausdauer und unerschütterlichem Glauben in die göttliche Gnade anstatt das Leiden zu meiden und sich mit seinem Willen darauf einlassen kann, das Verlangen entwickelt, hinein zu gehen und die leuchtende Wahrheit zu finden, die unveränderliche Freude, die im Innersten aller Dinge liegt, die Tür des Schmerzes ist oftmals viel direkter, viel unmittelbarer als die von Genugtuung und Zufriedenheit.
Ich rede nicht von Vergnügen, da das Vergnügen dieser tiefgründigen göttliche Freude immerzu und fast vollständig Hiebe erteilt. Vergnügen ist eine trügerische und perverse Verkleidung, die uns von unserem Ziel wegbringt, und wir sollten sicherlich nicht danach streben, wenn wir begierig sind die Wahrheit zu finden.
Vergnügen läßt uns verdampfen; es täuscht uns und bringt uns auf Abwege. Indem der Schmerz uns zwingt, uns zu konzentrieren, um ihn ertragen und uns diesen Dingen stellen zu können, die uns niederschmettern, bringt er uns zu einer tieferen Wahrheit zurück. Wenn man stark ist, findet man im Schmerz am leichtesten die wahre Stärke wieder. Und in diesem Schmerz findet man am leichtesten den wahren Glauben wieder, den Glauben in etwas, das höher und jenseits allen Schmerzes liegt. Wenn jemand sich amüsiert und vergißt, wenn jemand die Dinge nimmt, wie sie kommen, es zu vermeiden sucht, ernst zu sein und dem Leben ins Gesicht zu blicken, kurz gesagt, wenn jemand danach strebt zu vergessen, zu vergessen, daß es ein Problem zu lösen gibt, daß etwas gefunden werden muß und daß wir einen Grund für das Dasein und das Leben haben, daß wir nicht hier sind, um einfach unsere Zeit verstreichen zu lassen und ohne etwas
gelernt oder getan zu haben, wieder zu gehen, dann verschwendet jemand wirklich seine Zeit und versäumt die Möglichkeit, die uns gegeben worden ist, diese - ich kann nicht sagen einzigartige, aber doch wunderbare Möglichkeit für ein Dasein, das im Bereich des Fortschritts liegt und der Moment in der Ewigkeit ist, in dem du das Geheimnis des Lebens ausfindig machen kannst; diese körperliche und materielle Existenz ist eine wundervolle Gelegenheit, eine Möglichkeit, die dir gegeben wurde, um
den Zweck des Lebens herauszufinden, um einen Schritt in Richtung dieser tieferen Wahrheit vorzurücken und damit du das Geheimnis entdecken kannst, welches dich in Beziehung zu dem ewigen Entzücken des göttlichen Lebens bringt. Ich habe dir schon mehrmals gesagt, daß das Streben nach Leid und Schmerz eine krankhafte Haltung ist, die vermieden werden muß, aber vor ihnen mit Hilfe von Vergeßlichkeit wegzulaufen, durch
eine oberflächliche und leichtfertige Bewegung und durch Ablenkung, ist Feigheit. Wenn der Schmerz kommt, kommt er, um uns etwas beizubringen. Je schneller wir lernen, desto schneller nimmt die Notwendigkeit des Schmerzes ab, und wenn wir das Geheimnis kennen, wird es nicht länger möglich sein zu leiden, da dieses Geheimnis uns den Grund, die Ursache, die Herkunft des Leidens und den Weg ihm zu entrinnen enthüllt. Das Geheimnis ist, aus dem Ego aufzutauchen, aus seinem Gefängnis zu entkommen, uns mit dem Göttlichen zu vereinen, mit ihm zu verschmelzen und keinem zu erlauben, uns von ihm zu trennen.
Wenn man einmal dieses Geheimnis ausfindig gemacht hat und es in seinem Wesen erkennt, verliert der Schmerz seine Rechtfertigung und das Leiden verschwindet. Es ist ein all-mächtiges Heilmittel, nicht nur in den tieferen Teilen des Daseins, in der Seele und dem spirituellen Bewußtsein, sondern auch im Leben und im Körper. Es gibt keine Krankheit und keine Funktionsstörung, die sich der Entdeckung dieses
Geheimnisses und seinem Umsetzen in die Praxis widersetzen kann, nicht nur in den überragenden Teilen des Daseins, sondern auch in den Zellen des Körpers. Wenn es jemand versteht, den Zellen die Herrlichkeit beizubringen, die in ihnen liegt, wenn jemand weiß, wie er es schaffen kann, daß sie die Realität verstehen, die sie am Leben hält und ihnen das Leben geschenkt hat, dann nehmen auch sie an der völligen Harmonie
teil, und das körperliche Durcheinander, das die Krankheit verursacht hat, wie auch alle anderen Unordnungen des Lebewesens verschwinden. Doch dafür darf man weder feige noch ängstlich sein. Wenn die körperliche Unordnung kommt, darf man keine Angst haben; man muß nicht vor ihr weglaufen, sondern sich ihr mit Mut, Ruhe und Zuversicht stellen, mit der Gewißheit, daß Krankheit eine Lüge ist und wenn sich jemand in
vollem Vertrauen gänzlich mit vollständiger Gelassenheit der göttlichen Gnade zuwendet, wird sie sich in diesen kleinen Zellen niederlassen wie sie sich auch in den Tiefen des Wesens niedergelassen hat und die Zellen selbst werden an der ewigen Wahrheit und der ewigen Freude teilhaben. *** Es ist nicht, weil ich selbst auf
dem von der Sonne beschienenen Weg schreite oder vor Schwierigkeiten, Leid und Gefahr zurückschrecke. Ich selbst hatte vollen Anteil an diesen Dingen und die Mutter hatte ihren vollen Anteil zehnmal. Sondern dies war, weil die Finder des Weges sich diesen Dingen stellen müssen, um siegreich zu sein. Sri Aurobindo
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