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Wege durch die Zeit ins 21. Jahrhundert


Meister Eckhard - Mystik als Versuch einer Selbstbestimmung des Menschen

Dr. Gerald Wicklein

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Es gibt Epochen in der Geschichte, in denen in verschiedenen Kulturen annähernd gleiche Prozesse ablaufen. So entsteht relativ zeitgleich sowohl in Griechenland (Thales) als auch in Indien (Uddalakka) Philosophie, die sich bestimmten Personen zuschreiben läßt. Eine ähnliche Konstellation finden wir im 13. (christlichen) Jahrhundert wieder, wo ebenso unabhängig voneinander Lehren entstehen, die inhaltliche Gemeinsamkeiten aufweisen. Sowohl im Okzident der christlichen als auch im Orient der islamischen Kulturtradition geschehen religiöse Erschütterungen und es stellt sich die Frage nach dem Menschen und seinem Schicksal in der Welt neu. Ein Ergebnis dieser geistigen Probleme ist ein Aufleben der Mystik, die gegenüber einer krisenhaften Außenwelt nach Verinnerlichung im Menschen strebt und dabei die gesamte Welt einschließlich Gottes in den Menschen hineinziehen will. Es ist ein Jahrhundert, in dem die Mystik eine Vielzahl würdiger Repräsentanten hervorbringt. Anfang des 13. Jahrhunderts stirbt Franz von Assisi (1182-1226), der die evangelische Armut predigte und dadurch für die (politische) Macht der institutionellen römischen Kirche eine wahrhafte (revolutionäre) Gefahr war. In dieser Tradition steht auch Bonaventura (Johannes von Fidanza, 1221-1274), einer der ersten bedeutenden Philosophen der franziskanischen Bewegung. In diese Richtung geht auch die Waldenserbewegung, die als "praktische" Mystik fast die römische Kirche sprengt.

Mystische Bewegungen finden wir aber auch weit entfernt von dieser abendländischen Erscheinung z.B. in Tibet, wo Ende des 12. Jahrhunderts der Guru Gampopa, Begründer der Kargyüpta-Schule buddhistischer Mystik, starb. Er hatte in seinen Lehren durchaus Verwandtschaft mit der Mystik eines Meister Eckhart. Fast gleichzeitig mit Meister Eckhart (1260-1327) lebt Dante, der das mittelalterlich-kirchliche Weltbild dichterisch vollendet. Auch stirbt in Persien fast zur Geburt Jnaneshwaras der Stifter des Mystikerordens der Mewlewi, Dschelal ud-din ar-Rûmi, und der mystische Dichter Hafis wird in Schiras geboren. Rûmi, Hafis und Eckhart sind vom Beruf her Professoren der Theologie.

Die Gefahr für die Orthodoxie in verschiedenen Religionen ging nicht von den "geistreichen" Kritikern einer akademisch-rationalistischen Richtung aus, sondern von dem Wirken, den Lehren und den Predigten der Mystiker. So heißt es, daß noch in der Auseinandersetzung mit Luther reichlich zweihundert Jahre später der Inquisitor mehr "die Glut in den Augen eines deutschen Mönches als die Sottisen eines Freigeistes" fürchtete. So ist die Mystik eine Bewegung, die durchaus Bedeutung in breiten Schichten des Volkes gewann, zumal sie nicht akademisch in einer fremden Sprache auftrat, sondern die Sprache des einfachen Volkes sprach.

Meister Eckhart wurde um 1260 geboren, durchlief die Stufenleitern der akademischen Karriere und die Ämter seines Ordens, der Dominikaner (ordo praedicatorum: O.P.). Er war ein guter Seelsorger und ein begeisternder Prediger. Als solcher drang er mit seinen Auffassungen eines unmittelbaren Gotteserlebens in die breite Masse des Volkes ein. Deshalb beginnt sich das Gerücht zu erheben und es wird von seinen Gegnern gepflegt -, daß er Ketzer sei. Er schreibt eine Rechtfertigungsschrift; diese wird von (franziskanischen) Inquisitoren verworfen. Eckhart wehrt sich und beruft sich auf seine unmittelbare Verantwortung vor dem Papst. 1329 trifft die Bulle mit seiner Verurteilung aus Avignon von Johannes XXII. ein. Eckhart erlebt es nicht mehr. Er ist 1327 gestorben. Die Folgen der Verurteilung treffen seine Schriften und seine Anhänger in Deutschland sowie die Waldenser: Sie werden physisch vernichtet.

Es sind in der Verurteilung Sätze angegriffen worden, die den neuplatonischen Dualismus des Christentums zu überwinden trachteten und uns nicht Gott gegen die Welt, Gott gegen den Menschen gestellt sehen, sondern die Einheit Gottes, des Menschen und der Welt betonen. Der Mensch ist göttlich, er kann Gott ganz in sich aufnehmen und dadurch erhaben werden als göttlicher Mensch. Der Mensch steht auf einer Ebene mit Gott: "... wo ich der von Gott Empfangende wäre, unter ihm oder unterhalb seiner stünde, wie ein Diener oder Knecht; er selbst aber ein Herr wäre durch sein Geben; und so soll es mit uns nicht stehen im ewigen Leben." Gott hört dadurch auf, ohne den Menschen sein zu können, er braucht ihn so, wie der Mensch Gott braucht. Die Zweiteilung in Heiliges und Profanes wird aufgelöst in eines: ohne den Menschen wäre Gott nicht Gott. Das setzt allerdings voraus, daß Gott nicht nur ein Gedachtes ist, sondern ein wirklicher lebendiger Gott. "Alles, was der göttlichen Natur eigen ist, das ist auch dem gerechten und göttlichen Menschen eigen. Darum wirkt solch ein Mensch auch alles, was Gott wirkt: Er hat zusammen mit Gott Himmel und Erde geschaffen; er ist Zeuger des ewigen Wortes und Gott wüßte ohne einen solchen Menschen nichts zu tun." Gott ist das eine, das immer ganz in seiner Schöpfung ist, die dadurch gerade Schöpfung ist, daß Gott ungeteilt in ihr wirkt. "Jede Unterschiedenheit ist Gott fremd ... Seine Natur ist eine, und jede Person ist eine und eben dieses selbe Eine, was die Natur ist." Mit solchen Sätzen kann sehr schnell der Vorwurf des Pantheïsmus erhoben werden, zumal sich hier historische Beziehungen zu den Schriften des (Pseudo-)Dionysios Areopagita und vor allem zu deren Übersetzer Johannes Scotus Eriugena ergeben. Dieser war schon des Pantheïsmus bezichtigt worden und sein Hauptwerk "de divisione naturae" stand am längsten auf dem index librorum prohibitorum.

Die ganzheitliche Sicht galt der Orthodoxie immer als Ketzerei, weil damit ein tradiertes Gottesbild des außerhalb der Welt in der Transzendenz stehenden Schöpfers angegriffen wird. Meister Eckhart bestreitet die Transzendenz Gottes nicht, will sie aber in uns hineinholen als Transzendenz in der Immanenz. Er lebt die Religion vom inneren Gott, wie Christus sie vorgelebt habe. Damit ist er aber bei der gelebten Armut, vor allem der Armut im Geiste, wie sie die franziskanische Bewegung entwickelt hatte (vgl. Bonaventura, itineratio mentis in deum). Dabei geht es nicht so sehr um eine materielle Armut, sondern als Folge eines Christusbildes aus dem Johannes-Evangelium wird die Nachfolge innig erlebt: Betont wird das Vater-Sohn-Verhältnis zwischen Gott und der Menschenseele, durch das die Wesensgleichheit von Gott und der Menschheit zu erkennen ist. Dazu will Eckhart das Kreatürliche zerbrechen (das ist der Tod), vernichtet werden soll alles, was sich zwischen den lebendigen Gott und der Seele stellen will. Hier beginnt die mystische Praxis, die sich in vier Graden vollzieht:

  1. Abgeschiedenheit
  2. Gottgeburt im Seelengrund
  3. Erfahren der Gotteswürdigkeit des 'homo nobilis'
  4. Einschau in Gottes Klarheit.

 

Seine Predigten und Traktate sind Anleitung für diesen Weg, die letztlich angestrebte unio mystica zu erreichen, wo Gott und Mensch völlig eins sind. Aus dieser Lage heraus greift er den gedachten Gott an, der außerhalb unserer ist und nur die Urerfahrung aller Religion trübt. Für Eckhart ist die Praxis des frommen Lebens ein ständiges, schöpferisches Gebet. Man kann nichts finden, wenn man von Gott Abstand nimmt und er außerhalb unserer bleibt. Dies führt zu einer Veräußerlichung Gottes und damit zu einer Fremdherrschaft Gottes über den Menschen. Gott allein ist zu studieren als das eine urväterliche Sein; dies bringt die Gotteskindschaft und die Rückkehr des Menschen in Gott, indem dieser Gott in den Menschen holt. Daraus folgt, daß das Geheimnis der Dreieinigkeit ein inneres Erlebnis ist; es ist das Geheimnis der Seele, die Gott nahe ist, weil er in ihr ist. Gott=Vater ist lebendiger Grund allen Heraustretens aus diesem Grund: Er gebiert (durch den Geist der Weisheit in Maria als der ewigen Seele) den Logos, d.i. Gott=Sohn, als Gottmensch (zwei Naturen in einer Person). Gott und Mensch wissen sich so im Heiligen Geist eines. Dies stellt der Mystiker der Lutherzeit, Angelus Silesius, in seinem "Cherubinischen Wandersmann" poetisch vor:

    "Ich muß Maria sein und Gott aus mir gebären,
    Soll er mich ewiglich der Seligkeit gewähren."

Eckhart untersucht hauptsächlich die Seele, in der jederzeit ein Stück des göttlichen Geheimnisses bewußt werden kann: Wie im Theater geht der Vorhang auf und wir sehen plötzlich das, was uns vorher verborgen war. Seine Lehren handeln so vorwiegend vom Wunder der Seele. Seine Sammlung deutscher Predigten trägt denn auch den Titel "paradisus anim(a)e intelligentis", oder in seinem Deutsch "diz buchelîn heizit ein paradis der fornünftigin sele".

Hier sei eine Anmerkung gestattet. Die (scholastische) mittelalterliche Philosophie wollte vom Glauben (fides) über die Glaubenseinsicht (intellectus fidei) [oder als Zustand fidei ratio] zur unmittelbaren Schau (contemplatio) kommen. Dies findet sich auch bei den intellektualistischen Scholastikern (z.B. Anselm von Canterbury, de fide trinitatis et incarnatio-nis verbi). Für Eckhart wird der letzte Schritt entscheidend: Wir müssen alles von uns lassen, was wir durch den intellectus fidei erfahren haben. Insofern verlangt er "Armut im Geiste"; indem wir uns von unseren bisherigen Voraussetzungen trennen, werden wir frei für das unmittelbare Erleben Gottes, der in der contemplatio in uns kommt, oder besser, aktiv in uns geholt wird. Wir schaffen die Einheit Gottes und des Menschen, die ursprünglich war, im Geiste wieder. Durch das Schaffen der Einheit im Geiste wird der Mensch Geist und damit unsterblich, so wie er auch aus dem Geiste geboren wurde und somit Gott gleich war. Der Mensch als Ich kennt Gott, und ich bin ihm gleichrangig, ich bin ihm aber nicht gleich. Angelus Silesius drückt dies wieder dichterisch aus:

    "Ich auch bin Gottes Sohn. Ich sitz an seiner Hand.
    Sein Geist, sein Fleisch und Blut ist ihm an mir bekannt."
    [Gott weiß sich selbst nur durch den Menschen!]
    "Ich bin so groß wie Gott, er ist als ich so klein.
    Er kann nicht über mir, ich unter ihm nicht sein."

Die Eckhartschen Auffassungen werden in den deutschen Predigten anschaulich erläutert. Aber: Die Sprache, die normalerweise benutzt wird, ist die Sprache des Intellekts. Sie ist wenig geeignet, das wiederzugeben, was wir in der Kontemplation erleben. Es muß so die Sprache neu bedacht werden, neue Begriffe sind zu schaffen. Er tut dies. Deshalb ist sein Text nur schwer zu übersetzen, weil es gleichwertige Begriffe in einer anderen Sprache oder auch nur einer anderen Sprache als der der Mystik kaum gibt ("Entwortung"; vom Systementwurf her steht Heidegger vor derselben Problematik). Vieles läßt sich durch Worte nicht ausdrücken, denn bei der Kontemplation sind keine Bilder in der Seele, die genau dadurch reiner Geist ist. Die beste Verständigung ist so das Schweigen: Wer die letzte Stufe der mystischen Versenkung erreicht, "weiß" unmittelbar das Gleiche, denn Gott und Mensch sind eines, es wirkt nur ein Geist. "Dies Ineinanderfließen in der Gottheit ist ein Sprechen sonder Wort und Laut."

Die Seele als einheitliche Seele hat drei Vermögen, wie die eine Natur Gottes in drei Personen erscheint: Gedächtnis, Vernunft und Wille. Aus der Vernunft entspringt der Glaube und wird fruchtbar im Willen. Dieser wiederum zeigt sich im Glauben. Die Vermögen sind also nicht getrennt, sondern vermittelt: "Durch die Gnade des höchsten Guts werden die anderen Vermögen in der Einheit einer Natur gekräftigt, und da wird dann das Licht entzündet in der Kraft des Heiligen Geistes. Und aus diesem Licht werden alle Werke der Seele gewirkt." Die Einheit Gottes, des Menschen und der Welt zeigt sich ebenfalls: "Wenn Gott in die Seele getragen wird, dann entspringt in der Seele ein göttlicher Liebesquell, der treibt die Seele wieder in Gott zurück, so daß der Mensch nichts mehr wirken mag denn geistige Dinge." Die Ganzheit des Eckhartschen Denkens zeigt sich auch darin, daß er Gott stets ganz überall sein läßt: Eine Teilung ist nicht möglich. Genau deshalb ist Gott unendlich und allmächtig, weil keine Teile in ihm sind. Die Ganzheit ist die Ewigkeit. "Gott ist auch an allen Orten, und an jedem Orte ist Gott ganz. Das will soviel sagen, daß alle Orte ein Ort Gottes sind." Niederes erscheint im Höheren und wird somit letztlich wieder an den Ursprung zurückgeführt. "Wo die höchsten Kräfte und die Natur gleiche Eigenschaften haben, da fließt die Kraft in die andere und wird offenbar ohne Wort und Laut."

Wenn durch Gott die Natur gewirkt wird, so bleibt Gott doch Gott kraft seiner Natur und in der Natur, obwohl er das ewige Wort in der Person des Sohnes sprach. Begrenzungen, die wir Menschen kennen und benennen und die uns die Dinge nebeneinander stehen lassen, gibt es nur in der Endlichkeit, die ein Ausfließen in die Zeit ist. So können Natur und Gott, Gottvater und Gottsohn, Gott und Mensch, getrennt erscheinen. "Aber in der Ewigkeit, da sind sie sonder Begrenzung. Da sind sie Gott in Gott." Es ist ein Kreislauf: Durch das Wort werden die Dinge in die Zeit gesetzt, wenn auch ihre Urbilder im göttlichen Geiste bleiben. Der Mensch nun gibt den Dingen Namen und hebt sie so wieder ins Geistige. Außerdem verändert sich jedes Ding in der menschlichen Natur und wird dadurch erhoben. Die Kreatur verläßt "in menschlicher Natur ... ihre Natur und kommt in den Ursprung zurück." Dies gilt nun nicht nur für das Wort als der geistigen Seite, sondern gilt auch für die leibliche: Als Nahrung verwandelt sich Niederes in menschliche Natur und mit dieser aufersteht es wieder, wenn sie sich in Geist verwandelt und zu Gott zurückkehrt. Im Menschen gewinnt die Natur Ewigkeit. Über die menschliche Seele kehrt der Kosmos in seinen Ursprung zurück: in die Einheit und Ganzheit.

Von den Wegen der Seele zu Gott (Suchen Gottes im Geschaffenen, Geschaffenes als vestigium dei; Erhabensein über die Dinge; Gott schauen ohne alle Vermittlung: in Gott sein) ist der letzte ein "Heimweg", insofern wir Gott in seiner Selbstheit sehen, oder mit der Bibel: "Christus spricht: “Ich bin Weg, Wahrheit und Leben.Æ" Es erhält der Mensch, was er dem Ursprung nach war, nicht, was er in der Zeit wurde: "Was ich bin nach der Zeit, das soll sterben und zunichte werden, denn es gehört dem Tag. Darum muß es mit dem Tag verderben. In meiner ewigen Geburt wurden alle Dinge geboren und ich ward die Ursache meiner selbst und aller Dinge; und hätte ich es da so gewollt, so wäre ich nicht, noch irgendein Ding. Wäre ich nicht, so wäre Gott nicht." Angelus Silesius drückt dies wieder poetisch prononciert aus:

    "Ich weiß, daß ohne mich Gott nicht ein Nu kann leben,
    Werd ich zunicht, er muß von Not den Geist aufgeben."


Deutsche Version eines Vortrages, der anläßlich des World Philosophers Meet zum 700. Todestag des indischen Mystikers Jnaneshwara im November 1996 in Pune gehalten wurde. Zitate stammen, soweit nicht anders vermerkt, aus Meister Eckharts "Deutschen Predigten".

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