In Indien entstanden im Mittelalter innerhalb der Hindubevölkerung
verschiedene religiös motivierte Widerstandsbewegungen, die sich gegen die vorherrschenden sozialen, religiösen und politischen Mißstände auflehnten. Die Hindugesellschaft war zu jener Zeit einer zweifachen Belastung ausgesetzt. Zum einen durch die islamische Fremdherrschaft, die im Jahre 712 n. Chr. durch die Besetzung der nord-indischen Provinz Sind durch Ya'qub-ibn-Lais begann und sich im weiteren Verlauf über ganz Indien ausbreitete, zum anderen durch die kastenbedingte soziale Tyrannei
innerhalb der Hindubevölkerung. Unter den islamischen Herrschern kam es zu religiöser Verfolgung, die Zwangsbekehrungen, Transformation von Hindu-Tempeln in islamische Moscheen und Machtdemonstrationen der Islamherrscher beinhaltete und zu sozialer und politischer Unterdrückung führte. Die Machthaber kontrollierten die Wirtschaft, die Bevölkerung mußte hohe Abgaben an den Staat leisten und war sich ständig einer starken militärischen Präsenz und Bedrohung bewußt. Innerhalb der Hindubevökerung äußerte sich die soziale Ungleichheit in einem Kastensystem (Vier-Stände-System,varna oder jati ), welches die soziale Struktur als unveränderlich festlegte, religiöse Rechte und Privilegien auf die obersten drei Kasten beschränkte und den an der Spitze des Systems stehenden Priestern (Brahmanen) die alleinige Macht über das heilige Gesetz gewährte. Menschen, die die unteren Schichten des sozialen Systems
bildeten, wozu unter anderen auch Frauen zählten, hatten weder religiöse Rechte, noch das Recht auf Bildung. Das Kastensystem war zudem durch strenge Vorschriften, wie zum Beispiel endogame Heirat und Speisetabus, gekennzeichnet. Die mittelalterlichen Reformbewegungen verfolgten ein ähnliches Konzept - die liebende und devotionale Verehrung einer persönlichen Gottheit (bhakti) sowie eine sozialkritische Haltung -
die einzelnen Schulen verehrten dabei jedoch meist unterschiedliche Götter. Eine der bedeutendsten Reformbewegungen, die zu jener Zeit entstand, war die Caitanyabewegung, die von dem bengalischen Brahmanen und ekstatischen Mystiker Srikrsnacaitanya (1487-1533 n. Chr.) in Bengalen ins Leben gerufen wurde. Srikrsnacaitanya predigte in erster Linie die religiöse Freiheit des Menschen. Er sprach sich für die Gleichheit aller Menschen vor Gott und eine gemeinsame Gottesverehrung aus und hatte die
Vision von einer religiösen Gemeinschaft, die Kaste und Familie transzendierte und in liebender Hingabe gemeinsam den Gott Krsna und seine Gefährtin Radha verehrte. Im Zentrum dieser Lehre stand das singende Lobpreisen des göttlichen Namens (sankirtana ), die rituelle Praxis wurde in der Regel von Musik und Tanz begleitet und wies häufig ekstatische Züge auf. Die Gemeinschaft war für die Angehörigen aller sozialer Schichten und beider Geschlechter offen und hatte viele soziale Nebeneffekte,
die in Indien noch heute spürbar sind. Weitere berühmte Zeitgenossen Caitanyas waren Kabir, Tukaram, Mira Bai, Guru Nanak, Nam Dev und Eknath. Heute finden wir eine Fortführung der Caitanyabewegung in der ISKCON (International Society of Krsna Consciousness, oder auch Hare-Krsna-Bewegung), die weltweit Tausende von Mitgliedern zählt.
Literaturhinweise: Eidlitz Walter: Srikrsnacaitanya: Sein Leben und seine Lehre, Stockholm, 1968. Gonda, Jan: Die Religionen Indiens, 2 Bände, Stuttgart, 1960. Krsnadasa Kaviraj: Caitanya-Caritamrta. 20 Bände, Bhaktivedanta Book Trust, New Yorck, 1974. top |