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Wege durch die Zeit ins 21. Jahrhundert


Religiöser Pluralismus und Toleranz: Essentielle und periphere Konzepte

Vortrag im Rahmen der Seminarreihe: "Wissenschaft, Glaube und Bewußtsein - Essentielle und Periphere Konzepte"

Dr. D. R. Bhandari
Vorsitzender des Fachbereichs für Philosophie, JNV University, Jodhpur, Indien

 
Übersetzung: Dr. Katerina Wolf
Redaktion: Carla Geerdes

Christentum
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Der Mensch ist von Natur aus religiös. Obwohl es nicht möglich ist, Religion genau zu definieren, kann man bestimmte Merkmale menschlichen Handelns und Glaubens identifizieren, die in der Regel als religiös anerkannt werden. Hierzu zählen: Gottesverehrung, Trennung von Heiligem und Profanem, Glaube an eine Seele, Glaube an Gott und Streben nach Befreiung. Religion ist dynamisch und entwickelt sich, und wir können uns zwei Arten von Integration innerhalb der Religion bewußt machen, wesentliche Wahrheiten einerseits und unwesentliche Praktiken andererseits. Da die Religion heutzutage fast schon ein universelles Phänomen zu verkörpern scheint, ist zum besseren Verständnis die Erforschung ihres eigentlichen Wesens unerläßlich. Die Vielfalt der Religionen erschwert es jedoch, den allen Religionen gemeinsamen wesentlichen Bestandteil zu ermitteln, denn ein wesentlicher Bestandteil in der einen Religion stellt einen peripheren in einer anderen dar.

Wesentliche Grundlage von Religion ist die Annahme einer Ordnung in der menschlichen Seele, die nach Harmonie strebt oder sich mit ihr identifiziert. In diesem Punkt stimmen alle Heiligen, Mystiker, Philosophen und Propheten der westlichen und östlichen Welt überein. Diese Ordnung oder dieser Grundsatz wird als Grund, Gott, Sein oder Ziel aufgefaßt. Religion ist die Bindung an eine Art von Lebensqualität, welche das Erkennen eines Ursprungs außerhalb ihrer selbst vorgibt. Gott wird als der höchste Wert oder als das höchste Wesen verstanden, in dem alle Werte bewahrt sind. Religion kann in diesem Sinne als Glaube in die Erkenntnis Gottes definiert werden.

Gegenwärtig muß sich unsere Welt mit großen Problemen hinsichtlich Religion auseinandersetzen. Es gibt keine Harmonie zwischen den Weltreligionen. Jede Weltreligion sieht sich selbst als die beste an und wertet andere Religionen ab. Viele Weltreligionen beanspruchen für sich die Dominanz über andere Religionen und die Menschheit, in dieser Hinsicht sind schon zu viele Kriege geführt worden. Auf diese Art und Weise wird die spirituelle Entwicklung der Gläubigen untergraben. Unter anderem wird die menschliche Entwicklung durch Irreführung der Massen gehemmt, durch Behinderung wissenschaftlicher Forschungen, Mord und Plünderung. In der Folge entsteht Haß aufeinander. Weitere Konflikte ergeben sich aus einem falschen Verständnis von Religion.

Religion leitet sich von dem lateinischen Wort religio (binden) ab. Religion bedeutet daher "Einigung" oder "Harmonisierung". Sie stellt das Einigungsprinzip der Menschen untereinander und ihre Einheit mit Gott dar. Religion nimmt sich der gesamten Persönlichkeit des Menschen an. Sie kümmert sich um seine inneren und äußeren Werte. In diesem Kontext repräsentieren die inneren Werte die spirituelle Entwicklung des Menschen und die äußeren das menschliche Verhalten. In der Religion sind spirituelle Werte ebenso wichtig wie das Sozialverhalten; beide sind gleichviel wert. Religion versorgt die Menschheit mit ethischen Richtlinien, sozialen Normen und Idealen, ebenso wie sie dem Menschen einen Weg zeigt, Kontakt mit einer höheren Energie aufzunehmen.

Es gibt im Bereich der Religion jedoch einen Pluralismus. Unser Verständnis von Religion ist intellektuell und ideologisch. Nicht alle Menschen verfügen über den gleichen Intellekt und gleiche Vorstellungen. Jeder Versuch, die Menschen dazu zu bringen gleich zu denken, ist zum Scheitern verurteilt. Auch unsere religiöse Praxis unterscheidet sich. Der Fortbestand aller Religionen und ihr Voranschreiten angesichts der Herausforderungen aneinander beweist dies. Darüber hinaus hat sich gezeigt, daß sich auch innerhalb derjenigen Religionen Untergruppierungen ergeben, die für sich den Anspruch erheben, alle anderen Religionen absorbieren zu können, die hinsichtlich der Interpretation der heiligen Schriften unterschiedliche Meinungen vertreten und somit ganz klar den Beweis dafür liefern, daß es nicht nur ein einziges universell gültiges Erlösungssystem geben kann. Religiöser Pluralismus zählt zum Wesen der menschlichen Gesellschaft. Jeglicher Versuch, dies abzustreiten, entspräche dem Versuch, die Existenz der Naturgewalten zu leugnen.

Nun stellt sich folgende Frage: Wenn sich alle Religionen voneinander unterscheiden, wie können alle wahr sein? Wenn eine wahr ist, dann müssen alle diejenigen, die ihr widersprechen, falsch sein. Die Wahrheit ist jedoch, daß die verschiedenen Religionen nicht tatsächlich widersprüchlich sind. Sie unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Sprache und Form, diese Unterschiede sind jedoch vielmehr eine Ergänzung als ein Widerspruch. Alle Religionen sind einig in der Wahrheit. Tatsächlich verhält es sich so, daß jede Religion einen Teil der universellen Wahrheit übernimmt und ihre ganze Kraft dazu verwendet, diesen Teil der universellen Wahrheit zu verkörpern und zu kennzeichnen. Daher handelt es sich um eine Ergänzung und nicht um eine Ausgrenzung. Aus diesem Grunde gibt es religiösen Pluralismus, und wenn eine Religion ihrer eigenen Interpretation der Wahrheit größere Beachtung schenkt, dann müssen wir uns in Erinnerung rufen, daß der Mensch sich niemals von der Unwahrheit zur Wahrheit bewegt, sondern von geringerer Wahrheit zu größerer. Somit ist die Ansicht falsch, daß die von der eigenen Religion abweichenden Religionen sich widersprechen und aus diesem Grund nicht wahr sein können. Außerdem können vielfältige Ansichten des gleichen Gegenstandes jeweils andere Aspekte widerspiegeln. Ihre offensichtlichen Unterschiede können nicht als Widersprüche bezeichnet werden, zeigen sie doch vielmehr die Vielfalt in der Einheit.

Jede Religion verfügt über ein bestimmtes Ideal, welches im Herzen dieser Religion entstanden ist. Solange die Religion diesem Ideal treu bleibt, bleibt sie bestehen. Konflikte entstehen dann, wenn wir versuchen zu beweisen, daß nur unsere Religion wahr ist, denn ein solches Verhalten richtet sich gegen die religiöse Harmonie. Ich kann zwar behaupten, daß nur meine Religion die einzig wahre ist, das gibt mir jedoch nicht das Recht zu beweisen, daß alle anderen Konfessionen falsch sind. Ich betrachte meine Religion nur deswegen als wahr, weil ich sie als solche erkannt habe, ich sollte jedoch auf keinen Fall andere Religionen als falsch ansehen, nur weil ich sie bislang nicht richtig verstanden habe. Wenn wir religiöse Harmonie anstreben, müssen wir offenen Geistes sein. Im gleichen Maße sollten wir in unserer Auseinandersetzung mit religiösem Pluralismus eine positive Haltung einnehmen. Anstatt andere Konfessionen bekehren zu wollen, sollten wir unsere Aufmerksamkeit auf die Erweiterung unseres Horizontes richten. Wir sollten die Meinung Anderer tolerieren. Wir sollten uns davor hüten, Hetzkampagnen gegen Andersgläubige ins Leben zu rufen. Auch wenn Konfessionen einige bestehende religiöse Praktiken ändern wollen, sollten wir nicht dagegen angehen. Wenn wir tatsächlich religiöse Harmonie erreichen wollen, müssen wir gemeinsam versuchen, so viele Menschen wie möglich dazu zu bewegen, die fundamentalen religiösen und moralischen Prinzipien wie Gewaltlosigkeit, Wahrheit, Achtung von Besitz, Frieden, Mitgefühl, etc. in ihrem Leben zu verwirklichen.

Jeder religiöse Glaube auf der Welt beinhaltet eine Offenbarung der Wahrheit, kein Glaube ist jedoch perfekt und unfehlbar. Aus diesem Grund müssen wir jeden anderen Glauben ebenso respektieren wie unseren eigenen. Wenn wir es erreichen, diese Toleranz zum Gesetz zu erheben, nehmen wir glaubensbedingten Konflikten die Grundlage, ebenso wie dem Bestreben, Andere zum eigenen Glauben zu konvertieren. Wir müssen daran glauben, daß die diversen Mängel in den verschiedenen Glaubensrichtungen überwunden werden. Der Respekt vor einem bestimmten Glauben sollte uns nicht für seine Fehler blind machen. Betrachteten wir alle Religionen als gleichwertig, sähen wir es als unsere erklärte Aufgabe, jeden akzeptierbaren Bestandteil anderer Glaubensformen in unser eigenes Glaubenssystem zu integrieren. Es ist offensichtlich, daß Toleranz die Unterscheidung zwischen richtig oder falsch, gut oder böse, nicht durcheinanderbringt. Alle maßgebenden Religionen dieser Welt basieren auf der gleichen Grundlage.

Obwohl es zwischen den Weltreligionen Unterschiede gibt, liegt allen Religionen Harmonie zugrunde. Der Rig-Vedasagt: "Es gibt nur eine Wahrheit, aber die Weisen dieser Welt interpretieren sie unterschiedlich". Alle Religionen verfügen über den gleichen Kern. Die Pluralität ist ein rein äußerliches Merkmal. Das Grundprinzip aller Religionen ist die Einheit. Das höchste Ziel aller Weltreligionen besteht darin, zwischen den Menschen dieser Erde Einheit herzustellen. Obwohl einige religiöse Führer nichts davon zu wissen scheinen und eine Religion von der anderen trennen, steht diese Einstellung im Gegensatz zu den wesentlichen religiösen Grundsätzen. Einheit in der Vielfalt sind Muster und Rahmen der Schöpfung. Das ganze Universum ist ein wunderbares Beispiel dafür. In allen Religionen finden wir wesentliche Bestandteile dieser Einheit, sie alle stimmen darin überein. Alle Weltreligionen akzeptieren die Existenz Gottes. In diesem wesentlichen Grundsatz zeigt sich die Einheit unter den Religionen. Jede Religion akzeptiert moralische Werte und Tugenden, welche die vereinigenden Grundsätze der Weltreligionen darstellen. Alle Weltreligionen lehren Frieden, Mitgefühl, Glückseligkeit und Humanismus. Darin spiegelt sich ebenfalls der essentielle universelle Sinn aller Weltreligionen wieder. Einheit und Universalität der Religion kennzeichnet die friedliche Koexistenz aller Religionen.

Einige wesentliche und essentielle Grundsätze liegen allen Weltreligionen explizit oder implizit zugrunde.

Diese sind:

  1. Die sich ständig wandelnde phänomenale Welt, gekennzeichnet durch gegenseitige Abhängigkeit und das Vorhandensein von Gegensätzen, wird von einer ewigen idealen Realität getragen, im Allgemeinen Gott genannt. Diese Realität ist in ihrer Existenz unabhängig, sie ist die Antwort auf die menschliche Vorstellung von Vollkommenheit.
  2. Jedes individuelle psychologische System unendlichen Wandels unterliegt einem zentralen Prinzip, das konstant aus sich selbst leuchtet, rein und frei ist.
  3. Das zentrale Prinzip des Mikrokosmos unterscheidet sich nicht von dem des Makrokosmos. Das bedeutet, es besteht eine enge Verwandtschaft oder Einheit zwischen der Seele des Menschen und der universellen Seele. Die Wahrheit ist, das Innerste des Einen ist das Innerste des Anderen.
  4. Es ist das erklärte Ziel des Lebens, diese Einheit zu erkennen. Alle menschlichen Konzepte sollten sich darauf einstellen.

 

So finden wir Harmonie zwischen den Menschen, zwischen Mensch und Gott und zwischen den verschiedenen Religionen. Spirituelle Einheit ist die einzige gemeinsame Grundlage, auf der sich Menschen trotz ihrer Unterschiede treffen können. Einheit in der Vielfalt oder Pluralität sind die Verhaltensmuster der Weltkultur. Es gibt keinen Konflikt zwischen verschiedenen Lebensaspekten. Das Ziel der Zivilisation kann sich vom Ziel der Religion nicht unterscheiden. Einigung der Welt und Anerkennung der spirituellen Einheit der Menschheit ist das höchste Ziel der Religion.

Auch wenn die religiöse Vielfalt erhalten bleibt, werden die verschiedenen Religionen als unterschiedliche Formen der Verehrung des Höchsten nebeneinander bestehen bleiben. Daraus sollte sich aber keine religiöse Schablone für verschiedenartige Menschen ergeben, sondern alle sollten vielmehr alle Religionen als wahr akzeptieren. Zu diesem Zweck müssen wir die Ebene der verschiedenen Konfessionen verlassen und die Religion verstehen, die allen Religionen zugrunde liegt. Wahre Religion muß im Menschen Energie und Geist wecken. Mahatma Gandhi sagte: "...mit Religion meine ich nicht die formale Religion, sondern die allen Religionen zugrundeliegende, die uns von Angesicht zu Angesicht mit demjenigen bringt, der uns erschaffen hat...". Weiter sagt Gandhiji: "Religion sollte jede unserer Handlungen durchdringen, Religion bedeutet nicht Sektierertum, sondern den Glauben an eine geordnete moralische Leitung des Universums." Es nicht zu sehen, bedeutet nicht, daß es nicht so ist. Diese Religion transzendiert alle Religionen, sie harmonisiert sie und gibt ihnen ihren realen Gehalt.

 

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