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: Religion : Hinduismus :
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Sarada Math und Ramakrishna Mission - eine konservative Revolution? "Das Recht der Hindufrauen auf Sannyasa" Dr. sc. Hiltrud Rüstau Redaktion: Carla Geerdes |
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Im September 1946 erschien ein Aufsatz von Srimoti Asha Devi unter der Überschrift "Das Recht der Hindufrauen auf Sannyasa 1.Ganz offensichtlich wurde durch diesen Aufsatz der letzte Anstoß zur Gründung des Sri Sarada Math gegeben, mit der eine Revolution auf dem Gebiet religiöser Askese eingeleitet wurde, die nicht nur für den Hinduismus bedeutungsvoll sein könnte, denn: "Der Shri Sarada Math ist einmalig, weil er die erste monastische Organisation ist, die von den Frauen selbst in völliger Unabhängigkeit von Männern geleitet wird." 2 Es verwundert uns aus heutiger Sicht ein wenig, dass die Autorin des genannten Aufsatzes das Recht der Hindufrauen auf Sannyasa fordert. Zum Beispiel konnte man zu Makar Sankranti, dem ersten großen Badetag für die Sadhus, bei der Kumbh Mela 2001 in Allahabad gleich auf den ersten Wagen des Nirvani Akharas Frauen im Gewand der Sannyasins stehen sehen, auf einem Wagen befanden sich sogar nur Frauen, also auch der Thron des Mahants war von einer Frau besetzt. Zum Nirvani Akhara gehören etwa 2000 Sannyasins, wovon ca. 10% Frauen sind. Es gibt in diesem Orden 24 Mahamandaleshwars, eine davon ist Gita Bharati, (geboren 1944), die erste Frau, die in diese Funktion gewählt wurde (nur Mahamandaleshwars dürfen z.B. asketische Schüler initiieren). Der Tradition nach waren die Akharas bis vor kurzem nahezu ausschließlich Männern vorbehalten. Dass wir dort Frauen in größerer Zahl finden, ist eine sehr neue Erscheinung, so wie heute insgesamt eine Zunahme weiblicher Sadhus (Sadhvis) zu verzeichnen ist. Asha ging in ihrem Aufsatz davon aus, dass das Ziel menschlichen Lebens die Realisation Gottes (Brahman) sei, und dass Brahmacharya und Sannyasa den Weg darstellen, auf dem man das Wissen von Brahman erlange. Darum hätten Männer wie Frauen das gleiche Recht, dem weltlichen Leben zu entsagen und sich ganz der Realisation Gottes zu widmen. Um zu beweisen, dass Frauen ebenso wie Männer zu Spiritualität fähig sind, führt sie die Namen bedeutender Seherinnen sowohl aus dem Rgveda als auch aus den Upanishads an und gibt Beispiele dafür, dass Frauen in früherer Zeit selbständig Opfer ausführten, also Kenntnis der vedischen Mantras und auch das Recht auf das Upanayana-Ritual gehabt hätten. Auch unter den Hindufrauen habe es Sannyasinis gegeben, und es gebe sie noch. Zugleich verweist sie auch auf buddhistische und jainistische Traditionen. In ihrem Artikel zitiert Asha auch aus einer Vielzahl von Sanskritschriften, um ihrer Forderung Legitimation zu verleihen. 3 Vor allem aber führt sie die wiederholt geäußerte Absicht Swami Vivekanandas an, einen Math für Frauen zu gründen, die auch in der Satzung des Belur Math von 1899 ausdrücklichen Niederschlag fand. Wogegen polemisiert sie? Asha Devi forderte nicht allgemein für Frauen das Recht auf Askese, denn das gibt es im Hinduismus in vielfältiger Art. Ihr ging es darum, dass eine ganz besondere Erscheinungsform hinduistischer Askese für Frauen zugänglich gemacht würde, und zwar nicht als eine Ausnahme für einzelne Frauen, wie es die Aufnahme von Frauen in Männerorden trotz aller Zunahme dieser Erscheinung ist, sondern als eine generelle Regelung, die den Frauen ein von Männern unabhängiges asketisches Leben sichert. Um ihre Forderung wirklich verstehen zu können, sind einige Erläuterungen notwendig, denn Askese im Hinduismus, hier allgemein verstanden als Aufgabe der Bindung an die Objekte dieser Welt, umfasst mehr als nur Sannyasa, auch wenn dieser Begriff heute vielfach generell als Synonym für Askese verwandt wird. Asketismus ist im Hinduismus ein Komplex mit zum Teil sehr weit aus einander liegenden Organisationsformen, Motiven, Praktiken und Glaubensvorstellungen, und er bietet ein äußerst facettenreiches Bild, das wegen seiner Vielfalt kaum zu beschreiben ist. Sannyasa im Rahmen hinduistischer Askese Die Vorstellung einer völligen Weltentsagung dessen, der das Wissen von Brahman hat, wird weltanschaulich zum ersten Male in den vorbuddhistischen Upanishads begründet: Wer das (brahmanische) Wissen hat, im Walde lebt und tapas übt, erreicht auf dem Wege der Götter das höchste Ziel, wie es in der Chandogya Upanishad 5.10.1. heißt. Wer dagegen im Dorf lebt und gut handelt, wird gut wiedergeboren, bei schlechtem Handeln wird er als Hund, Schwein oder Chandala wiedergeboren. Erlösung von der Wiedergeburt winkt also als Ziel des Wissens vom wahren Wesen des Selbst. Wer dieses Selbst, Atman, kennt, gibt die Wünsche nach Söhnen, Besitz usw. auf und führt das Leben eines bettelnden Asketen, wie es in der Brhadaranaka Upanishad 3.5.1. lautet. An anderer Stelle ist die Rede von denen, die wissen: "Darum haben die Brahmanen der Vorzeit, die studiert hatten und kundig waren, nicht Nachkommenschaft begehrt, "Was sollen wir," dachten sie, "mit Nachkommenschaft tun, wir, deren Welt der Atman ist?" Sie gaben den Wunsch nach Söhnen, nach Besitz, nach der Welt auf und zogen als Bettler hinaus. Denn der Wunsch nach Söhnen ist ein Wunsch nach Besitz, der Wunsch nach Besitz ist ein Wunsch nach der Welt. Wunsch ist beides." 4 Diese Stelle zitiert übrigens Asha neben anderen in dem oben erwähnten Aufsatz, um ihre Forderung nach Sannyasa auch für Frauen zu begründen. Der Begriff Sannyasa (von niederlegen, abwerfen) wird im Laufe der Zeit zur hauptsächlichen Bezeichnung für asketische Weltentsagung, er dient vor allem für die Benennung der vierten der Lebensaltersstufen ashrama 5. Er bedeutet mit der Aufgabe von Besitz, Opferfeuern, Opferschnur, Familienleben usw. ein lebendiges Gestorbensein jenseits des Lebens: der alte Mensch zieht in die völlige Besitz- und Heimatlosigkeit hinaus, lebt von Almosen und richtet sein Streben allein auf Erlösung. Sannyasa stellt also den Abschluss einer Lebensgestaltung dar, an deren Beginn der Schülerstand, Brahmacharya steht, eingeleitet mit dem Upanayana-Ritual. Darauf folgt der Status des Familienvaters, an den das Leben als Waldeinsiedler anschließt. Allerdings handelt es sich hier um eine idealtypische Gliederung des Lebensablaufs, die zum einen nur für die männlichen Angehörigen der drei oberen Stände (Brahmanen , Kshatriya und Vaishya) Gültigkeit hat, denn nur ihnen wird in der Upananyana-Zeremonie die Opferschnur verliehen, Voraussetzung für die Aufnahme als Schüler und damit letztlich auch für den Eintritt in das Leben als Sannyasin. Zum anderen ist fraglich, inwieweit tatsächlich eine solche stufenweise Absolvierung der vier Lebensphasen allgemein praktiziert wurde. Die ältere Vorstellung ist auf alle Fälle die, dass diese Lebensformen Wahlmöglichkeiten darstellen. Lange vor der Formulierung der Lehre von den vier ashramas gab es, möglicherweise beeinflusst durch das in Buddhismus und Jainismus stark ausgeprägte Asketentum, auch hinduistische Asketen. Während es jedoch für buddhistische und jainistische Mönche und Nonnen ein festes Reglement gab mit Aufnahmeregeln, hierarchischen Strukturen, Vorschriften für die Lebensweise, Zufluchtstätten in der Regenzeit und einer gesicherten Unterstützung durch Laienanhänger, hatten die hinduistischen Asketen zunächst keine solche Organisationsform. Im Unterschied zu Jainas oder Buddhisten wanderten sie nicht in Gruppen, sondern allein. Die erste große Reform hinduistischen Asketentums wurde von Shankara (788-820) mit der Schaffung shivaitisch orientierter Brahmanenorden der Sannyasins eingeleitet. 6 Shankara soll nach der Überlieferung 7 vier Maths als feste Aufenthaltsorte für Asketen gegründet haben, die bis heute entscheidende Leitfunktionen haben: im Norden der Jyotir Math in Badri Nath, im Süden der Sirngeri Math, im Osten der Govardhan Math in Puri und im Westen der Sharda Math in Dwaraka. 8 Diesen Maths sind die insgesamt 10 auf Shankara zurückgehenden Orden (Dashanamis) zugeordnet. Darüber hinaus legte Shankara Regeln für das Leben im Math fest, welche Verhaltensweisen, hierarchische Strukturen und Riten zur Initiation als Sannyasin entsprechend den Sannyasa-Upanishads umfassten. Ein dem Orden der Dashanamis angehöriger Asket, der von einem diesen Orden angehörenden Guru entsprechend der vorgeschriebenen Riten initiiert worden war, ist ein Sannyasin. Ein Sannyasin muss zuvor ein Brahmacharin gewesen sein. Die Dashanamis sind vedische Shivaiten. Ihre Weltanschauung basiert auf den Vorstellungen der Upanishads von der Einheit allen Seins in Brahman. Bester Weg zur Erlösung ist der Jnana Yoga: Wer durch Studium und Meditation das Wissen von der Identität von Atman und Brahman hat, wird eins mit dem absoluten Göttlichen. Die Welt der Erscheinungen, maya, hat für ihn alle Bedeutung verloren. Die von Shankara gegründeten Maths wurden in der weiteren Entwicklung zu Zentren kulturellen Lebens, in ihnen wurde sowohl das für einen Angehörigen der Dashanamis notwendige Wissen in Gestalt der entsprechenden textlichen Überlieferungen vermittelt, als auch brahmanische Gelehrsamkeit gepflegt, Pilger betreut und medizinische Hilfe geleistet, aber auch männliche Angehörige der Brahmanenfamilien bzw. der drei oberen Stände konnten hier religiöse Bildung erhalten. Diese Maths existieren bis heute fort, ihre Oberhäupter führen den Titel Jagadguru, Lehrer der Welt. Sie spielen eine beachtliche Rolle bei der Auslegung religiöser Schriften und haben zum Teil einen erheblichen Einfluss auf ihr religiöses Klientel. Die Aufnahme von Frauen in die von Shankara gegründeten Orden war nicht vorgesehen, mehr noch, Sannyasins hatten jeden Kontakt mit Frauen zu vermeiden, und nach Meinung der orthodox-brahmanischen Rechtslehrer war Sannyasa keine den Frauen mögliche Lebensweise. Wir müssen dabei bedenken, dass zeitgleich mit der Herausbildung der Lehre von den vier ashramas und der Zementierung der Kastenordnung (etwa ab dem 2./3. Jh.) allmählich die Stellung der Frau abgewertet wird. 9 War in der zwar eindeutig patriarchalisch geprägten vedischen Zeit die Frau noch dem Manne in vieler Hinsicht ebenbürtig und hatte gewisse Rechte 10 , u.a. galt auch für sie die Upananyana-Zeremonie, die ihr Zugang zur Bildung sicherte. Vom 2./3. Jh. an wird die Upananyana-Zeremonie für Mädchen verboten, sie haben damit keinen Zugang zur traditionelle religiösen Bildung mehr, woraus sich ergibt, dass ihnen die aktive Teilnahme am Opfer und damit das selbständige Ausführen religiöser Handlungen verwehrt wurde. Außerdem haben für sie die vier ashramas keine Gültigkeit. 11 Da ihnen der Schülerstatus verwehrt war, konnten sie auch nicht die Sannyasa-Weihe erhalten. Gleichzeitig sank das Ehealter auf die Zeit vor der ersten Menstruation, Kinderheirat wurde mehr und mehr zur gängigen Praxis. Das Bild der Frau in orthodoxen Brahmanenkreisen war widersprüchlich. Die Frau wurde ihrem Wesen nach als unbeständig, oberflächlich, nur an Äußerlichem interessiert und sexuell unersättlich beschrieben. Sie war wegen der monatlichen Menstruationsblutung und wegen des Gebärens von Kindern rituell unrein. Als Mutter und Ehefrau aber, die ihren Dharma des Dienstes an der Familie getreulich erfüllt, wurde sie idealisiert. Die tugendhafte, treu dienende und ihrem Mann völlig ergebene Ehefrau steht im Gegensatz zum ansonsten beschworenen negativen weiblichen Wesen. Da Mädchen nicht mehr zum Upananyana-Zeremoniell zugelassen waren, galten sie aus der Sicht der orthodoxen Brahmanen als den Shudras gleichgestellt. Aus alledem folgt, dass die Beschreibung asketischen Leben, wie es in der alten Literatur zu finden ist, sich im allgemeinen nur auf männliche Angehörige des Brahmanenstandes bezieht. 12 Allerdings ist da und dort von weiblichen Asketen die Rede, es handelt sich dabei aber um Ausnahmen. Der asketische Lebensweg bedeutete die Aufgabe dessen, was das Frausein ausmacht, nämlich dem Ehemann zu dienen, Kinder zu gebären und die Familie zu versorgen. Sie wird mit Familienleben und Sexualität identifiziert. Selbständige religiöse Handlungen waren der Frau nicht gestattet, sie hatte bei den entsprechenden Riten ihrem Mann zu assistieren. Als Hauptform weiblicher Religiosität galt die Verehrung des Ehemanns, ihr Gott und Lehrer zugleich. Ein unabhängiges Leben als Sannyasini war ihnen u.a. auch deshalb nicht gestattet, weil das eine zu große Verführung für die brahmanische Männerwelt dargestellt hätte, wie man meinte. Allerdings beschreibt die Literatur, was sein sollte und nicht, was in der Realität wirklich existierte, und für die Existenz weiblicher Asketen in dieser Zeit gibt es viele Belege, auch in dieser Literatur selbst 13, so wird gefordert, dass die anständige Frau ebenso wie der männliche Asket jeden Kontakt mit Asketinnen meiden sollte. Während Frauen zwar trotz der allgemeinen Ablehnung weiblichen Bildungsanspruchs da und dort über religiöse Gelehrsamkeit verfügten, war es so gut wie ausgeschlossen, dass Frauen Sannyasa, also die Asketenweihe in einem der Dashanami-Orden erhielten, auch wenn es da und dort vorgekommen zu sein scheint. In den später entstandenen vishnuitischen Asketenorden war es offensichtlich für Frauen eher möglich, Aufnahme zu finden, ganz zu schweigen von shaktistischen Richtungen, in denen Yoginis sogar als Lehrmeisterin fungierten. So können wir festhalten, dass Sannyasa zum einen die Bezeichnung des vierten Lebensabschnitts der männlichen Angehörigen der drei oberen Stände ist, zum anderen aber ist darunter im engeren Sinne die Gruppe der Asketenorden zu verstehen, die sich auf Shankara zurückführen, also shivaitische Asketen, die in der vedischen Tradition stehen. Und das ist das, was Asha Devi mit ihrem Aufsatz fordert: die Errichtung eines Maths, also eines Klosters im Sinne eines eigenen Frauenordens innerhalb der Tradition der Sannyasi-Asketen. Sie will das überkommene Verbot von Sannyasa für Frauen durchbrechen, allerdings nicht in abrupter Ablehnung der Konvention, sondern bei völliger Übernahme aller sonstigen für Sannyasa geltenden Regeln. Ihr Bestreben, die traditionellen Schranken der nach orthodoxer Ansicht von Frauen einzuhaltenden sozial-moralischen Norm (stridharma) zu überschreiten bzw. dessen Inhalt auf neue Weise zu interpretieren, rechtfertigt sie mit den Äußerungen Swami Vivekanandas. Sie fordert das generelle Recht für Frauen, Sannyasa nach dem entsprechenden Ritual zu erhalten und als Asketinnen in einem Math zu leben. Ramakrishna Math und Ramakrishna Mission gelten als in der Tradition der Dashanamis stehend. Da Ramakrishna seinerzeit von dem Sannyasin Totapuri initiiert wurde, zählen sie sich zum Orden der Puris (Sringeri). Die Schüler Ramakrishnas initiierten sich selber, ohne dass ein voll initiierter Sannyasin anwesend war, allerdings befolgten sie das notwendige Ritual mit allen Mantras und Vorschriften. Aber wenn auch die Weihe der ersten Gruppe um Vivekananda deshalb da und dort umstritten sein mag, so wurden von da an äußerst strikt alle Regeln befolgt. Wie in vielen Orden üblich, nimmt die Weihe nur das Oberhaupt von Belur Math in seiner Eigenschaft als Präsident von Ramakrishna Math und Ramakrishna Mission vor. Mit dem Namen Swami Vivekanandas und der Gründung von Belur Math ist die zweite große Reformierung der hinduistischen Asketenbewegung verbunden. Vivekananda wurde von dem Ziel geleitet, den Advaita Vedanta praktisch zu machen. Das heißt, dass er das Mahavakyam "Tat tvam asi", das bist du, die All-Einheit alles Seienden, auf die soziale Sphäre übertrug. Die der 1897 gegründeten Ramakrishna Mission gestellten Aufgaben waren damit spiritueller wie humanitärer Art. Die zum Ramakrishna Math gehörenden Sannyasins waren sowohl verpflichtet, nach eigener spiritueller Vervollkommnung zu streben als auch die Lehre Ramakrishnas zu verbreiten und zugleich Allgemeinwissen zu lehren, Handwerk und Industrie zu fördern und tätige Hilfe zu leisten, gemäß dem Motto Ramakrishnas "Jiva ist Shiva", das heißt, Gott in jedem Menschen zu sehen und Gottesdienst als Dienst am Menschen zu verstehen. Die erste Bewährungsprobe für diese Zielstellung ließ nicht lange auf sich warten: wenige Wochen nach der Gründung der Ramakrishna Mission brach eine Cholera-Epidemie aus, und Vivekananda schrieb in einem Brief vom 4.7.1897, dass man zum ersten Male seit den Zeiten von Buddha die Söhne von Brahmanen am Bett der cholerakranken Pariahs finde 14. Eine große Hungersnot im Jahre 1897 stellte eine weitere große Herausforderung dar, Geldmittel mussten aufgetrieben werden, und die Asketen der jungen Organisation sammelten erste Erfahrungen in umfassender karitativer Arbeit. Swami Vivekananda führte mit der Gründung des Ramakrishna Maths einerseits die mit Shankara begonnene Organisations- und Strukturform hinduistischen Asketismus fort, andererseits aber erweiterte er dieses Konzepts ganz wesentlich um die Komponente des sozialen Dienstes. Dabei kamen ihm Erfahrungen, die er bei seinen Aufenthalten in den USA und in Europa machte, zugute. Swami Vivekanandas Vorstellungen von einem Math für Frauen Am 1.Mai 1897 wurde die Ramakrishna Mission gegründet. Im §1 der 1899 fixierten Regeln heißt es: "Dieser Math wurde errichtet, um für die eigene Erlösung zu arbeiten und sich selbst darin zu üben, der Welt entsprechend der von Bhagavan Shri Ramakrishna gegebenen Richtlinien auf jede Weise Gutes zu tun. Auch für Frauen wird ein ähnlicher Math errichtet werden." 15 Die Paragraphen 2-4 befassen sich dann direkt mit dem künftigen Math für Frauen. Es ist offensichtlich, dass Swami Vivekananda, bevor er sich ernsthafte Gedanken über die Gründung eines Maths für seine Brudermönche machte, das Konzept eines Maths für Frauen entwickelt hatte. Im Zentrum dieses Maths sollte Sarada Devi stehen. Das Motiv war ein dreifaches: die Verehrung, die er für die Frau seines Lehrers Sarada Devi hegte, das Wissen darum, dass Frauen am dringlichsten der Hilfe bedurften und zugleich die Verbesserung ihrer Lage Voraussetzung für eine nachhaltige Veränderung der indischen Verhältnisse war. Shakti, die so lange vernachlässigte Energie Indiens, müsse wiederbelebt werden, um Indien, aber auch die Welt zu erneuern. 16 Er sah als die entscheidende Voraussetzung für eine tatsächliche Veränderung der bedrückenden Verhältnisse in Indien die Verbreitung von Bildung unter den Frauen an: "Die Erhebung der Frauen, die Erweckung der Massen, muss zuerst kommen, und nur dann kann irgendetwas wirklich Gutes für das Land zustande kommen." 17 In einem Brief aus dem Jahre 1894 an Shivananda, den späteren zweiten Präsidenten der Ramakrishna Mission, macht er deutlich, dass das erste Geld, das er zusammenbekäme, bestimmt sei, einen Platz für Sarada Devi zu schaffen, "denn Frauen brauchen es zuerst". Keiner seiner Mitbrüder hätte die wunderbare Bedeutung des Lebens von Sarada Devi als Shakti von Ramakrishna verstanden. "Mutter wurde geboren, um diese wunderbare Shakti in Indien wiederzubeleben, und wenn wir sie zur Keimzelle machen, werden ein weiteres Mal Gargis und Maitreyis in die Welt treten ... Darum ist es ihr Math, den ich zuerst möchte ... Zuerst Mutter und ihre Töchter, dann Vater und Vaters Söhne - kannst Du das verstehen?" 18 In erster Linie geht es also Vivekananda darum, gestützt auf Sarada Devi mit ihrem Ansehen und ihrer spirituelle Bedeutung, einen Math für Frauen als unerlässliche Voraussetzung für die Erneuerung Indiens zu errichten. Diesen Gedanken betont Vivekananda auch in einem Brief an Shashi (Swami Ramakrishnananda) vom Anfang des Jahres 1895: "Es gibt keine Chance für das Wohlergehen der Welt, wenn nicht die Bedingungen für die Frauen verbessert sind. Es ist einem Vogel nicht möglich, nur mit einem Flügel zu fliegen." Ramakrishna habe eine Frau als Guru akzeptiert und die Mutterschaft der Frau als Repräsentanz der Göttin verstanden. "Daraus resultiert, dass es mein erstes Bestreben sein wird, einen Math für Frauen zu eröffnen. Dieser Math soll die Quelle für Gargis und Maitreyis und für Frauen mit noch höheren geistigen Leistungen als diese sein..." 19 In einem Brief vom April 1896 skizziert Vivekananda die Regeln für das künftige Zusammenleben sowie Strukturen und Funktionsverteilung und die weltanschauliche Grundlage eines künftigen Maths für seine Mitbrüder. Als selbstverständlich ist auch die Rede von einem Math für Frauen. Als erste Präsidentin hat er Gauri Ma im Auge, auch Yogin Ma könne wertvolle Hilfe bei der Gründung leisten. Beide Frauen stammten aus brahmanischen Familien, waren gebildet und lebten mit Sarada Devi zusammen. Auf jeden Fall aber sollten in diesem Math die Frauen völlig unabhängig von Männern ihre Angelegenheiten selber leiten. 20 In einem Brief an Mrs. Bull vom 25.2.1897 kommt er auf dieses Thema zurück, er schreibt, dass seine Pflicht nicht als erfüllt gelten könne, wenn er sterben werde, ohne mit den zwei "Orten" begonnen zu haben, "einen für die Sannyasins, den anderen für die Frauen". 21 Mit einem Schüler diskutiert er wenig später (März/April 1897) die Frage eines Frauen-Maths und drückt die Gewissheit aus, dass es in Indien Frauen gebe, die genügend gebildet seien, um einen solchen Math zu leiten. Allerdings vermutet er einschränkend, dass es wahrscheinlich gebildete Väter aus Angst vor sozialer Diskriminierung nicht wagen würden, ihre Töchter unverheiratet zu lassen. 22 In einem Gespräch mit Sarat Chandra Chakravarty im Jahre 1901 erläutert Vivekananda genauer seine Vorstellungen von einem Frauen-Math. Zunächst wendet er sich gegen Behauptungen, dass Frauen nicht Sannyasa bekommen dürften. Es sei nur schwer zu verstehen, warum so große Unterschiede zwischen Männern und Frauen gemacht würden, wo doch die Vedanta-Philosophie erkläre, dass ein und dasselbe Selbst in allen Wesen existiere. 23 An anderer Stelle fragt er: "Wenn ein Mann Brahman erkennen kann, warum kann nicht eine Frau dieselbe Weisheit erlangen?" 24 Die Unterscheidung nach dem Geschlecht sei für die höchste Realität von Brahman völlig ohne Belang und gelt nur auf der relativen Ebene, sei also lediglich eine äußere Unterscheidung, die aber in Wahrheit nicht existiere. Man kritisiere zwar die Frauen, tue aber nichts zu ihrer Entwicklung. Wenn man nicht die Positionen der Frauen verbessere, welche die Verkörperung der göttlichen Mutter darstellten, dann sei nicht an eine Entwicklung des Landes zu denken. Er weist auch auf die Ursachen hin, die diskriminierenden Urteilen über Frauen zugrunde lägen: Die Männer hätten die Frauen durch entwürdigende Regeln niedergehalten. In Zeiten des Niedergangs, als die Brahmanen die anderen Kasten für unfähig erklärten, die Vedas zu studieren, beraubten sie auch die Frauen ihrer Rechte. Aber weder für eine Familie noch für ein Land bestünde Hoffnung auf Verbesserung der Lage, wenn die Frauen nicht geachtet würden. Seine Schlussfolgerungen aus diesen Überlegungen ist die Notwendigkeit eines Maths für Frauen. Das sei schon deshalb notwendig, weil die Frauen die lebendige Verkörperung der göttlichen Mutter seien, ihre Verehrung diene daher dem Ziel, Brahman in sich zu erkennen. In dem Frauen-Math, wie ihn sich Vivekananda vorstellte, sollten als ständige Bewohner Sannyasinis zusammen mit unverheirateten Mädchen als Schülerinnen der dem Math angeschlossenen Schule leben, aber es sollte auch brahmanischen Witwen und verheirateten Frauen die Gelegenheit für einen zeitweiligen Aufenthalt im Math gegeben werden. Die Zöglinge der Schule sollten sich in Übereinstimmung mit den Erziehungsverantwortlichen nach dem Abschluss für die Heirat oder den Beginn eines zölibatären Lebens entscheiden können. Als Lehrerinnen dachte er an ältere Brahmacharinis, und die Ziele des Maths sollen ebenso wie die des Männer-Maths Spiritualität und seva-dharma sein. 25 Vivekananda versuchte auch die Frage danach zu beantworten, woher die künftigen Insassen des Frauen-Maths kommen sollten. Er verweist auf die weiblichen Schüler Ramakrishnas, auf Sarada Devi und die Frauen und Töchter der Anhänger. Im Haushalt von Sarada Devi lebten eine Reihe von Frauen ein ganz den religiösen Übungen verpflichtetes Leben. Sie hatten bereits zu Lebzeiten Ramakrishnas bei Sarada Devi gewohnt und waren alle Witwen, einige von ihnen waren bereits im Kindesalter verwitwet. Sie stammten meist aus brahmanischen Familien der Mittelschichten Kalkuttas, waren gebildet und durch persönliches Leid geprägt. 26 Eine Ausnahme stellte Gauri Ma dar, die ebenfalls zeitweilig bei Ramakrishna und Sarada Devi in Dakshineswar lebte. Auch sie stammte aus einer wohlhabenden Brahmanenfamilie und hatte sich erfolgreich gegen eine Verheiratung wehren können. Sie eröffnete 1895 den Saradeshvari Ashram für Mädchen und Frauen und gründete den Matri-Sangha, der vor allem auf die Vermittlung von Bildung für Mädchen orientiert war. Das dazu notwendige Geld beschaffte sie sich durch Betteln. Zur Gründung eines Maths für Frauen kam es jedoch nicht. Aber es ist wohl mehr als nur ein Zufall, dass einen Tag, nachdem Swami Vivekananda am 12.11.1898 die Urne mit der Asche von Ramakrishna in den Belur Math gebracht und damit die endgültige Etablierung seines Ordens vollzogen hatte, die Mädchenschule von Sister Nivedita eröffnet wurde. Sah doch Vivekananda die Ausbildung von Mädchen als wichtige Voraussetzung für die Konstitution eines Frauen-Maths an. Da Vivekananda, der zeitweilig große Hoffnungen in Sarala Ghosal, eine Nichte Rabindranath Tagores gesetzt hatte, einsehen musste, dass er kaum indische Frauen mit den entsprechenden bildungsmäßigen Voraussetzungen für seine Pläne finden konnte, setzte er seine ganze Hoffnung auf Frauen aus dem Westen. Der entscheidende Grundstein für einen Frauen-Math wurde in der Tat von Sister Nivedita gelegt, obwohl sie selber diese Zielstellung niemals erwähnte und ihr vielleicht sogar kritisch gegenüberstand. Andererseits ist anzunehmen, dass Vivekananda mit Nivedita über einen Math für Frauen gesprochen hat. Sister Nivedita und ihre "Indianisierung"
Margaret Noble (28.10.1867 - 13.10.1911) entstammte einer Familie in Irland ansässiger protestantischer Geistlicher, die aktiv am Kampf gegen die englische Unterdrückung beteiligt waren. Margaret erhielt in England eine gute Schulbildung und trat bereits mit 18 Jahren ihre erste Lehrerinnenstelle an. Es waren vier Gebiete, denen ihr besonderes Interesse an der Lehrertätigkeit im Kohlenrevier von Wales und an pädagogischen Reformschulen in London galt: das waren zum ersten religiöse Fragen, erwachsen aus dem Widerstreit von rationalem Protestantismus in Familie und College und gefühlsbetontem Katholizismus in ihrem Umfeld und aus der Ablehnung von jeder religiöser Heuchelei. Zum zweiten wurde Margaret Noble nachhaltig durch den irischen Freiheitskampf für Fragen nationaler Unterdrückung sensibilisiert. Das dritte war ein ausgeprägtes soziales Gefühl, sie setzte sich für die Gleichberechtigung der Frauen, für Verbesserung der Lebensbedingungen in den Slums von Wales ein. Als viertes ist ihre Beteiligung an modernen pädagogischen Reformversuchen zu nennen, wie überhaupt ihr reges Interesse am wissenschaftlichen und insbesondere auch dem künstlerischen Geschehen ihrer Zeit zu nennen ist. Sie war eine erfolgreiche junge Frau, die in den Intellektuellenkreisen Londons allgemein akzeptiert war, als sie 1895 die Bekanntschaft mit Vivekananda machte und sich für die von ihm vertretenen religiös-philosophischen Ansichten zu interessieren begann. Die Zeit bis zu seinem zweiten Aufenthalt in London 1896 nutzte sie für intensive Studien, so dass sie ihn dann mit vielen Fragen bestürmte. Sie machte sich seine Auffassungen zu eigen: "Es gibt nur eines. Die einen nennen es Materie, die anderen Geist, das ist der ganze Unterschied... Maya - das ist der schimmernde halbreale Komplex, in dem es keine Ruhe, keine letzte Sicherheit gibt, und den wir mit unseren Sinnen erfassen und durch das Denken als von unseren Sinnen abhängig begreifen. Das aber, was dies alles durchdringt, ist Gott selber ..." 27 Margaret bietet Vivekananda an, mit ihm nach Indien zu gehen, um Indien zu helfen. Aber Vivekananda zögert. Sie gehöre nach Indien, aber erst, wenn sie innerlich auch wirklich dazu bereit sei. Als sie ihm dann nach längerem Nachdenken schreibt: "Ich möchte, dass Indien mich lehrt, wie ich mich selbst erfüllen kann," kommt seine Zustimmung. Margaret hat nun begriffen, dass sie es ist, die Indien braucht. 28 In Indien angekommen, lässt ihr Vivekananda nicht viel Zeit. Die Aufgabe, für die er sie vorgesehen hatte, war die Verbreitung von Bildung unter den Frauen. Er war der festen Überzeugung, dass dies nur dann von einer Fremden erfolgreich in Angriff genommen werden konnte, wenn diese völlig indisch geworden sei. So fordert er sie auf, nicht nur ihre Vergangenheit zu vergessen, sondern auch die Erinnerung daran aus ihrem Gedächtnis zu streichen. Er vermittelt ihr Wissen, macht sie mit den Lebensgewohnheiten der indischen Menschen vertraut, und er beauftragt einen Brudermönch, ihr Bengali- und Sanskritunterricht zu erteilen. Zugleich führt er sie in die Gesellschaft Kalkuttas ein, indem er eine öffentliche Lektion für sie organisiert. Ihr Thema ist "Der Einfluss indischen spirituellen Denkens in England". Sie berichtet vor allem über das Auftreten Vivekanandas im Westen und schließt mit dem Bekenntnis, dass sie nach Indien gekommen sei, um dem Land zu dienen und an dessen großen spirituellen Schätzen teilzuhaben. Ein weiterer wichtiger Schritt für Niveditas Akzeptanz in den Kreisen der brahmanischen Oberschicht ist, dass Vivekananda sie zu Sarada Devi führt. Zwei Monate nach ihrer Ankunft in Indien wird Nivedita von Vivekananda initiiert, sie erhält den Status einer Probandin und den Namen Nivedita (die als Opfer geweihte, the dedicated). Ende Mai bricht Vivekananda mit Nivedita, Mrs. Bull und Josephine McLeod zu einer Reise in den Himalaya auf. Wiederum bemüht sich Vivekananda , das Wissen Niveditas von Indien zu vertiefen, sie diskutieren Fragen der Geschichte, er macht sie vor allem mit den Lebensbedingungen der einfachen Menschen vertraut, hilft ihr, Vorurteile abzubauen, um sie wirklich indisch werden zu lassen. Im Mittelpunkt steht die spirituelle Entwicklung Niveditas. Es fällt ihr nicht leicht, zu begreifen, dass nicht hingebungsvolle Verehrung von Vivekananda entscheidend ist, sondern das eigene Bemühen um die Realisierung des Göttlichen ohne Form, zu erreichen nur durch das Festhalten an der Wahrheit und der Treue sich selbst gegenüber. In Amarnath ist sie verzweifelt, weil ihr das Verständnis für die religiöse Ekstase der Pilger, aber auch von Vivekananda, völlig fehlt. Vivekananda bemüht sich, ihr mit dem Verweis auf die Verehrung von Kali zu helfen. Nivedita sagt später über diese Zeit, dass sie sich den Kali-Kult so systematisch wie eine fremde Sprache angeeignet habe. Sie begreift in diesem Prozess, dass der christliche Glaube an den "lieben" Gott sehr egoistisch sei, denn das Göttliche manifestiere sich im Guten wie im Bösen. Ihre Gedanken über Kali legt sie später in der Schrift "Kali the Mother" nieder. Es ist Ausdruck der Akzeptanz ihres Kali-Verständnisses, dass sie später vom Oberpriester des Kali-Tempels in Kalkutta gebeten wird, im Tempelkomplex über die Kali-Verehrung zu sprechen. Nach ihrer Rückkehr lebt Nivedita 14 Tage im Haus von Sarada Devi, das einem Ashram gleicht. Sie findet im Kreis der dort wohnenden orthodoxen Brahmanenfrauen wohlwollende Aufnahme. Anschließend beginnt sie mit ihrer Arbeit in der Schule, die in Anbetracht der Bedingungen nicht leicht ist, zumal noch eine Pestepidemie ausbricht. Nach einem Jahr Probezeit wird sie im März 1899 als Brahmacharini von Vivekananda initiiert. Zuvor hatte sie gelernt, Puja und das Feueropfer zu zelebrieren. Sie legt die drei Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams ab und opfert Ghee, Blumen, Früchte, Blätter, Samen und Milch zusammen mit jeglicher egoistischer Bindung in das Homafeuer. Nivedita erhielt übrigens keine Sannyasa-Weihe von Vivekananda, obwohl er doch in den USA einige Frauen zu Sannyasinis geweiht hatte. 29 Wie Ramakrishna seinerzeit aber schenkte Vivekananda Nivedita und auch Sarah Bull das ockerfarbene Sannyasin-Gewand. Zur Kali-Puja 1898 (d.h. am 13.11.) hatte Sister Nivedita mit dem Segen von Sarada Devi, der Witwe Ramakrishnas 30, ihre Schule eröffnet. Es ist die einzige mit der Ramakrishna Mission verbundene Bildungseinrichtung, die zu Lebzeiten Vivekanandas eingeweiht wurde. Sie existiert bis heute, wenn auch längst in anderen Gebäuden und mit anderem Charakter. Schulgründungen, auch für Mädchen, gab es in jener Zeit viele, die Besonderheit der von Nivedita gegründeten Schule bestand darin, dass sie zum einen in einem Wohngebiet von wenig bemittelter Bevölkerung lag und dass zum anderen nach europäischen pädagogischen Erkenntnissen, u.a. Fröbels und Pestalozzis, in enger Verbindung mit hinduistischen kulturellen Traditionen unterrichtet wurde. Neben Bengali, Englisch, Mathematik und Allgemeinwissen wurden auch hauswirtschaftliche Fertigkeiten vermittelt. Lange bevor Mahatma Gandhi das Spinnrad für die nationale Befreiungsbewegung entdeckte, wurde es von Sister Nivedita in die Bildungsarbeit von Mädchen einbezogen. Vivekananda versprach sich von dieser Schule sehr viel, es sollten hier vor allem Witwen (insbesondere Kinderwitwen) und Waisen als Bildungsmissionare ausgebildet werden, da sie gänzlich ohne eigensüchtige Bindung ganz ihren religiösen Idealen wie auch ihrem Vaterland dienen könnten: "Diese zölibatären Nonnen werden im Laufe der Zeit die Lehrer und Prediger des Maths sein. In Dörfern und Städten werden sie Zentren eröffnen und sich um die Verbreitung von Frauenbildung bemühen." 31 Er nahm regen Anteil an der Arbeit der Schule und besuchte sie in seinem letzten Lebensjahr oft. 32 Geldmangel machte es nötig, dass Nivedita im Juni 1899 die Schule wieder schloss, um in den USA und in England Sponsoren zu suchen. Zur Sarasvati Puja im Februar 1902 wurde die Schule wieder eröffnet, ab 1903 nahm auch Sister Christine (Greenstidel) ihre Tätigkeit im "House of the Sisters" auf. Der Schwerpunkt der Arbeit hatte sich etwas verlagert, weil auch eine Frauenklasse eröffnet wurde. Bedingt durch die Erkenntnis, dass die Ausbildung von kleinen Mädchen allein kaum entscheidende Veränderung herbeiführen konnte, da sie meistens schon mit 10, 12 Jahren verheiratet wurden, begann man sich mehr und mehr auch auf die verheirateten Frauen und Witwen, also die Mütter der Schülerinnen zu konzentrieren. Man vermittelte an diesen Personenkreis sowohl Lese- und Schreibkenntnisse, als auch hauswirtschaftliche Fähigkeiten, führte religiöse Diskussionen durch und förderte auf vielerlei Art das nationale Bewusstsein. 33 Es war Nivedita klar geworden, dass zwar im Mittelpunkt ihrer Arbeit die Vermittlung von Bildung an Frauen und Mädchen zu stehen hatte, dass aber die politischen Zwänge erforderten, sich auch um die Männer zu kümmern. Ihre Ishtadevata war Indien geworden. Sie verstand Dharma als gewachsenes Sozial- und Wertesystem, aus dem die Stärke erwächst, völlig solidarisch mit anderen zu handeln gemäß der Forderung Vivekanandas, im Mitmenschen seinen Bruder zu sehen (Reymond 243, 259). 34 Sie forderte persönliche Disziplin für den kollektiven Dharma, die indische Nation. Shakti, deren Altäre Fabriken und Schulen seien, opfere man sein Engagement für die Bildung des Volkes. Eine Hauptforderung ihres Kampfs war das Recht des indischen Volkes auf Bildung. Hervorhebenswert ist auch, dass Nivedita, ebenso Vivekananda, Indien stets als Einheit von Hindus und Moslems betrachtete, sie forderte, dass beide im Prozess gegenseitiger Anerkennung eins werden sollten. 35 Echte Religion als Einheit von Liebe und Toleranz könne nicht in einem Glauben wohnen, der die Menschen spalte. 36 In diesem Zusammenhang ist es aufschlussreich, dass sie auch von Moslems zu Vorträgen eingeladen wurde. Nach dem Tode von Swami Vivekananda 1902 lösen Nivedita und die Ramakrishna Mission im gegenseitigen Einvernehmen ihre offiziellen Beziehungen. Nivedita, die sich nun Nivedita of Ramakrishna-Vivekananda nennt, betont, dass sie sich entsprechend der patriotischen Zielstellung Vivekanandas nicht auf ihre Arbeit an der Schule beschränken könne. Ihre Aufgabe sei es, die Nation zu erwecken und Vivekanandas Lehren zu verkünden. Andererseits beschränkten sich laut Satzung die Ziele der Ramakrishna Mission auf das spirituelle Ideal und den humanitären Dienst. Politische Aktivitäten waren strikt ausgeschlossen. Das war schon deshalb nötig, um die Existenz der jungen Organisation nicht zu gefährden. Nivedita führte fortan ein sehr bewegtes Leben mit reger Vortragstätigkeit in Indien und im Westen, sie verfasste viele Zeitschriftenaufsätze und publizierte Bücher, immer mit dem Ziel, Verständnis für Indien und seine reiche Kultur im Ausland zu wecken, in Indien das patriotische Gefühl zu stärken und die Lehren Vivekanandas zu erläutern. Aus ihrer Feder stammt die erste zusammenfassende und leicht verständliche Darstellung von Leben und Werk Vivekanandas (The Master as I saw Him, 1906/1910). Seit 1901 hatte Nivedita direkten Kontakt mit vielen herausragenden Führern des INC, junge, revolutionäre Intellektuelle fragten sie um Rat, sie übte einen nachhaltigen Einfluss auf das damalige wissenschaftlich und kulturelle Leben in Bengalen aus. So wird am Beispiel Niveditas die Dialektik der Begegnung von Ost und West sehr augenfällig: ihre gesamte Lebensphilosophie wird grundlegend durch den Einfluss Swami Vivekanandas geprägt. Dies stellt wiederum die Basis dafür dar, dass sie mit ihren Kenntnissen der westlichen wissenschaftlichen und kulturellen Entwicklungsprozesse bengalischen Wissenschaftlern, Künstlern und Philosophen weitreichende Anregungen geben konnte. Ab 1906 gehörte Sudhira Bose (1889 - 1920) als eine der ersten indischen Frauen zum Lehrkörper der Nivedita Girls' School. Sie stammte aus einer Familie, die vom Brahmo Samaj stark beeinflusst war. Sudhira hatte die Brahmo Girls School besucht. Ihr Bruder (Debabrata Bose, später Swami Prajnananda), nach dem frühen Tod des Vaters das Familienoberhaupt, war zeitweilig Herausgeber des Magazins der Dawn Society, für das auch Sister Nivedita schrieb. Durch Vermittlung des Bruders konnte Sudhira, die keinen Drang zur Verheiratung spürte und von ihrer Familie nicht dazu gezwungen wurde, in der Schule von Nivedita mit dem Unterrichten beginnen. 1910 erhielt sie von Sarada Devi die Mantra-Initiation. Nach dem Tode Sister Niveditas übernahm Sister Christine die Leitung der Schule, und als diese 1914 aus gesundheitlichen Gründen in die USA reiste, trat Sudhira an ihre Stelle. Im gleichen Jahr wurde der Matri Mandir Ashram eröffnet, der eine der wichtigsten Keimzellen für den späteren Sarada Math werden sollte. Er diente sowohl als Internat für entfernt wohnende Schülerinnen als auch als Heimstatt für eine Gruppe von "Dedicated Women Workers", die de facto ein Leben als Brahmacharini führten und auch für arme Frauen, die in der Schule arbeiteten. Es war ja notwendig, Kinderwitwen, die in der Schule ihre Ausbildung begonnen hatten, eine dauerhafte Bleibe zu geben, denn nachdem sie einmal das Haus der Angehörigen verlassen hatten, konnten sie niemals wieder dorthin zurück. Sie lebten ein völlig zurückgezogenes Leben, das nur durch gelegentliche Besuche bei Sarada Devi unterbrochen wurde. 1918 wurde die Schule der Ramakrishna Mission angegliedert, die auch nach dem Tode von Sudhira (sie verunglückte 1920 tödlich) für die Leitung der Schule verantwortlich war, die jedoch praktisch über weite Strecken von den dedicated women workers ausgeübt wurde. 37 1949 wurde die Schule der Universität Kalkutta affiliiert. Mögliche Gründe für den langen Verzug bei der Gründung eines Maths für Frauen Ob allein der frühe Tod Vivekanandas schuld daran war, dass es zunächst nicht zu einer Gründung eines Frauen-Maths kam, ist kaum anzunehmen. Es ist auch nicht richtig, wie Wendy Sinclair-Bull meint, dass Vivekananda den Math vorwiegend als Heimstatt für Sarada Devi gedacht hatte und den Plan aufgab, als klar wurde, dass Sarada Devi weniger einen Math denn eine Heimstatt für sich und ihre Verwandten und Anhängerinnen brauchte. Gravierend wirkte sich auf jeden Fall der Unfalltod von Sudhira aus, deren Befähigung und Engagement möglicherweise die Errichtung eines Frauen-Maths wesentlich beschleunigt hätte. Generell ist jedoch zu sagen, dass die Zeit war für die Gründung eines Frauen-Maths noch nicht reif war, denn es gab noch zu wenige Frauen mit entsprechender Bildung, die bereit waren und auch familiär die Möglichkeit hatten, den Weg eines zölibatären Lebens einzuschlagen, denn noch war es fast undenkbar, dass Frauen ein selbstbestimmtes, von Männern unabhängiges Leben führen konnten, wie es der Vision von Vivekananda entsprach. Aber auch bei den Sannyasins des Ramakrishna Maths war noch kein rechtes Verständnis für die Notwendigkeit eines Frauen-Maths vorhanden. Die 2000 verstorbene Vizepräsidentin des Sarada Math (Pravrajika Dayaprana) erinnerte sich, dass sie als junges Mädchen 1937 den damaligen (vierten) Präsidenten der Ramakrishna Mission gefragt habe, ob nichts für Frauen im Sinne der Schaffung eines Frauen-Maths getan werden könne. Seine Antwort lautete: "Warum? Wir haben doch unsere Nivedita Schule." 38 Vor diesem Hintergrund ist Ashas Unzufriedenheit zu verstehen. Als sie ihren Aufsatz schrieb, hatten sich qualitative Veränderungen vollzogen. Die Frauen waren, besonders durch die von Gandhi initiierte Bewegung, auch mit seiner Betonung des Dienstes am Nächsten, in den nationalen Kampf und damit in das öffentliche Leben einbezogen worden. Frauenorganisationen begannen zu entstehen, und herausragende Frauengestalten wie Kasturbai Gandhi oder die Dichterin Sarojini Naidu trugen dazu bei, das Selbstbewusstsein der Frauen besonders der städtischen Mittelschichten zu stärken. Mütter und Töchter nahmen Anteil an den politischen Aktivitäten der Familienväter und begannen bewusst ihre kulturelle Tradition zu reflektieren. Das allgemeine Interesse an der Bildung für Mädchen der Mittel- und Oberschichten wuchs. Der Lebenslauf Asha Devis (Bandyopadhyaya) stellt eine typische Illustration dieser allgemeinen Tendenzen dar. 1915 in Kalkutta geboren, erhielt sie eine gewisse Grundausbildung in einem christlichen Konvent. Ihr Vater stand sowohl der Ramakrishna Mission als auch der nationalen Bewegung nahe, er nahm u.a. an Gandhis Salzmarsch teil und wurde wiederholt verhaftet. Zeitweilig übernahm der Vater die Rolle eines männlichen Beschützers eines von jungen Frauen gegründeten und von der Ramakrishna Mission anerkannten Ashrams, in dem auch Asha ab 1940 ihren Wohnsitz nahm. Im gleichen Jahr erhielt sie vom damaligen 6. Präsidenten der Ramakrishna Mission die Mantra-Initiation. Sie hatte sich gründlich mit Vivekanandas Ansichten zur Schaffung eines Frauen-Maths beschäftigt, 39 und war von dessen Plan begeistert. Als Studentin in Kalkutta gründete sie den Sarada Mahila Ashram, eine Wohngemeinschaft von spirituell engagierten Studentinnen. Der Sri Sarada Math: Geschichte, Rituale, Struktur und Grundprinzipien Asha beriet alle ihre Schritte mit Swami Virajnananda, dem Präsidenten der Ramakrishna Mission. Und so spielten die Unterhaltungen mit Asha sicherlich eine Rolle, dass eben dieser Präsident auf der alljährlichen Mönchskonferenz 1946 bedauernd feststellte: "Das Problem der weiblichen Mitarbeiter hat bislang noch nicht bei uns die gebührende Aufmerksamkeit gefunden. Es wurde ihnen noch kein angemessener Raum für das Führen eines monastischen Lebens im Sangh eingeräumt. Es gibt Hunderte, die bereit sind, der Welt zu entsagen und ihr Leben der Sache zu widmen. Ihre Forderung wird immer stärker. Es ist höchste Zeit, dass die Frage von Frauen, die ernsthaft ihr Leben dem Sangh widmen wollen, unsere sorgfältige und wohlwollende Prüfung erfährt." 40 Dadurch ermutigt, schrieb Asha den eingangs erwähnten Artikel. Dennoch passierte zunächst einmal noch nichts. Erst Ende 1949 erhielten Asha und ihre Ashramgefährtinnen die Möglichkeit, in die Ramakrishna Mission als "Dedicated Women Workers" einzutreten, also als Laienanhängerinnen anerkannt zu werden, die sich zu einem zölibatären Leben verpflichtet hatten. Diesen Status hatten Frauen, die im Matri Mandir der Nivedita's Girls School in Kalkutta lebten und in der Schule tätig waren bzw. im Sarada Mandir in Thrissur lebten und in der dortigen Schule wirkten. Zu dieser Zeit gab es in Kalkutta im Matri Mandir sechs und im Sarada Mandir in Thrissur fünf "Dedicated Women Workers". 1950/51 war Asha als Direktorin der Nivedita Girls' School Mitorganisatorin eines Treffens von Lehrkräften dieser Schule und des Sarada Mandir aus Thrissur. Im folgenden Jahr besuchten zwei der "Dedicated Women Workers" von der Nivedita Girls' School den Sarada Mandir in Thrissur 41, um zu prüfen, ob dort ein Frauen-Math gegründet werden könne. Ebenfalls 1951 konnte die Ramakrishna Mission Land in Dakshineswar am Ufer des Hooghly gegenüber dem Belur Math erwerben, und auf der Mönchskonferenz 1952 (15.-18.Mai) wurde die Empfehlung ausgesprochen, nunmehr direkte Schritte zur Gründung eines Frauen-Math einzuleiten. Die Trustees, das Leitungsgremium von Math und Mission, entsprachen dieser Empfehlung, allerdings musste dazu der Widerstand einiger Trustees überwunden werden. Diese Trustees verwiesen auf Buddhas Warnung, dass der Sangh mit der Aufnahme von Frauen nur eine Lebensdauer von 500 Jahren haben würde - eine Prophezeiung, die auch eingetroffen sei, was Indien anbelangt. Außerdem würde die öffentliche Meinung keine Sannyasinis akzeptieren, und es seien demzufolge für den doch inzwischen allseits anerkannten Ramakrishna Orden mit der Gründung eines Frauen-Maths viele Schwierigkeiten zu erwarten. 42 Ungeachtet dessen wurden mit Beginn der Feierlichkeiten anlässlich des einhundertsten Geburtstags von Sarada Devi im Dezember 1953 die entscheidenden Schritte zur Vorbereitung eines Frauen-Maths getan, als die ersten 7 der "Dedicated Women Workers" (6 von Kalkutta, eine von Thrissur) als Brahmacharinis geweiht wurden, unter ihnen auch Asha. 43 Ein Jahr später, am 2.12.1954, wurde der Sarada Math als ein Zweigzentrum des Ramakrishna Math gegründet, der von den Brahmacharinis unter Aufsicht der Ramakrishna Mission geleitet wurde. 44 Am 31. 12. 1958 (Geburtstag von Sarada Devi) wurden die Brahmacharinis vom siebenten Präsidenten der Ramakrishna Mission, Swami Sankaranananda, als Sannyasinis initiiert. (Als Amulya war Swami Sankarananda zeitweilig Privatsekretär von Nivedita gewesen). Swami Madhavananda, der spätere 9. Präsident, damals als Generalsekretär das administrative Oberhaupt des Ordens, fungierte als Acharya dieser Zeremonie, also als der, der die entsprechenden Mantras zum viraja homa rezitierte. Asha Devi wurde Pravrajika Muktiprana. Im Oktober 1959 übergaben die Trustees von Belur Math diesen neu initiierten Sannyasinis die volle Verantwortung für den Sri Sarada Math. Muktiprana wurde mit der Funktion der Generalsekretärin beauftragt, wurde also für die gesamte Verwaltungs- und Leitungsarbeit verantwortlich gemacht. Pravrajika Muktiprana hatte wesentlichen Anteil an der organisatorischen Stabilisierung des Maths und der 1960 gegründeten Ramakrishna Sarada Mission. Die erste Einrichtung, die gegründet wurde, war ein College für Mädchen, der Ramakrishna Sarada Mission Vivekananda Vidyabhavan. Dadurch, dass die Ramakrishna Mission eine Reihe von Einrichtungen dem Sarada Math übergab, die sich ausschließlich auf Frauenaspekte bezogen, so u.a. die Nivedita Girls School und die Entbindungsklinik, wuchs der Umfang der Arbeit sehr schnell. Muktiprana starb am 6. Mai 1994. Ihre Nachfolgerin wurde Pravrajika Shraddhaprana, ebenfalls aus der ersten Gruppe von Sannyasinis, zuvor eine der "Dedicated women workers" aus dem Matri Mandir. 1999 wurde Amalaprana, zuvor Prinzipalin des Vidyabhavans, zur Generalsekretärin gewählt. Als geistiges Oberhaupt, d.h. als Präsidentin wurde mit Pravrajika Bharatiprana eine Persönlichkeit gewählt, deren Leben schon seit vielen Jahrzehnten eng mit der Ramakrishna Mission verflochten war. Als enge Vertraute von Sarada Devi kannte sie Vivekananda noch und stellte ein direktes Bindeglied zu den Anfängen des Ordens dar. Parul (später Sarala) wurde 1894 ebenfalls in einer Brahmanenfamilie geboren. Sie wuchs in unmittelbarer Nähe der Nivedita's Girls School auf, erhielt erste Bildung in einem christlichen Konvent, wechselte dann aber auf eigenes Drängen 1902 in Niveditas Schule. Sie war zu dieser Zeit bereits verheiratet. Als sie 1911 zu ihren Schwiegereltern ziehen sollte, floh sie in die Schule. Während Nivedita und Christine diesen Schritt nicht billigten - Nivedita bemerkte dazu: "Wird das Verlassen der Familie im Land Sitas und Savitris für gut gehalten werden?" 45 - findet sie volle Unterstützung bei Sudhira. Sie wird versteckt gehalten, stets voller Furcht vor Entdeckung durch ihre Angehörigen und die Polizei, wechselt die Unterkünfte, erkrankt schwer, bis dann endlich ihre Angehörigen sich damit abfinden, dass Sarala kein eheliches Leben führen will. Sie übt verschiedentlich Tätigkeiten in Bildungseinrichtungen aus und wird dann von Sudhira zur Ausbildung als Pflegerin in ein christliches Hospital geschickt, da es in der Frauenabteilung des Ramakrishna Home of Service in Varanasi keinerlei weibliches Pflegepersonal gab. Eine solche Ausbildung sowie pflegerische Tätigkeit überhaupt war in der damaligen Zeit für ein Mädchen aus einer Brahmanenfamilie undenkbar. Sarada Devi befürwortete diesen Schritt jedoch energisch. Sarala erhielt von Sarada Devi ihre Mantra-Initiation und 1923 von Swami Saradananda die Sannyasa-Weihe und den Namen Bharati. Von 1927 an lebte sie zurückgezogen in Varanasi, bis sie dann 1954 die erste Präsidentin des neugegründeten Math wurde. Ende 1959 initiierte sie erstmalig selbständig Laien, gab die Brahmacharya-Weihe an Probanden und weihte Brahmacharinis zu Sannyasinis. Im Jahre 1973 starb sie. Nach dem Tode von Pravrajika Bharatiprana wurde Pravrajika Mokshaprana (Renu Basu oder Renuka Bose) von den Trustees zur Präsidentin gewählt. Sie wurde, ebenso wie Muktiprana (Asha), 1915 geboren, stammte ebenfalls aus einer Familie der Mittelschichten Kalkuttas und kam durch einen Verwandten in direkten Kontakt mit der Ramakrishna Mission. Ihre Mantra-Initiation erhielt sie vom vierten Präsidenten der Ramakrishna Mission. Renu erwarb an der Universität Kalkutta den MA in Geschichte und Kultur des alten Indien und legte das Lehrerexamen ab. Erfolgreich wehrte sie sich gegen eine Verheiratung und übernahm 1946 das Amt der Direktorin der Nivedita Girls' School, 1949 wurde sie als Sekretärin für die Verwaltung des Gesamtschulbereichs eingesetzt.Nach ihrem Tod am 31. August 1999 wurde Pravrajika Shraddhaprana zur Präsidentin gewählt. Sri Sarada Math und Ramakrishna Sarada Mission verstehen sich, "obwohl legal getrennt" als "grundsätzlich eins mit dem Ramakrishna Math und der Ramakrishna Mission." 46 Schon Vivekananda sprach von dem Vogel, der nur mit zwei Flügeln fliegen könne, wenn er über die Zusammenarbeit von Männern und Frauen und die Notwendigkeit von Frauenbildung sprach. Nur wenn beide Flügel zum Einsatz kämen, könne eine glückliche Zukunft für Indien erreicht werden. Als ein solches notwendiges Gegenstück zur Ramakrishna Mission versteht sich der Sarada Math: "Sri Sarada Math ist eigentlich der Frauenflügel des Ramakrishna Ordens. Darum ist das Ideal beider Maths dasselbe. Aber juristisch sind beide Maths getrennt. So ist der Sri Sarada Math völlig unabhängig, so weit es seine Verwaltung anbelangt. Aber es bestehen gegenseitige Achtung und herzliche Beziehungen ohne jegliche Einmischung." 47 Da es für Titel und Namensform von Sannyasinis keine alten Traditionen gab, wurde vom damaligen Präsidenten der Ramakrishna Mission als Titel für die Sannyasinis die weibliche Form einer der ältesten Sanskritbezeichnungen für Asket (parivrajaka, d.h. Bettelmönch, einer der keinen Besitz, kein Haus hat) "Pravrajika" an Stelle von "Swami" gewählt. Statt -ananda wird dem jeweiligen Sannyasa-Namen wird "prana" angehängt, zwar grammatisch männlichen Geschlechts, aber als Lebenshauch und damit Lebenskraft doch eine direkte Verbindung mit Shakti assoziierend. 48 Im Unterschied zu den Brahmacharins in Belur Math, die einen neuen Namen in Verbindung mit Chaitanya erhalten, führen die Brahmacharinis ihren alten Namen weiter. Sri Sarada Math und Ramakrishna Sarada Mission sind zwei unterschiedliche Körperschaften, die aber ebenso wie Ramakrishna Math und Ramakrishna Mission eng mit einander verflochten sind. Der Math ist die Organisationsform der asketisch lebenden Frauen und Mädchen, die Mission ist eine dem Vereinsgesetz unterstehende Organisation, der auch Laien angehören. Die 16 Trustees, das Leitungsgremium des Math, das auf der Grundlage von Wahlen die entsprechenden Leitungsämter besetzt, gehören gleichzeitig dem Leitungsgremium der Mission an. Die Hauptarbeit der Mission wird von Sannyasinis getragen. Das Hauptquartier beider Organisationen ist Dakshineswar in Kalkutta. Beide Organisationen führen karitative Arbeit aus und haben das Ziel, die Lehren Ramakrishnas und Vivekanandas zu verbreiten. Das Schwergewicht des Sarada Math liegt auf der religiösen Arbeit, während die Mission sich auf Wohlfahrtsarbeit für Frauen und Kinder konzentriert. Sie haben getrennte Buchführung und sind beide als gemeinnützige Organisationen anerkannt, so dass Spenden von der Steuer befreit sind. Während die Mission für die verschiedenen Bildungseinrichtungen auch Zuschüsse von öffentlichen Körperschaften, von den einzelnen Bundesstaaten, von der Zentralregierung oder von kommunalen Einrichtungen erhält, finanziert sich der Math ausschließlich über Spenden. Weitere Einnahmequellen der Mission sind Lehrgangs-, Schul- und Verpflegungsgelder usw., Verkauf von landwirtschaftlichen Produkten, Publikationen, Handarbeiten usw. Spirituelles Oberhaupt von Math und Mission ist die Präsidentin. Nur sie ist zur Initiation berechtigt (diksha), aber sie kann eventuell auch die Vizepräsidentin autorisieren, an ihrer Stelle diksha zu geben. Gewöhnlich sind die Leiterinnen von Zentren im Ausland ebenfalls zur Initiation befugt, nur die Präsidentin kann Brahmacharya und Sannyasa geben. Der Sri Sarada Math hat sich über die fast 50 Jahre seines Bestehens stetig entwickelt. Als erste Einrichtung wurde, wie bereits erwähnt, ein College für Frauen eröffnet. Der Beginn der Arbeit wurde dadurch erleichtert, dass dem Math einige wichtige Einrichtungen der Ramakrishna Mission übereignet wurden, so 1961 der Matri Bhavan (Entbindungsklinik),der Matri Mandir (Ashram für Frauen), 1963 die Sister Nivedita Girls' School 49 in Kalkutta und 1968 der Sri Sarada Mandir in Thrissur. 50 Im gleichen Jahr wurde in Madras (heute Chennay) ein Sarada Math eröffnet, zwei Jahre später in Delhi die Ramakrishna Sarada Mission. Der Math hat 10 Zentren in Westbengalen, Kerala, Tamil-Nadu, Orissa, Karnataka, Madhya Pradesh, Uttar Pradesh, Uttranchal, Gujarat und seit 1982 einen in Australien. Zur Mission gehören 14 Zentren in Westbengalen, Kerala, Madhya Pradesh und Arunachal Pradesh. 51 Schwerpunkt der Arbeit 52 ist vor allem die Vermittlung von Bildung an Mädchen und die Arbeit mit Frauen in Problemgebieten wie Slums und industriellen Ballungsgebieten, Neuland stellt das Zentrum in Arunachal Pradesh dar, wo seit 1972 auf Bitten der dortigen Verwaltung eine Schule für Mädchen aus Stammesgebieten eingerichtet wurde. Teile dieses Bildungsprogramms sind neben Schulen sowohl Kindergärten wie Internate als auch Trainings- und Ausbildungszentren der verschiedensten Art. Daneben gehören gesundheitliche Betreuung und Hilfe in Not- und Katastrophenfällen zu den ständigen Aufgaben. So unterhält beispielsweise die Ramakrishna Sarada Mission in Dakshineswar seit 1992 ein Krankenhaus, dem ein Labor angeschlossen ist, in dem jährlich mehr als viertausend Patienten aus der unmittelbaren Umgebung behandelt werden. Im März 2000 hatte die Mission 184 Mitglieder, von denen 106 Nonnen waren. 53 Seit 1980 erscheint halbjährlich die englischsprachige Zeitschrift Samvit (Spirituelle Weisheit, ein vor allem im Devi Bhagavata Purana gebräuchlicher Begriff) 54, publiziert in Delhi, und seit 1987 die vierteljährlich die Zeitschrift Nibodhata (Strebe nach höchstem Wissen) in Bengali, publiziert in Dakshineswar. Vorschläge für die Errichtung eines neuen Zentrums und Schwerpunkt seiner Arbeit kommen meist von der Basis, d.h. von den Anhängern der Ramakrishna-Bewegung, häufig von Mitgliedern des All India Sarada Sangha bzw. seinen lokalen Organisationen, die zum Teil auch unabhängig vom Zentrum arbeiten. Ist die regelmäßige Finanzierung gesichert, werden im Governing Board bzw. von den Trustees Zustimmung erteilt und entsprechende Festlegungen getroffen. Die Zentren haben in den vergangenen Jahren stetig zugenommen, neue Einrichtungen sind ihnen angeschlossen worden bzw. wurden ausgebaut oder auch rekonstruiert. Mit seiner Betonung der tätigen Hilfe für andere statt der Beschränkung auf eigenes Erlösungsstreben folgt der Sri Sarada Math der von Vivekananda gegebenen neuen Orientierung asketischen Lebens. Auch Sarada Devi, die Witwe Ramakrishnas, hat ihren Mann stets in diesem Sinne interpretiert und niemals Zweifel an ihrem Verständnis von Sadhana (religiösem Streben) als einer zweifachen Aufgabenstellung gelassen: nämlich Erlösung des Selbst und das Wohlergehender Welt, was für sie das Studium der Shastras ebenso wie die Ausbildung in praktischen Fähigkeiten einschloss 55. Math und Mission leisten eine sehr umfangreiche Arbeit, die vor allem von den Sannyasinis und den Brahmacharinis getragen wird. Nach Angaben der damaligen Assistent Secretary Pravrajika Jnanadaprana gehörten dem Math im Frühjahr 2000 189 Sannyasinis und 46 Brahmacharinis 56 an. Für 1981 waren 87 Sannyasinis und 73 Brahmacharinis angegeben 57. Für den Eintritt in den Orden wird nirgendwo geworben. Die Motive, aus denen heraus junge Mädchen den Weg einer Sannyasini einschlagen wollen, sind sehr unterschiedlich und bisher noch kaum genauer erfasst. Die Bedingungen für den Eintritt in den Orden sind hoch: als erstes muss die Versorgung der Familie der Bewerberin gesichert sein - ist die Tochter zum Beispiel die alleinige Verdienerin in der Familie, die ansonsten unversorgt bleiben würde, wird ihr die Aufnahme verwehrt, bis eine Lösung gefunden wurde. Mitunter wird auch eine längere Freistellung vom Beruf empfohlen, um die Arbeitsstelle für den Fall des Ausscheidens aus dem Math während der Probezeit zu sichern. 58 Gegenwärtig ist eine abgeschlossene Oberschulausbildung (completed secondary school education) die minimale Voraussetzung für einen Eintritt in den Orden 59. Die meisten Angehörigen des Ordens haben ein Hochschulstudium (B.A., M.A.) abgeschlossen, einige haben auch promoviert. Das Aufnahmealter liegt zwischen 18 und 25 Jahren, die Altersgrenze kann auch etwas hinausgeschoben werden, wenn eine berufliche Qualifizierung noch abzuschließen ist. Schulabschluss und Berufsausbildung werden unter anderem deswegen für so wichtig erachtet, damit im Falle des Ausscheidens aus dem Math vor der Sannyasa-Weihe eine Wiedereingliederung in das zivile Leben möglichst problemlos erfolgen kann. Der sozialen Herkunft nach kommen die Sannyasinis und Brahmacharinis zumeist aus gebildeten Mittelklassefamilien der verschiedenen indischen Bundesstaaten (gegenwärtig gibt es vier Nichtinderinnen aus Europa und den USA). Interessentinnen für einen Eintritt in den Orden haben, meist angeregt durch Verwandte, Freunde oder das Wirken von Sannyasinis in der Nachbarschaft, vielleicht auch durch die Bewunderung für Vivekananda, Kontakt mit dem Sarada Math oder der Ramakrishna Sarada Mission gesucht und von der Präsidentin bei einer ihrer Rundreisen diksha erhalten. Vor Eintritt in den Orden hat sich jede Anwärterin einer gesundheitlichen Überprüfung zu unterziehen. Auf die Antragstellung folgen zwei Jahre sogenannter Anwartschaft (pre-probationer). Ist das zur Zufriedenheit beider Seiten abgelaufen, schließen sich 4 Jahre Probezeit an, von denen zwei Jahre im Hauptquartier in Dakshineswar zu absolvieren sind. Die Mädchen durchlaufen einen festen Ausbildungsplan mit Unterricht in Sanskrit, Englisch, Bengali, Yoga usw. und dem Studium wichtiger Sanskrittexte, so vor allem der Bhagavadgita, des Devimahatmya und der Upanishads. Auch die Werke Vivekanandas werden sorgfältig studiert, ebenso wie Berichte über Leben und Lehre Ramakrishnas und Sarada Devis. Neben der regelmäßigen Teilnahme am Unterricht lernen die Mädchen auch, die religiösen Zeremonien im Tempel auszuführen, insbesondere das Ritual zur Verehrung Ramakrishnas, Vivekanandas und Sarada Devis, die Mangalarati- und die Arati-Zeremonie mit dem von Vivekananda ausgearbeiteten Manual und den entsprechenden Gesängen: die den einzelnen Wochentagen zugeordneten Lieder wie auch die, die zu den religiösen Festtagen gesungen werden wie Holi, Chaitanyas Geburtstag, Weihnachten, Buddhas Geburtstag, Ramas Geburtstag usw. Vor allem die Novizinnen beteiligen sich abwechselnd an den verschiedenen Arbeiten, die im Gemeinwesen anfallen - wie Küche, Reinigung, Gartenarbeit und dergleichen mehr und an der vom jeweiligen Zentrum geleisteten Sozialarbeit. Gebete im Tempel, Meditation und abendliche Vorlesungen und Gespräche bei dem Oberhaupt des jeweiligen Zentrums füllen die verbleibende Zeit aus. 60 Die Mädchen können nach Abstimmung mit dem Zentrum auch in andere Zweigstellen umgesetzt werden. Besuche von Angehörigen sind in dieser Zeit durchaus üblich. In der Regel erfolgt nach Ablauf der 4 Jahre und einer erneuten gesundheitlichen Überprüfung in Dakshineswar die Weihe zur Brahmacharini. Über die Zulassung dazu entscheiden die Trustees, ebenso wie für die Zulassung zur Sannyasa-Weihe. 61 Zur Vorbereitung auf das Ablegen des Brahmacharya-Gelübdes lernen die jungen Frauen die einzelnen Gebote auswendig. Beim Homa, der Opferfeuerzeremonie, wird vor dem Feuer das Gelübde abgelegt, fortan ein Leben zu führen, das den Idealen des Brahmacharya entspricht: mit regelmäßiger Meditation und dem Beten um Ergebenheit in Gott. Arbeit ist fortan als Gottesdienst zu verrichten, man soll friedfertig, bescheiden und selbstlos und sich ständig dessen bewusst sein, dass der Sinn des Lebens einer Brahmacharini darin besteht, die Realisation des Göttlichen anzustreben. Wenn man die Erkenntnis der Wahrheit erlangt hat, aber ausdrücklich nur dann, kann man den Versuch unternehmen, anderen zu helfen, ebenfalls die Wahrheit zu finden. Entscheidendes Gebot und Voraussetzung für die Erfüllung aller anderen Gelübde ist Enthaltsamkeit und Mäßigung in Worten, Gedanken und Taten. Entsprechend dem uralten Gelübde werden symbolisch alle früheren Handlungen und deren Ergebnisse (karma) als ein Opfer für Brahman in das Feuer geopfert. Ergänzend zum uralten Gelöbnistext wird hinzugefügt. "Wir opfern uns selber und alles, was wir haben, zu Füßen von Ramakrishna." 62 Dann folgt ein Bad in der Ganga (Ganges). Die Brahmacharinis erhalten das Gayatri-Mantra, das traditionell den Knaben aus den drei oberen Ständen bei der Upananyana-Zeremonie gegeben wird. 63 Allerdings wird den jungen Frauen im Gegensatz zu den Brahmacharins von Belur Math keine Opferschnur gegeben. Eine der revolutionären Taten Vivekanandas war es ja, den Brahmacharins unabhängig von ihrer kastenmäßigen Herkunft nach Ablegen des Brahmacharya-Gelübdes die "heilige Schnur" zu geben und sie damit in den Brahmanenstand zu erheben. Diese heilige Schnur wird dann der Tradition gemäß bei der Aufnahme als Sannyasin im Feuer geopfert. Äußerlich unterscheiden sich die Brahmacharinis noch nicht von den anderen Novizinnen, ihre Haare sind - im Unterschied zu den Brahmacharins in Belur Math - noch nicht geschoren, auch ihre Kleidung gleicht noch der der Probationers. Nach Ablauf weiterer 5 Jahre, wiederum nach Beratung der Trustees und nach nochmaliger gesundheitlicher Kontrolle, erfolgt die Sannyasa-Weihe. Sie wird von der Präsidentin im Beisein der Trustees und anderer Sannyasinis in Dakshineswar gegeben und folgt ebenso, wie auch bei der Ramakrishna Mission, mit geringen Abweichungen dem alten Ritual, das vermutlich schon in der Zeit vor Shankara praktiziert wurde. Wieder werden Mantras auswendig gelernt, die Kandidaten färben ihre Saris mit Gerua-Pulver orange 64, ein Barbier kommt und schert den Kopf mit Ausnahme der shikha, eines Haarbüschels auf dem Scheitelpunkt des Kopfes. Dann kommt ein Brahmane, der auf das Vollziehen des Totenkults (shraddha) spezialisiert ist. Er vollzieht das traditionelle Totenopfer, wo für sieben Generationen der Vorfahren, für die Eltern und für einen selbst die entsprechenden Gaben geopfert werden. Damit gilt die individuelle Persönlichkeit der Asketin als gestorben, zugleich sind alle Pflichten, die man in diesem Leben hat, ordnungsgemäß erfüllt, was unter dem Gesichtspunkt der Karma-Lehre äußerst wichtig ist. Dann wird im Tempel das Feuer für das viraja homa entzündet. Dieses spezielle Feueropfer ist wesentlicher Bestandteil des Initiationsritus, bei dem der rigvedische (vgl. dazu Rgveda) purusha shukta rezitiert wird: symbolisch wird die eigene Persönlichkeit in das Feuer geopfert, auch alle Ignoranz, also das gesamte frühere Leben. Viele Mantras werden im Verlaufe des über viele Stunden dauernden Ritus rezitiert. Sie enthalten die Bitte um die Vernichtung des erworbenen karmas, und der Abschluss lautet: "Befreie mich von der Unwissenheit, der Wurzel allen Übels, möge ich mich selbst als Licht des Reinen Bewusstseins erkennen, als das von selbst leuchtende Brahman." Dabei wird wiederholt gesagt: "Ich bin der Atman, das nicht-duale Brahman, rein und frei." 65 Der rezitierte Text stammt aus der Maha Narayana Upanishad, Section 65, 1-5, es sind fünf Opferformeln, mit denen Ghee zum Zwecke der spirituellen Reinigung und der Erneuerung der inneren und äußeren Organe ins Feuer geopfert wird. 66 Die Präsidentin als Guru schneidet nun den verbliebenen Haarbüschel ab, der dem Feuer übergeben wird, und gibt die geheimen Sannyasa-Mantras. Wiederum wird, begleitet von der Rezitation von Mantras, ins Feuer geopfert und angesichts des Feuers das Sannyasa-Gelübde abgelegt. Dabei wird auch das Versprechen abgegeben, dass fortan kein lebendes Wesen von der Sannyasini etwas zu fürchten habe, da alle Lebewesen als Teil von einem selbst geachtet werden. 67 Dann wird ein Bad im Ganges genommen. Die Sannyasini erhält von ihrem Guru die neuen orangefarbenen Gewänder und den neuen Namen, der auf "prana" endet und ist fortan für ihr bisheriges Lebensumfeld gestorben, sowohl sozial wie auch juristisch. Nach der Sannyasa-Weihe existieren die Verbindungen zum Elternhaus offiziell nicht mehr. Alle Bindung an die individuelle Persönlichkeit wird aufgegeben. Die Weihe als Sannyasini stellt eine untrennbare Einheit von Konservierung alter asketischer Traditionen und revolutionärer Neuerung dar, als sie einerseits konsequent uralten Traditionen folgt, andererseits aber völlig neu ist, weil hier nicht nur Festlegungen für die Weihe von Frauen getroffen wurden, sondern auch alle Riten von Frauen selbst ausgeführt werden. Die Sannyasinis vom Sarada Math verstehen sich als in der ungebrochenen Tradition der von Shankara begründeten Asketenorden stehend. 68 Das wird allgemein respektiert, wenngleich die Jagadgurus der Maths der Dashanamis sich dem vermutlich nicht anschließen würden. Das ist jedoch belanglos, denn der Sarada Math nimmt als Institution an Sadhu-Treffen nicht teil. Pravrajika Jnanadaprana sagte, befragt nach ihrem Verhältnis zu den anderen Dashanami Orden: "Da der Sri Sarada Math ausschließlich ein Math für Frauen ist, vermeiden wir jede besondere Beziehung zu anderen monastischen Orden, da sie alle für Männer sind. Aus demselben Grund sind wir nicht darauf erpicht, an der Kumbh Mela teilzunehmen, obwohl es eine keine schriftliche Regel für eine Nichtteilnahme gibt." 69 Seitens des Sarada Math ist man aufs äußerste darauf bedacht, die Regeln und Vorschriften genau einzuhalten und nicht in irgendeiner Weise negativ in die Schlagzeilen zu geraten, was doch zum mindesten teilweise durch ein gewisses Gefühl der Unsicherheit oder durch das Bewusstsein, etwas völlig Neues begonnen zu haben, bedingt sein mag. Im Zentrum der Verehrung des Tempels vom Sarada Math steht Sarada Devi, ihr großformatiges Foto wird flankiert von Fotos von Ramakrishna (rechts) und Swami Vivekananda (links). Alle drei werden der Tradition gemäß mit Kleidung, Nahrung, Blumen usw. versorgt, zuerst jeweils "Thakur", d.h. Ramakrishna, dann Sarada Devi und zuletzt Swami Vivekananda. Die Bilder werden entsprechend der Tradition geschmückt, in regelmäßigen Abständen neu mit Stoff dekoriert und kultisch nach dem allgemein üblichen Ritual verehrt. Ihnen geopferte Speise wird als Prasad verteilt. Die Kultformen sind stark tantristisch geprägt 70 und entsprechen dem Ritual, wie es im Kali-Tempel von Dakshineswar praktiziert wird. Die Kali-Puja folgt dem Ritual des Kalikul-Tantrismus, während die Durga-Puja ebenso wie die Saraswati-Puja nach der Srividya-Tradition ausgeführt wird 71. Ramakrishna war ja durch seine Lehrmeisterin Bhairavi Brahmani, eine vishnuitische Nonne, stark vom Vamachara-Shaktismus in seiner reinen Form geprägt 72. Sämtliche religiöse Handlungen werden selbstverständlich von Sannyasinis ausgeführt. Das ist allerdings im Hinduismus nichts Ungewöhnliches, denn die Puja muss keinesfalls im Tempel ausgeführt werden, sondern meist wird sie zu Haus vor dem Familienschrein zelebriert, wobei heutzutage in der Regel das weibliche Oberhaupt der Familie die dazu notwendigen Handlungen ausführt. Auch im Tempelritual findet man heute hin und wieder Frauen als Pujaris. Wie die Dashanami-Orden allgemein, so wird auch im Sarada Math der Jnana-Yoga bevorzugt, was u.a. im gründlichen Studium der entsprechenden Sanskrittexte zum Ausdruck kommt. Dieser Weg ist jedoch, wie auch bei Ramakrishna und Vivekananda 73 bereits praktiziert, eng mit Bhakti verbunden: Thakur, d.h. Ramakrishna, und "Holy Mother", d.h. Sarada Devi, werden als stets anwesend empfunden, von ihnen erwartet man Hilfe und die Lösung aller Probleme. Ramakrishna wird, Vivekananda folgend, als göttlicher Avatar gesehen, Sarada Devi wurde bereits von Ramakrishna zu beider Lebzeiten als Inkarnation der Göttin verehrt. Der im Tempel vollzogene Kult - unter anderem mit dem Speiseopfer - zeugt von liebevoller Hingabe besonders an diese beiden, während Swami Vivekananda ebenso verehrt wird, aber doch mehr den Status einer theologischen Autorität und eines herausragenden Menschen innehat. Bedeutsame Ereignisse werden im allgemeinen zur Zeit der Jagaddhatri 74 Puja durchgeführt, so zum Beispiel die Einweihung des Tempels in Dakshineswar, die Brahmacharya- und Sannyasa-Weihen erfolgen zum Geburtstag von Sarada Devi Ende Dezember, ebenso die regelmäßigen Zusammenkünfte der Leitungsgremien des Maths. Generell wird betont, dass der Sri Sarada Math genau wie die Ramakrishna Sarada Mission konsequent unpolitische Organisationen sind. So nehmen die Bewohner des Sri Sarada Maths in Dakshineswar auch nicht an Wahlen teil. In Thrissur (Sri Sarada Mandir) nimmt man jedoch an Wahlen teil. Sinclair-Bull stellte auch noch andere Unterschiede fest, so trugen die Bewohner des Maths 1981 dort - wie es dem alten Brauch der Dashanamis entspricht - waagerechte Stirnzeichen aus Bhasmam (Asche) und ein Kumkum aus roter und weißer Sandelholzpaste, was in Dakshineswar ganz und gar nicht zu beobachten war. 75 Eine konservative Revolution Wie ist die Gründung des Sarada Math zu werten? Auch wenn Mitglieder- und Anhängerzahl dieses Ordens relativ klein sind, wird doch wichtige soziale Arbeit geleistet. Zugleich kommt dem Sarada Math große Pilotfunktion zu. Wenn heute Sannyasinis auch in den konservativen Orden der Dashanamis in nicht geringer Zahl zu finden sind, dann ist das zum einen dem Druck der veränderten gesellschaftlichen Bedingungen geschuldet, zum anderen ist aber durchaus auch eine Vorbildwirkung des Sarada Math anzunehmen. Der Widerspruch zwischen weiblicher Askese und den Pflichten der Frau als Mutter wird durch das von Vivekananda begründete neue Verständnis von Asketismus aufgehoben. Dadurch, dass er das Streben nach individueller Erlösung mit dem Dienst am Nächsten zu einer Einheit verbindet, erhält auch weibliches Asketentum eine neue Dimension, nämlich die der mütterlichen Fürsorge für Bedürftige, gemäß dem Motto von Vivekananda: Atmano mokshartham jagaddhitaya cha (Für die eigene Erlösung und das Wohlergehen der Welt). Das Vorbild dazu ist Sarada Devi, welche die Schüler ihres Mannes als ihre Kinder betrachtete und mit mütterlicher Liebe umsorgte. In gleicher Weise können die Sannyasinis durch karitative Arbeit ihrer Rolle als Mutter im übertragenen Sinn gerecht werden, ohne ihre zölibatäre Lebensweise in Frage stellen zu müssen. Überlegungen dieser Art sind in der heutigen Zeit zum Allgemeingut geworden, waren aber zur Zeit von Vivekananda eine revolutionäre Neuerung, ebenso wie vor 40 Jahren weibliche Asketen in den Dashanami-Orden nur Ausnahmen waren. Auf jeden Fall stellt es im Rahmen des hinduistischen Asketismus durchaus eine Revolution dar, wenn den Frauen grundsätzlich das Recht auf Askese in einem eigenen Orden eingeräumt wird, indem sie alle ihre Angelegenheiten selber regeln, einschließlich der Ausführung aller Riten. Frauen geben anderen Frauen die Initiation als Sannyasini und leben in Maths ohne Schutz und Beratung von Seiten der Männer zusammen. Mehr noch, sie wirken als Asketinnen in der Welt selbständig, aktiv und organisiert. Das unterscheidet sie von den asketischen Orden aller anderen Religionen, in denen etwa vorhandene Frauenorden bis heute unter Leitung, Schutz und seelsorgerischer Betreuung durch männliche Priester oder Mönche stehen. Die Verbindung von individuellem spirituellem Streben mit dem Bemühen einerseits, die Lehre Ramakrishnas und Vivekanandas zu verbreiten und der sozialen Arbeit andererseits ist neu, und sie wird kompetent verwirklicht. Zwar ist auch der mütterliche Aspekt des Helfens und Betreuens bei anderen, heute im Hinduismus wirkenden "heiligen Frauen" sehr ausgeprägt, aber beschränkt sich dort zumeist auf die direkte Betreuung der Devotees, während der Sri Sarada Math und die Ramakrishna Sarada Mission eine sehr planmäßige und gut organisierte umfassende Sozialarbeit leisten. Dennoch wird kein Bruch mit alten Traditionen angestrebt. Äußerst genau wird das in der Ramakrishna Mission entwickelte, auf alten Überlieferungen fußende Ritual eingehalten. Darin besteht das Konservative. Allerdings kann der auf die Mittelschichten orientierte Charakter des Ordens nicht übersehen werden: die Ansprüche an Bildungsniveau und Bildungsfähigkeit sind hoch, auch die Höchstaltersgrenze schließt aus, dass hier z.B. im Familienleben gescheiterte Frauen den Weg einer Asketin einschlagen können. Im Alltagsleben der Novizinnen, der Brahmacharinis und Sannyasinis spielt immer noch hier und da Kastenzugehörigkeit eine Rolle (z.B. beim Einsatz in der Küche oder im Tempel). Vivekanandas Vorstellungen von einem Frauen-Math enthielten das Konzept eines weniger straff organisierten Gemeinwesens, in dem Mädchen und Frauen durchaus auch zeitweilige Aufnahme finden konnten und das damit weniger hermetisch von der Außenwelt abgeschlossen sein sollte, als es heute im Sarada Math der Fall ist. Hinzu kommt das Bemühen, alles zu vermeiden, was einer negativen Berichterstattung entgegen kommen könnte. Der Sarada Math mit der Ramakrishna Sarada Mission stellt also etwas völlig Neues dar, er ist modern, aber wahrt zugleich die Kontinuität der Traditionen in Organisation, Brauchtum und Weltanschauung. Ein gewisser Widerspruch stellt sich für den Betrachter insofern dar, als man sich wohl dessen bewusst ist, etwas völlig Neues, früher Unvorstellbares begonnen zu haben, wozu man sich auch mutig bekennt. Zugleich ist man ängstlich bemüht, jedes Aufsehen zu vermeiden und keinerlei Angriffe der weltlichen und geistlichen Männerwelt zu provozieren. Man gewinnt den Eindruck, dass Sarada Math in ähnlicher Weise wie seinerzeit Sarada Devi die Öffentlichkeit scheut, was zugleich diese Frauen in ihrer Bescheidenheit so besonders liebenswert macht. Asketismus, wie er vom Sarada Math praktiziert wird, ist nicht Ausstieg aus der sozialen Matrix schlechthin, sondern nur der Ausstieg aus einer speziellen Art sozialer Verhältnisse. Die Familienbindungen werden aufgegeben, dafür aber einer neue Art von Bindungen, nämlich die an den Sangha, an die monastische Gemeinschaft, eingegangen. An die Stelle der biologischen Mutterschaft tritt die spirituelle. Der Sarada Math machte für Frauen den Weg frei, eine Lebensweise zu wählen, die vormals nur Männern offen stand. Drei Säulen sind es, auf denen diese "konservative Revolution" ruht: das soziale und spirituelle Engagement Swami Vivekanandas, die Liebe zu Indien und die pädagogische Arbeit von Sister Nivedita und das tätige Mitgefühl für Arme und Bedürftige von Sarada Devi.
May the Supreme Self (the swan)Give us the light of Knowledge (the sun) To discriminate between the Real and the unreal Through the discipline of Yoga (the serpent), The power of love (the lotus) And energy of action (the stormy water). Übersetzung: Möge das Höchste Selbst (der Schwan) Uns das Licht der Erkenntnis schenken (die Sonne) Damit wir zwischen dem Realen und dem Unrealen unterscheiden lernen mithilfe der Disziplin des Yoga (die Schlange), der Kraft der Liebe (der Lotus), und der Energie der Handlung (das stürmische Wasser) top 1 Udbodhan, Calcutta 1353 (1946) Bd. 48, S. 430-438 2 Asha Devi, nun Pravrajika Muktiprana, 34 Jahre nach Veröffentlichung ihres Aufsatzes zum Sarada Math: "Now it is for the first time in the history of the world that a completely independent monastic order for women has been started in the name of a woman whose unique life has inspired many." Samvit Delhi 1, 1980, S. 21 3 Zwei grundlegende Werke konnte Asha für diesen Aufsatz nutzen: A. S. Altekar. The Position of Women in Hindu Civilization. Delhi 1938, und Radha Kumud Mookerji. Ancient Indian Education. Delhi 1940 4 Brihadaranyaka Upanishad 4.4.22 5 Das Wort ist von shram, religiöse Bemühung, abzuleiten und bedeutet einen Ort für religiöse Bemühung. Winternitz verweist darauf, dass die Wertung des Hausvaterstatus als ein ashrama, im brahmanischen Interesse diese Lebensphase den "religiösen Bemühungen" aller Arten von Asketen gleichsetzt. M. Winternitz. Zur Lehre von den Ashramas. In: Beiträge zur Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte Indiens. Festgabe Hermann Jacobi. Bonn 1926, S. 227. Die Doppelbedeutung des Begriffs Ashrama als Ort (Wohnsitz von Asketen) und Zeit (Lebensphase) ergibt sich danach aus der Gemeinsamkeit des religiösen Bemühens in beiden Wortdeutungen. 6 Allerdings konnte Shankara dabei an bereits bestehende Traditionen anknüpfen, so findet sich bereits im Panchatantra (4./5.Jh.) der Begriff Math als fester Wohnsitzen von Asketen, wo bereits im ‚Vidyamath' Schüler ausgebildet wurden. S. G. S. Ghurye. Indian Sadhus. Bombay 1964, S. 41 7 Nach P. Hacker ist die Existenz dieser Maths nicht vor dem 14. Jh. nachzuweisen, es sei eine Fiktion, dass Shankara diese Orden und Maths gegründet habe. S. J. F. Sprockhoff. Sannyasa. Quellenstudium zur Askese im Hinduismus. Wiesbaden 1976, S.262 8 Gegenwärtig gibt es 7 zentrale Maths der Dashanamis, eventuell als "Mutterhäuser" zu bezeichnen 9 "According to the ideal classification presented by Manu ..." seien die vier Stufen formuliert worden. Das System, erwachsen aus der orthodoxen Freude am Klassifizieren, sei künstlich. Frühe Formulierungen der Theorie würden die vier ashramas als Alternativen anführen. "As the ascetic movement grew, however, it became important to assimilate the new ideas into the orthodox system. The theory of the successive stages emerged with renunciation as an integral part at the end of the line. But none of this applies to women. In all dharmasastra texts, women are dealt with outside the framework of ashrama" Julia Leslie. The Perfect Wife. The Orthodox Hindu Woman according to the Stridharmapaddhati of Tryambakayajavan. Delhi u.a. O. 1989 S.138 f. 10 Allerdings wird bereits im Shatapathabrahmana, etwa 8. Jh. v. u. Z., eine Gleichsetzung von Frau, Shudra, Hund und Krähe vorgenommen und die Frau als Wohnsitz von Unwahrheit, Sünde und Dunkelheit bezeichnet. S. J. Leslie. The Perfect Wife, o. cit., S. 251 11 Die Ehefrau kann, wenn das Leben als Waldeinsiedler begonnen wird, entweder von ihrem Mann mitgenommen werden, was die Fortsetzung des Ehelebens bedeutet, oder den Söhnen übergeben werden, sie hat keine Möglichkeit einer selbständigen Entscheidung. "The fourth ashrama was theoretically barred to women as it was to Shudras. For according to the rules of dharmasastra, only those who had embarked on the first stage of Vedic education could graduate to the fourth." Julia Leslie. The Perfect Wife, a. a. O., S. 139 12 Obwohl von Shudra-Asketen da und dort die Rede ist, gilt doch in den brahmanischen Texten allgemein, dass Shudras vom Asketenleben ausgeschlossen sind. Im Ramayana wird der vorzeitige Tod eines Brahmanenjünglings darauf zurückgeführt, dass ein Shudra als Asket lebte und so der Dharma verletzt wurde. Rama tötet ihn, um die heilige Ordnung wiederherzustellen. 13 "Nonetheless, the renunciation of women was a common enough occurrence for there to be frequent ruling against it." Julia Leslie. The Perfect Wife, a.a.O. S. 139 14 Zit. in: Lizelle Reymond. The Dedicated. A Biography of Nivedita. Madras 1985, S. 61 15 Swami Gambhirananda. History of Ramakrishna Math and Ramakrishna Mission. Calcutta 1983 p. 108 16 Letters of Swami Vivekananda. Calcutta 1960, S. 216 17 Zit. in: Nivedita School Centenary Souvenir 1898-1998, Calcutta 1998, S. 18 18 Letters of Swami Vivekananda, a.a.O. S. 214 19 Swami Vivekananda. The Complete Works, Bd. 6, Calcutta 1989, S. 326 f. 20 Ebd., Bd. 7, Calcutta 1989, S. 497 21 Ebd., Bd. 6, a.a.O., S. 389 22 Ebd., S. 492 23 Ebd., S. 214 f 24 Ebd., Bd. 7, a.a.O., S. 219 25 Ebd., S. 214 ff. 26 Eine dieser Frauen war Yogin Ma (Yogindra Mohini Biswas, 1851-1924), Tochter eines reichen Calcuttaer Arztes, deren Mann durch Trunksucht die Familie ruiniert hatte. Sie war eine Schülerin Ramakrishnas und eine Vertraute Sarada Devis, mit der sie bis zu deren Tod zusammenlebte. Entsprechend dem Hinweis Ramakrishnas studierte sie die Puranas, das Ramayana, das Mahabharata und das Leben Chaitanyas. Dieses Wissen gab sie später dann an Nivedita weiter. Sie lebte zwar als Hausfrau, soll aber sowohl nach tantristischen als auch nach vedischen Ritten in Sannyasa initiiert worden sein. Sie führte das uralte Kasteiungsritual panchatapa aus, d.h. sie setzte sich der Hitze von vier Feuern unter der glühenden Sonne als fünftem Feuer aus. Pravrajika Amalaprana. Yogin-Ma. In: Samvit, 1991, 24, S. 34 f 27 Zit. in: Lizelle Reymond. Nivedita. The Dedicated, a.a.O., S. 44 28 Ebd., S. 61 29 Eine von ihnen war die in den USA lebende Französin Marie Louise, d.h. Swami Abhayanananda, die bereits 1894 von Vivekananda die Sannyasa-Weihe erhalten hatte und 1898 nach Indien kam. Sie galt wegen ihrer Initiierung als eine Sannyasini des Puri-Ordens. Mit ihr zusammen erhielt Ende 1894 auch Leon Landsberg alias Swami Kripanananda die Sannyasin-Weihe, 1896 gab Vivekananda in den USA mehreren Frauen Brahmacharya, darunter Sister Christine, und einer Frau Sannyasa. Leon Landsberg wandte sich bereits 1898 oder schon vorher wieder von Vivekananda ab, "Swami Abhayanananda ... had, for reasons of her own, also turned against him." Marie Louise Burke. Swami Vivekananda in the West. New Discoveries. Vol., 6, Mayavati 1987 S. 267 Vivekananda ging offensichtlich anfangs recht großzügig mit der Sannyasa-Weihe um, einige Jahre später gab er Sister Nivedita gegenüber zu, Fehler gemacht zu haben: "I am at heart a mystic ... all this reasoning is only apparent ... - and so I never bother about the fate of my initiations. If they want to be Sannyasins badly enough I feel that the rest is not my business. Of course it has its bad side. I have to pay dearly for my blunder sometimes ..." Zit. in: Marie Louise Burke. Swami Vivekananda in the West. New Discoveries. Mayavati Vol. 3 1985 pp.128 30 "I pray that the blessings of the Great Mother of the Universe be upon this school and the girls it shall train be ideal girls." Nivedita School Centenary, a.a.O. S. 15. Swami Vivekananda hatte Sarada Devi gebeten, die Eröffnung zu übernehmen. 31 Nivedita School Centenary Souvenir. a.a.O. S. 19 32 Pravrajika Bharatiprana. My Memoirs. In: Pravrajika Bharatiprana. Calcutta 1992, S. 2 33 Wenn einer der Swamis - meist Saradananda - einen Vortrag vor den Frauen hielt, saßen sie hinter einem Bambusvorhang verborgen. Da es sich nicht schickte, dass Frauen allein die Straße betraten, hatten Sponsoren Nivedita ermöglicht, die Frauen mit einer Kutsche abzuholen und nach Hause zu bringen. 34 S. Lizelle Reymond. Nivedita. The Dedicated, a.a.O. S. 243, 259 35 Ebd., S. 298, 300 36 Ebd., S. 301 37 Nach dem Tod von Sudhira wurde der Brahmacharin Ganendranath als Sekretär mit der Verwaltung der Schule beauftragt. Infolge von grundsätzlichen Meinungsverschiedenheiten bezüglich der Verwaltung der Schule und anderer, vor Gericht ausgefochtener Unstimmigkeiten trennte die Ramakrishna Mission sich 1929 endgültig von Ganendranath. S. Swami Gambhiranananda. History of Ramakrishna Math and Ramakrishna Mission. Calcutta 1983, S. 246 38 Nivedita School Centenary Souvenir, a.a.O., S.136 39 Laut Tagebuch eines Anhängers aus dem Jahr 1898. In: Swami Vivekananda. The Complete Works, Bd. 7, a.a.O. S.107 ff., 214 ff. 40 Zit. In: Pravrajika Muktiprana. Calcutta 1994, S. 13 41 Im Dorf Puranattukara bei Thrissur in Kerala wurde bereits 1913 der erste Ramakrishna Ashram gegründet. Da in ihm ungeachtet der ansonsten noch sehr starken Kastenschranken keine Kastenbeschränkungen existierten, stieß er auf viel Sympathie vor allem der Mehrheit der nicht zu den beiden oberen Kasten zählenden Bevölkerung. Der Mitbegründer des Sree Narayana Guru Dharma Paripalana Yogam, Dr. Palpu, ein Izhava wie Narayana, hat der Überlieferung zufolge Swami Vivekananda 1892 in Bangelore getroffen und durch ihn die Anregung erhalten, mit Hilfe einer religiösen Organisation die bedauernswerte Lage der Outcasts zu verbessern. Es entsprach den Erfordernissen der Zeit und dem Anliegen Vivekanandas, dass 1927 in der Nähe Thrissurs eine Schule mit Internat von der Ramakrishna Mission für Harijans, d.h. für Knaben der untersten Kasten gegründet wurde. Da auch zwei Waisenmädchen zu betreuen waren und die Zahl verwaister, hilfloser Mädchen sich nach einer Epidemie noch vergrößerte, wurden Knaben und Mädchen gemeinsam unterrichtet und für die Mädchen dann 1935/36 ein Internat eingerichtet. Die große Attraktivität von Einrichtungen der Ramakrishna Mission in Kerala wurde dadurch vergrößert, dass durch umfassende gesetzliche Festlegungen im Ehe- und Erbrecht bestehende Sozialstrukturen, die Jahrhunderte lang das Leben der beiden oberen Kasten, der Nayars und der Nambudri-Brahmanen, bestimmt hatten, zerbrachen, so dass die Einrichtungen der Ramakrishna Mission zum Symbol für Bestand und Tradition wurden, s. dazu Wendy Sinclair-Bull. Female Ascetics. Hierarchy and Purity in an Indian Religious Movement. Richmond 1997, S.44 ff. 1948 wurde für die im Mädcheninternat tätigen Lehrerinnen und "Dedicated Women Workers" das Sarada Mandiram erbaut, das ihnen eine Ashram-ähnliche Lebensweise ermöglichte. Bis heute ist der Sri Sarada Math in Puranattukara bei Thrissur nach dem Hauptquartier in Dakshineswar das wichtigste Zentrum und spielt besonders in den südlichen Bundesstaaten eine entscheidende Rolle; viele der Pre-Probationers und Probationers absolvieren hier die ersten Jahre ihrer asketischen Laufbahn. Die Leiterin des Math in Thrissur gehört als Trustee den leitenden Gremien von Math und Mission an. 42 Wendy Sinclair-Bull. Female Ascetics, a.a.O. S.72. Allerdings war 1947 in Hollywood von einem Sannyasin der Ramakrishna Mission einer Frau Brahmacharya gegeben worden, und im gleichen Jahr wurde, gestützt auf Anhängerinnen der Vedanta Society of Southern California in Santa Barbara, ein Sri Sarada Math eröffnet. Zugleich gibt es bis heute Möglichkeiten für Frauen, auch außerhalb des Sri Sarada Maths und der Ramakrishna Mission, aber doch innerhalb der Ramakrishna-Bewegung Sannyasa zu erhalten, da initiierte Sannyasins sich mitunter selbständig machen und unabhängige Ashrams aufbauen. 43 Man berief sich dabei u.a. darauf, dass sowohl Vivekananda als auch die ersten beiden Präsidenten des Ordens, Swamis Brahmananda und Shivananda, Frauen Brahmacharya gegeben hatten. 44 Dieses Ereignis wurde 32 Jahre später wie folgt eingeschätzt: "A new and very significant chapter was added to the cultural and religious history of India by the establishment of the Women's Math... Socially, Sri Sarada Math is part of women's rise to strength; historically it us a part of the tidal wave of spirituality set in motion by these three (Ramakrishna, Sarada Devi, Vivekananda, H.R.) A Grand Renunciation, Editorial, Samvit 1987, 15, S. 8 45 Pravrajiaka Bharatiprana. Calcutta 1992, S. XIII. Nivedita und Christine erkannten natürlich die Gefahr, die sich aus der Duldung eines solchen, als kriminell gewerteten Akts für die Schule ergab. Auch Sarada Devi hatte Einwendungen wegen der großen Verantwortung und fragte Sudhira: "You have taken such a great responsibility upon yourself?" worauf Sudhira nur antwortete: "Mother, I have already done it, so what can I do?" ebd. 46 General Report 1995-1997, a.a.O. S.5 47 Pravrajika Jnanadaprana am 22.3.2000 im Gespräch in Dakshineswar 48 Man vergleiche den Unterschied zu Swami: Herr, Eigentümer, Besitzer, von alters her der Titel für Sannyasins der Sankara-Orden bzw. Maharaj, Großkönig, als Anrede oder Ehrentitel für Sadhus. Ananda, das an den Mönchsnamen angehängt wird, bedeutet Wonne, Glückseligkeit 49 Seit 1988 besteht das main managing committee ausschließlich aus Frauen 50 In dieser Zeit waren bereits alle fünf Lehrerinnen des Mandiram zu Sannyasinis geweiht. Mit der Übereignung des Sarada Mandiram wurden dem Sri Sarada Math auch die dortige Mädchenschule (entstanden nach Aufspaltung der ko-edukativen Schule des Ramakrishna Ashrams in eine Mädchen- und eine Knabenschule) mit dem Internat übergeben, heute unterhält der Sri Sarada Math in Thrissur eine Vorschule, die Sri Sarada Girls High School, zwei Mädcheninternate, eine Spinnabteilung und eine Institution, in der Schreibmaschinenunterricht erteilt wird (1981). Für Interessenten, auch von außerhalb, wird noch zusätzlicher Sanskritunterricht erteilt. 51 1979 hatte der Math 4 Zentren und zwei Retreats, die Mission hatte 8 Zentren. Samvit Nr. 1, 1980, pp.48. 1981 hatte der Math 5 Zentren und die Mission 10. Wendy Sinclair-Bull, op. cit. p. 85 52 Im General Report werden 6 Aufgabenfelder genannt: 1. Educational Work, 2. Medical Service, 3. Rural Uplift work, 4. Relief and Help to the Need, 5. Spread of Cultural and Spiritual Ideas, 6. Foreign work. Op. cit., p. 6 53 Ramakrishna Sarada Mission. Report of the Governing Body on the Working of the Association in 1999-2000 (o.O., n.d.) S. 4 54 Samvid: f. Wissen, Erkenntnis, ein Begriff aus den Yoga-Sutras von Patanjali, verstanden als Wissen, das zur Erleuchtung, zum direkten Bewusstsein der Realität führt, in dessen Flammen das vergangene und zukünftige karma verbrennt. Im Vishnu-Purana als Chit, Bewusstsein, und damit als die Shakti, die Kraft Gottes verstanden. Samvit 1 1980, p. 2 55 Pravrajika Bharatiprana, op. cit. p. XIV 56 Gespräch am 22.3.2000 in Dakshineswar 57 Wendy Sinclair-Bull, op. cit. p. 85 58 Nach Ablegen des Sannyasa-Gelübdes ist eine Rückkehr in das normale Leben so gut wie unmöglich, s. dazu die Biographie von Jnaneshvara, ein mittelalterlicher Heiliger, der als Outcast galt, da sein Vater aus dem Sannyasi-Leben zu seiner Frau zurückkehrte. Aber ein Ausscheiden aus dem Math ist durchaus möglich, falls es zu große Diskrepanzen gibt: der Sannyasin oder auch die Sannyasini kann dann z.B. einen eigenen Ashram eröffnen. Eine Brahmacharini, die ausgeschieden ist, kann ein nach außen ganz normales bürgerliches Leben führen, wird aber kaum eine Familie gründen, sondern sich weiter im Geistes Vivekanandas philanthropischer Arbeit widmen. 59 Gespräch mit Pravrajika Jnanandaprana am 22.3. 2000 60 Der Tagesablauf im Sri Sarada Math: 4.00 (Winter 4.30) Mangalarati, 7.15 (7.30) Frühstück, anschließend Unterricht für die Novizinnen. 11.45 (12.00) Prasad, anschließend Ruhezeit 15.30 (16.00) Tee, 18.00 Arati, 20.30 (21.00) Dinner. Am Montag, traditionell der Shiva geweihte Tag, wird Vivekananda besonders verehrt, er gilt als Inkarnation von Shiva. Dienstag ist der Devi und damit Sarada Devi gewidmete Tag, am Mittwoch wird Ramakrishna besonders verehrt, u.a. mit einem von Vivekananda verfassten Hymnus.. 61 Diese Darstellung fußt im wesentlichen auf der Wendy Sinclair-Bulls, op. cit. pp. 162 die sich ihrerseits auf den autorisierten Bericht von John Yale, A Yankee and the Swamis. London 1961, stützt 62 John Yale, op. cit. pp.202 63 Es gibt ein spezielles Gayatri-Mantra bei der Arati-Zeremonie, dessen Wortlaut mit Bezug auf Ramakrishna abgewandelt ist: ramakrsnay vidmahe, gadadharay dhimahe, tanno devah pracodayat. S. Worship of Sri Ramakrishna Madras 1982, p. 74 64 Nach Wendy Sinclair-Bull, op.cit. p.173 65 Wendy Sinclair-Bull. op.cit. p.174 66 In Vers 4 wird unter anderem auch um die Reinigung von shishna, dem männlichen Zeugungsorgan, und von upastha, dem Mutterschoß gebeten, s. Swami Vimalananda. Mahanarayanopanisad. Madras 1957, p. 273. Ist das als Beleg dafür zu nehmen, dass diese Opferformeln auch für weibliche Asketen gedacht waren? 67 Ibid, p. 175 68 Gespräch mit Pravrajika Jnanadaprana 69 Ibid. 70 Siehe dazu das Manual für die Verehrung von Ramakrishna, Sarada Devi und Swami Vivekananda: Worship of Sri Ramakrishna. Madras 1982 71 Information von Pravrajika Jnanadaprana, und eigene Beobachtung. 72 Danach werden die 5 "M" (Fleisch, Fisch, Alkohol, sexuelle Beziehungen und geröstetes Korn) symbolisch als Grundforderung nach Gleichmut in der Bedeutung verstanden, dass man jeder Versuchung widerstehen solle. 73 Swami Vivekanandas sehr persönlich gehaltenen Briefe an Sister Christine zeugen von seinem hingebungsvollen Glauben an die Mutter als die alles lenkende überweltliche Kraft, also als das Göttliche schlechthin. S. Pravrajika Vrajaprana. A Portrait of Sister Christine. Calcutta 1996 74 Ein Aspekt der Devi als Mutter der Welt, Ernährerin der Welt, auch ein anderer Name für Tara, Bhuvaneshvari oder Tripura Sundari, alle zu den Mahavidyas gehörend. Jagaddhatri ist der Tempel in Jayrambati gewidmet, mit dem die Familie Sarada Devis eng verbunden war. Die Jagaddhatri Puja wurde von Sarada Devi bis zu ihrem Tode regelmäßig entsprechend der Tradition gefeiert. 75 Wendy Sinclair-Brull, op.cit. p.169 top |
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