"Savitri ist der epische Sieg über den Tod," sagte die Mutter einmal. Im Mittelpunkt steht daher die Frage nach der Überwindung des Todes in zweifacher Hinsicht, sowohl auf der individuellen, als auch der kosmischen Ebene. Satyavan repräsentiert die Seele der Erde, für immer an das Gesetz des Todes gefesselt. Narad hatte prophezeit, Zwölf rasch geflügelte der Monde werden
ihm und ihr gegeben; kehrt dieser Tag dann wieder, muß Satyavan des Todes sein.
Muß die Erde sterben um aller Ewigkeit willen, die da kommen
wird? Wird jemand auf die Erde herabsteigen und sie von ihrem Schicksal erlösen? Wird jemand das Schwarze Loch der Astronomen, die undurchdringliche Informationsbarriere passieren und mit dem Geheimnis des Todes wiederkehren, Satyavan zurückführen in einen unsterblichen Tag? Wird jemand durch Seelenkraft und Stärke den Fels beiseite wälzen, der die Straße der Unsterblichen versperrt und das Schicksal der Erde erneuernd formen? Ja, so ist es. Dieser "Jemand" ist Savitri, wie sie uns
im ersten Gesang (Canto I) vorgestellt wird: Abgeschieden, innerlich, gebar sie alles Leben, Unnahbar fern trug sie die Welt in sich; Ihre Furcht war mit der großen Angst des Kosmos eins; Auf kosmisch mächtige Gewalten ihre Kraft gegründet; Der Großen Mutter Liebe war die ihre.
An dem Tag, an dem Satyavan sterben soll, sammelt Savitri, reglos in sich selbst verharrend, all ihre Kraft, um für die Konfrontation mit Zeit und Tod bereit zu sein.
An dieser Stelle unterbricht Sri Aurobindo die Beschreibung Savitris und führt uns durch den Bilderbogen ihrer Erinnerungen in ihre vielgestaltige Vergangenheit. Es ist, als würde sie durch ihr Kräftesammeln das eigene Kindheits- und Mädchendasein, ihre beginnende Existenz als Mensch auf Erden, aus der Vergangenheit zurück und herauf in die Gegenwart holen, indem sie kurze Abschnitte daraus ein zweites Mal durchlebt. Dieses knapp gefaßte Zurückschauen ist nötig, um ihre Vergangenheit
aufzulösen - ein notwendiges Geschehen, bevor sie hoffen kann, der Sprung in die Zukunft werde ihr gelingen: ...reich bebilderte Vergangenheit, die zum zweiten Male lebend, ihr Ende sich jetzt nähern sah...
an ihrer Geisterbrust barg sie die Zukunft.
Als 'ihr Geist bezeugend so im Rückblick auf die Zeit verharrte', sah Savitri ihre Kindheit, ihre Jugend, all die 'vielgeliebten, jetzt entschwundenen Gestalten', alle ihre Hoffnungen und Träume. Aufleuchtend sah sie: Ihres Lebens breite Straßen, seine süßen Seitenpfade in den Himmelsweiten ihrer Erinnerung vorüberfliegen. Die hellste Zeit in Savitris Leben waren vielleicht diese 'zwölf Monate der Leidenschaft', vergleichbar mit 'paradiesischen Hainen'. Der Ausdruck 'Pfauenschwingen der Liebe' in dem Vers:
vermittelt in der Tat sehr suggestiv die Intensität des Liebesentzückens. Der Pfauentanz symbolisiert den Tanz der Freude. Es ist ein Tanz, der selbstvergessen ein Wellengekräusel von Schönheit und Freude überall rund um sich her verbreitet. Die vielen
Farbschattierungen der Pfauenflügel entsprechen den vielen Schattierungen der Liebe. Bei dieser Verszeile wäre zu beachten, daß Love hier mit dem Großbuchstaben L beginnt, ein Hinweis, daß es sich ursprünglich um göttliche Liebe handelt, aus der menschlich "leidenschaftliche" geworden ist. Und schon wird diese göttliche Liebe und Freude durch die Gegenwart der verhängnisvollen Drohung
umklammert - 'vom schweigenden Verhängnis überschattet' - denn es ist der Schatten des Todes, der sich Satyavan schnell nähert. Die Formulierung 'heaven raced with hell' offenbart die gewichtige Bedeutung dieses Tages - an dem Satyavan sterben muß - denn an diesem Tag wird sich entscheiden, ob der große Kampf entweder gewonnen oder verloren sein wird - das Ringen um den Sieg über den Tod! Es geht um die Wahl zwischen Wahrheit und Abgrund; der Wettlauf entscheidet zwischen den Himmeln der
Glückseligkeit und der Hölle der Leiden. In diesem Augenblick, als Savitri sich in ihre Vergangenheit vergräbt, um sich auf klärende Weise davon zu lösen und die in ihr selbst verborgene Macht des Geistes herbeizurufen, ereignet sich jäh eine unerwartete Drehung in ihrem Bewußtsein. Anstelle der erwarteten Freude, des sich nahenden Geistesfriedens, bricht 'eine absolut übernatürliche Finsternis und Dunkelheit' über
sie herein. Mystiker sagen, wen es in die Nähe Gottes ziehe, der müsse einen Tunnel der Finsternis passieren. In seinem Gedicht "East Coker" bezieht sich T. S. Eliot auf die dunkle Nacht der Seele : Der Seele wird geboten, still zu sein und das Dunkle über sich kommen zu lassen, das die Finsternis Gottes sein werde.
(sinngemäße Übersetzung) Eliot hat das Konzept der dunklen Nacht oder der Via Negativa beim Heiligen Johannes vom Kreuz entlehnt, der in seinem Buch vom Berg Carmel schreibt:
...diese dunkle Nacht, durch die die Seele gehen muß, um das Himmlische Licht vollkommener Einheit mit der Liebe Gottes zu erlangen. Zwei
Möglichkeiten gibt es, durch diese Passage der "dunklen Nacht" zu gehen - den aktiven und den passiven Weg. In seinem Buch Die dunkle Nacht der Seele rät der Heilige Johannes vom Kreuz den Anfängern, den passiven Weg zu wählen. 'Der passive Weg ist der, auf dem die Seele nichts tut und Gott in ihr am Werk ist, und sie sich in allem geduldig bescheidet.' Das ist der Pfad, der den Anfänger durch ein
Stadium 'totalen Abscheus vor allem Leiblichen' abwärts geleitet und in einen Zustand der Leere führt, in dem zeitweilig alles nichtig erscheint - das Sinnliche gleichermaßen wie das Geistige. Sri Aurobindo beschreibt diese Befindlichkeit so : Eine Stunde kommt, da alle Mittel der Natur versagen; Aus dem schützenden Bereich der Ignoranz vertrieben
Und zurückgeworfen auf sein nacktes Grundbedürfnis... So lange jemand nicht vertrieben wird aus dem 'Schutz der Unwissenheit', kann dieses Stadium der Ausleerung oder Leere wahrscheinlich nicht erreicht werden. Der Dichter Eliot beschreibt es sinngemäß mit den Worten:
Die Dunkelheit dieser zwitschernden Welt genügt nicht, steige abwärts, immer weiter nur abwärts bis hinab in die Welt unaufhörlicher Einsamkeit, wo Welt nicht Welt ist, sondern alles, was nicht Welt heißen kann, innere Finsternis, Verlust aller Besitztümer, Ausdörrung aller weltlichen Launen in offener Geisteswelt. Diese innere Dunkelheit ist das
Stadium, 'in dem alle Fähigkeiten ruhen, nicht aktiv , sondern passiv wirksam werden, indem sie empfangen, was Gott in ihnen wirkt.' In diesem Zusammenhang gebietet Eliot seiner Seele: Sei still und warte ohne Hoffnung Denn Hoffnung würde Hoffen auf das Falsche sein: warte ohne Liebe Denn Liebe würde Liebe zu den falschen Dingen sein: da ist noch Glaube Aber Glaube, Liebe und die Hoffnung sind alle in dem Warten Warte ohne Denken, denn du bist nicht bereit, zu denken: Dann wird die Finsternis das Licht sein, und die Regungslosigkeit das Tanzen... warte ohne Liebe In der Praxis der Mystiker ist diese Leere die Voraussetzung für die Herabkunft der Gnade. Es ist nur Finsternis der Seelenreinigung,
Entleerung aller Sinne durch Entzug, Säuberung der Neigungen von allem Zeitlichen. Auch Sri Aurobindo beschreibt dieselbe reinigende Dunkelheit: Er muß für immer seine Oberflächenseele von sich werfen Und unverhüllt sein inn'res Wesen sein. Worauf Sri Aurobindo mit dem Ausdruck 'Oberflächenseele' anspielt ist vermutlich dasselbe, was der Heilige Johannes in seiner dunklen Nacht der Seele schildert:
Während dieser Erfahrung wird die Seele so lange in der dunklen Nacht festgehalten, bis der Mensch seine sinnlichen Wünsche gelöscht und sich davon gesäubert hat. Fürderhin wird er nicht erlauben, daß sie der Anziehung oder Süße von was auch immer erliegt, er ihr nicht erlauben, zu erliegen. Unter dem Druck der
'Finsternis aller Finsternisse' ist der Mensch genötigt, sich an sein 'unverhülltes Inneres' zu wenden, das Wesen der Psyche, die Seelenkraft. Wenn alle Mittel der Natur versagen, ist er gezwungen, sich in sein Innerstes zurückfallen zu lassen, sich mit der essentiellen Wesenheit der Seele zu vereinigen. Und diese Art der 'reinigenden Finsternis' war nun auch über Savitri gekommen: top |