"Savitri ist das erste Gedicht meines Lebens, das meine Anerkennung fand", sagte die Mutter zu einem ihrer Jünger. Und ihre Würdigung von Savitri als rein poetisches Werk, ohne auf seine Vision der Wirklichkeit einzugehen, die dem Herz seiner Inspiration und Enthüllung entspricht, basiert auf ihrer kolossalen Leseerfahrung mit literarischen Werken: "Ich habe die besten Werke griechischer, lateinischer, englischer und selbstverständlich französischer Literatur studiert, auch der deutschen und all der großen Schöpfungen des Westens und Ostens, eingeschlossen die großen Epen, aber ich wiederhole, nirgendwo irgend etwas gefunden, das mit Savitri zu vergleichen wäre. All diese literarischen Werke scheinen mir flach, hohl und leer, ohne tiefere Wirklichkeit zu sein - abgesehen von
einigen seltenen Ausnahmen, und auch diese entsprechen nur einem kleinen Bruchteil dessen, was Savitri ist. Was für eine Erhabenheit und Weite, welche Wirklichkeit: es ist etwas unsterbliches und ewiges, was er da geschaffen hat." Das sagte sie im Januar 1960. Aber es ist interessant, daß die Mutter lange vorher, im Oktober 1906, vielleicht zur selben Zeit, als Sri Aurobindo mit der
Niederschrift des ersten Entwurfes von Savitri, Buch I, Canto I beschäftigt war, selbst an einer ähnlichen Geschichte schrieb - "A Sapphire Tale", die im umgekehrten Verhältnis zur Erzählung von Savitri und Satyavan steht. In den Vanaparva-Gesängen 291-297 des Mahabharata berichtet Markendeya von Savitris großem Opfer und göttlicher Hingabe, um Yudishtira zu beruhigen, den König, der sich durch Draupadi's Leiden in einem Zustand gewaltiger Verwirrung befand.
Die Savitri-Satyavan-Geschichte ist einfach, wenn auch angereichert, ja beladen mit immensen Möglichkeiten symbolischer Deutung. Aswapathy, König von Madra, ist kinderlos und wird nach18 Jahren des tapasya, Opfern, um die Göttin Savitri versöhnlich zu stimmen, mit einer Tochter gesegnet. Diese, zu einer strahlend schönen Frau herangewachsen, begibt sich auf die Suche nach einem Lebensgefährten. Zwei Jahre später kehrt sie in den Palast zurück und erklärt, ihre unwiderrufliche Wahl sei auf Satyavan, den Sohn Dyumatsenas gefallen, der als Bewohner eines Waldes im Exil lebt. Narad, der prophetische Rishi, spricht die Warnung aus, der von ihr erwählte Satyavan sei zu dem Geschick verurteilt, in zwölf Monaten vom heutigen Tage an sterben zu müssen.
Aber nichts kann Savitris eisernen Willen von diesem Entschluß abbringen. An dem vorausgesagten Tag verfolgt Savitri Yama, den Gott des Todes, und zwingt ihn durch die Kraft ihrer Reinheit und die Macht ihres Wissens, ihr Satyavan zurückzugeben. Ähnlich mag die Mutter ihren Klassenkameradinnen vielleicht die Geschichte von Meotha und Liane
erzählt haben. Weit im fernen Osten, in einem Land der Ordnung und Harmonie, lebte ein sehr alter König - mehr als zweihundert Jahre alt war er! Der Bürde seiner königlichen Pflichten ein wenig müde, sprach er zu seinem Sohn Meotha: "Das ganze Volk, vom demütigsten Bauern bis zu unseren großen Philosophen, hat vollkommenes und herzliches Vertrauen zu dir......es ist deshalb nur natürlich, wenn seine Wahl auf
dich fallen sollte....Aber wie du weißt, darf nach alter Sitte niemand den Thron besteigen, der nicht vermählt ist..." Obwohl Meotha die kultiviertesten Mädchen des Königreichs kannte, weckte keine von ihnen in ihm jene Liebe, auf die sich der rechtmäßige Bund gründen muß. Also nahm er für ein Jahr Abschied, um die Welt zu sehen, und, wer weiß, mit der Gefährtin seines Lebens zurückzukehren.
Seine Irrfahrten führten ihn zu einer Insel des "Westlichen Ozeans", wo Liane lebte, eine Waise, schön und von seltener Klugheit. In ihren Träumen hatte sie einen Mann erblickt, der ihr Herz gewonnen hatte. Von da an konnte sie keinen anderen lieben und wartete darauf, dem Traum ihres Herzens eines Tages zu begegnen! Und der Tag kam,
oh Wunder über Wunder! Er war da, er, er wahrhaftig, wie sie ihn in ihrem Traum gesehen hatte. Es war Meotha. Mit einem Blick hatten sie einander erkannt... denn in ferner Vergangenheit waren sie einander vertraut... jetzt sind sie dessen gewiß... "Ich habe dich überall auf der Welt gesucht, und nun, da ich dich gefunden habe, deine Hand ergriffen, ohne dich nach irgend etwas zu fragen, denn in
deinen Augen sah ich, daß du mich erwartet hast...” sagte Meotha und führte Liane zu dem großen Schiff, das nahe der Küste sanft in der Dünung schaukelte. Auch die Mutter hatte in ihrer frühen Jugend zwischen dem elften und zwölften Lebensjahr "Träume von einem wundersamen Wesen, worin ihr empfohlen wurde, es Krishna zu nennen, und später, 1914, nach beinahe 25 Jahren, traf sie ihn. "Sobald
ich Sri Aurobindo gesehen hatte, erkannte ich in ihm das vertraute Wesen, das ich Krishna zu nennen pflegte." Die Meotha-Liane-Erzählung ist nicht nur eine umgekehrte Entsprechung zu der von Savitri und Satyavan, sondern fast eine Parabel der inneren Geschichte von Sri Aurobindo und Mirra, denn hatte die Mutter über Savitri nicht erläuternd hinzugefügt: "Es ist überdies ein Bild unserer
gemeinsamen Abenteuerfahrt ins Unbekannte, eher noch ins Überbewußtsein (in den Supermind)". top |