Stellen Sie sich vor, Savitri würde mit diesen Zeilen beginnen: In einem ungeheuren Wald, wo Nacht, die lauschende, Verlass'ne Stimmen hörte und im weiten Schweigen Wußte um das Seufzen und den leisen Tritt von Dingen,
Die nicht klingen für das reiche Herz des Tages
Es handelt sich tatsächlich um Zeilen der ersten Version von Savitri, die während der frühen Jahre dieses Jahrhunderts in Baroda begonnen wurde. Sie haben rein erzählenden Charakter und es fehlt die Tiefe der Symbolik. In seinem einfachen und fast prosaischen Stil bestand
das Gedicht aus zwei Teilen: I Erde, II Jenseits, (darüber hinaus). Teil I bestand aus vier Büchern, Teil II aus drei Büchern und einem Epilog. Das Ganze hatte den Titel Savithri. Ja, es stimmt, in den ersten Fassungen von Savitri schrieben sich die drei Hauptpersonen Savithri, Uswapathy und Suthyavan. In der zweiten Fassung, die in Pondicherry umgeschrieben wurde - "viele Jahre, bevor die Mutter kam" - wie Sri Aurobindo in einem Brief an einen Schüler anmerkt, den er 1936 schrieb - wurde ein Untertitel hinzugefügt : Savithri,
Eine Erzählung und eine Vision und das Buch beginnt mit Zeilen, die denen der gegenwärtigen Fassung ziemlich nahe kommen: Der grenzenlose Geist traumloser Nacht, allein Im dunklen Tempel Unermeßlichkeit Saß wartend auf dem Rand der Stille,
Stumm in Bereitschaft, ihre Wandlung zu empfangen. Nahe war der Götter Stunde, sich aufs neue zu gestalten
Es gibt da eine bemerkenswerte Änderung des poetischen Bewußtseins, eine deutlich höhere Ebene des Ausdrucks und
dichterischer Inspiration. Poetische Reinheit wird durch spirituelle Praxis angehoben. In der letzten Zeile erkennen wir die erste Zeile der vorliegenden Fassung. Tatsächlich wird diese wichtige Zeile bei der dritten Version in die einleitende Position gerückt, und die Reihenfolge der neuen Zeilen wird so dargeboten: Es war eine Stunde erscheinender Götter. Der ungeheure grenzenlose Geist der Nacht, allein Im toten Tempel ihrer Unermeßlichkeit, Harrte reglos an der Stille Rand... Stumm in Erwartung ihres Wandels
Die vierte Version hat schwerlich Änderungen der oben zitierten Zeilen aufzuweisen, obwohl es in ihr e i n e n wichtigen Unterschied der Schreibweise gibt - "Savitri" heißt es nun anstatt "Savithri". In der fünften Fassung erfährt die erste Zeile eine Änderung: Nah' war eine Stunde, da sich Götter (wieder) zeigen
Wenn Vergil zehn Jahre mit seiner "Äneide", Dante sechzehn mit seiner "Göttlichen Komödie" und Milton acht Jahre mit "Paradise Lost" verbracht hat, so verbrachte Sri Aurobindo, wie Goethe mit seinem "Faust" fünfzehn Jahre periodisch wiederkehrender Beschäftigung mit "Savitri"! In der Tat ein
Zeugnis herkulischer Arbeit und göttlicher Geduld. Wie er selbst zugibt: "...schließlich kann ich hinreichende, wenn nicht endlose Gründlichkeit für mich in Anspruch nehmen; die ich durch meine lange Arbeit an Savitri bewiesen habe" Wie auch immer, wir sollten nicht denken, daß Sri Aurobindo all diese Jahre gebraucht hat, um die
23.837 Zeilen zu schreiben und sich dabei in einem Zustand des Wunsches nach poetischer Inspiration befand. Zwei Gründe gibt es für diese lange Zeit. Einer ist, daß Sri Aurobindo Savitri nicht nur als Epos geschrieben hat, um in Form eines Epos die erschöpfende Darstellung seiner Vision und Interpretation der Welt zu demonstrieren. Auf der geistigen Ebene war es der Ausdruck seines eigenen Aufstiegs. Im selben Maß, wie sein Bewußtsein höher wurde, änderte sich seine Anschauung der Dinge,
wurde oft umfassender oder wieder tiefer und reicher an Einzelheiten. Der zweite Grund, obwohl eine logische Folge des ersten, wird von ihm selbst so formuliert: "Ich habe genügend Respekt vor der Wahrheit, um auf den Versuch zu verzichten, eine Unvollkommenheit zu verbergen; eher bin ich bemüht, einmal erkannter Unvollkommenheit abzuhelfen... ich darf es beschreiben als unendliche Kapazität des Wartens und
Horchens auf wahre Inspiration, der Ablehnung all dessen, was dahinter zurückbleibt, wie gut es auch immer nach minderen Maßstäben zu sein scheint, bis ich zu fassen bekomme, was ich als absolut richtig empfinde." Auf diese Weise, während er Ebene um Ebene des höheren Bewußtseins erklomm, gelang es ihm, höhere Stadien der Intuition und Inspiration zu erreichen. Und offensichtlich empfand er von diesem höheren
Standpunkt her Entwürfe des niedrigeren Stadiums der Inspiration unangemessen oder wertlos und änderte sie vollständig oder entsprechend dem nötigen Maß. Wie er in seinem Brief erläuterte: "Tatsächlich wurde Savitri von mir nie wie ein Gedicht betrachtet, das geschrieben und beendet werden muß, sondern als Experimentierfeld, um herauszufinden, wie weit Poesie durch das eigene yogische Bewußtsein geschrieben und
wie das kreativ gemacht werden kann." Anfänglich war die Ebene seines poetischen Schreibens "eine Mischung geistiger Innerlichkeit, psychisch-lyrischer Intelligenz und erhaben sublimierter Vitalität". Später aber war "der höhere Geist, häufig illuminiert und von Ahnung erfüllt" die Quelle der Inspiration für Savitri. Und nun, in der letzten Fassung, "gibt es einen allgemeinen Einfluß
des Überbewußtseins". Jetzt können wir verstehen, warum Sri Aurobindo so viele Entwürfe von Savitri geschaffen hat: es war sein unablässiger Antrieb, nach vollendeter Vollkommenheit zu trachten. Wie er notiert: "...Ich habe so viele aufeinanderfolgende Skizzen und fortgesetzte Änderungen unternommen, bis ich fühlen konnte, daß
jede Zeile und Passage durch die höhere Inspiration beabsichtigt war." Auf diese Weise kehrte Sri Aurobindo ein um das andere Mal zu seinen früheren Entwürfen von Savitri zurück und fuhr damit fort, sie zu verändern, bis ihm die "absolut richtige Inspiration und deren angemessene Umsetzung in Schrift" zuteil wurde, und gab sich nicht mit "irgendwelchen beiläufigen oder unvollkommenen Transkriptionen zufrieden, auch wenn dabei gelungene Poesie der einen oder anderen Art herausgekommen wäre". Das ist der Grund, warum er annähernd 50 Jahre gebraucht hat, um Savitri zu vollenden, einen anderen gibt es nicht. Abgesehen von dieser zufriedenstellenden Begründung könnten wir uns immer noch fragen, wozu Sri Aurobindo mit seiner
yogischen Fassungskraft und dem Bewußtsein eines Avatars (einer menschlichen Verkörperung des Göttlichen) so "eine kolossale Arbeit" unternehmen, sich ihr unterwerfen mußte, wenn er doch mit Leichtigkeit imstande gewesen wäre, die höchsten Gipfel der Inspiration zu beherrschen? Oder, wie sich Nirodbaran im Rahmen dieser Frage ausdrückt: "Mit seinem grundverschiedenen schweigenden Bewußtsein hätte er
sich doch nur an die richtige Quelle hängen müssen und Worte, Bilder, Ideen wären in 'einem Brahmaputra der Eingebung' herabgestürzt". Darauf entgegnete ihm Sri Aurobindo: "Die höchsten Ebenen sind nicht so gefällig, wie du dir das vorstellst. Wenn sie es wären, warum sollte es dann schwierig sein, das Überbewußtsein ins physische Bewußtsein herabzuholen und dafür zu organisieren. Was für glückliche,
Fantasienetze spinnende Ignoranten ihr doch alle seid. Ihr sprecht von Schweigen, Bewußtsein, dem Übermentalen und Supramentalen etc., als ob es sich dabei um ebenso viele elektrische Knöpfe handeln würde, die ihr nur zu drücken braucht, und schon seid ihr da, wo ihr hinwollt. Eines Tages mag das so sein, aber einstweilen ist es meine Aufgabe, alles entdecken zu müssen, was mit der Wirkungsweise jedes möglichen Modus der Elektrizität zu tun hat, die Gesetze, Möglichkeiten, Gefahren etc.,
Verbindungswege und Kommunikationsstränge zu konstruieren, das gesamte System der Fernverbindung herzustellen, den Versuch zu unternehmen, es narrensicher zu machen und all das "im Lauf einer einzigen Lebenszeit." (Nirodbaran - Zwölf Jahre mit Sri Aurobindo, Seite 192-3) Aus diesen Umformungen und Neufassungen erwuchs Savitri mit seinen 23.837 Zeilen zum längsten Gedicht in englischer Sprache,
das existiert. Amal Kiran hat herausgefunden, daß die Odyssee des Nicos Kazantzakis mit dem Titel "Eine neue Folge" (A Modern Sequel) 33.333 Zeilen hat! Sie ist aber in griechischen verfaßt und nicht in englisch. Was im Bereich der englischen Sprache Savitri am nächsten kommt, ist Brownings' "The Ring and the Book" (Der Ring und das Buch) mit 21.116 Zeilen. Und die Zeile, die den Vorhang über
dieser herrlichen Besessenheit von göttlichen Manifestationen aufgehen läßt, ist die eine, die nur im Rahmen der siebten Version von Buch 1, Canto 1 empfangen wurde: "Es war die Stunde, bevor die Götter erwachen" Diese Eröffnungszeile bleibt in den restlichen fünf Versionen erhalten, denn mit ihr
hatte Sri Aurobindo die einleitende Wortfolge empfangen, die sich als ein Zusammenwirken mehrerer ineinanderpassender und einander umhüllender Schichten der Symbolik darstellt, von denen Savitri auf brillante Weise in eine kosmische Dimension gerückt wird. Wenn Savitri, wie die Mutter sagt, "die Wahrheit ist, die Sri Aurobindo auf die Erde herunter gebracht hat", dann ist diese erste Zeile die großartige Ansage dieser Wahrheit! Vier verschiedene Ebenen der Interpretationsmöglichkeit
werden simultan von ihr ausgeworfen, die tatsächlich seherisch (im voraus) als mit dem gesamten Epos verwobene erkannt werden können. Die Bedeutungen dominieren im Wechsel. Es sind aber in der Hauptsache allein diese vier : a) die physische b) die kontextuelle (der Zusammenhänge) c) die symbolische d) die metaphysische a) Die physische Ebene Die Handlung von Savitri beginnt in "der Stunde, bevor die
Götter erwachen." Was ist das für eine Stunde ? Es ist die dunkelste Stunde, Brahmamuharat, wenn die Götter im Tempel geweckt werden. Einmal wach, sind sie nach dem Verrichten des Puja-Rituals bereit, ihren verehrungsvollen Anbetern darshan zu gewähren. Und dann beginnt der Tag mit all seinen vielfältigen Tätigkeiten, physisch, emotional und mental. Niemand weiß, was er bereithält, aber mit dem Gebet des Tages, das den Göttern dargebracht wird, stürzen sich die Gläubigen
ins tägliche Abenteuer. So geschah es den Stämmen, mit denen Savitri lebte. Das Stammesvolk - ...beeilte sich, an dem Gesang des hellen Rufers teilzuhaben, Und, geködert von der Schönheit der geoffenbarten Wege,
brach in Jubel über seinen Teil vergänglich kurzer Freude aus Auch Savitri war eine, die wach wurde unter den Erwachenden dieser Stämme, aber sie hatte nicht teil an dem "kleinen Glück". Sie fühlte sich wie "eine gewaltige Fremde auf dem Feld der Menschen", denn tief in ihrem Herzen empfand sie
"die Qual der Götter". Ganz in sich gekehrt und still war sie an diesem Tag, denn sie "erwartete die Stunde ihres Martyriums" - und diese Stunde war die Stunde von Satyavans vorherbestimmtem Tod. b) Die Ebene der Zusammenhänge Die
Dämmerung der erwachenden Götter ist die letzte Morgendämmerung in Satyavans Leben. Es ist die Morgenröte jenes besonderen "Tages, an dem Satyavan sterben muß". Dem Verlauf der Geschichte entsprechend hatte Narad prophezeit, Satyavan werde zwölf Monate nach seiner Hochzeit sterben. Zwölf flüchtig schnelle Monate gingen vorbei, und dies war nun der Tag seines Todes. Savitri, ihm zur Seite, "kummerfern, nicht angegriffen von der Sorge". "Stumpf und friedlich" war
sie, "wie der Stein und Stern", denn sie wußte um die Bedeutung des Tages und versammelte all ihre innere Kraft, um den vorausgesagten Folgen dieses Tages standzuhalten: Inmitten der gewöhnlichen Geräusche, der gewohnten Bühne, Erhob sich ihre Seele, um Zeit und Schicksal zu begegnen.
c) Symbolische Ebene In der Tat, wenn die Götter erwacht sind, kann nur das Licht erscheinen und alle Finsternis von der Erde nehmen. Bevor sie erwachen, dominiert der 'gewaltig vorausahnende Geist der Nacht', 'von milchig undurchsichtiger Trübung und
nicht zu durchdringen'. Wie es Nolinikanta Gupta interpretiert: "Wenn die Götter schlafen, ist es die Nicht-Existenz tama asit tamasa gudhamagne - 'am Anfang war Finsternis von Finsternis verschlungen'. Das ist asat, Nichtsein, es ist acit, tiefe Unbewußtheit, das ist die finsterste Nacht. Auch die Bibel spricht von einer ähnlichen Dunkelheit - Hiobs schreckliche Vision: "Einem Land der Finsternis, wie die Finsternis selbst; und dem Schatten des Todes ohne jede
Ordnung, wo das Licht als Finsternis ist" (Buch Hiob, 10.21) Die Lampe des Bewußtseins ist noch nicht angezündet. Die dunkle Leere streckt sich über den Pfad der künftigen Schöpfung hin, das Licht, das kommen muß. Dieser Schatten ist die Negation des Lichts hinter ihm, der Ursprung der Schöpfung. Er stellt sich dar als bloß materielles Universum, anscheinend tot, verdorrt und ausgetrocknet, die völlige Unbewußtheit, ohne das geringste Anzeichen von Bewußtsein, das irgendwo wahrzunehmen
wäre. Und die Erde scheint ein Teil davon zu sein, ein Schatten im Schatten, ein dunkler Punkt, der sich in einer 'finsteren Masse' dreht. (Nolinikanta Gupta: The Yoga of Sri Aurobindo, S. 305) So repräsentiert "die Stunde" der "erwachenden Götter" auf der symbolischen Ebene die Stunde Null, mit der das Universum aus der Ohnmacht der Unbewußtheit zum Leben erwacht. Das ist der Augenblick, mit dem
die Evolution selbst begann, der Moment, 'als etwas den Wunsch empfand, zu sein, ohne zu wissen, wie', in dem ein 'blankes, unbeschriebenes Vorwissen nach weit entfernter Wandlung verlangte', da 'nicht empfunden irgendwo ein Bruch begann und ein Verstoß', als etwas 'das Nichtbewußte neckte, die Unwissenheit zu wecken'. Diese Stunde ist wahrlich bedeutsam und folgenschwer für die universelle Manifestation und Erscheinung. Der Inhalt von Savitri ist deshalb nicht nur die Geschichte von Satyavan und Savitri, wie sie im Mahabharata erzählt wird. Legende und Symbol verbinden sich zur erzählenden Darstellung des gesamten Schöpfungsverlaufs, wie er sich ereignet hat. Sri Aurobindo beginnt folglich sein Epos nicht nur am kritischen Punkt der überlieferten Legende, mit Stunde und Tag von Satyavans Tod, sondern mit dem kritischen Augenblick, in dem die Involution ihre Stelle einnimmt, die höchste Vollkommenheit in die Unbewußtheit herabgestiegen ist und die Evolution anfängt. Die Hälfte der Reise ist beendet - die Reise des Abstiegs - die Reise zurück hat begonnen - der Aufstieg. Und mit dieser Stunde der Kreuzung, diesem Schnittpunkt der Vereinigung, wird Savitri eröffnet, der Stunde des Übergangs von der Involution zur Evolution.
Deshalb verspricht uns die Einleitungszeile sowohl die Entwirrung des Kosmischen, als auch die Evolution des Individuums. Und nachdem das Buch, Savitri, mit dieser "symbolischen Morgendämmerung" begonnen hat, endet es mit der Zeile: Und barg eine größ're Morgendämmerung in ihrem Schoß
Auf diese Weise entspricht Savitri auf der Symbolebene dem Szenario zwischen zwei symbolischen Dämmerungen - eine kennzeichnet den Beginn der Evolution und die andere das Ende der irdischen Entwicklung. Auf der Ebene der Legende ist es überdies die Geschichte von 24 Stunden - zwischen Savitris Erwachen an diesem fatalen Tag und dem Tod des Satyavan in der Stunde des Schicksals. Im wahrsten Sinne ein Schicksalstag, denn nicht nur stirbt Satyavan und kehrt zurück ins Leben, der Tod selbst wird verwandelt, und die Menschheit betritt einen Pfad der Entwicklung über den eingeschränkten Geist hinaus - erfährt eine evolutionäre Änderung, die aus der Unwissenheit ins Wissen führt.
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