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Wege durch die Zeit ins 21. Jahrhundert


SAVITRI (6): Seine tiefgründig glänzende Bedeutung

Dr. Ananda Reddy

Übersetzung: Fritz Mikesch
Redaktion: Carla Geerdes

Sri Aurobindo
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Literatur
Die Mutter
S.A.C.A.R.

Die Anfangszeilen von Savitri haben vielfach miteinander verknüpfte Bedeutung. Sie lassen an Zeitliches und Ewiges denken, an den besonderen Tag und die Entstehung des Kosmos, den Tag, an dem Satyavan sterben muß und Savitri sich dem Tod entgegenstellt, an die Dunkelheit der Seele und die Finsternis vor dem Beginn der Schöpfung. Rasche Übergänge unterschiedlicher Bilder heben manchmal eine Bedeutung hervor und unterdrücken andere Möglichkeiten der Auffassung. "Gewisse Ideen und Impressionen wähle ich aus", schreibt Sri Aurobindo, "um ein Sinnbild partieller, zeitlich begrenzter Finsternis der Seele und Natur zu gestalten, die dem zeitweiligen Empfinden nach für das, was in der Nacht gefangen ist, so scheint, als wäre sie umfassend und ewig." (Savitri S. 829)

Nachdem wir auf diese Weise die "universelle" Bedeutung des "großen Geschehens" erfaßt haben, wie von der Mutter im Rahmen ihrer Erläuterungen zur Geburt der vier Kräfte beschrieben, kommen wir auf die Stunde des Übergangs, den besonderen Tag und die Morgendämmerung zurück. Im Kontext des Gegenwärtigen und des Flüchtigen könnte diese Dämmerung selbst das "große Geschehen" sein. Und indem sich das Heraufsteigen dieser Dämmerung der Dunkelheit nähert, erwartet und fürchtet die bewußte Nacht oder der Geist der Nacht ihre Ankunft. Denn das Licht des frühen Morgens kommt, um sie aufzulösen. Die Nacht wird hier personifiziert wie die Morgendämmerung als Göttin Usha. Auf diese Weise ist von einer "ungeheuren Vorahnung" dieser dunklen Persönlichkeit namens Nacht die Rede, die sich der starken Empfindung nicht erwehren kann, daß etwas Schreckliches mit ihr geschehen wird. Sie legt sich quer über den Pfad der Morgendämmerung, versucht deren Voranschreiten und ewigen Gang des Heraufkommens zu hemmen. Fürchtet sie, das Licht werde sie aufessen, ihren "Geist" verschlingen?Vielleicht sind diese ersten Zeilen eine Vorankündigung der ultimativen Schlacht zwischen Licht und Finsternis, wenn Savitri und das "Geheimnis der Vernichtung", die Personifikation des Todes, aufeinander treffen:

    Es stellten sich die zwei von Angesicht zu Angesicht einander gegenüber....

    Licht wie eine Flammenzunge leckte sein Denken auf,

    Licht war leuchtende Tortur in seinem Herzen,

    Licht fuhr glänzend, Pracht der Agonie, dahin durch seine Nerven...

    Sein Leib wurde vom Licht verzehrt, sein Geist verschlungen.

So lag die Nacht, ihr nahendes Ende begreifend und fürchtend, "bewegungslos ausgestreckt an den Rändern der Stille wie ohnmächtig, weil es noch kein anderes Erwachen gibt, als das der Götter und nur mit deren Wachsein werden die Tätigkeiten im Tempel und die Geschäftigkeit der "Stammesvölker" beginnen können. Im Hinblick auf die kosmische Ebene ist die Nacht ohne Regung, weil sie der Pfeil des erwachenden Lichts noch nicht getroffen und aufgewühlt hat. Alles ist unbewegt, ruhig und still. Die Finsternis der Nacht wird "opak" und "undurchdringlich" genannt, weil sie so überaus schwer und tief ist.

Man könnte sie förmlich mit allen Sinnen fühlen, wie man in Wäldern oder dem gewaltigen Schweigen der Berge die Stille in der Tat geradezu greifen kann. Auf kosmischer Ebene ist die Nacht " Abgrund körperloser Unendlichkeit". In dieser abgründigen Finsternis des Nichtbewußten gibt es keine andere Gestalt als die körperlose, denn "im Anfang war die Finsternis von Finsternis verborgen, und alles war ein Ozean des Nichtbewußten". Diese Zeilen des Nasadiya Sukta finden ihr Echo in Sri Aurobindos Gedicht "Who" (Wer) :

Als blinde Finsternis in Finsternis verschlungen war

Saß Er darin gewaltig und allein.

Diese Blindheit der Finsternis mag es sein, auf die Sri Aurobindo in der folgenden Zeile anspielt:

Im dunklen Zeichen ihres augenlosen Grübelns

"Augenloses" Sinnen ist Blindheit, mangelnde Sicht; es gibt weder äußeres, noch inneres Licht, das ein Sehen ermöglichen würde. Der "Tempel der Ewigkeit" ist noch immer lichtlos, unbeleuchtet, liegt im Dunkel, wartet auf die Helligkeit der Morgendämmerung. Und bis sie kommt,

besetzt ein bodenloses Nichts die Welt

Diese Zeile fängt Sinn und Bestimmung der Nachtszene ein. Es ist nicht nur die dichte Finsternis, von der die Welt befleckt ist. Nicht nur das unbewußte Stadium unseres nächtlichen Schlafs. Da gibt es jenseits der Beschreibung physischer Nacht und physischer Morgendämmerung "ein echtes Symbol innerer Wirklichkeit, dessen Hauptzweck darin besteht, beschreibend auf die Sache anzuspielen, die symbolisiert wird." (Savitri S. 907) was da symbolisiert wird, ist eigentlich "ein Rückfall ins Nichtbewußte", ein "unergründliches Nichts".

Könnte dies das unauslotbare Nullstadium sein, das Nasadiya Sukta beschrieben hat ?

    Da war kein Tod und nicht Todlosigkeit

    Noch die geringste Spur von Tag und Nacht.

    Ohne Atem atmete das Eine durch sein eigenes Gesetz.

    Im Anfang war die Finsternis von Finsternis verborgen,

    Und alles war ein Ozean des Nichtbewußten.

Oder ist es, was in der Katha Upanishad so beschrieben wird:

    Da kann nicht die Sonne scheinen

    und der Mond nicht schimmern:

    all die Zustände sind blind:

    dort flammen weder unsre Blitze,

    noch irgendwelche Erdenfeuer.

Nolinikanta Gupta kombiniert diese beiden Anschauungen in seiner Erläuterung: "Die ursprüngliche Nichtbewußtheit ist ein Nicht-Sein, (Nichtexistierendes), ein Nihil, in dem alle Existenz eingerollt und aufgelöst ist, eine unendliche Nicht-Wesenheit oder Null, das Nichts. Dies ist das Nichts hier unten, auf der entgegengesetzten Seite der Wirklichkeit.

Es gibt aber ein anderes, oberes Nichts darüber und jenseits, jenseits des Überbewußtseins (der superconsciousness) Sunya, jenseits von Satchitananda.

Dazwischen liegt die Welt der Nacht, die Welt der Trächtigkeit, in der die Götter schlafen. Als das Göttliche, das Eine unteilbare Sein, die erste Aufwühlung empfand und davon bewegt wurde, zu erschaffen, teilte es sich selbst und warf sich aus, wie um außerhalb seiner selbst zu gelangen. Und das Licht und die Bewußtheit dieser Wesenheit stürzten sofort in Finsternis und Nichtbewußtes. Das ist die Involution des Höchsten in materielle Existenz. (Vol. 4, S. 306)

Und wieder findet sich auch eine schöne Beschreibung dieses Involutionsgeschehens in der Nasadiya Sukta:

    Im Anfang regte sich als Wunsch im Innersten,

    Was erster Same des Bewußtseins war,

    Die Seher, die in ihren Herzen es bedacht,

    Entdeckten die Verbundenheit von Sein und Nichtsein.

    Ein Strahl fuhr langgestreckt dahin

    Und trennte schneidend eines von dem andern.

    Was war nun unten? Was darüber?

    Da waren die befruchtenden Durchdringer,

    Gab es der Kräfte und Gewalten Macht,

    War unten eigenes Gesetz, und war ein Wille oben.

    Wer kann das wahrhaft wissen? Wer hier darf es so verkünden?

    Woraus ist sie geboren, woraus wirklich, diese Schöpfung ?

    Selbst die Götter kamen später, eine Folge der Entstehung dieser Welt:

    Wer weiß es dann, wodurch sie wurde und woraus ?

Folglich ist also das Nichts hier unten "der Mutterleib der Schöpfung, verwandt mit dem Begriff Hiranyagarbha der indischen Tradition", wie es Nolinikanta Gupta erklärt. Es ist dieser riesenhafte Ozean des Nichtbewußten, aus dem noch nichts Erschaffenes hervorging. Obwohl er alles in sich trägt, was sich künftig entwickeln und in Erscheinung treten muß. Auf pscho-physischer (seelisch-stofflicher) Ebene ist es die Nacht vor Beginn der Morgendämmerung, die wir uns als besonders dicht, wenn auch bereits von den ersten Strahlen des frühen Lichts durchdrungen und befruchtet vorstellen müssen. Am dunkelsten ist sie, "weil die Finsternis versucht, die Ankunft des Lichts zu verhindern", erklärt die Mutter. Die "unbeweglich hingestreckte Nacht" ist in Wirklichkeit "eine Macht des gefallenen grenzenlosen Selbst". Bewußtsein des Lichts, das "durch Selbstabtrennung von seinem eigenen Ursprung tiefer und tiefer der Unbewußtheit entgegen gestürzt ist. "Es ist der gefallene Erzengel, Satan, die Gewalt der Finsternis und des Nichtwissens "zwischen dem ersten und letzten Nichts". Das heißt, zwischen dem Nullzustand hier unten und Sunya jenseits des Überbewußtseins, des "Super-Consciousness", die "nächtliche Zwischenwelt der Trächtigkeit und der schlafenden Götter", um an Nolinikantas Kommentar zu erinnern. Diese Gewalt, diese Nacht,

    Rief ihn zurück, den Schutz des Mutterleibs, aus dem sie kam,

    Wandte sich ab vom unauflöslichen Geheimnis der Geburt

    Und säumig hingedehnter Lebensqual der Sterblichkeit

    Und sehnte sich, im leeren Nichts ihr Ende zu erreichen.

Die Nacht "ruft diesen Mutterleib zurück", den Ort ihrer Entstehung, Hiranyagarbha, die goldene Höhle der Schwangerschaft, die das Embryonalstadium aller künftigen Gestalten der Evolution in sich birgt. Sie schwindet, diese Nacht, beim bloßen Gedanken an einen neuen Zyklus des Entstehens, das Mysterium der Geburt und den erschöpfenden Prozeß der Sterblichkeit.

In sich selbst ist das Geheimnis des Geborenwerdens nicht zu lösen oder zu ergründen. Denn wir, die wir daran teilhaben, sind nicht fähig, Ursprung und Grund unserer Geburt zu begreifen. Ist es der Leib, der geboren wird, oder die Seele, die danach verlangt? Warum dies Gebären all der unendlichen Vielfalt? Mit welcher Absicht, bis zu welchem Ende hin, wozu, weshalb, wofür? Und endlos wiederholt es sich selbst, dieses "Mysterium der Geburt", entstehen unaufhörlich neue Formen durch den Evolutionsprozeß. Das endlos fortgesetzte Verfahren der Produktion von Sterblichkeit ist "säumig", dauert zu lange, ist mühselig und belastend. Deshalb genügt der bloße Gedanke an all diese Schwingungen und Formationen der Kreativität, daß die Nacht sich danach sehnt, "im leeren Nichts ihr Ende zu erreichen". Obwohl sie zugleich danach verlangt, in den Mutterleib zurückgesandt zu werden, aus dem sie kam.

"Der Geist dieser Nacht", erläutert A. B. Purani, "würde sogar eher wünschen, sich in purem Nichts ein Ende zu setzen, als das Gute (ihre eigene Wandlung) auf sich zu nehmen. Das hieße, geistig einzuwilligen, daß der Kosmos entstehen kann, um zu sein. Damit ist gesagt, daß die Nacht bereit sein muß, das Höhere Licht zu empfangen, den Willen des Transzendenten, das Fiat des Allerhöchsten. Und nur dann kann die Entfaltung der Evolution auch im geistigen Sinne beginnen.

Wird diese Nacht die Botschaft der Gottheit empfangen ?

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