Obwohl Savitris Wesen der Ewigkeit gleicht, aus der sie kam, muß sie wie alle anderen Retter-Gestalten an zwei besonders charakteristischen Aspekten der Menschheit teilhaben: Leid und Tod: Um mit dem Leid zu leben, hinzutreten vor den Tod auf ihrem Weg, ward der Unsterblichen das Los der Sterblichen zuteil.
Auf diese Weise gefangen im Netz irdischer Bestimmungen, erwartet Savitri "ihres Martyriums Stunde" - die Stunde, in der Satyavan sterben muß. Dieses dunkle Vorherwissen "der Stunde" trennt sie von der Gemeinschaft aller, die um sie herum sind, denn über Gefahr und Qual von Satyavans Tod mit anderen zu sprechen, hieße, die Folter gewiß drohenden Unglücks zu steigern. In ihren Tiefen, den zerrissenen, hielt sie das vorbestimmte Leid verschlossen.
Tatsächlich wird im Gesang I von Buch VII, das den Titel Joy of Union (Freude des Einsseins) trägt, im Rahmen der Darstellung, die das Vorherwissen des Todes und den Kummer des Herzens beschreibt, auf lebhafte Weise von Savitris "zerrissenen Tiefen" und ihrem "dunklen Vorwissen" erzählt.
Als Savitri ihre Eltern in Madra verläßt und mit Satyavan in dessen "roh gezimmerter Heimstatt" zu leben beginnt, erfährt sie die Freude des Einsseins. Aber alles währt nicht lange, die Zeit ist kurz und flieht zu schnell. Erschreckend waren ihr der Stunden Schritte; Kummer kam, von Leidenschaft erfüllt, ein Fremder, stand vor ihrer Tür... Vergeblich floh sie in der Seligkeiten Schlünde, gejagt von i h r e m Vorherwissen um das Ende...
So in starken Böen ahnungsvoller Zeichen wankend und in deren düster ernsten Wogen schwimmend,... starrten ihre Augen blind in der Zukunft Nacht... Sie mit dem Schrecken ihres Wissens war allein.
Für gewöhnliche menschliche Wesen ist das Vorherwissen um tragische Ereignisse des eigenen Lebens normalerweise viel zu belastend. Der Mensch ist nicht rein genug, um das Gewicht der Zukunft zu tragen. Aber in Savitris Fall ist das anders, denn - Selbst ihr Menschsein war zur Hälfte göttlich, deshalb, sogar in diesem Augenblick, da ihre Seele alle Hoffnung aufgegeben hat, verzweifelt an dem grimmig harten Stelldichein mit Tod und Angst, kommt über ihre Lippen nicht ein Laut, kein Hilfeschrei;
Niemand weihte sie in das Geheimnis ihrer Schmerzen ein; Still war ihr Gesicht und stumm bewahrte sie der Mut.
Unauffällig und still zu leiden ist das Signum großer Seelen. Sie trachten danach, ihre Sorgen nicht den Schultern ihrer
Mitwesen aufzubürden, sondern zu Füßen der inneren Gottheit abzulegen. Und Savitri war nicht nur eine große Seele - diese ihre Seele war eine, "die Zeit und Schicksal entgegentritt". All ihr Leiden betrifft nur die Ebene "ihres äußeren Selbst", denn innerlich Ihr Geist war offen für den Geist in allem, Ihr Wesen fühlte alles Wesen wie das eigene
Abseits und innen lebend dann gebar sie alles; Unnahbar fern trug sie die Welt in sich; Ihre Furcht war mit der großen Angst des Kosmos eins, Auf kosmisch mächtige Gewalten ihre Kraft gegründet,
Der Großen Mutter Liebe war die ihre
Das ist Savitris Wahrheit - sie ist die allumfassende Mutter des Universums. Satyavans Verhängnis, wie von Narad vorhergesagt, ist nur ein persönliches Symptom: I h r Schicksalsschlag, das individuelle Zeichen (menschlicher Person)
Der Tod des Satyavan i s t der Tod auf Erden und indem sie Satyavans Schicksal ändert, wird sie den Kurs der irdischen Bestimmung selbst im G a n z e n wandeln. Deshalb gilt ihre Qual nicht dem persönlichen Unglück oder Verlust Satyavans, sondern der Erde, denn "in sich trug sie die Welt" und ihre individuelle "Angst" als Mensch ist gleich der "Angst des Kosmos". Savitri ist unter Menschen, die "blind" sind - sie ist hier, um die blinde Menschheit zu führen. Arbeitet für sie, belädt sich mit deren "Last", aber niemand bemerkt es. Der Mensch, geblendet von seinem eigenen Ego, denkt, er selbst sei Beweger und Anlaß all dessen, was er tut. Still wirkt Gott durch den Menschen und das Ich, um seine eigenen Träume zu verwirklichen. So ließ Savitri es geschehen. Überdies, falls irgendein menschliches Wesen die Absicht hätte, ihr zu helfen, wäre es nicht dazu imstande. Denn Savitris Werk entspricht der kosmischen Ebene. Allein und ohne Hilfe muß sie deshalb alles tun und ihr Wirken vollenden: Ohne Hilfe muß sie das Vorhergewußte tragen, Angst empfinden
und den Mut, zu wagen. Wie Narad spricht: Die Großen sind am stärksten ohne Beistand... Ein Tag mag kommen, da sie einsam stehen muss an jenem Rand, wo das Verhängnis dieser Welt und ihres droht....
Nah' an der Grenze des Verlöschens mit dem Tod allein wird in dieser letzten Schreckensszene einzig ihre Grösse sein, Der Zeit Gefahrenbrücke wird auf sich gestellt sie überqueren müssen Und einen höchsten Gipfel der Bestimmung dieser Welt erreichen
Wo für den Menschen alles zu gewinnen oder alles zu verlieren ist. Gekommen war der Tag.
Der lang vorhergewußte und fatale Morgen, er war da und brachte einen Mittag, der sich nicht zu unterscheiden schien von jedem anderen.
Dieser "fatale Mittag" war anscheinend wie jeder andere Höhepunkt eines Vormittags, denn der ewige Marschtritt der Natur geht weiter, sie schert sich nicht im geringsten um Sorgen und Freuden, Mißlingen und Erfolg, Tod und Leben des Menschen: Läßt hinter sich, was sie geschlachtet, setzt ihre Reise fort:
Unpersönlich, sachlich und unberührt von den Dämmerungen der Tage scheint Natur nicht zu weichen "von ihrem gewaltigen Weg", nichts anderes wahrzunehmen als ihre eigene Bestimmung. Für Savitri aber war es kein Tag wie jeder andere: Denn bald schon werden wir getrennt und wer soll wissen, für wie lange, bevor das große Rad in seinem riesenhaften Kreis uns eins dem andern wiedergibt und unsrer Liebe?
Tief in ihrem Inneren trägt
Savitri, die Frau, auf diese Weise die gewaltige Last der Tragödie aller Sterblichkeit: Dann regte langsam matt Erinnerung sich schattengleich und seufzend legte ihre Hand sie auf die Brust, erkannte ihn, den lang gefühlten Schmerz,
tief, still und alt, und heimisch, wie an diesem Ort geboren
Der Druck der "kosmischen Last" in ihr hatte ein solches Ausmaß erreicht, daß ihr einsames Gedächtnis seine Herkunft nicht mehr fand und An diesem kritischen Punkt, als die Sinne sie zu verlassen drohten, an dem die Kraft, die Geist entflammt, sich noch entzog (und ihr verborgen war) all ihre Lebenskraft aufgesogen schien ohne den geringsten Lohn der Freude – da trat ihr wahres Wesen aus ihr selbst hervor und zeigte sich - Ihr starker Geist, von fern her schwingend kam zurück,.... schuf einen lichten Pfad durch Träume fremder Zeichen, jenseits der Meeres-Ebbe aller Ozeane tiefen Schlafs.
Diese Zeilen weisen darauf hin, daß sich Savitri, die Frau, plötzlich in Savitri, die Inkarnation verwandelt hat. Sogar, wenn sich das Göttliche Bewußtsein auf der Erde inkarniert (einen menschlichen Leib wählt), bleibt der Geist der Inkarnation nicht verschont von den trübenden Schleiern irdischer Abwehr, wird trüb und dumpf, mit den Worten des Dichters gesagt: Zu Anfang flößte Leben seinem schwer geprüften Tier noch keinen Kummer ein: Im Luxus der ursprünglich erdenhaften Schläfrigkeit bewegungslos, entlassen ins Vergessen,
vertraute es geneigt und unbewußt an Geistes Randbezirk, nichtsahnend friedvoll wie der Stein und Stern.
Auch im Leben eines Avatars kommt ein entscheidender und kritischer Augenblick, wenn er sich seiner fleischgewordenen Herkunft und
der Mission seines Herabsteigens bewußt wird, indem er/sie sich des Avatar-Seins erinnert. Für Savitri war es der ergreifende Moment von Satyavans Tod, in dem sie zur Fülle ihrer inneren Kraft, dem inneren Auftrag erwachte: Alles kam zurück zu ihr: Die Erde, Liebe und Verhängnis... Wach ertrug sie der Sekunden schnellen eng gereihten Lauf
und schaute auf die lächelnde gefährliche, die grüne Welt, vernahm den unbewußten Schrei der Dinge, die da leben ohne Wissen. Inmitten der gewöhnlichen Geräusche und des immer gleichen Bildes trat ihre Seele jetzt hervor, um Zeit und Schicksal zu begegnen. Reglos, unbewegt in sich gekehrt, empfing und sammelte sie Kraft.
Nun war Savitri, die Verkörperung des Göttlichen, bereit, dem Tod und seiner erwarteten Ankunft zu begegnen, denn
An diesem Tag war Satyavan bestimmt zu sterben. Das ist der Tag, den Narad prophezeit' : Zwölf sanft geflügelte der Monde waren ihm und ihr seitdem geblieben;
An diesem Tag, der heute wiederkehrt, muß Satyavan des Todes sein. Es bleibt aber die Frage: Stirbt Satyavan wirklich? Narad hatte nicht gesagt, Satyavan "wird sterben", sondern "muß sterben". So bleibt eine
Möglichkeit offen, daß etwas anderes geschehen "kann". Auf diese Weise kann es so ausgelegt werden, daß Satyavan für einen Augenblick stirbt (tot ist) und danach wieder zum Leben erwacht, weil ihn Savitri zurückholt. Anders interpretiert stirbt Satyavan dem alten Leben und seine Rückkehr zu den Lebenden entspricht einem neuen transformierten Leben, symbolisch für Savitri's Tun und gelungene Mission: den Tod überwunden und der Erde ein neues vergöttlichtes Leben gebracht zu haben.
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