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Wege durch die Zeit ins 21. Jahrhundert

 

Sri Aurobindo – Pionier des universalen Geistes

Dr. Ananda Reddy

Vortrag am 31. Mai 2001  in der indischen Botschaft in Berlin

Übersetzung: Carla Geerdes
Redaktion: Carla & Christian Geerdes

Sri Aurobindo
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S.A.C.A.R.

Einleitung

Selten nur gelingt es dem Menschen, eine Persönlichkeit wie Sri Aurobindo umfassend zu verstehen. Sri Aurobindo ist Synthese zwischen Ost und West, Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft und gleichzeitig der wichtigste Visionär im Hier und Jetzt - ‘here and now for you’!

Während der prägenden Jahre seiner Ausbildung in England beschäftigte er sich mit den höchsten Idealen der westlichen Kultur und wurde so mit den besten und edelsten Werken und Werten des Westens vertraut. Zurück in Indien, nach 14 Jahren im Westen, stieg er hinab zu den tief gegründeten Fundamenten der östlichen Kultur wie sie in Indiens alter Kultur zum Ausdruck kommen und erlebt werden können. Sri Aurobindo, der das Beste aus der östlichen und der westlichen Kultur in seinem Bewusstsein zusammengetragen und die Kraft göttlicher Realisierung in der Geschichte der Menschheit erforscht hatte, konnte seine riskante Gratwanderung zu einer zukunftsweisenden, dem Menschen bisher unbekannten spirituellen Kraft beginnen.

Seine Persönlichkeit

Und wenn wir dazu noch sein Leben und seine Persönlichkeit betrachten, verstehen wir, wie Nolini Kanta Gupta schreibt, dass er niemals das Bewusstsein einer bestimmten individuellen Person hatte: ‚Jeder Bezug auf ein persönliches System war aus dem Gefüge seines Wesens und Charakters gelöscht.’ (Nolini Kanta Gupta, NKG 5/3) Deshalb nahm Sri Aurobindo seinen Biographen immer den Mut, etwas über sein Leben zu schreiben, denn der nach außen sichtbare Bereich seines Lebens kündigte das innere Wachstum seines Bewusstseins, das niemand ermessen konnte, nur an.

Sein inneres Wesen‚musste sich nicht erst der allgemeinen Stufenleiter irgendeines Yoga unterziehen, allmählich von einer Erfahrung zur nächsthöheren überwechselnd, sondern war immer in einem universalen und transzendentalen Bewusstsein verankert.’ Diese ‚numenale Persönlichkeit’, wie Nolini Kanta Gupta ihn charakterisiert, ‚betrachtet alles mit den Augen der Unendlichkeit und der Ewigkeit, das Auge weit in den Himmel gerichtet, wie die vedischen Rishis sagen, mit dem dritten Auge.’ (NGK5/4)

Familiärer Hintergrund

Hinsichtlich Sri Aurobindos Familie ist nur wenig über seine Eltern, Brüder und Schwester bekannt, was kaum von irgendeiner Bedeutung ist – in dem Sinne, dass es sein inneres Wachstum oder sein äußeres Werk in keiner Weise beeinflusste. Seine Heirat mit Mrinalini Devi hatte lediglich die Folge, dass sie eine Bezugsperson für so etwas wie eine innere und persönlich-emotionale Kommunikation war.

Politische Struktur

Vielleicht vermitteln sein politischer Idealismus und seine spirituellen Bemühungen zur Befreiung Indiens so etwas wie die Möglichkeit zur Strukturierung seiner Unpersönlichkeit.

Der Eifer und der Weitblick, mit denen er für die Freiheit seines Landes arbeitete – all seine Schriften, seine politischen Kontakte zu Revolutionsführern, die Tage seiner Gefangenschaft in Kalkutta, seine feurigen Reden in Bengalen, all das bildete nur das Sprungbrett für die epochale Neustrukturierung der Menschheit, das Ideal der Welteinheit. Er beschränkte sich nicht auf den Erfolg seiner Pläne, Indien die Freiheit zu bringen. Er gab den Anstoß dazu, verankerte sie auf festem Grund und bewegte sich auf eine weiter reichende Gliederung zu – die Einheit der Menschheit. Nachdem in Indien das Bewusstsein der nationalen Einheit entstanden war, nach dem Erwachen der schlummernden Seele Indiens, brach er überdies auf, die latente Welt-Seele zu aktivieren.

Die Menschheit

Um diese gewaltige Aufgabe vollbringen zu können, machte er sich eine Kraft untertan, gewaltiger als alle auf Erden bestehenden Kräfte – alle religiösen, politischen, sozialen Kräfte würden nicht genügen, die Menschheit zu aktivieren und sie zusammen zu bringen und sie in einer Einheit zu verknüpfen, die sich als Welt-Einheit ausdrückt. Sri Aurobindo war für die Menschheit nicht auf der Basis des religiösen Ideals der Brüderschaft oder Gleichheit oder Freiheit tätig, sondern sah die gesamte Menschheit als ‚ein und dieselbe Wesenheit und Charaktergestalt’ des einen höchsten göttlichen Bewusstseins an. Zur sofortigen, keinesfalls unerreichbaren Realisierung dieser Vision vom Menschen und der Menschheit, konzentrierte Sri Aurobindo seine gesamten yogischen Energien darauf, diese dynamische Kraft des Göttlichen herabzubringen: das supramentale Bewusstsein und seine Kraft. Er glaubte fest:

‚Familie, Nationalität, Menschheit bedeuten die drei Schritte Vishnus von der separaten zur kollektiven Einheit. Der erste ist vollbracht, wir streben jetzt nach Vollendung des zweiten, strecken nach dem dritten unsere Hände aus und haben uns schon an die Pionierarbeit gewagt.’

Notwendigkeit des Supermind

Aber Sri Aurobindo ließ es nicht bei diesen drei Schritten des Vishnu bewenden: er unternahm den vierten Schritt – den Schritt vom Menschlichen zum Göttlichen. ‚Der Mensch muss sich selbst übertreffen, wenn er zur Reife kommen will. Es muss ein neues Zusammenwirken von Familie, Nationalität und sogar der Menschheit gefunden werden. Dieser Sinngehalt, sagt Sri Aurobindo, macht das Göttliche aus.’ (NKG 4/358)

Bisher strebte der Mensch in der ihm eigenen unvollkommenen Weise eine Steigerung von beidem an, dem Spirituellen und dem Materiellen – wie Wissenschaft, Technologie, Philosophie, Okkultismus und Kunst – und dazu sah er sich infolge beschränkter religiöser Weltanschauung und Theologie ebenso bei schwächeren Kräften als dem Göttlichen nach Hilfe um. Auf diese Weise gestaltete sich der Mensch einen langsamen und zögerlichen Fortschritt voller Kriege und Leid. Und zur Zeit ist er in eine Sackgasse geraten, in eine Krise des Bewusstseins. Der Verstand hält weder Lösung noch Trost für seine kriegsgeschüttelte Psyche und seine materialistischen Todesfallen bereit. Deshalb sucht Sri Aurobindo den mentalen Menschen zu transzendieren und den supramentalen Menschen herabzubringen, der allein die leidende Seele der Menschheit befreien und Frieden und Wohlstand bringen kann –innen und außen.      

Pioniere des Geistes

Dieser Eintritt in das neue supramentale Bewusstsein wird am Anfang sicher nicht gleich die gesamte Menschheit erfassen. Es genügt, wenn Vorläufer aus allen Nationen und Kulturen der Erde danach streben und für diese neue, über das Menschliche hinausgehende Schöpfung arbeiten möchten. Genau mit dieser Zielsetzung wurde 1968 Auroville in Südindien nahe Pondicherry gegründet. Auroville wird die Wiege der neuen Menschheit sein wie sie von Sri Aurobindo und Der Mutter im Geiste gesehen wurde. Es ist die Brücke zwischen menschlicher Vergangenheit und göttlicher Zukunft der Menschheit – eine solide Weltgrundlage für die neue Schöpfung. Der Schneeballeffekt von Auroville wird wie eine Lawine immer größere Kollektive erfassen, die alle in einem Welten-Körper zusammenfinden werden, der einen menschlichen Einheit.

Neue Basis

Die alte Welt ist auf Egoismus gegründet; die neue Schöpfung wird auf der Seele im Inneren des Menschen gegründet sein, in der das göttliche Element sowohl das Individuelle als auch das Universelle integriert. Während sich dies Seelen-Bewusstsein ausdehnt und die Kontrolle  über die äußeren Aktivitäten des Menschen und über das ego-zentrierte Bewusstsein mitsamt seinen dämonischen Ausdrucksformen übernimmt, werden die animalischen Tendenzen im Menschen schwächer, um schließlich völlig zu verschwinden und dem neuen Menschen Platz zu machen.

So, wie die Zahl dieser Menschen überall auf dem Globus zunimmt, wird sich eine nicht nur auf Kooperation basierende, sondern auch alle selbstmörderischen Wettbewerbselemente eliminierende Gesellschaft entwickeln. Auf lange Sicht werden sich sogar die Nationen-Seelen in einer Föderation der Freien Nationen verbinden.

Sri Aurobindos Bewusstsein

Sein ganzes Leben lang hat Sri Aurobindo für eine derartige Aufwärtsentwicklung des Menschen und der Menschheit gearbeitet: die Menschheit erhebt sich von ihrer mentalen Stufe empor zur supramentalen Stufe, was sowohl die Kontinuität als auch die vollständige Verwirklichung der Menschheit von selbst garantiert. Er selbst mühte sich ab für eine derartige Transzendenz des Bewusstseins und folgte dabei dem Ideal des kartavyam karma der Gita, selbstlos seine Pflicht zu erfüllen. Gleichzeitig hielt er sich nicht asketisch von der äußeren Arbeit in der Welt fern – er kam seinen Verpflichtungen als patriotischer Bürger nach und lebte als Weltbürger – immer in der Art einer weitreichend unpersönlichen Persönlichkeit, frei vom Sinnen und Trachten eines Egos, dem untrüglichen Kennzeichen für universalen Geist und Charakter.

So manifestiert sich in Sri Aurobindos kosmischem Bewusstsein graduell, was Der Mutterleib der Zukunft in sich trägt. Er selbst ist nicht nur Hinweis auf das neue Bewusstsein, sondern auch Brennpunkt supramentaler Kraft und supramentalen Bewusstseins. Vielleicht können wir seine Vision, deren Vorbote er ist, am besten in seinen eigenen Worten beschreiben:

    Alles soll dann wandeln sich, magischer Ordnung folgend
    Übertreffen diese mechanische Welt

    Eine mächtigere Art soll bewohnen des Sterblichen Welt 

    Auf schimmernden Gipfeln der Natur, gegründet im GEIST, 

    das Höchste soll regieren als König des Lebens,

    Macht Euch die Erde zur Gefährtin
    und zum Ritter des Himmels
    Und führe zu Gott und Wahrheit der Menschen unwissend Herz

    Und richte seine Sterblichkeit ins Göttliche.

Savitri

Sri Aurobindo ist wirklich der Pionier zur Transformation dieses irdischen Lebens in ein göttliches.

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