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Die in der Überschrift dieses Artikels /Vortrages erwähnten Begriffe sind in ihrer wahren Bedeutung bislang nicht zufriedenstellend definiert worden. Tradition wird gewöhnlich mit den Eigenschaften altertümlich und konservativ assoziiert. Unter einer traditionellen Gesellschaft verstehen wir eine Gesellschaft, die ihre Wurzeln in der Vergangenheit hat und sich an alten Werten, Normen, Sitten und Konventionen orientiert. Aber im Zusammenhang mit allen Diskursen wird Tradition nicht in diesem speziellen Sinn aufgefaßt. Wenn wir zum Beispiel solche Ausdrücke wie "wissenschaftliche Tradition" oder "kritische Tradition" verwenden, betonen wir nicht den altertümlichen oder konservativen Charakter von Tradition. Im Gegenteil, wir heben den innovativen Charakter von Wissenschaft oder wissenschaft-ähnlichen Diskursen hervor. Wissenschaftliche Tradition orientiert sich immer an der Zukunft, auch wenn sie in der Geschichte verwurzelt ist. Sie eröffnet neue Wege und widmet sich im wesentlichen der Forschung. Außerdem überprüft der Wissenschaftler seine Theorien immer wieder aufs neue. Seine Orientierung ist weder konservativ noch rechtfertigend. Seine Einstellung ist vielmehr kritisch, in vielen Fällen sogar selbstkritisch und widerlegend. Aus diesem Grund wäre es falsch, zu behaupten, daß alle traditionellen Gesellschaften sich ausschließlich an der Vergangenheit orientieren, eine archaische Sichtweise vertreten und Wechsel, Veränderung, Neubewertung und Fortschritt gegenüber nicht aufgeschlossen sind. Die Ambivalenz, die dem Begriff "traditionelle Gesellschaft" anhaftet, erscheint auch im Zusammenhang mit dem Begriff "moderne Demokratie". Der Begriff Demokratie beinhaltet viele verschiedene Vorstellungen. Am häufigsten wird der Ausdruck verwendet, um bestimmte Regierungsformen zu kennzeichnen: dies ist jedoch nicht immer der Fall. Manchmal wird er auch als Adjektiv verwendet, um Menschen genauer zu beschreiben (demokratische Menschen) oder Parteien (demokratische Parteien) oder Gruppen (demokratische Gruppen) etc. Demokratie kann direkt oder indirekt sein, auf Wahlen basieren oder erblich , sozial oder liberal sein. Demokratie kann bürokratisch, technokratisch oder sogar theokratisch sein. In der heutigen Zeit spielt die Bürokratie insbesondere in Ländern mit zahlreicher Bevölkerung und verschiedenen Klasseninteressen eine wichtige Rolle. Wenn die echte demokratische Verfassung einen regelmäßigen Wechsel gewählter Regierung benötigt, dann versucht man, strukturelle Stabilität und funktionale Kontinuität durch Bürokratie zu erhalten. Fernerhin spielt Bürokratie häufig eine bedeutende Rolle, wenn es darum geht, Interessenkonflikte zwischen verschiedenen Gruppen zu schlichten. Anders gesagt, ihre Rolle ist es, zumindest teilweise zu versöhnen und zu vermitteln. Der Begriff Theokratie wird im modernen Kontext zugegebenermaßen in der Regel im abwertenden Sinne gebraucht. Aber das muß nicht so sein. Religiöse Ideen und Anweisungen haben in der Vergangenheit schon häufig eine positive Rolle gespielt, wenn es darum ging, politische Tyrannei, Diktaturen und Militärregierungen zu bekämpfen. So ist zum Beispiel der Begriff "christliche Demokratie" keine leere Phrase. Um ein weiteres Beispiel zu nennen: im alten Indien hat der Buddhismus einen ernüchternden, zu Zeiten sogar ausgleichenden Einfluß auf die betroffenen Regierungen ausgeübt. Er war eine Protestbewegung gegen die Vormachtstellung der Brahmanen, die auf dem Kastensystem beruhte. Es ist wohlbekannt, daß einige Formen von Militärregierungen und Diktaturen auch den Anspruch erheben, demokratisch zu sein. Dies rechtfertigen sie durch die Behauptung, neue Gesetzte und Bestimmungen zum Wohle des Volkes schaffen zu müssen. In der heutigen Zeit verfügt Demokratie nicht nur über verschiedene, sondern auch über konfliktreiche Assoziationen. Die Geschichte der heutigen Verwendung der Begriffe "neue Demokratie", "Volksdemokratie", "sozialistische Demokratie" unterscheidet sich von der Verwendung der Begriffe "Verfassungsdemokratie", "soziale Demokratie" und "republikanische Demokratie". Es stimmt, daß eine Regierung, die als demokratisch oder republikanisch bezeichnet wird, in vielen Fällen weder demokratisch noch republikanisch ist. Somit erweisen sich die linguistischen Begriffe häufig als irreführend. Aus diesem Grunde ist es wichtig, sich den praktischen und ausführenden Charakter der Regierungsformen und Rechte, ebenso wie die Rechte, Freiheiten und Möglichkeiten der betreffenden Menschen ganz genau anzusehen. Es scheint, daß zwischen denjenigen Autoren, die über Demokratie schreiben, ein Konsens hinsichtlich einer Definition von Demokratie besteht. Sie umschreiben Demokratie mit folgenden Begriffen: (i) Vielparteiensystem (ii) Meinungsfreiheit (iii) Unabhängigkeit vom Gerichtswesen (iV) Handelsfreiheit (V) freie und regelmäßige Wahlen Es ist relativ einfach, eine Institution oder einen Prozeß als frei zu bezeichnen, aber es ist äußerst schwierig, daraus zu folgern, daß diese Freiheit auch in die Praxis umgesetzt wird. Vor der zweiundvierzigsten Verfassungsänderung im Jahre 1976 wurde Indien in der Einleitung zur indischen Verfassung wie folgt beschrieben: (a) "Souveräne Demokratische Republik", die allen Bürgern folgende Rechte zusichert: (b) Soziale, wirtschaftliche und politische Gerechtigkeit, (c) Freiheit der Gedanken, Rede, Glaube und ritueller Praxis (d) Soziale Gleichheit und Chancengleichheit (e) Brüderlichkeit, Respekt gegenüber allen Menschen und die Einheit aller Nationen Nach der Verfassungsänderung von 1976 wurden vom Parlament zwei zusätzliche Begriffe angefügt "sozialistisch und säkular" nach (a) "souverän" und das Wort "Integrität" nach (e) Einheit. Die Zufügungen der Worte "sozialistisch" und "säkular" haben jedoch Anlaß zu vermeidbarer Verwirrung gegeben, denn die fundamentalen Rechte, die durch den Teil III der Verfassung festgelegt wurden, sind ihrer Bedeutung nach größtenteils individualistisch. So sind zum Beispiel Paragraph 1922 (das Recht auf Freiheit), Paragraph 25-28 (Recht auf Religionsfreiheit) und insbesondere Paragraph 31 (Recht auf Privatbesitz) in ihrer Ausrichtung unmißverständlich individualistisch. Wenn man diese Grundeigenschaften der indischen Verfassung in Betracht zieht, dann war es vielleicht nicht so günstig, das Wort "sozialistisch" anzufügen. Die Einschränkungen, die durch die fundamentalen Rechte, insbesondere durch die "maßgebenden Prinzipien der Staatspolitik (Teil IV)" auferlegt wurden, schlagen eine sozialistische, oder zumindest wohlfahrtsorientierte Ausrichtung der Landesverfassung vor. Man kann spüren, daß während der Periode der zweiundvierzigsten Zufügung die wichtige Unterscheidung zwischen den Begriffen "sozialistisch" und "sozialistische Muster der Gesellschaft" nicht berücksichtigt wurde. Zu dieser Zeit war diese Bestimmung in der legalen und politischen Rechtssprache jedoch schon fest etabliert. In einer Vielzahl von wichtigen Fällen, zum Beispiel: Golak Nath Vs. den Staat Punjab (1967), Keshabananda Vs. den Staat Kerala (1973), Indira Vs. Rajnarain (1975) und Minerva Mill Vs. Union of India (1980), wurde durch den obersten Gerichtshof entschieden, daß die fundamentalen Merkmale oder Strukturen der Verfassung mit keinen Zusätzen versehen werden dürfen. Der oberste Gerichtshof führte an (der Fall Excel Wear, 1979), daß es aufgrund der Festlegung von Privatbesitz und privaten Geschäften nicht legal wäre, die Indische Republik für sozialistisch zu erklären. Auch der Begriff säkular wurde vom rein juristischen Standpunkt her als vage befunden. In den Paragraphen 25-30 wurden eindeutig das Recht auf religiöse Freiheit und die kulturellen Rechte sowie das Recht auf Bildung für Minderheiten festgelegt. Durch das Zufügen des nicht-technischen Wortes säkular wurde die Notwendigkeit von Säkularismus weder klar definiert noch genügend propagiert. Statt dessen wurde der Begriff säkular nicht weiter vorgestellt. Es wurde auch kein Versuch unternommen, die verschiedenen Aspekte von religiöser Freiheit auf eine liberale Art und Weise aufzuzeigen, so daß der Geist religiöser Toleranz und Nichteinmischung von seiten des Staates auf längere Sicht hin sichergestellt werden würde. Auch dieser Streit muß bereinigt werden. Religiöse Toleranz und Liberalismus muß mit der Praxis der fundamentalen Rechte konform sein und zumindest einige der maßgebenden Prinzipien sollten Maßnahmen zur Wohlfahrt enthalten. Die ganze Frage des Säkularismus bekommt eine neue Dimension, wenn wir die landessprachliche Übersetzung des Begriffes Religion (im englischen Sinne) betrachten. Die meisten der auf Sanskrit basierenden Landessprachen Indiens verwenden den Begriff Dharmafür Religion. Diese Begriffsgleichstellung ist jedoch nur unter Vorbehalt zu verwenden. Es ist doch vielmehr so, daß der Begriff Religion lediglich eine etwas unglückliche Übersetzung von Dharma ist, denn Dharma beinhaltet neben Religion (im englischen Sinne) auch die Bereiche: Ethik, Gerichtsbarkeit, Regelung von Besitz, etc. Wenn wir nun die etymologische Herkunft des Wortes Dharma berücksichtigen, dann ist die Betonung von Säkularismus zwar verständlich, jedoch falsch plaziert. Wenn man religiöse Konflikte verringern oder ganz vermeiden will, dann ist eine besondere Hervorhebung von Säkularismus unnötig. Fanatismus, Fundamentalismus und ähnliche religionsbedingte Übel können viel eher durch die Propagierung von Brüderlichkeit, Liberalismus und Menschlichkeit bekämpft werden. Ich glaube nicht, daß Säkularismus, von Religion getrennt, in diesem Fall erfolgreich sein kann. Jede Religion verfügt über einige positive und universelle Aspekte. Wenn man diese betont und sich nach ihnen richtet, dann können sie zwischen Gruppen, die verschiedenen Religionen angehören, ein ethisches Band knüpfen. Ich frage mich, warum Säkularismus sowohl in akademischen Kreisen als auch im politischen Kontext soviel positives Feedback bekommt. Bei näherer Betrachtung stellt sich heraus, daß akademischer Diskurs und politischer Kontext in allen Gesellschaften verschieden ist. Wie dem auch sei, wenn wir die verschiedenen Kapitel der Weltgeschichte betrachten, dann gibt es hier etwas zu lernen, insbesondere von den verschiedenen multi-religiösen Gesellschaften. Im indischen Kontext können wir uns den Konflikt zwischen den vorarischen, einheimischen Religionen Indiens und den Anhängern der vedischen Religion in Erinnerung rufen. Dieser Konflikt zog sich über eine sehr lange Zeitspanne hin und endete schließlich in einer Art unbequemer, hierarchischer Übereinkunft. Später gab es den Konflikt zwischen Buddhismus und Brahmanismus. Nach der islamischen Invasion kam es wieder zu Konflikten, die allmählich in gegenseitige Assimilation und Übereinkunft mündeten. Ähnliche Phänomene existierten auch in anderen Kulturen und Ländern. Zum Beispiel zwischen Judaismus und Christentum, Islam und Christentum, etc. Ursachen für Konflikte und ihre Auflösung gab es auch zwischen verschiedenen Sekten der gleichen Religion. So zum Beispiel zwischen den Shia und Sunniten der islamischen Religion oder zwischen Katholizismus und Protestantismus in Europa und anderen Ländern, in denen sich Europäer ansiedelten. Die Notwendigkeit eines Säkularismus ist vor dem Hintergrund dieser inter- und intrareligiösen Konflikte zu sehen. Daß Erziehung, Bildung, technologischer Fortschritt und Moderne nicht ausreichen, um religiösen Fanatismus und Fundamentalismus zu beseitigen, das hat uns insbesondere die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts gezeigt. Zahlreiche kommunale und sektiererische Unruhen und Kriege sind im Namen der Religion ausgefochten worden. Terrorismus, Blutvergießen und Kriege sind durch Religion rechtfertigt worden. Die Konzepte von Dharmayuddhaoder Jihad sind nicht neu. Kurukshetra, der Ort, an dem der Sage nach der epische Kampf des Mahabharata stattgefunden haben soll, wird häufig als dharmakshetra beschrieben. Länder sind aufgrund religiöser Konflikte geteilt worden. Dies sind nur ein paar Beispiele, die verdeutlichen sollen, woher der Ruf nach einer säkularen Ideologie kommt. Säkularismus hat noch eine andere Bedeutung, die sich enthüllt, wenn man die Unterscheidung zwischen säkularer und sakraler Gesellschaft hervorhebt. Während man von den Mitgliedern einer säkularen Gesellschaft behauptet, daß sie positiv auf neue kulturelle Veränderungen ansprechen, hält man die Mitglieder einer sakralen Gesellschaft in der Regel für unfähig, mit Veränderungen umzugehen. So glaubt man, daß in einer sakralen Gesellschaft alles neue verdächtig erscheint, es wird in Frage gestellt und in den meisten Fällen abgelehnt. In einer säkularen Gesellschaft hingegen werden neue Lebensformen willkommen geheißen. Eine sakrale Gesellschaft tendiert zu Engstirnigkeit, eine säkulare Gesellschaft hingegen ist offen dafür, sich mit anderen Gesellschaften und ihren Wertsystemen auszutauschen. Es gibt Überlegungen, daß Kalvinismus und Nationalsozialismus Prototypen einer sakralen Gesellschaft waren. Eine weitere Bedeutung des Säkularismus erschließt sich aus der Bewegung, die den Idealen der diesseitigen Welt gegenüber völlig gleichgültig ist und sich um so mehr den Idealen einer anderen, jenseitigen Welt verpflichtet fühlt. Diese säkulare Herangehensweise des Christentums wurde von den Humanisten der europäischen Renaissance, den Bhaktibewegungen in Indien und dem Sufismus der islamischen Welt bestritten. Die Bestätigung weltlicher, technologischer und sogar urbaner Werte durch das moderne Christentum ist ein eindeutiger Beweis für die Überwindung des orthodoxen Säkularismus. Das Zusammenwirken der neuen Medien hat positiv dazu beigetragen, daß bei den religiösen oder/und ethischen Wertsystemen auf der ganzen Welt immer mehr der Mensch im Mittelpunkt steht. Es ist nicht einfach, die Beziehung zwischen Modernisierung und Säkularisierung zu definieren. Die Merkmale der Modernisierung sind in vielen Formen des sozialen, politischen, ökonomischen und technologischen Lebens nicht verbreitet. Aus der politischen Sichtweise wird von einer modernen Gesellschaft erwartet, daß sie demokratisch ist, d.h. über eine repräsentative Regierung und Gesetzgebung verfügt, Meinungsfreiheit garantiert, eine Teilung der Macht repräsentiert, etc. In ökonomischer Hinsicht wird die Industrialisierung als das Basiskonzept der Modernisierung angesehen. Es ist nicht einfach, den exakten historischen Zeitpunkt zu bestimmen, an dem eine Gesellschaft technologisch modern wird. Technologie ist ein fortwährender Prozeß. Technologische Revolutionen finden nicht häufig statt. So werden zum Beispiel Dampfmaschinen, Nuklearenergie etc., nicht jeden Tag erfunden. Diese Unbestimmtheit spiegelt sich auch in den Bereichen der Politik und Wirtschaft wieder. Was gestern noch modern war, wird heute nicht mehr als modern angesehen. Begriffe wie traditionell, modern und postmodern sind verschwommen, d.h., sie beziehen sich auf bestimmte kulturelle oder periodische Gegenstände, manchmal auch auf beide. Säkularisierung ist ein wichtiger Weg, um Modernisierung zu beschreiben. Was säkular ist, ist auch modern. Hier wird folgendes impliziert: technologische Produktion von Gütern und Dienstleistungen, gekoppelt mit einem Kult der Leistungsmaximierung. Das Säkulare wird vom Traditionellen getrennt. Wenn die höchsten traditionellen Werte Gründlichkeit, Tiefe und Perfektion sind, dann sind die säkularen Werte utilitaristische Dynamik und Analyse. In einer traditionellen Gesellschaft orientieren sich menschliche Handlungen grundsätzlich an Regeln und Konventionen. In einer säkularen Gesellschaft basieren sie auf innovativen, freien und individuellen Entscheidungen. Ferner kann darauf hingewiesen werden, daß sich menschliches Verhalten gegenüber Veränderung in einer traditionsgebundenen Gesellschaft grundsätzlich von dem Verhalten in einer säkularen Gesellschaft unterscheidet. Traditionelle Gesellschaften haben die Tendenz, vor institutionellen Innovationen zurückzuschrecken. Sie begegnen neuen Stilen, Formen und Normen der Kunst, Kleidung, zwischenmenschlicher Beziehungen und des Benehmens mit Mißtrauen. Eine moderne Gesellschaft hingegen ist kritisch und kreativ, kritisch einer toten Vergangenheit gegenüber und grundsätzlich bereit, eine neue Zukunft zu schaffen. Natürlich will eine moderne Gesellschaft ihre neuen Institutionen, Verhaltensweisen und praktische Richtlinien nach dem Muster ihres Wertesystems legitimieren, und sie will sich auf keinen Fall auf die Tradition beziehen. Pragmatismus und konsequentes Verhalten werden als die wesentlichsten Merkmale einer säkularen Gesellschaft angesehen. Ein anderer Ansatz, säkulare Gesellschaften zu definieren, ist, ihre Orientierung an institutioneller Unterscheidung hervorzuheben. Zum Beispiel üben die Menschen in einer traditionellen Gesellschaft in der Regel die Berufe ihrer Vorfahren aus. In einer säkularen Gesellschaft hingegen ist die Berufswahl eine Frage der Eignung und freien Entscheidung. Nehmen wir einmal das indische Kastensystem. Wir können davon ausgehen, daß der Sohn eines Zimmermanns mit größter Wahrscheinlichkeit auch Zimmermann wird, der Sohn eines Priesters Priester, usw. Im heutigen säkularen Kontext sehen wir aber, daß Brahmanen sich auch in anderen Berufen engagieren, so zum Beispiel bei der Herstellung und beim Export von Lederwaren; viele gebildete junge Männer, deren Väter stets Zimmerleute waren, tendieren dazu, im Textilgeschäft zu arbeiten. Aus all dem können wir schließen, daß säkulare Gesellschaften komplexer sind als traditionelle Gesellschaften. Von allen traditionellen Verbindungen losgelöst, sucht eine säkulare Gesellschaft nach Stabilität durch Selbständigkeit. Ich habe bereits an anderer Stelle hervorgehoben, daß die Frage des Säkularismus in Bezug auf einen spezifischen sozialen oder politischen Kontext behandelt werden muß. Fernerhin habe ich verdeutlicht, daß das Ideal der Säkularisierung recht häufig verwendet wird, um auf alte, insbesondere religiöse Ideale zurückzuführen und sie zu modernen Zwecken zu nutzen. In vielen kolonialen Ländern waren Friedensbewegungen, die sich gegen den Westen richteten, von religiösen Ideen und Ritualen beeinflußt. Die großen indischen Autoren, von Bankim Chandra Chatterjee (z.B. Anandamath und das berühmte vertonte Gedicht "Bandemataram", in dem das Land als Mutter verehrt wird) bis zu Lokmanya Tilak und Sri Aurobindo, waren alle von der religiösen Tradition des Hinduismus beeinflußt. Der Einfluß der Bhagavad Gita ist hier offensichtlich. Diese Pioniere der nationalistischen Bewegung waren in ihrer politischen Überzeugung und Herangehensweise radikal und sie verarbeiteten in ihren Arbeiten viele typische hinduistischeIdeen. Gleichzeitig muß aber auch angeführt werden, daß sie an die hindu-moslemische Einheit glaubten und daran, daß die Fremdherrschaft erst beendet werden könne, wenn beide Seiten vereint wären. Vielleicht kann man auch anführen, daß ihre starke Betonung hinduistischer Ideen und Ideale zum Teil dazu beitrug, daß die gebildeten Moslems an ihrer Befürwortung des Säkularismus (im nichtreligiösen Sinne) Zweifel hegten. Selbst die Herangehensweise Gandhis war für die Minderheiten trotz ihrer starken säkularen Betonung (säkular im Sinne von gleichem Respekt allen Religionen gegenüber) nicht akzeptabel. Diese ambivalente Haltung der Hinduführer, die zur Kongreßpartei gehörten, wurde von führenden Nationalisten, wie etwa Maulana Abul Kalam Azad, auf das schärfste kritisiert. Dieser Trend existiert bis heute. Auch wenn die Befürworter der Hindutva-Ideologie behaupten, daß sie die Anhänger anderer Religionen akzeptieren und daß es sich um ein rein kulturelles Konzept handelt, halten die meisten Minderheiten Indiens dieses Konzept für eine hinduistische Annäherung an nationale Politik. Ein vergleichbarer Trend läßt sich in den antiimperialistischen Friedensbewegungen in den islamischen Ländern beobachten. Die konservative ulama, welche die traditionellen islamischen Ideen vertrat, lehnte Modernisierung ab und klagte ihre Befürworter des Vergehens an, den islamischen Glauben zu verraten und westlichen Idealen zu folgen. In diesem Zusammenhang werden häufig die Namen Muhammad Iqbal (Indien vor der Teilung) und Muhammad Rashid Rida (Ägypten) genannt. Dies soll nicht den Eindruck vermitteln, daß sie in ihren Ansichten fundamentalistisch oder gar fanatisch waren, aber man muß doch anmerken, daß ihre patriotischen, poetischen, philosophischen und religiösen Ideen sehr stark religiös inspiriert waren. Die Erneuerungsbewegung der moslemischen Bruderschaft im mittleren Osten und die Jamaat-e Islami Südasiens verdanken ihren Ideen viel. Erneuerungsbewegungen bilden eine starke Opposition gegen den westlichen Lebensstil, der unter anderem durch eine immer größer werdende Nachgiebigkeit und einen allmählichen Zusammenbruch des traditionellen Familiensystems gekennzeichnet ist. Es ist von besonderem Interesse, daß der Konflikt zwischen dem traditionell Religiösen und dem modernen Säkularen in verschiedenen Teilen der islamischen Welt, insbesondere in der Türkei, neuerdings eine völlig neue Wendung zu nehmen scheint. Zum Beispiel schaffte Kemal Atatürk die alte Institution des Kaliphat ab, erklärte die türkische Republik zum säkularen Staat, schaffte die Shariah-Gesetze ab und übernahm die westliche Gesetzgebung. Diese ultramoderne Herangehensweise wurde von der traditionellen Gesellschaft des Landes nicht wohlwollend aufgenommen. Und für eine lange Zeit bildetet die ländliche Bevölkerung eine leise und mehr oder weniger wirksame Opposition gegen diese Entscheidungen. Es scheint, daß die traditionellen sozialen Kräfte nach und nach wieder auf der politischen Ebene an Boden gewonnen haben. Dies überrascht keineswegs. Soziale Veränderung erweist sich als wesentlich schwieriger und zäher als politische Veränderung. Zum Beispiel konnte in Indien vor kurzem ein vereinter Zivilkode durch das Parlament erlassen werden. Man sollte sich in diesem Zusammenhang auch in Erinnerung rufen, daß Nehrus Versuch scheiterte, den hinduistischen Code Bill ins Parlament einzuführen. Es ist völlig klar, daß fundamentale, soziale Veränderung nicht allein durch Gesetzgebungen herbeigeführt werden kann. In traditionellen Gesellschaften dringt ein Wechsel an der Spitze nicht immer bis zum Grund vor. Was für die gebildete urbane Bevölkerung akzeptabel ist, muß für die ländliche Bevölkerung keineswegs in Ordnung sein. Dieser Konflikt zwischen traditionellen Werten und nichtreligiösen säkularen Ansätzen durchdringt viele Teile Nordafrikas, Westasiens, Zentralasiens, Südasiens und Südostasiens. Wir haben bislang zwei verschiedene, beinahe konträre Bedeutungen von Säkularismus herausgefunden: (i) religiös oder pro-religiös und traditionell und (ii) modern, nichtreligiös oder anti-religiös. Nachdem ich bestimmte Punkte der zwei Aspekte des Säkularismus im afro-asiatischen Kontext angesprochen habe, möchte ich nun einige weitere Punkte dieses Gegenstandes im euro-amerikanischen Kontext erhellen. Die Entstehung des Protestantismus in Deutschland im frühen sechzehnten Jahrhundert war nicht nur für die Geschichte des Christentums in Europa ein einschneidendes Ereignis, sondern auch für die Länder, die durch Kolonialisten und Missionare mit dem christlichen Glauben in Kontakt kamen. Protestantismus wurde zur wirksamsten Kraft für die Trennung von Kirche und Cäsar, wobei die Trennungslinie zwischen dem Gehorsam gegenüber der Kirche und Cäsar, zwischen Kirche und Staat, gezogen wurde. Das Zeitalter der Reformation hat viele ekklestische Reformen ins Leben gerufen, die schließlich zu einer Reformation der Kirche führten. Es gab den Impuls für einen Bedeutungsanstieg regionaler Kirchen, was eine Schwächung, eventuell sogar völlige Zurückweisung der päpstlichen Autorität des Vatikans nach sich zog. Seine am klarsten ausgearbeitete Form erhielt der Protestantismus in England und in den deutschen Ländern (vor der Vereinigung) der damaligen Zeit. Kurz gesagt, der Geist des Protestantismus und der Reformation wollte eine Autorität des ursprünglichen Wortes Gottes, so wie es in der Bibel zu finden war, wiedererlangen und die Interpretationen seiner Botschaft durch die Autoritäten der damaligen Zeit für nichtig erklären. Die Werke Luthers und Calvins sollten die Vorherrschaft der Bibel über die Kirche herstellen. Die protestantische Bewegung wurde schon zu ihren Anfängen, während der Reformation, in zwei Gruppen unterteilt: die Lutheraner und die Reformierten. Die skandinavischen und die norddeutschen Länder waren die lutherischen Staaten, Holland, Schottland und die französischen Städte der Hugenotten waren die reformierten Staaten. Die protestantischen Staaten änderten ihre Form der Gottesverehrung auf verschiedene Art und Weise. Sie schlossen auch die äußere Autorität der Kirche, des Bischofs und des Papstes aus und erhoben die Autorität des Staates über die der Kirche. Ein weiteres Ergebnis der Reformation war die religiöse Freiheit. Diese wiederum motivierte die Kraft, die sich für nationale Freiheit und moralische Reform einsetzte. So erlangte zum Beispiel Holland in den Kriegen der Jahre 1568-1648 seine Unabhängigkeit von Spanien. Es war auch dieser Geist, der die Schotten dazu bewog, einen Unabhängigkeitskrieg gegen England zu führen. Analoge Erscheinungen geschahen, wie ich bereits an anderer Stelle vermerkt habe, später und unter anderen Umständen in vielen europäischen Kolonien. Die Unabhängigkeit Amerikas, die Vereinigung Deutschlands und die Übersee-Expansion der englischen Herrschaft trugen entscheidend zu einem weltweiten Einfluß des Protestantismus bei. Die christlichen Missionare der europäischen Länder konnten, ungeachtet ihrer imperialistischen Schirmherrschaft, in vielen Fällen durch soziale und medizinische Dienste sowie durch Bildungsprogramme erfolgreich die Botschaft Christi den Menschen außerhalb Europas vermitteln. Der Geist der Erneuerung konnte durch seine starke Präsenz in England, Skandinavien und vor allem in den Vereinigten Staaten die Bedürfnisse der urbanen industriellen Arbeiterklasse befriedigen. Die Konzepte des Christentums und des Sozialismus, die von Natur aus verschieden sind, konnten mit Hilfe neuer Interpretationen zusammengebracht werden. In verschiedenen europäischen Ländern bildete sich eine christliche sozialistische Ideologie heraus. Viele europäische ethnische Gruppen katholischen Ursprungs traten nach ihrer Übersiedlung in die Vereinigten Staaten allmählich zum Protestantismus über. In dem säkularen Staat Amerika konnten sie zu einer neuen religiösen Einheit finden und eine neue spirituelle Identität annehmen. Dies beweist, daß verschiedene Gruppen von Menschen durch den Einfluß von Industrialisierung und Modernisierung eine neue Identität finden können, wenn sie von ihren ursprünglichen sozialen und religiösen Wurzeln befreit sind. Darüber hinaus zeigt die Verbreitung des Protestantismus innerhalb und außerhalb Europas eine weitere wichtige soziale Entwicklung: Toleranz. Selbst solche dominant katholischen Länder wie Rußland tolerierten die Entstehung protestantischer Kirchen. Die politische Vereinigung Deutschlands in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts rechtfertigte den Grund für Säkularismus, für die Trennung von Kirche und Staat. Was jedoch noch weitreichendere Konsequenzen nach sich zog, war die Errichtung der Vormachtstellung einer Staatsautorität, die eine Vereinigung der zahlreichen kleinen Staaten mit sich brachte. Dies zeigt ganz deutlich, daß politische Macht, wenn sie im richtigen Sinne aufgefaßt und ausgeübt wird, eine wirksamere vereinigende Kraft darstellen kann als Religion. Ein weiterer nennenswerter Verdienst des Protestantismus war das Recht, die Bibel kritisieren zu können. Denker und Philosophen konnten fortan das Christentum auslegen, wie sie wollten. So präsentierte zum Beispiel der Engländer John Henry Newman, Autor der Oxfordbewegung, eine neue Interpretation des Protestantismus. Er verteidigte viele katholischen Elemente innerhalb des protestantischen Rahmens. In Deutschland propagierte der Philosoph Hegel den Gedanken, das Christentum müsse als idealistische Philosophie interpretiert werden. Hierdurch ebnete er der politischen Einheit der Deutschen den Weg. Ein anderer Philosoph, der Däne Kierkegaard, lieferte eine weitere Interpretation des Christentums. Er war ein vehementer Kritiker Hegels und betonte die existentielle Tragödie und das Leid menschlicher Existenz. Der Existentialismus gab dem Säkularismus eine neue Wendung. Diese Denkweise legte den Menschen nahe, institutionalisierte Religionen, ihre theoretischen Ausführungen, leblosen Praktiken, Riten und Ritualismus zu meiden. Der Existentialist behauptet, daß ein Mensch, wenn er religiös sein will, an sein eigenes Leben glauben muß. Es genügt nicht, von der politischen Autorität unabhängig zu sein; man muß von allen äußeren Autoritäten unabhängig werden - von den politischen, ökonomischen, sozialen und sogar religiösen. |
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