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Wege durch die Zeit ins 21. Jahrhundert


Ungleichheit verringern und Entwicklung fördern

Ansprache in der Eröffnungssitzung "Ethik der Schaffung, der Verteilung und des Konsums von Wohlstand"

Dietrich Fischer
Professor für Computerwissenschaften an der Pace University, New York

 
Übersetzung: Sara-I. Geerdes
Redaktion: Carla Geerdes

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Nur Wenige befürworten Krieg, Armut, Umweltverschmutzung und Menschenrechtsverletzungen. Warum beachten wir dann so vieles davon? Ist es auf menschliche Selbstsucht, Kurzsichtigkeit, ein unzureichendes Rechtssystem oder einfach nur auf Unwissenheit zurückzuführen? All diese Faktoren und einige mehr spielen dabei eine Rolle. Sie alle können als Ausdruck des Versagens des geregelten Rückmeldesystems angesehen werden.

Jedes lebensfähige System in der Gesellschaft oder in der Natur beinhaltet zahlreiche selbsttätige Rückmeldemechanismen, die den gegenwärtigen Zustand ständig mit einem wünschenswerten Zielzustand vergleichen und die korrigierende Mechanismen in Bewegung setzen, wenn sie eine Abweichung feststellen. Das menschliche Immunsystem, welches Krankheitskeime ausfindig macht und sie beseitigt, bevor sie sich vermehren und ausbreiten können, ist ein Beispiel dafür. Ein anderes Beispiel für ein solches Rückmeldekontrollsystem auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene ist das Rechtssystem. Gesetze setzen Normen für das Verhalten fest, Gerichte entscheiden, ob ein Gesetz übertreten worden ist und die Polizei setzt die Gesetze durch.

Ein geregeltes Rückmeldesystem enthält drei Hauptbestandteile:

  1. Das erwünschte Ziel,
  2. Möglichkeiten, die Abweichungen vom Ziel zu messen, und
  3. korrigierende Mechanismen, um die Abweichungen vom Ziel zu verringern.

 

Solch ein System kann auf sechs mögliche Arten versagen:

  1. Es gibt keine Vereinbarung über das Ziel (ein Thema für die Konfliktlösung);
  2. Die Abweichungen können nicht festgestellt werden, selbst wenn das Ziel eindeutig ist (ein Thema für Beobachtung und Maßstab)
  3. Selbst wenn die Abweichungen bemerkt werden, haben diejenigen, die sie korrigieren können, keinen Anreiz, dies zu tun, da andere in Mitleidenschaft gezogen werden (eine Angelegenheit von Äußerlichkeiten und auch der Moral, nämlich, ob wir uns um einander kümmern);
  4. Selbst wenn diejenigen, die ein Problem verursachen, schließlich darunter leiden, sind die Folgen nicht unmittelbar abzusehen und es mißlingt, sie vorauszusehen (eine Angelegenheit der Zukunftsplanung);
  5. Die Menschen versagen aufgrund von Vorurteilen, Haß oder anderer Quellen unsinnigen Verhaltens darin, ein Problem zu korrigieren, obwohl sie rechtzeitig über genaue Informationen verfügen (eine Angelegenheit von Psychologie und Bildung);
  6. Es wäre möglich, daß die Menschen nicht wissen, wie sie ein Problem korrigieren sollen oder ihnen die notwendigen Mittel dazu fehlen, obwohl sie sich des Problems völlig bewußt sind. (Eine Angelegenheit der Mittel, der Wissenschaft, der Technologie und der Bildung.)

 

Die hier kurz umrissene Methode soll "Anpassungstheorie" genannt werden, da sie die Anpassung an wechselnde äußere Bedingungen mit dem Ziel des Überlebens unterstützt.

An dieser Stelle möchte ich kurz untersuchen, wie diese sechs Ausfälle zu Ungleichheit und Unterentwicklung beitragen und wie die Organisationen der Vereinten Nationen gestärkt werden können, um sie überwinden zu helfen.

 

1. Verständigung über die Ziele

 

Eine ganze Reihe von Unternehmen fördert internationale Vereinbarungen zu Themen wie Handel, Transportkosten, Verkehrswegen, Arbeitsgesetzen und den weltweiten Nutzen von Gütern. Ebenso ist die Gründung einer Agentur für Raumfahrt innerhalb der Vereinten Nationen dringlich geworden, um die wachsende Verwertung des Weltraums zu regeln und zukünftige Kriege über Raumressourcen zu verhindern. Größere Anstrengungen sind auch erforderlich, um die gewaltige Einkommenslücke zwischen den reichen und den armen Ländern zu verringern. Tinbergen weist darauf hin, daß die Zustimmung der entwickelten Länder, wenn nicht aus Selbstlosigkeit, so doch wenigstens aus Eigennutz erfolgen sollte, um die Überschwemmung mit Strömen zukünftiger Wirtschaftsflüchtlinge zu verhindern.

 

2. Wahrnehmung der Abweichungen

 

Eine Vielzahl statistischer Büros im System der Vereinten Nationen häuft Informationen über den Zustand der Weltwirtschaft an, eine Vorbedingung für voraussehende Planung. Eine andere für die wirtschaftliche Entwicklung hilfreiche Initiative ist eine Kampagne gegen Korruption, eines der größten Hindernisse der Entwicklung. Solange es leichter ist, Reichtum durch Kontrolle der Polizei oder des Militärs als durch die Herstellung von gefragten Gütern zu erwerben, werden die ehrgeizigsten Menschen eher dazu neigen, Militärputsche zu planen oder sich auf das organisierte Verbrechen einzulassen als in florierende Unternehmen zu investieren. Die UN-Menschenrechtskommission und Amnesty International konnten die Anzahl der Menschenrechtsverletzungen durch Veröffentlichungen verringern. 1993 wurde die regierungsunabhängige Organisation Transparency International mit Sitz in Berlin mit dem Ziel gegründet, Korruption durch Aufdeckung zu bekämpfen und den Regierungen zu helfen, wirkungsvollere Politik zu ihrer Verhinderung zu betreiben.

 

3. Anreize

 

Zur weltweiten Förderung des fairen Wettkampfes wären einklagbare globale Anti-Kartellgesetze von Nutzen, um die Anhäufung von Monopolen in den Händen weniger transnationaler Aktiengesellschaften zu begrenzen.

 

4. Weitsicht

 

Einfacher als sich mit der Schuldenkrise im Nachhinein zu befassen, wäre die Untersuchung der in der Weltwirtschaft verantwortlichen Kräfte für den Hang, Wohlstand anzuhäufen und welche Kräfte selbsttätig dazu neigen, die Einkommensunterschiede zu verringern. Die Tatsache zum Beispiel, daß Firmen es vorziehen, neue Fabriken in Ländern mit den niedrigsten Arbeitslöhnen zu eröffnen, führt über Landesgrenzen hinweg über längere Zeit allmählich zu einer Verringerung der Arbeitslohnunterschiede. Die Tatsache, daß reiche Länder durch ausländische Anlagen Gewinne erzielen können, wohingegen ärmere Länder dazu neigen, tiefer und tiefer in Schulden zu versinken, vertieft auf der anderen Seite die Einkommensunterschiede. Es sollte möglich sein, zukünftige Krisen durch Stärkung der Mechanismen zu mildern, die größere Gleichheit unterstützen und Entwicklungen unterdrücken, die weltweit die Ungleichheit verstärken.

 

5. Vorurteile überwinden

 

Manchmal können wir den Hang zur Verschwendung erkennen und überwinden, wenn wir mehr über Lebensart und Sitten anderer Menschen erfahren. Gesellschaften, in denen Frauen oder ethnische Minderheiten unterdrückt werden, können am Beispiel der Gesellschaften lernen, welche die Diskriminierung im Bezug auf Geschlecht oder Rasse größtenteils überwunden haben.

 

6. Das Wissen und die Mittel

 

Jan Tinbergen hat bemerkt, daß manche internationalen Organisationen fast jeder Regierungsabteilung auf nationaler Ebene entsprechen, beispielsweise die Organisation für Ernährung und Landwirtschaft einem Landwirtschaftsministerium, die Internationale Organisation für Arbeit einem Arbeitsministerium, die Weltgesundheitsorganisation einem Gesundheitsministerium, etc. Die meisten nationalen Wirtschaften haben drei finanzielle Haupteinrichtungen, eine Rücklagenbank, eine Investmentbank und ein Finanzministerium. Der internationale Währungsfonds entspricht einer Rücklagenbank, wenn auch seine Funktionen erweitert werden sollten. Die Weltbank entspricht einer Investmentbank. Auf weltweitem Niveau ist nichts einem Finanzministerium vergleichbar. Dennoch würde jede Regierung ohne ein Finanzministerium zusammenbrechen, welches öffentliche Einnahmen sammelt, um all ihre Unternehmungen zu finanzieren. Darum schlägt Tinbergen die Einrichtung eines Weltfinanzministeriums vor, das die Unternehmungen der UN und die der mit ihr eng verbundenen Organisationen auf einer sicheren Basis finanziert. Wahrscheinlich wird es nicht so bald eine Vereinbarung über Welteinkommenssteuern geben, aber eine Quelle für öffentlichen Einnahmen könnten anfangs Gebühren für die Erforschung von Mineralressourcen auf dem tiefen Meeresgrund außerhalb des nationalen Zuständigkeitsbereiches irgendeines Landes sein. So könnten auch zukünftige Kriege über diese Ressourcen vermieden werden. Als in Texas zum erstenmal Öl entdeckt wurde, bombardierten rivalisierende Ölfirmen sich gegenseitig ihre Bohrtürme, um zuerst an das Öl zu gelangen. Dennoch erkannten sie bald, daß sie auf diese Weise keinen Gewinn erzielen konnten. Heutzutage wissen sie zu schätzen, daß die US-Regierung an den Meistbietenden für ein Gebiet exklusive Bohrrechte überträgt. Für ihre Zahlungen erhalten sie die Zusicherung, in Frieden bohren zu können, ohne Angst haben zu müssen, daß jemand das Öl wegnimmt, das sie gefunden haben. Ähnliche Mechanismen auf weltweiter Ebene würden nicht nur beträchtliche öffentliche Einnahmen schaffen, sondern den Firmen, die diese Reserven ausnutzen möchten, auch wertvolle Dienste zur Verfügung stellen. Andere mögliche Quellen öffentlicher Einnahmen für ein Weltfinanzministerium schließen eine Gebühr für in Erdnähe installierte Satelliten, eine Versteigerung des internationalen Radiospektrums und eine durch Tobin vorgeschlagene Steuer auf Währungstauschgeschäfte ein. Auch die Abrüstung und eine Umstellung der Wirtschaft können beträchtliche Ressourcen freisetzen. UNICEF schätzt, daß für $1.50 pro Kind die Kinder aller Entwicklungsländer gegen die häufigsten vermeidbaren Krankheiten geimpft werden könnten, an denen fast 3 Millionen Kinder unter 5 Jahren jedes Jahr sterben, um nur ein Beispiel aufzuzählen. Das würde um die $150 Millionen pro Jahr kosten, weniger als ein Zehntel der Kosten für einen Stealth-Bomber.

Vielleicht wird die Ressource "Entwicklung fachlichen Wissens" am seltensten verwertet. Im Gegensatz zu körperlichen oder finanziellen Ressourcen, die von jemandem aufgegeben werden müssen, damit sie jemand anderes bekommen kann, kann nützliches Wissen, wenn es einmal erworben worden ist, ohne Beschränkung und fast ohne zusätzliche Kosten vervielfältigt werden. Voltaire hat einmal gesagt, daß der Frieden aufgebraucht ist, wenn er nicht gebraucht wird. Dies läßt sich auch auf das menschliche Wissen übertragen. Wenn die am wenigsten verschmutzenden und am wenigsten ressourcen-, energie- und arbeitsintensiven Herstellungsmethoden überall auf der Erde bekannt wären und es sie überall zu kaufen gäbe, könnte jeder viel besser dran sein. Die Waffenforschungslabore, die aus dem Kalten Krieg übriggeblieben sind, könnten sich nun mit akademischen Einrichtungen zu einem weltweiten Netzwerk angewandter Technischer Universitäten und Forschungseinrichtungen (NATURE) zusammenschließen, um bei der Lösung eines weltweiten Problems zusammenzuarbeiten, anstatt eine gegenseitige Zerstörung zu planen. Sie könnten forschen über die Umwelt nicht belastende Fertigungsprozesse, über sichere und erneuerbare Energiequellen, über widerstandsfähiges und sehr ertragreiches Getreide, über neue und preiswertere Heilmethoden gegen Krankheiten, um nur wenig zu nennen, und ihre Entdeckungen weltweit teilen.

 

Abschließende Bemerkungen

 

Die wachsende globale Abhängigkeit hat Probleme aufkommen lassen, die einzelne Staaten nicht länger allein lösen können. Nur durch weltweite Zusammenarbeit können wir Klimaumschwünge vermeiden, den internationalen Drogenhandel eindämmen oder nuklearen Terrorismus verhindern. Gleichzeitig haben Verbesserungen im Transportwesen und in der Kommunikation die weltweite Zusammenarbeit erleichtert. Viele Regierungen sind immer noch aus der Angst heraus, einen Teil ihrer Staatshoheit zu verlieren, unwillig, einer weltweiten Autorität beizutreten, die sich mit weltweiten Problemen beschäftigt. Aber diese Angst ist falsch. Kein Land hat zum Beispiel heutzutage die uneingeschränkte Kontrolle über die Ozonschicht. Wenn wir einer weltweiten Behörde beitreten, können Emissionsquoten zugewiesen und erzwungen werden, und wir geben die Kontrolle über unser Schicksal nicht auf. Wir erreichen im Gegenteil zusätzliche Kontrolle, die wir jetzt nicht besitzen, und die wir auf nationaler Ebene niemals erreichen können.

Die ersten Hochkulturen entstanden vor ungefähr 6000 Jahren in den Tälern des Nil, des Euphrat und des Yellow River, als die Bauern sich Problemen stellten, die sie allein nicht lösen konnten. Um Überflutungen und Dürreperioden zu verhindern, war es notwendig, Dämme zu bauen und den Strom der Flüsse zu regulieren, was die organisierte Zusammenarbeit von Tausenden von Menschen erforderte. Dies gab Anlaß zur Entstehung der ersten Staaten, zur Entwicklung der geschriebenen Sprache, zur Kodifizierung der Gesetze und zum Florieren von Wissenschaft und Kunst. Heute stehen wir vor Problemen, die nicht einmal eine Übermacht alleine lösen kann. Hoffentlich führt dies zu einer verstärkten weltweiten Zusammenarbeit, ehe es zu spät ist. Die moderne Wissenschaft und Technologie verleihen der Menschheit beispiellose Kräfte. Wir können diese nutzen, um unsere Welt lebenswerter zu gestalten oder um sie zu zerstören. Wir haben die Wahl.

 

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