In Indien ist die Grenze zwischen Religion und Philosophie nicht so scharf markiert wie in den Philosophien
des Westens. Für die meisten Hindu-Philosophen bilden die heiligen Traditionen, wie wir sie im Veda und anderen indischen religiösen Überlieferungen finden, die Grundlage weiterer Vermutungen. Die zentralen Lehren dieser Werke, wie etwa die Lehre von der Vergeltungskausalität der Tat (karma), der Seelenwanderung (Inkarnation) und Erlösung (moksha) werden ohne kritische Stellungnahme anerkannt. Die orthodoxen
Lehrgebäude unterscheiden sich zwar in den Einzelheiten ihrer metaphysischen Ausgestaltung - in der Bestimmung des Wesens der Seele etwa oder in ihrer monistischen bzw. pluralistischen Anschauung - in den großen Grundfragen nach Sinn und Ziel des Lebens sowie in den dargebotenen Erlösungswegen stimmen sie hingegen größtenteils überein. Man kann sie als den individuellen Bedürfnissen verschiedener Menschentypen angepaßte "Anschauungsweisen" (darshanas) verstehen, die durchaus sehr
stark voneinander abweichen können. Im Westen wäre es nahezu undenkbar, die Leugnung der Existenz eines ewigen Weltschöpfers und Weltregierers als ebenso autoritativ anzusehen wie die Annahme eines persönlichen Gottes oder eines unpersönlichen Absoluten. In Indien hingegen sind die Auffassungen über das Wesen der Religion und ihrer Phänomenologie wesentlich vielseitiger und umfassender als in der christlichen Geisteswelt. Neben der bedingungslosen Annahme der Lehren der heiligen Überlieferung gab es jedoch auch oppositionelle philosophische Systeme, die die unumstößliche Wahrheit der religiösen Überlieferungen und die Bedeutung religiöser Bräuche in Frage stellten. Hierzu zählte vor allem die Schule der Charvakas, die alles Jenseitige leugnete und an die Stelle der klassischen Lehren eine feste, materiell ausgeprägte Dogmatik setzte und eine philosophische
Strömung, die im 19.Jahrhundert vornehmlich unter der geistigen Leitung des Asketen Bakhtavar die "Lehre vom Leeren" propagierte. Diese Anschauung steht in engem gedanklichem Zusammenhang zum Mahayana-Buddhismus; sie sah im Gegensatz zu den Charvakas, die die Innenwelt des Menschen aus den materiellen Faktoren der Außenwelt erklären wollten, die Außenwelt als Spiegelungen des Ichs. Pandarang Shastri
Athavale erklärt in seinem Artikel das Wesen und die Funktionen der indischen Philosophie. Es geht ihm in in seiner Darlegung weniger um die Benennung und Differenzierung der verschiedenen philosophischen Systeme als um eine anschauliche und vor allem dem westlichen Leser zugängliche Erläuterung des Stellenwertes der indischen Philosophie in der heutigen Welt. Für ihn bedeutet Philosophie vor allem "Heilsweg". In diesem Sinne sieht er übereinstimmend mit dem traditionellen indischen
Verständnis in der Philosophie die Möglichkeit, einer Welt neuen Sinn zu geben, die nach dem weitgehenden Verlust ihrer ethischen Werte der Neuorientierung bedarf. Athavale eröffnet einen umfassenden Überblick über das sehr komplexe Thema der indischen Philosophie und bringt dem Leser durch seine subjektive Herangehensweise das Phänomen "Indische Geisteswelt" nahe. top zurück zum Artikel "Das Wesen und die Funktionen der Philosophie in der indischen Auffassung" |