Seit etwa 1000 n. Chr.(der Zeit der moslemischen Invasionen nach Südasien) traten in Indien eine Reihe von
religiösen Lehrern in Erscheinung, die verschiedene Lehrsysteme des Vishnuismus schufen. Diesen Systemen, die auf einer gefühlsbetonten Verehrung (bhakti) des hinduistischen Gottes Vishnu basierten, war die Opposition gegenüber dem Lehrsystem Shankaras (kevaladvaita) gemeinsam. Nach Shankaras (788-820 n. Chr.) Auffassung war die Welt nur eine Illusion (maya), in deren Rahmen Gott als einzige Wahrheit und persönlicher Weltregierer den Kosmos aus sich heraus
entfaltet hat und beherrscht. Die Einzelseelen haben ihn als ihren Herrn zu verehren und erhoffen von ihm, daß er ihnen zu höherer Erkenntnis und letztendlicher Erlösung verhilft. Eine der einflußreichsten vishnuitischenSchulen, zu der sich noch heute viele Hindus in Südindien bekennen, wurde von Ramanuja (vermutlich 1017-1137 n. Chr.) begründet. Ursprünglich ein Anhänger der Lehre Shankaras, wandte sich
Ramanuja unter dem Einfluß der tamulischen Alvars (Propheten) und Acaryas (Meister, Lehrer) dem Vishnuismus zu und bekämpfte die Illusionstheorie des 'absoluten Monismus'(kevaladvaita), wie sie in der Lehre Shankaras enthalten ist. In zahlreichen Kommentaren zu den heiligen Schriften (Veden, Upanishaden, Puranas) setzte er an die Stelle dieser Form der All-Einheitslehre einen 'qualifizierten Monismus'(vishishthadvaita) als den wahren
Sinn der Offenbarung und Tradition. Nach dieser Lehre läßt Gott das Universum periodisch aus sich selbst hervorgehen, so daß die Einzelseelen (jiva) und die ungeistige Materie (prakriti), solange die Welt existiert, als reale Größen bestehen, die Gott 'qualifizieren'. Diese haben nicht nur Gott als materielle Ursache, sondern werden auch von ihm durchdrungen und geleitet. Die Seelen und die Materie werden hier als Attribute Gottes gedeutet, der sie bei den zyklischen
Weltvernichtungen wieder in sich aufnimmt, so daß sie dann nur in subtiler, potentieller Form vorhanden sind. Dieser Lehre liegt der Glaube zugrunde, daß nur der Gott Vishnu als ewiger Weltherr in Betracht kommt, sowie eine Heilslehre, die in dem gläubigen Sichverlassen auf seine Gnade und in der absoluten, hingebenden Liebe zu ihm den Weg zur Erlösung sieht, welche in der engen Verbindung der Einzelseelen mit Gott besteht.
K.R. Sundararajan, der als Professor der Theologie über ein fundiertes Wissen der indischen Philosophie und Religion verfügt, nimmt sich in seinem Aufsatz dieses sehr komplexen Themas an. Er richtet seine Aufmerksamkeit auf den vishishthadvaitades Ramanuja und hier primär auf das darin enthaltene Konzept des Selbstbewußtseins. Sehr differenziert legt er die wesentlichsten Konzepte der drei ontologischen Prinzipien: Brahman (Gott), atman(Seele), prakriti (Materie) dar und erläutert ihre wechselseitigen Beziehungen unter Auseinandersetzung mit den diesbezüglichen Konzepten in der Auffassung Shankaras.
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