Das philosophische Verständnis in Indien unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von dem unseren. Wenn wir uns der indischen Philosophie und Geisteswelt im Allgemeinen verstehend nähern wollen, müssen wir lernen, in anderen Kategorien zu denken. In der Philosophie und geistigen Auffassung unserer Tradition wird eine klare Trennung zwischen Religion und Philosophie getroffen, ferner wird das Konzept der rationalen Wahrnehmung, der
Schlußfolgerung und der Logik ins Zentrum der Betrachtung gerückt. In der Philosophie Indiens ist dieses Konzept ebenfalls vorhanden, darüber hinaus kommt jedoch eine Komponente mit ins Spiel, die unserer rational orientierten Philosophie weitgehend unbekannt ist. In Indien wird die Grenze zwischen Religion und Philosophie nicht so eng gezogen wie bei uns. Vielmehr wird die gegenseitige Abhängigkeit dieser beiden
Disziplinen betont und als notwendig hervorgehoben. Die rationale Auseinandersetzung mit philosophischen Phänomenen wird immer unter Reflexion auf die religiöse Erscheinungswelt vollzogen. Als zentrales und gleichsam erweiterndes Motiv kommt hier das Prinzip des anubhati ( Selbsterfahrung der höchsten Realität, oder Gottes) hinzu. Die Natur der höchsten Realität, oder Gottes, und die Suche nach Wegen, welche die individuelle Seele aus der materiellen Welt befreien und mit der höchsten Realität vereinen sollen, waren und sind auch heute die zentralen Anliegen der indischen Philosophie.
Vishwanath D. Karad setzt sich in seinem sehr vielschichtigen Artikel mit dieser Problematik auseinander. Auf eine reflektierte und gut verständliche Art und Weise zeigt er die Trennungslinie zwischen den beiden philosophischen Traditionen und legt ihre wichtigsten Gemeinsamkeiten und Unterschiede dar. Dies ist jedoch nicht sein einziges Anliegen. Bevor er sich seinem eigentlichen Thema, der Philosophie Jnaneshvaras,
zuwendet, begeht er einen kurzen aber hochinformativen Diskurs über die indische Kosmologie, die Stellung und ethische Verantwortung des Menschen im Kosmos sowie die Bedeutung der Upanishaden, Veden, der Bhagavad Gita und anderer religiöser Überlieferungen. Hierbei richtet er sein Augenmerk in erster Linie auf die Bewußtwerdung kosmischer Gesetzmäßigkeiten und auf die Wechselwirkungen zwischen Kosmos und Mensch. Die heiligen Schriften sieht er entgegen ihrer geläufigen Klassifizierung als rein religiöse Überlieferungen vielmehr unter ihrem sozialen Aspekt und betont ihren Idealismus und ihre universelle Ausrichtung.
Im Mittelpunkt seines Artikels steht jedoch die kritische Auseinandersetzung mit der Philosophie Jnaneshvaras, einem bedeutenden und prägenden Denker des frühen indischen Mittelalters, dessen monistische Lehre (der Glaube an nur einen Gott) von seiner Heimat Maharashtra aus ihren Einzug in weite Teile der Welt gefunden hat. Karad führt den Leser über eine differenzierte Darlegung der schriftlichen Überlieferungen
Jnaneshvaras - Jnaneshvari, Amritanubhavaund Changadev Pasashti - in die wesentlichen Punkte seiner Philosophie ein. Neben diesem gut gegliederten Überblick stellt der Autor das Einzigartige, von der uns bekannten philosophischen Denkweise vermutlich am weitesten abweichende Merkmal seiner Philosophie gezielt in den Vordergrund der Betrachtung und betont seine universelle Gewichtigkeit und Notwendigkeit im Hinblick auf die Realisierung einer friedvollen, gleichberechtigten globalen Gesellschaft. Es handelt sich hier um die Integration von Religion und einer gefühlsbetonten Beziehung zu Gott (bhakti)
ins Leben. Dies beinhaltet die feste Überzeugung, daß Gott die Personifizierung reiner Liebe in ihrer höchsten Form darstellt, sowie das Bewußtsein, daß sich diese Liebe in jedem Lebewesen manifestiert und jedes Lebewesen aus diesem Grunde seiner göttlichen Natur entsprechend behandelt werden sollte. top zurück zu Karad's Artikel "Die Philosophie Jnaneshvaras: Ein Weg zum Weltfrieden" |