Die Zeit um
das Jahr 1000 n. Chr. bedeutet einen Wendepunkt in der indischen Geschichte. Die Invasionen der turk-stämmigen Moslems, die im Jahre 712 n. Chr. durch die Besetzung der nordindischen Provinz Sind durch Ya'qub-ibn-Lais begannen und sich im Laufe der folgenden Jahrhunderte wiederholt über einen Großteil des Kontinents ausbreiteten, bewirkten in nahezu allen Bereichen des sozialen Lebens gravierende Veränderungen. Die
hinduistische Gesellschaft reagierte auf die wandelnden Verhältnisse, wobei sich eine Art 'Kräftemessen' zwischen orthodoxen (Brahmanen) und progressiven (religiöse Reformer) Kräften entwickelte. Es war eine Zeit unzähliger Konflikte. Auf der einen Seite versuchte man, seine kulturelle Identität zu bewahren, was zu Verschärfungen im hinduistischen Kastensystem führte, auf der anderen Seite unternahm man den Versuch, sich den neuen Verhältnissen anzupassen, was unweigerlich zu einer
Auflockerung des Kastenwesens führen mußte. Das Verhältnis der hinduistischen zur islamischen Gesellschaft, sowie die sozialen Beziehungen innerhalb der einzelnen Gruppen waren durch zahlreiche Spannungen geprägt und belastet. In solchen Krisenzeiten sucht jede Gesellschaft nach Möglichkeiten der Problembewältigung. Ein charakteristisches Merkmal jener Zeit war das Auftreten regionaler, religiöser Bewegungen, die
man unter dem Sammelbegriff Bhakti-Bewegungen zusammenfassen kann, und die sich um eine religiöse Erneuerung der Gesellschaft bemühten. Wir wissen heute, daß das Konzept der bhakti, der liebenden Hingabe zu einem persönlichen Gott, auf eine wesentlich ältere Tradition zurückblicken kann, dennoch läßt sich behaupten, daß ihr verstärktes Auftreten zu jener Zeit als eine Reaktion auf die vorherrschenden Verhältnisse gedeutet werden kann. Der aus Maharashtra stammende Jnaneshvara war ein bedeutender Vertreter dieser Richtung. Er lebte vermutlich im 13. Jh. und hinterließ, obwohl er selbst sehr jung (im Alter von 22 Jahren) starb, einen so nachhaltigen Eindruck auf die religiöse, philosophische und soziale Welt Maharashtras, daß er auch heute noch einen wichtigen Platz in ihr einnimmt. Fred Dallmayr,
der Autor dieses Artikels, nähert sich dem Phänomen Jnaneshvara auf drei Ebenen. Im Zentrum seiner Überlegungen steht die Auseinandersetzung mit der persönlichen Lebenserfahrung Jnaneshvaras und die Frage, inwieweit sein religiöses Leben dadurch beeinflußt wurde. Ein weiterer Punkt ist die Darlegung der philosophischen Ausrichtung seiner Lehre und schließlich wendet sich der Autor der visuellen Manifestation seines religiösen Wirkens zu - der von Jnaneshvara ins Leben gerufenen Warkari-Bewegung.
Dallmayr gelingt in seinem Artikel ein kleines Wunder. Es wird deutlich, daß er als westlicher Betrachter die religiöse Erscheinungswelt Indiens mit kritisch-geschultem Auge betrachtet, dennoch erschafft er eine solche Nähe zu dem von ihm behandelten Gegenstand, daß der Leser sich dem hier beschriebenen Phänomen nur schwer entziehen kann. Dies gelingt ihm vornehmlich durch die distanziert-liebevolle Schilderung zahlreicher Überlieferungen und Episoden aus Jnaneshvaras Leben. Durch diese
Beschreibungen, kombiniert mit einer detaillierten und fundierten Darlegung der Philosophie Jnaneshvaras sowie der Einführung in das Wirken der Warkari-Bewegung wird dem Leser ein tiefer Einblick in das soziale, religiöse und geistige Leben einer bewegenden und facettenreichen Epoche in der Geschichte Indiens gewährt. Am Ende dieses umfangreichen Artikels angelangt, entsteht der Wunsch, weiterzulesen und mehr zu erfahren. top zurück zu Dallmayr's Artikel "Jnanadeva und die Warkari-Bewegung" |