John Mayer widmet sich in seinem Artikel dem Begriff 'säkular', der in Indien insbesondere seit der Erklärung der indischen Verfassung einen aktuellen und nicht leicht einzuordnenden Stellenwert erfahren
hat. Die Auseinandersetzung mit dieser Problematik ist seit geraumer Zeit ein zentrales Motiv zahlreicher wissenschaftlicher Diskussionen, das bis heute nichts von seiner Brisanz verloren hat. Wir müssen uns vor Augen halten, daß der Begriff 'säkular', oder 'weltlich', in Indien einen grundsätzlich anderen Stellenwert als in Nordamerika und Europa besitzt. Dies ergibt sich aus der unterschiedlichen historischen
Entwicklung dieser Kulturen. In Indien ist dieser Begriff primär in Verbindung mit religiösem Pluralismus (Hinduismus, Buddhismus, Jainismus, Islam, Sikhismus, etc.) und der daraus resultierenden Frage nach Toleranz der verschiedenen Religionen zu sehen. Im Westen hingegen entstand die Auseinandersetzung mit diesem Begriff durch die vom Protestantismus angeregte Trennung von Kirche und Staat. Der Begriff 'Säkularisierung', der sich hieraus entwickelte, kann in diesem Zusammenhang gewissermaßen als Antwort auf den Skeptizismus der Aufklärung gesehen werden. So wurde im Zuge der Aufklärung ein Prozeß in Gang gesetzt, der religiöse Erscheinungen auf anthropologische Objekte und soziologisch erfaßbare Phänomene reduzierte. Säkularisierung repräsentierte in diesem Rahmen vielmehr die Beseitigung der Religion als das Bemühen,
verschiedene religiöse und kulturelle Traditionen anzuerkennen und zu tolerieren. Religion wurde hier als Mittel gesehen, den Menschen ökonomisch auszubeuten und ihn intellektuell zu unterdrücken. Diese Entwicklung führte im weiteren Verlauf zu einer allmählichen Abwertung der Religion und der hier vermittelten Werte im Hinblick auf die persönliche Erziehung und Bildung des Individuums. Diese geläufige Auffassung
von 'Säkularisierung' läßt sich kaum auf die Problematik, wie wir sie in Indien vorfinden, übertragen. Was aber bedeutet 'Säkularisierung' im indischen Kontext? Und worin liegt der Unterschied zur westlichen Auffassung des Begriffes? John Mayer geht diesen Fragen nach, indem er zunächst eine Unterscheidung zwischen den Begriffen 'Säkularisierung' und 'Säkularismus' vornimmt und sich vor dem Hintergrund der indischen
und westlichen Denktraditionen um ihre Interpretation bemüht. 'Säkularisierung' bezeichnet Mayer als 'sich der Welt zuwenden'. Dieser Auffassung liegt der Gedanke zugrunde, daß der 'sinnlich erfaßbaren materiellen Welt' eine 'jenseitige, heilige Welt' gegenübergestellt wird, die die materielle Welt dominiert. Das erklärte Ziel der 'Säkularisierung' ist in diesem Zusammenhang primär die Errichtung eines
Gleichgewichtes zwischen diesen beiden Welten. Eine solche Zielsetzung wird, so der Autor, aus der Bhagavadgita, einer bedeutenden religiösen Quelle indischen Gedankenguts, ersichtlich. Hier wird trotz einer primär religiösen und auf das 'Jenseits' zielenden Ausrichtung die soziale Verpflichtung des Menschen in der materiellen Welt nahegelegt. Diese Gedanken finden sich, nach einer genauen Analyse, in vielen religiösen Strömungen Indiens wieder. So etwa im Buddhismus, Jainismus und in der Bhakti-Religion.
In Nordamerika und Europa kennzeichnet 'Säkularisierung' den Versuch, religiöse Ideen und Institutionen in die Lösung politischer, ökonomischer und sozialer, also 'weltlicher', Probleme miteinzubeziehen. 'Säkularismus' hingegen verneint rigoros die Existenz einer 'jenseitigen' Welt. Der Autor verweist in diesem Zusammenhang kritisch auf die
hieraus erwachsenden Konsequenzen; diese sieht er primär in einer Verleugnung wesentlicher Werte, die ein Mensch in seiner religiösen und spirituellen Auseinandersetzung mit der Welt entwickelt. Die Herausbildung eines Selbstbewußtseins, aus dem heraus ein Mensch sozial und mitfühlend agiert, bleibt in der Welt des 'Säkularismus' abstinent. Mayers Auseinandersetzung mit dem Phänomen des 'Säkularismus' und der 'Säkularisierung' ist bemerkenswert. Seine Argumente sind durch fundierte Recherchen
in der indischen als auch in der westlichen Kultur und Gedankenwelt untermauert. Seine Form der 'Mikroanalyse' mit der er sich dieser so komplexen und umstrittenen Problematik nähert, gewährt dem Leser einen faszinierenden Einblick in Prozesse, die angesichts der heutigen globalen Konflikte wieder einen ganz besonderen Stellenwert einnehmen und nach neuen Lösungen verlangen. top zurück zu Mayer's "Säkularisierung und kulturelle Vielfalt" |