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Wege durch die Zeit ins 21. Jahrhundert


Wertmanagement und Gemeinschaftsbildung

Ansprache im Rahmen der Eröffnungssitzung "Ethik der Schaffung, der Verteilung und des Konsums von Wohlstand"

Guttorm Floistad
Professor, Institute of the History of Ideas, University of Oslo, Norwegen

 
Übersetzung: Dr. Katerina Wolf
Redaktion: Carla Geerdes

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Was bedeutet es, ein Mensch zu sein? Was sind unsere Grundbedürfnisse? Dies sind die Fragen, die ich in meinem Vortag erörtern möchte. Ich will ihre Bedeutung für die Geschäftswelt, für Erziehung und Bildung in einer gerechten Gesellschaft analysieren. Die richtige Vorstellung von Wertmanagement und von Gemeinschaftsbildung basiert auf einer Klärung dieser Fragen.

 

Hintergrund

 

In den meisten Ländern wird Erziehung heutzutage mit beruflicher Ausbildung gleichgesetzt. Die fortgesetzte Verbesserung von Fachwissen und Berufspraxis bildet die Voraussetzung für die individuelle Wettbewerbsfähigkeit in der freien Marktwirtschaft. Geld verdienen und Gewinnmaximierung werden häufig als Kriterien für Erfolg angesehen. Worin besteht der Effekt? Es existieren sehr viele Effekte. Der herausragende ist vielleicht die Tatsache, daß, nach Arie de Geris (The living company, 1977), die 500 weltweit erfolgreichsten Firmen innerhalb einer Zeitspanne von 40 bis 50 Jahren bestehen. Warum nur so kurz? In erster Linie doch, weil das Management in Kategorien von "Wandel" und "Profit" denkt und die menschliche Entwicklung ihrer Mitarbeiter vernachlässigt. Hierbei wird auch die Verbesserung der zwischenmenschlichen Beziehungen und der Kooperation, beides wesentliche Grundlagen für langfristigen Erfolg, vernachlässigt.

Tatsächlich sind Menschen wichtiger als die berufliche Kompetenz. Die Betonung von Veränderung und Profit vernachlässigt nicht nur die menschliche Komponente und die zwischenmenschlichen Beziehungen, sie wirkt zudem destruktiv. Innerhalb der religiösen Weisheiten und im Humanismus scheint es eine geläufige Überzeugung zu sein, daß ein Mensch, der nur Geld vor Augen hat, anderen Menschen und der Gemeinschaft Schaden zufügt. Jesus Christus, Konfuzius und der indische Philosoph Tagore, alle stimmten darin überein. Aus der arabischen Kultur ist uns bekannt, daß der persönliche und der kulturelle Erfolg immer an den sozialen Beziehungen gemessen wird.

Die Afrikaner schließen sich dem an: Sie behaupten, daß wir als menschliche Wesen zwei Arten von Bedürfnissen haben, kleine und große. Die kleinen Bedürfnisse richten sich darauf, eine Unterkunft und etwas zu essen zu haben sowie über genug Geld zu verfügen, um Rechnungen bezahlen zu können. Die großen Bedürfnissen richten sich auf die Beantwortung der Frage warum? Wie Charles Handy sehr treffend beobachtet, haben insbesondere Europa und Amerika (gemeinsam mit der Weltbank und dem internationalen Währungsfonds) in der Vergangenheit versucht, die großen Bedürfnisse durch eine Reihe von Antworten auf die kleinen Bedürfnisse zu befriedigen. Und das ist zum Scheitern verurteilt. Es sollte doch außer Frage stehen, daß eine Lösung des "großen Problems" niemals mittels einer Kultivierung von Fachwissen, Profit und Konsum und, von einigen Ausnahmen abgesehen, Medien erreicht werden kann. Um dieses Problem beantworten zu können, müssen wir unsere Aufmerksamkeit auf die sozialen Beziehungen richten.

Die Konsequenzen dieses Versagens sind mehr als offensichtlich: Die Auflösung von Werten und die soziale Disintegration haben in vielen Ländern besorgniserregende Dimensionen angenommen - insbesondere im Hinblick auf zerrüttete Familiensysteme, mentale Probleme und Kriminalität.

 

Wirtschaftlicher Erfolg und soziale Desintegration

 

Aus den unzähligen Antworten auf diese Frage möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf die folgende richten: Menschsein bedeutet, die Verantwortung für sein eigenes Leben zu übernehmen. Lassen Sie mich dies kurz ausführen.

In der gegenwärtigen Wissens- und Informationsgesellschaft bedingt offensichtlich die berufliche Kompetenz die Erfüllung der eigenen Verantwortung. Die Möglichkeiten dazu verschaffen die Bildungsinstitutionen. Die Motivation kann verschiedene Gründe haben. Es ist möglich, daß sie aus der Vorstellung entsteht, eine Position zu erlangen, ein (hohes) Gehalt zu beziehen und in Teilen das soziale Umfeld des Studenten formt. Letzteres wird immer präsent sein, auch wenn sich die betreffende Person dessen gar nicht so bewußt ist. Die erste Quelle ist, insbesondere für Studenten der wirtschaftlichen Fächer, immer dominant .

In diesem Fall wird das Wesen der Erziehung verändert. In der pädagogischen Theorie besteht die primäre Ursache von Erziehung nicht darin, Geld zu verdienen, sondern einen Beitrag zur Verbesserung der Gesellschaft zu leisten. Die Ausrichtung auf Geld, gemeinsam mit dem Kontext, in dem es verdient wird (freie Marktwirtschaft, globale Handelsfreiheit, Bildung multinationaler Korporationen, Spekulation und technologische Innovation) haben trotz ihrer Verdienste ganz offensichtlich negative Effekte auf die soziale, politische und kulturelle Entwicklung. Diese Einstellung verändert unsere Denkstrukturen. Sie begünstigt Egoismus und hindert uns daran, an unsere Mitmenschen zu denken. Wir, oder zumindest die meisten von uns, öffnen unseren Geist einer endlosen Reihe von sich ständig verändernden Eindrücken aus der Welt der Medien und des Konsums, wobei die meisten dieser Eindrücke trivialen Charakter haben. Die Infantilisierung des menschlichen Geistes ist in soziologischen Kreisen eine gut bekannte Phrase. Sie führt zur Auflösung von Werten und Ritualen, ohne daß neue vorgeschlagen werden.

Demokratie und öffentliches Leben leiden unter der Freiheit des Individuums. Die globale Handelsfreiheit scheint in sozialer, politischer und kultureller Hinsicht einen destruktiven Einfluß auf die Gesellschaft zu haben. Es ist nicht verwunderlich, daß nicht gerade wenige Menschen in vielen Ländern wirtschaftlichen Erfolg haben, der zu einem beträchtlichen Anteil auf Fremdinvestition, der Weltbank und dem internationalen Währungsfonds basiert, die eine andere Art der Kolonialisierung darstellt. Das neuste Beispiel hierfür ist Mosambik.

Diese negativen Aspekte dieser Entwicklung werden schon seit langem von vielen Menschen, Institutionen und Unternehmen erkannt. Viele von ihnen haben eine neue Form des Wohlstands initiiert, der sich mit ethischen Werten befaßt. Darin sind die Werte Pflicht und Gehorsam nicht mehr beinhaltet. Es handelt sich vielmehr um eine Ethik der Partizipation. Ich habe meinerseits verschiedene Unternehmen und Erziehungsinstitutionen in Norwegen und anderen Ländern untersucht, insbesondere in den Vereinigten Staaten und in Asien. Diese Gemeinschaften gründen sich häufig auf der Geschichte der lokalen Kultur und den Menschen, die damit verbunden sind.

Sie weisen alle auf die Notwendigkeit einer sozialen und kulturellen Kompetenz der Studenten und Arbeitnehmer hin. Ich möchte nun in Kürze diese Ethik der Partizipation beschreiben.

 

Die Ethik der Partizipation

 

Ein erfolgreiches Studium und Anwendung des Fachwissens und beruflicher Fähigkeiten setzen voraus, daß Ihnen andere Menschen vertrauen. Das Vertrauen in jemanden hängt von seinem oder ihrem Verhalten und der Einstellung ab, und zwar in allen Lebensbereichen, sowohl im Berufs- als auch im Privatleben. Das Vertrauen in jemanden stellt einen Wert dar, der nicht aufgeteilt werden kann. Wenn Sie im privaten Leben etwas tun, das Mißtrauen erweckt, dann müssen Sie augenblicklich auch mit Mißtrauen im Berufsleben rechnen. Egoismus in einem wie auch immer gearteten Lebensbereich ist unter keinen Umständen mit Vertrauen in zwischenmenschlichen Beziehungen vereinbar.

Vertrauen setzt die Pflege persönlicher und emotionaler Beziehungen zwischen Menschen voraus. Berufliche Kompetenz reicht niemals für die Partizipation in einer Gemeinschaft aus. Hinzu kommt, daß man andere Menschen immer auch als menschliche Wesen ansehen muß. Persönliche und emotionale Beziehungen aufzubauen bedeutet nicht, daß man sich in das Privatleben anderer Menschen einmischt. Es bedeutet, daß man sich um Andere sorgt. Und dies setzt voraus, daß man sie versteht. Der beste Weg, die Gefühle anderer Menschen kennenzulernen, besteht nicht in einer Kooperation mit ihnen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, sondern darin, ihre Körpersprache, ihre Mimik und den Ausdruck ihrer Augen deuten zu lernen. Als menschliche Wesen kommunizieren wir die ganze Zeit. Es kann kein Zweifel daran bestehen, daß der starke Nachdruck auf berufliche Ausbildung dazu geführt hat, daß wir diese zwischenmenschliche Grundkommunikation vernachlässigt und sogar vergessen haben - mit dem Effekt, daß die meisten von uns verlernt haben, andere Menschen als menschliche Wesen zu sehen. Ich glaube, dies erklärt einen wichtigen Teil der sozialen Desintegration. Aus diesem Grund ist die Sichtweise Emanuel Levinas in seinem Werk "Die Ethik des Gesichtes" von unschätzbarem Wert.

Persönliche und emotionale Beziehungen können nicht in großen Gruppen entwickelt werden. Traditionell entwickeln sich diese Beziehungen innerhalb der Familie. Die Familie ist, so Hegel, die primäre ethische Substanz. Dies soll natürlich nicht bedeuten, daß Sie sich nicht mit größeren Gruppen von Menschen, mit lokalen, nationalen und internationalen Gemeinschaften befassen sollten. Es heißt einfach nur, daß die Fähigkeit dazu in kleinen Gruppen entwickelt werden sollte - in Familien, Freundschaften und unter Kollegen. Dies ist ein sehr wichtiger Aspekt innerhalb des Prozesses der Kulturbildung, oder, um es einfacher auszudrücken, es ist moralisches oder psychosoziales Training. Es ist vielleicht der einzige Weg dazu, daß Menschen sich umeinander sorgen und sich füreinander verantwortlich fühlen. Ein solches Individuum wird auch wissen, was Freiheit wirklich bedeutet. Freiheit ist nur dann wirkliche Freiheit, wenn sie auf der Verantwortung für Andere basiert. Der jüdisch-amerikanische Philosoph Abraham Kaplan sagt in seiner Einleitung zu "Individuality and the New Society" (1974), in der er die heutige Jugend anspricht: Je mehr ihr versucht, andere zu erreichen, desto mehr werdet ihr euch selbst finden. Oder, in den Worten Kants: Du handelst moralisch, wenn du anstelle der Menschheit in dir selbst handelst. Freiheit in ihrer wahren Bedeutung bedeutet teilen. Und als solches ist sie die Basis verteilender Gerechtigkeit.

 

Die Freisetzung von Energie

 

Menschliche Beziehungen sind niemals statisch. Sie sind erlebte Beziehungen und als solche sind sie der Wandlung unterworfen. Dies trifft auf jedes Lebewesen zu, unabhängig von mentaler Stärke und Selbstvertrauen. Die Beziehungen, in denen wir leben, gute und böse, beeinflussen immer bis zu einem gewissen Grad unseren Geisteszustand.

Jeder von uns verfügt in sich selbst über das Potential, eine enorm starke physische und mentale Energie freizusetzen. Dies hängt in einem bestimmten Ausmaß von unseren Beziehungen ab.

Aus traditioneller Sicht gibt es verschiedene Quellen für die Freisetzung von Energie. Die vermutlich drei wichtigsten sind: Liebesbeziehungen, religiöser und humanistischer Glaube und die Zugehörigkeit zu einer Gewerkschaft (Vereinigung). Heutzutage haben alle drei viel von ihrer Kraft verloren: die Scheidungsrate hat 50%, in manchen Ländern sogar bis zu 70% erreicht. An manchen Orten sind religiöser und humanistischer Glaube auf private Unternehmungen reduziert worden, und die Gewerkschaften haben nur noch den Sinn, über Löhne und Versicherungsschutz zu verhandeln. Eine Inschrift in einem Arbeitermuseum in Norwegen (Rjukan, Norwegian Hydro) deutet auf die traditionelle Rolle von Gewerkschaften hin: " Die Gewerkschaft bot ihren Mitgliedern eine totale Existenz". Für die Mitglieder wurde bis an ihr Lebensende gesorgt.

Die Frage ist nun, welche Quellen noch existieren, um unsere Kreativität zu verstärken, den negativen Trend in der Entwicklung auszugleichen und unseren Sinn für verteilende Gerechtigkeit zu verbessern? Diese Quellen sollten natürlich für Familien, Ausbildungsinstitutionen, Verwaltungen und Firmen annehmbar und nachvollziehbar sein.

Es gibt einige hiervon. Meiner Meinung nach sind es vor allem zwei Themen, die von besonderem Interesse sind. Und es wird vermutlich notwendig sein, sie hinzuzuziehen, wenn wir in der Zukunft erfolgreich eine gute und gerechte Gesellschaft entwickeln wollen. Das erste Thema hat die Beziehung zwischen den Geschlechtern zum Anliegen, das zweite die Bedeutung von Kultur. Die Aufgabe besteht darin, die berufliche Kultur in allen Gesellschaftsbereichen zu bereichern. Diese Bereicherung der beruflichen Kultur dient dem Zweck, die Kultur sowohl kreativer als auch verantwortungsbewußter zu gestalten.

Ich möchte nun einen kurzen Überblick über den Denkansatz zu diesen zwei Themen darlegen.

 

Die Beziehung zwischen den Geschlechtern

 

Die Beziehung zwischen den Geschlechtern stellt ein kompliziertes Thema dar. Besonders schwer ist es, diese Beziehung zu verändern. Was mit Sicherheit feststeht, ist die Tatsache, daß wir alle anfangen müssen, darüber nachzudenken, was es bedeutet, über eine sexuelle Identität zu verfügen und wie die Beziehung zwischen den Geschlechtern aussieht bzw. aussehen sollte.

Meiner Meinung nach existieren ein paar Dinge, die wir als offensichtlich ansehen können. Zunächst ist ein Mensch immer mehr als das, was ihn aufgrund seiner sexuellen Identität auszeichnet. Die Bedeutung dieses "mehr" ist variabel. So hängt es zum Beispiel von bestimmten Kindheitserfahrungen, Ausbildung, Arbeit und kulturellem Hintergrund ab. In extremen Fällen kann die individuelle Persönlichkeit die sexuelle Identität dominieren und umgekehrt.

Als Individuen sind Mann und Frau gleich. Sie sollten beide als in sich wertvolle Wesen respektiert und anerkannt werden. Die Phrase "in sich" soll jedoch nicht bedeuten, daß Individuen selbstgenügsam sind. Wie bereits oben erwähnt, sind wir alle von Beziehungen abhängig. Unsere Identität beinhaltet unsere Beziehung zu anderen. Vermutlich ist dies besonders in Hinsicht auf unsere sexuelle Identität von Bedeutung: Ein Mann ist nur dann ein Mann, wenn er in Beziehung zu einer Frau steht und umgekehrt. Damit eine Beziehung gut funktioniert und für beide Seiten inspirierend ist, sollten Mann und Frau einander untergeordnet sein. Dies ist nicht nur auf die Tiefenpsychologie von Jung und anderen zurückzuführen, es ist eine alte Weisheit. Im Neuen Testament, in Paulus' Brief an die Galizier, steht geschrieben, daß Mann und Frau einander untergeordnet sein sollten.

Historiker wissen, daß die Geschichte der Ehe und des Privatlebens nicht immer mit diesem Prinzip übereinstimmt. In den meisten Kulturen haben Männer im öffentlichen und religiösen Leben, in der Ausbildung und der Geschäftswelt eine übergeordnete Position eingenommen. Die Geschichte der Rolle der Geschlechter und Teile des Feminismus haben uns gezeigt, daß Frauen oft gelitten haben. Das Scheitern von Ehen kann als ein Teil dieser Geschichte angesehen werden.

Das beste Argument für die Unabhängigkeit der Geschlechter liegt in der sexuellen Identität begründet: Mann und Frau teilen sich die gleiche Identität. Sie verfügen beide über eine doppelte sexuelle Identität. Die maskuline Psyche ist Teil der weiblichen Psyche und umgekehrt. Dies ist auch der Grund dafür, warum Kinder beide Elternteile brauchen, um ein harmonisches mentales Leben entwickeln zu können.

Dies soll jedoch nicht bedeuten, daß Männer und Frauen in psychischer Hinsicht identisch sind. Die männliche Psyche ist der Gegenstand einer Vielzahl von philosophischen, psychologischen und psychiatrischen Forschungsprojekten. Die Essenz dieser Forschungen kann vielleicht mit folgenden Worten treffend gekennzeichnet werden: Männer sind primär handlungsorientiert, wohingegen Frauen primär beziehungsorientiert sind. Männer und Frauen sind beider Verhalten fähig. Der Unterschied zwischen ihnen liegt in der jeweils dominanten Verhaltensweise.

Der "Fortschritt" der letzten Jahre ist hauptsächlich auf männliche Handlungsweisen und zielorientiertes Verhalten in allen Bereichen des Lebens zurückzuführen. Das Resultat hiervon ist uns allen bekannt: Im Rausch des Erfolges haben wir alle vergessen, unsere Beziehungen und sozialen Verbindungen zwischen den Geschlechtern und den Menschen im Allgemeinen zu pflegen. Nun werden wir mit sozialer Desintegration und ihren kolossalen Auswirkungen konfrontiert. Eine Einführung, bzw. Wiedereinführung gesunder Beziehungen zwischen den Geschlechtern beinhaltet ebenfalls die Einführung eines Gleichgewichtes zwischen handlungs- und beziehungsorientiertem Verhalten in allen Lebensbereichen.

Es ist dieser Prozeß, der das Wesen eines Wertmanagements ausmacht. Wenn wir uns die dominante Rolle des zielorientierten Führungsstils vor Augen führen, dann wird die primäre Aufgabe darin bestehen, den zwischenmenschlichen Bereich zu erforschen. Dieser Bereich kennzeichnet das Wesen der ethischen Werte, die wiederum allen Organisationen zugrunde liegen. Die Qualität der Produkte, Dienstleistungen, Kundenbeziehungen ,des Marketing und des Ressourcen-Managements hat ihre Wurzeln im zwischenmenschlichen Verhalten. Um es einmal anders auszudrücken, die Hauptaufgabe eines Wertmanagement besteht darin, die traditionell beziehungsorientierte und koordinierende Rolle der Frau auf den Bildungs - und Arbeitsbereich im allgemeinen anzuwenden. Wir müssen herausfinden, daß niemand – ungeachtet seines Alters – allein an einem gemeinsamen Ziel arbeitet. Wir alle leben und arbeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen. Wir werden dadurch gleichzeitig auch die Bedeutung der Familie und der lokalen Gemeinschaft, die die Schulen und Firmen umgibt, entdecken. Ich selbst habe einige von ihnen in zwei Büchern beschrieben. Sie tragen Sorge.

 

Kulturelle Entwicklung

 

Die Entwicklung einer reicheren Kultur im Berufsleben dient verschiedenen Absichten. Sie bereichert die Kommunikation sowohl innerlich als auch äußerlich, sie stimuliert Kreativität und sie schärft die Wahrnehmung dafür, daß wir alle grundsätzlich Diener einer Gemeinschaft sind. Die Entstehung multikultureller Gesellschaften und der wachsende Kontakt zwischen Menschen und Kulturen auf einer globalen Skala ist für alle "beruflichen Kulturen" eine wesentliche Herausforderung.

Meiner Meinung nach steht zweifelsohne fest, daß ihr persönlicher Erfolg in internationaler und interkultureller Kommunikation von einer gründlichen Erforschung der eigenen lokalen und nationalen Kultur abhängt. Dies ist absolut notwendig, wenn wir herausfinden wollen, was Kultur und kulturelle Identität eigentlich bedeutet. Alles in allem können wir erst durch eine spezifische kulturelle Zugehörigkeit als Individuum mit einer eigenen Identität identifiziert werden. Die nahezu homogene "berufliche Kultur" steht kurz davor, in jedes Land einzudringen und eine homogene "berufliche Kultur" zu schaffen, die mit einer zunehmend sinnloseren Kultur der Vergnügungsindustrie und des Konsums vermischt wird. Diese oberflächliche Kultur stimuliert den Egoismus und sorgt dafür, daß die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Ich möchte an dieser Stelle anmerken, daß materieller Reichtum über einen lange historische Liste hinsichtlich der Entwicklung mentaler Armut verfügt.

Der Prozeß der Integration der Vielzahl "beruflicher Kulturen" in einen größeren kulturellen Kontext muß diese destruktiven Tendenzen besiegen.

Welche Bedeutung hat es, das Berufsleben in einen größeren kulturellen Kontext einzubetten? Von einigen Ausnahmen abgesehen, beinhaltet die Bedeutung von Kultur immer auch Geschichte. Nicht nur Kierkegaard hat behauptet, daß das Leben immer im Hinblick auf die Zukunft gelebt werden muß, verstehen könne man es jedoch nur rückblickend. Nach Ansicht der Philosophen des 19. Jahrhunderts ist es häufig die Geschichte, die uns darüber aufklärt, was aus uns geworden ist (z.B. Wilhelm Dilthey). Obwohl dies ziemlich offensichtlich ist, wird uns hierdurch klar vor Augen geführt, daß Geschichte und geschichtliche Erfahrung in einer sich rapide verändernden Gegenwart und Zukunft die Verlierer sind. Dennoch ist es eine Tatsache, daß das Zusammentreffen mit jemandem die Konfrontation mit einer Lebensgeschichte bedeutet. Und keine Lebensgeschichte einer Person kann von der einer anderen getrennt werden. Geschichte ist etwas, das wir alle teilen. Diese Geschichte stellt einen wesentlichen Beitrag zur Kommunikation dar. Ein Mensch, der sich nur mit der sich wandelnden Gegenwart beschäftigt und nur über wenig historisches Bewußtsein verfügt, hat nur wenig zu sagen.

Wenn das stimmt, dann sollte jeder, der in einer Institution arbeitet (Familie, Schule, Verwaltung, Firma), über ein bestimmtes Wissen über die Geschichte der Gemeinschaft und ihre kulturelle Geschichte, von der die Institution einen Teil bildet, verfügen. Es gibt Firmen, die es jedem Mitarbeitern auferlegen, Kurse zu besuchen, um die Geschichte der Firma, ihrer Produkte und Dienstleistungen und des Ortes und der Gemeinschaft (oder Gemeinschaften), in der die Firma arbeitet, kennenzulernen. Der positive Effekt solcher Kurse liegt auf der Hand: Sie erweitern die berufliche Kreativität; jedesmal, wenn die Firma von ausländischen Delegierten besucht wird, hat jeder Mitarbeiter etwas interessantes zu erzählen. Die zwischenmenschlichen Beziehungen vergrößern das Vertrauen in die Firma, in ihre Menschen, Produkte und Dienstleistungen.

Geschichte ist auch die Geschichte der "Sitten und Rituale", ebenso wie die religiöser und weltlicher Feste. Die Geschichte aller Kulturen lehrt uns, daß Rituale den Zusammenhalt von Menschen und das Gemeinschaftsleben unterstützen. Rituale in jeder beliebigen Form erinnern uns daran, daß wir zusammen leben und arbeiten, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Mir ist aufgefallen, daß Lehrer in multikulturellen Klassen gegenseitigen Respekt und Anerkennung unter den Kindern erreichen, wenn sie auf die verschiedenen, innerhalb der Schüler der Klasse vertretenen kulturellen Sitten, Rituale und Feiertage eingehen und diese feiern. Das ist Einheit in der Vielfalt. Meiner Ansicht nach ist das ein gutes Vorbild für die Kulturen der Welt auf lange Sicht. Aus diesem Grund darf nicht zugelassen werden, daß die globale Handelsfreiheit die kulturellen Unterschiede zerstört.

Darüber hinaus ist Geschichte die Geschichte der ästhetischen Erfahrung. Jeder kennt die Rolle der Musik und Malerei, des Gesangs, Tanzes, Dramas und anderer ästhetischer Formen in der Erziehung und in der Gemeinschaft.

 

Die zwei Kulturen

 

Das Resultat dessen ist, daß sich Institutionen, Schulen und Firmen aus zwei Kulturen zusammensetzen, einer beruflichen, korporativen und einer gemeinschaftlichen Kultur. Diese interagieren kontinuierlich miteinander. Und dennoch sind sie völlig unterschiedlich. Der Klärung willen ist es ratsam, sie zunächst voneinander zu trennen. Ich werde nun die wichtigsten von ihnen zur Sprache bringen, indem ich sie am Beispiel einer Firma darstelle:

Die korporative Kultur

Mitarbeiter - Kunden. Sexuell neutral.
Professionelle Kompetenz
Gehälter, ökonomische Planung und Einkommen
Gewerkschaften
Hierarchische Organisation

Die entsprechenden fünf Merkmale der gemeinschaftlichen Kultur sind:

Die gemeinschaftliche Kultur

Menschen - Mann und Frau
Soziale und kulturelle Kompetenz
Anerkennung, Fürsorge und Liebe
Mitmenschen. Zusammenarbeit
Organische Organisation

Erfolg in den heutigen konkurrierenden Märkten setzt eine sehr hohe professionelle Kompetenz voraus, ebenso wie die kontinuierliche Verbesserung dieser Kompetenz. Genauso wichtig ist die Zusammenarbeit zwischen einer großen Bandbreite von Professionellen. Erfolg setzt auch die Kommunikation und Kooperation zwischen Kunden und der Gemeinschaft voraus. Kommunikation und Kooperation wiederum setzten soziale und kulturelle Kompetenz voraus. Kulturelle Kompetenz ist geteiltes Wissen und daher gemeinschaftliches Wissen. Kulturelles oder gemeinschaftliches Wissen überbrückt die Kluft zwischen Individuen und Berufen. Kulturelles Wissen vermag auch die Firma und ihre professionelle Kultur mit dem Rest der Welt, sowohl national als auch international, zu vereinen. Aus diesem Grund öffnet die kulturelle Grundlage der professionellen Kompetenz einer Firma ihren Mitarbeitern die Augen für die vielfältigen Beziehungen der Firma zur Umwelt. Konsequenterweise bewirkt dies auch eine Bewußtwerdung der Firma über ihre moralische Verpflichtung gegenüber der Natur und der Gemeinschaft. Auf der Grundlage einer starken gemeinschaftlichen Kultur kann die Zielsetzung einer Firma nicht mehr der Profit sein, sondern der Dienst an der Gemeinschaft.

Eine gemeinschaftliche Kultur wird primär von Mitarbeitern als Menschen geschaffen. Die professionelle Kultur in weiteren kulturellen Werten zu verankern bedeutet, die Humanität der Mitarbeiter zur Entfaltung zu bringen. Dieser Prozeß kann gemäß des Reichtums jeder kulturellen Tradition unbegrenzt erweitert werden. Es ist etwas dran an dem Glauben, je reicher die eigene Vergangenheit oder Humanität ist, desto reicher und vielversprechender ist auch die Zukunft. Dementsprechend stimmt auch der Grundsatz: je ärmer die eigene Vergangenheit und Humanität, desto ärmer und perspektivloser ist auch die Zukunft. Wie ich bereits erwähnt habe, dieses Prinzip wurde von mir am Beispiel verschiedener Firmen untersucht und für wahr befunden.

In einer gemeinschaftlichen Kultur sind die Mitarbeiter Männer und Frauen. Die Geschichte der Geschlechterrollen ist eine ziemlich traurige Geschichte. Die Diskriminierung der Frauen führte zu einer Verarmung der Beziehungen - wenn man dies mit dem kreativen Potential zwischen Männern und Frauen vergleicht. Eine Verbesserung dieser Situation setzt voraus, daß Männer und Frauen eine höhere Kenntnis der gegenseitigen Psyche entwickeln. Dann werden sie auch in der Lage sein, die Unterschiede zu entdecken und gleichzeitig sich gegenseitig respektieren lernen.

Zwischenmenschliche und emotionale Beziehungen sollten nicht in Kategorien von Löhnen und Profitsucht gewertet werden. Anerkennung und Liebe sind für alle Menschen von höchster Bedeutung. Niemand kann eine erfolgreiche Führungspersönlichkeit sein, ohne diese beiden Qualitäten verinnerlicht zu haben. Eine Führungspersönlichkeit ist auch Diener des gemeinschaftlichen Lebens einer Firma. Lao-tse bemerkt hierzu: Warum wird dem Meer von den Flüssen soviel Beachtung geschenkt? Weil es sich selbst niedriger stellt als die Flüsse (aus dem Tao-Te King). Jesus Christus bezeichnete sich ebenfalls als Diener der Menschen: Ich bin nicht hierher gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen (NT, Matthäus 20.28). Und, wenn Sie mir gestatten, Jesus Christus ist es immerhin gelungen, seine "Firma", die christliche Kirche, bald 2000 Jahre am Leben zu erhalten.

In einer gemeinschaftlichen Kultur gibt es im Idealfall keine Konflikte zwischen Gewerkschaften und Führungspersönlichkeiten, dem Vorstand und den Besitzern. Sie haben alle ein gemeinsames Ziel vor Augen, die bestmögliche Meisterung der Situation, im Dienste der Firma und der Gemeinschaft.

In einer gemeinschaftlichen Kultur wird die Hierarchie der Positionen durch eine organisch organisierte Gemeinschaft ersetzt. Aus der Sicht der professionellen Kompetenz sind nicht alle Mitarbeiter gleich. Aus der Sicht eines Menschen hingegen sind alle gleich, unabhängig von ihrer Bildung. Eine Hausangestellte auf einer Ölplattform in der Nordsee (Draugen, zu Shell gehörig) sagte zu mir während eines Vortrages: "Dies ist ein wunderbarer Ort zum Arbeiten." "Warum?" fragte ich sie. "Weil es hier keinen Unterschied zwischen dem Chef dieser Plattform und mir gibt," antwortete sie. Ohne eine starke gemeinschaftliche Kultur sind Konflikte und Spannungen zwischen den verschiedenen Organisationen unvermeidbar.

 

Führungsstile

 

Die gemeinschaftliche Kultur einer Firma oder Institution im allgemeinen ist Gegenstand des Wertmanagements. Der Punkt hierbei ist, daß die Qualität der persönlichen Beziehungen innerhalb einer Firma als Garant für die Qualität alles Anderen fungiert. Es ist eine Garantie dafür, daß Mitarbeiter bestimmten Regeln folgen und die Ziele der Firma erfüllen. Wertmanagement unterstützt Leitung durch Regeln und Ziele. Aus diesem Grund wird Wertmanagement auch kulturelles Management oder ethisches Management genannt. Ethik ist in vielen Fällen hauptsächlich damit beschäftigt, wie wir miteinander umgehen. Dies kann einfach als Projekt definiert werden, eine starke gemeinschaftliche Kultur zu entwickeln. Die Grundvoraussetzung für Wertmanagement ist die Entwicklung einer kulturellen Grundlage der Firma (oder Institution). Die daraus resultierende gemeinschaftliche Kultur schafft (oder nehmen wir einmal an, daß) Verbindlichkeit der ethischen Grundnormen. Gewöhnlich mangelt es nicht am Bewußtsein für diese Normen. Es ist vielmehr ihre fehlende Verbindlichkeit.

Ethische Grundnormen sind in allen großen Religionen und Kulturen gleich. Es gibt eine goldene Regel: Zitat aus dem Neuen Testament: Alles, von dem du willst, daß andere dir tun, sollst ebenso auch du anderen tun (NT, Matthäus 7.12). Die negative Auslegung dieses Grundsatzes ist sowohl aus dem Buddhismus, dem Konfuzianismus als auch aus der Philosophie bekannt: Was du nicht willst, daß man dir tu, das füge auch keinem anderen zu. Islamische Schriften besagen, daß sich niemand als Glaubender bezeichnen kann, solange er seinem Bruder nicht das gleiche wünscht wie sich selbst. Um eine starke gemeinschaftliche Kultur aufrechtzuerhalten, sollte jeder seine Einstellung, Gewohnheiten und Taten hinsichtlich dieser goldenen Regel überprüfen.

Diese goldene Regel kann hinsichtlich verschiedener Bereiche spezifiziert werden. Ich habe mich entschieden, mich auf das Neue Testament zu konzentrieren. Ich hätte natürlich auch andere Quellen auswählen können. Die Normen sind:

Gleichheit. Du sollst andere als ebenbürtig behandeln. Oder, wie es in Paulus' Brief an die Gallizier steht: Es gibt weder Juden noch Griechen, weder freie Menschen noch Sklaven, weder Männer noch Frauen, in Jesus Christus sind alle gleich (NT, 3 Gal. 3:28). Die Aussage "in Jesus Christus gleich" könnte auch in die weltliche Sprache übersetzt werden: Gleichheit besteht dann, wenn Du andere anerkennst und respektierst.

Vergebung. Du sollst die Fähigkeit des Vergebens entwickeln. Fehler sind menschlich. Vergebung ist göttlichen Ursprungs, sagt man. Wir würden gut daran tun, uns selbst zu vergeben. Vergebung ist unsere Einladung, wieder zu einem vollständigen Mitglied der arbeitenden Gemeinschaft zu werden.

Du sollst an Andere Forderungen stellen. Jesus Christus war kein einfacher Mensch. Niemand von uns sollte dies sein. Wir sollten uns gegenseitig fordern und inspirieren und gemeinsam am Aufbau und an der Verstärkung der Firma arbeiten, sowohl in professioneller als auch in gemeinschaftlicher Kultur.

Du sollst deinen Nächsten lieben. Die Liebe zwischen Mann und Frau ist ein fundamentaler Wert christlichen Verhaltens. "Glaube, Hoffnung und Liebe, das größte ist die Liebe", sagt Paulus in seinem Brief an die Korinther (NT, Kor. 13). Jesus Christus liebte sogar seine Feinde.

Liebe ist eine starke Emotion. Sie vermag eine Vielzahl von Menschen in eine machtvolle Einheit zu verwandeln. Gleichzeitig schafft sie Respekt für individuelle Unterschiede.

Vor einigen Jahren war Mutter Theresa eingeladen, im Rahmen einer Konferenz in Delhi eine Eröffnungsrede zu halten (glaube ich zumindest). Die indischen Manager waren sehr begierig, ihre Botschaft an die Geschäftsleute zu hören. Sie bestieg das Podium, schaute für einen Augenblick ruhig in das Publikum, und dann sagte sie: Kennen Sie ihre Mitarbeiter? Kennen Sie sie persönlich? Sie beobachtete für einige Zeit die Reaktion im Publikum, dann sagte sie: Lieben Sie sie? Dann ging sie weg.

Ich denke, es erübrigt sich zu erwähnen, daß es eine ganze Weile dauerte, bis sich die Unruhe im Publikum wieder legte. Sie hatte etwas angesprochen, das die stärkste Gemeinschaft schafft und gleichzeitig die professionelle Kultur stärkt.

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