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Wege durch die Zeit ins 21. Jahrhundert


Wissenschaft, Religion und Ethik im XXI. Jahrhundert

Ansprache im Rahmen der Eröffnungssitzung des "World Philosopher's Meet '98", Genf, Schweiz, 18.-21. August 1998

Dr. Karan Singh
Mitglied des Rajya Sabha (Oberhaus) des Indischen Parlaments, Neu Delhi

 
Übersetzung: Dr. Katerina Wolf 
Redaktion: Carla Geerdes

Biologie
Frieden
Gentechnik
Hinduismus
Holismus
Kultur
Ökologie
Ökonomie

 

Freunde,

Unser Treffen findet zu einem kritischen Zeitpunkt der langen und mühsamen Geschichte der Menschheit auf dem Planeten Erde statt. Wir befinden uns nun in der bedeutendsten und umfassenden Übergangsphase der menschlichen Zivilisation, dem Übergang zu einer globalen Gesellschaft. Begünstigt durch Wissenschaft und Technologie wurden besonders in unserem Jahrhundert alle Aspekte der menschlichen Existenz auf diesem Planenten gravierend verändert und erweitert. Der herausragende Durchbruch in der Weltraumforschung, in der außergalaktischen Kosmologie und in der subnuklearen Physik haben für die Zukunft unbegrenzte kreative Möglichkeiten eröffnet. Viele der wissenschaftlichen Errungenschaften, zum Beispiel im Bereich der Kommunikation, Landwirtschaft und Medizin stellen für die Menschheit einen nahezu unvorstellbaren Wert dar. Andererseits wurde auch die immense destruktive Kapazität wissenschaftlicher Aktivität offenbar, hier vor allem im Bereich der thermonuklearen Waffentechnik, die heute in der Lage ist, nicht nur das menschliche Leben, sondern die gesamte Existenz gleich mehrfach vernichten zu können. Eine weitere Bedrohung stellen die steigende Umweltverschmutzung und globale Erwärmung durch unsere Konsumgesellschaft dar.

2. Die gleiche seltsame Dichotomie finden wir auch im Bereich der Religion. Gemeinsam mit der Wissenschaft verkörpert die Religion eine der großen Errungenschaften der Menschheit. So manches, was in der menschlichen Zivilisation als edel und unvergänglich erscheint, kann als Verdienst der großen Weltreligionen angesehen werden - sakrale und devotionale Literatur, moralische Richtlinien und spirituelle Disziplinen, Kunst und Architektur, Malerei und Bildhauerei, Tanz und Musik, als dies hat seine Wurzeln in der religiösen Erfahrung. Dennoch, auch hier zeigt sich eine Art grausamer Ironie: im Verlauf der letzten Jahrhunderte wurden mehr Menschen im Namen der Religionen massakriert, gefoltert, gequält und verfolgt als aus anderen Gründen. Trotz der offensichtlichen Tatsache, daß die unermeßliche Brillanz des Göttlichen nicht auf einen einzelnen Glauben oder eine Lehre beschränkt werden kann und daß in diesem Universum vielleicht sogar Millionen anderer Welten existieren, verursacht das Festhalten an Fundamentalismus und Fanatismus Unruhe in der menschlichen Gesellschaft. Die alte Weisheit, daß viele Wege zur Wahrheit oder zu Gott führen, ist durch engen Exklusivismus und Zurückweisung der Religion an sich ersetzt worden.

3. So kommt es, daß Religion und Wissenschaft auf eine eher gemischte Vergangenheit zurückblicken. Da wir uns nun aber auf das dritte Jahrtausend zu bewegen, sollte uns völlig klar sein, daß wir uns solch ambivalentes Verhalten nicht mehr leisten können. In diesem neuen Kontext kann eine negative Manifestation der Wissenschaft oder eine fanatische Form der Religion eine Katastrophe heraufbeschwören, die keinesfalls auf einen begrenzten Teil der Erde beschränkt bliebe, sondern globale Dimensionen annehmen würde. Die eigentliche Herausforderung für die Philosophen von heute besteht deshalb in der Konstruktion neuer Paradigmen und in der Entwicklung einer neuen globalen Ethik, die es der Menschheit ermöglicht, den drohenden Gefahren der Zukunft zu entgehen und zu einer harmonischen globalen Gesellschaft zusammenzuwachsen. Ein solcher Prozeß beinhaltet kreatives Denken, das die starren Denkmuster und Traditionen der Vergangenheit transzendiert, indem es brauchbare Bestandteile des kulturellen Erbes übernimmt, gleichzeitig jedoch kühn neue und progressive Konzepte in Betracht zieht. Um es in den Worten der "World Scientists" aus dem Jahre 1993 zu sagen: " Ein großer Wechsel in der Steuerung unserer Erde und des Lebens darauf ist erforderlich, wenn eine unglaubliche menschliche Misere verhindert und unser globales Zuhause auf diesem Planeten nicht unweigerlich zerstört werden soll... Wir brauchen eine neue Ethik."

4. In der jüngsten Vergangenheit wurden verschiedene bemerkenswerte Versuche unternommen, eine globale Ethik zu kreieren und zu artikulieren. Eine interreligiöse Zusammenkunft, die im Jahre 1986 vom "Worldwide Fund For Nature" in der Kathedrale des heiligen Franz von Assisi organisiert wurde, repräsentiert den einzigartigen Versuch, im Namen von fünf Weltreligionen Erklärungen für den Menschen und die Natur zu formulieren. Später schlossen sich weitere Religionen an, und insgesamt betrachtet stellen die Assisi-Deklarationen einen herausragenden Schritt zur Lösung eines der dringendsten Probleme unserer Zeit dar: die absolute Notwendigkeit, unsere Umwelt zu schützen und zu erhalten. Wenn sich unsere Zivilisation künftig friedlich und kreativ entwickeln soll, hat der Schutz dieses Planeten vor seiner besonders während der letzten hundert Jahre ausgeprägten Ausbeutung höchste Priorität. Dies beinhaltet unweigerlich den Rückzug von unserem durch übersteigertes Konsumverhalten gekennzeichneten Lebensstil und das Streben nach einer die Umwelt bewahrenden Lebensart, und dies gilt ganz besonders für die im Wohlstand lebenden Nationen. Die Erfahrung nach der Konferenz von Rio war mehr als enttäuschend, deshalb sind es vorrangig die ökologischen Werte, die zum zentralen Motiv einer "neuen globalen Philosophie" werden sollten.

5. Die zwischenmenschlichen Beziehungen sind ein weiterer wesentlicher Aspekt einer globalen Ethik. Auch in diesem Fall verabschiedete das bedeutende, 1993 in Chicago stattfindende "Parlament der Weltreligionen" eine Deklaration mit dem Titel "Towards a Global Ethic". Diese Deklaration stellt ein ausgezeichnetes Beispiel für den Umgang mit verschiedenartigen Problemen dar, mit der die Menschheit konfrontiert ist. Der Schlüssel zu ihrer Verwirklichung liegt in der Erkenntnis, daß ohne eine neue globale Ethik keine neue globale Ordnung entstehen kann. Fernerhin gilt es zu beachten, daß die traditionelle Rivalität zwischen den verschiedenen Religionen durch einen kreativen interreligiösen Dialog transzendiert werden muß, der sich viel mehr auf die spirituelle Einheit als auf die inhaltlichen Unterschiede konzentriert. Der goldene Faden der mystischen Erfahrung, der alle großen Weltreligionen gleichsam miteinander verwebt, muß weiter genährt werden, und die interreligiöse Bewegung muß weitaus effektiver werden, als sie es bisher war. In diesem Kontext möchte ich Ihnen die Assisi-Erklärung, die Chicago-Erklärung und ähnlich bedeutende Dokumente ans Herz legen. Ich muß hinzufügen, daß Treffen wie dieses häufig damit enden, daß zu den Bekehrten gepredigt wird. Was wir jedoch dringend brauchen, ist die größtmögliche Verbreitung und Artikulation effektiver Konzepte, die das öffentliche Bewußtsein für die vorherrschende Evolutionskrise der Menschheit schärfen.

6. Tatsächlich ist die gesamte Dimension der Erziehung für eine Entwicklung effektiver ethischer Strukturen lebenswichtig. Wir müssen Erziehungsparadigmen unterstützen, welche die Einsichten aus Wissenschaft und Religion zu einer neuen globalen Ethik harmonisieren, so daß die menschliche Suche nach einem höheren Bewußtsein von Erfolg begleitet wird. Weltweit fehlen den vielfältigen und vielseitigen Erziehungssystemen gegenwärtig nicht nur die globale Dimension, in vielen Fällen werden auch Sichtweisen und Theorien propagiert, die anachronistisch und hinsichtlich ihrer Auswirkung negativ sind. Während es uns offensichtlich nicht gelingt, das Erziehungssystem von schätzungsweise 200 Nationen neu zu strukturieren, wurde in einem im Jahre 1996 veröffentlichten UNESCO-Bericht: "Learning: The Treasure within" eine Erkenntnis präsentiert, die für alle Erziehungswissenschaftler und Philosophen ein Dokument von höchster Bedeutung darstellt. Ich hatte das Privileg, einer der 15 Mitglieder der Kommission zu sein. Ich möchte nun die Gelegenheit wahrnehmen, Ihnen hier meine persönliche Meinung zu diesem Dokument zu erläutern, die dem Report als Anhang beigefügt wurde, denn meiner Ansicht nach umreißen diese Worte das universelle Konzept recht gut, das die Grundlage einer modernen Ethik bilden muß:

7. "Nun laßt uns denn mit der größtmöglichen Geschwindigkeit für das 21. Jahrhundert eine ganzheitliche erzieherische Philosophie einführen und propagieren, die auf folgenden Voraussetzungen basieren sollte:

- daß der Planet Erde, auf dem wir leben und dessen Bewohner wir alle sind, eine einzige, lebende, pulsierende Einheit ist; daß die menschliche Rasse in einer abschließenden Analyse eine ineinander greifende Familie ist - Vasudhaiva kutumbakam - so wie es im Veda geschrieben steht; und daß Unterschiede hinsichtlich Rasse und Religion, Nationalität und Ideologie, Geschlecht und sexueller Affinität, ökonomischer und sozialer Status - wie bedeutend dies für sich auch sein mag - im Kontext einer globalen Einheit gesehen werden muß;

- daß die Ökologie des Planeten Erde vor sinnloser Zerstörung und Ausbeutung bewahrt werden muß und hinsichtlich des Wohles der noch ungeborenen Generationen bereichert werden muß; und daß ein gesünderes Konsumverhalten entsteht, das auf gesundem Wachstum anstelle von ungezügeltem Konsum basiert;

- daß Haß und Borniertheit, Fundamentalismus und Fanatismus sowie Gier und Eifersucht zwischen Individuen, Gruppen und Nationen als schädigende Emotionen erkannt werden, die auf dem Weg ins nächste Jahrhundert überwunden werden müssen; und daß Liebe und Mitgefühl, Fürsorge, Freundschaft und Kooperation diejenigen Elemente sind, die beim Übergang zu einem neuen globalen Bewußtsein entschieden ermutigt werden müssen;

- daß die großen Weltreligionen ihren Kampf um Dominanz beenden und statt dessen im Hinblick auf das Wohl der gesamten Menschheit kooperieren müssen und daß ein kontinuierlicher interreligiöser Dialog als goldener Faden der vereinenden Spiritualität anstelle des trennenden Dogmas und der Exklusivität gestärkt werden muß;

- daß eine massive und zielgerichtete Bewegung notwendig ist, um bis zum Jahre 2010 Übel wie etwa Analphabetentum, besonders bei Frauen in den Entwicklungsländern, weltweit in den Griff zu bekommen;

- daß eine holistische Erziehung die multiple Dimension der menschlichen Persönlichkeit - physisch, intellektuell, ästhetisch, emotional und spirituell - anerkennen muß und sich somit dem immerwährenden Traum eines integrierten Individuums nähert, das auf einem harmonischen Planeten lebt."

8. Es ist von größter Bedeutung, daß unser Treffen in der Schweiz stattfindet, einem der schönsten Länder der ganzen Welt, in der historischen Stadt Genf. Die Schweiz ist eine vielsprachige Nation, die zahlreiche ethnische Gruppen friedvoll vereint und der es trotz der unzähligen europäischen Konflikte gelungen ist, ihre Neutralität zu bewahren. Sie ist die Heimat des Internationalen Roten Kreuzes, des Internationalen Grünen Kreuzes, des "Worldwide Fund for Nature", der Weltgesundheitsorganisation, der internationalen Organisation für Telekommunikation, und hier war auch der Ort, an dem der erste ernsthafte Versuch unternommen wurde, eine Weltföderation zu gründen, die "League of Nations". Von hier aus soll heute auch die neue globale Ethik entspringen und gleich der großartigen Fontäne des Genfer Sees ein Wahrzeichen in der Geschichte der Philosophie markieren. Dies ist nur möglich, wenn wir realisieren, daß Harmonie nur in uns selbst liegen kann und zwar in den tiefsten Schichten unseres Bewußtseins. Dies ist der Ort, an dem wir das göttliche Licht finden können, das Licht, daß die Bibel das Licht nennt, welches jeden Menschen, der auf diese Erde gekommen ist, erleuchtet; das Roohani Noor der Sufis, das Ek Onkar der Sikh Gurus, das Licht des Atman des Vedanta. In der uns umgebenden Dunkelheit und Verwirrung kann allein das innere Licht uns mit Mut, Weisheit und Leidenschaft auf dem unabänderlichen Pfeil der Zeit in die uns erwartende Zukunft geleiten.

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