Herr Vorsitzender, sehr geehrte Gäste, es ist eine hohe Ehre für mich, heute hier zu sein. Es erfüllt mich mit Stolz, in einer Versammlung von führenden Philosophen und so hochrangigen Gästen zugegen zu sein. Es mag ungewohnt erscheinen, daß ein Geschäftsmann in einer Versammlung von
Philosophen und Wissenschaftlern das Wort ergreift, aber ich denke, daß das Geschäftsleben auch angewandte Philosophie ist, und unsere Familie war schon immer voller Bewunderung für Philosophen und Wissenschaftler. Wir haben uns über den Konflikt zwischen Wissenschaft und Religion, zwischen Technologie und individuellem Ausdruck, zwischen Theorie und Praxis Gedanken gemacht und darüber, wie Menschen am besten ihr Potential nutzen und ihr Schicksal verwirklichen können. Überdies leiten sich unsere Philosophie und unsere praktische Einstellung zum Geschäftsleben vom Glauben meines Vaters ab: "Mein Dharma (das Gesetz des Lebens) besteht in der Arbeit, damit ich geben kann." Meine Brüder, Gopichand, Prakash, der hier anwesend ist, Ashok und ich folgen diesem erprobten Diktum aus der altindischen Wahrheit des vedischen Wissens. Daher beabsichtigen wir, geschäftliche und humanitäre Aktivitäten in Indien und im Ausland zu fördern. Wir möchten helfen, Brücken zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart zu bauen, zwischen Indien und der Welt und den künftigen Generationen. Das Thema der heutigen Konferenz lautet Wissenschaft, Religion und Ethik im 21.Jahrhundert und im nächsten Jahrtausend. Zu
lange gingen Wissenschaft und Religion getrennte, manchmal feindliche Wege, zumindest im Westen. Allmählich beginnt sich dies zu ändern. Es muß sich ändern, weil wir fälschlicherweise glauben, daß gesicherte Erkenntnisse nur der Wissenschaft zuzuordnen sind und ungesicherte der Religion. Ein Arzt operiert zum Beispiel zwei Patienten. Die eine Operation verläuft erfolgreich, und der Arzt stellt das für sich in Rechnung. Die zweite geht schief, und der Patient stirbt. Der Arzt stellt das
immer noch für sich in Rechnung, indem er sagt, daß er sein Bestes getan habe, aber die Zeit abgelaufen und es der Wille Gottes war. Die Zusammenarbeit zwischen Religion und Wissenschaft ist unerläßlich, denn es heißt schon im Rigveda: "Laßt uns zusammen gehen, laßt uns miteinander sprechen, laßt uns in Harmonie zusammenleben." Ich
bin stolz, daß diese Botschaft von der altindischen Industal-Kultur herrührt, einer Zivilisation, der auch meine Familie angehört. Vor über 5000 Jahren übermittelte diese Zivilisation der Welt die Veden, komplexes Wissen, das für das Leben Gültigkeit besitzt und das der Menschheit in vielerlei Hinsicht dienlich ist, von der Heilung des Körpers über das Anheben des Geistes bis zur Konfliktlösung und dem reichen Ertrag aus der Natur. Der positive, optimistische Weitblick der Veden hilft mir, den Pessimismus, die Habgier und den Zynismus zu überwinden, die das Leben, besonders für den Geschäftsmann, mit sich bringen kann. Die Veden sagen beispielsweise, daß es nicht falsch ist, Wohlstand zu erlangen, solange man nicht von Machtgier angetrieben wird und man wie ein Treuhänder und nicht wie ein Besitzer handelt. Ebenso sehen sie Wettbewerb als einen legitimen Weg zur
Verwirklichung von Fähigkeiten an, solange er nicht in Zerstörung und Neid besteht. Die vedische Vision besagt, daß das Zusammenwirken von Wissenschaft und Religion die Menschen stärkt. Das gibt mir Hoffnung. Wir können hinzufügen, daß zwischen den Bereichen Religion und Wissenschaft die Ethik angesiedelt werden kann. Ethik wird häufig
dahingehend mißverstanden, daß es nur eine einzige Ethik als gleichförmiges und universales Regelmaß gibt. Meiner Ansicht nach dient die Ethik der Orientierung und nicht dem Regelmaß. Religion und Wissenschaft sind unvollständig ohne Ethik, obgleich auch gesagt werden kann, daß Ethik ohne Religion und Wissenschaft blind und lahm zugleich ist. Konflikte entstehen häufig aufgrund falscher Interpretation eines Ausdrucks. Nehmen Sie zum Beispiel die Worte Dharma und Karma. Beide werden oft mit dem Wort Religion verwechselt. Dharma und Karma sind mit dem Gesetz des Lebens und dem Gesetz der Entwicklung verbunden. Sie sind unabhängig von Religion. Ebenso wie sie von der Vorstellung eines Gottes unabhängig sind. Diese Auffassung von Dharma und Karma kann von allen Kulturen, Traditionen
und Glaubensrichtungen zur Lösung von Meinungsverschiedenheiten und Problemen angewandt werden. Meiner Meinung nach gibt es drei miteinander verbundene Schlüsselfragen: multikulturelles Verständnis, Umweltprobleme und Gesundheits- und Wohlfahrtsfürsorge. Auf diese Kernfragen müssen wir uns daher konzentrieren und verhindern, daß aus ihnen Probleme entstehen. Politiker und andere Führungspersönlichkeiten gestehen diesen Fragen meistens oberste Priorität zu. Aber die Wurzel der heutigen Probleme liegt in unserem Innersten. Mit diesem Problem gehen wir nicht einwandfrei um. Wie kann jemand über Maßnahmen nachdenken oder Vorschläge zum Umgang mit der äußeren Umwelt machen, wenn seine eigene Innenwelt verworren oder aus dem
Gleichgewicht geraten ist. Ein Beispiel: Vor einigen Jahren nahm ich wegen der Anschaffung eines Gamma-Messers für unser Hinduja-Krankenhaus in Indien an einem Treffen mit führenden Hirnforschern in Stockholm teil. Während der Darstellung der Hirnfunktionen wurden ziemlich oft Bezüge zu Geist und Bewußtsein hergestellt. Ich wollte wissen,
warum keine Bezüge zur Seele hergestellt würden. Die Antwort lautete: "Wir zweifeln an der Existenz der Seele, weil sie unsichtbar ist." Ich fragte, wie man dann auf Geist und Bewußtsein verweisen könnte, die ja auch unsichtbar seien. Während des Vortrags wurde auch gesagt, daß unsere Handlungen von den Hirnzellen gesteuert werden. Meine zweite Frage lautete: "Wer steuert die Hirnzellen?" Wissenschaftler
haben jetzt festgestellt, daß Energieimpulse vom Gehirn empfangen werden, die es möglicherweise steuern. Bisher wurden diese Energieimpulse nicht als Tatsache anerkannt, weil sie nicht gemessen werden konnten. Jetzt können die Wissenschaftler sie genauso messen wie das Licht mit Hilfe von Photonen. Diese Botschaft an das Gehirn wird lieber als subjektives Wissen klassifiziert und nicht als objektives, jederzeit abrufbares Wissen. Eine andere Theorie besagt, daß das Gehirn nicht vom Verstand, sondern vom universalen Bewußtsein beeinflußt wird. Nun ist die Frage, wie wir mit dem inneren Milieu umgehen. Wir teilen ein gemeinsames Wissen über die Elemente, aus denen sich Luft, Raum, Feuer, Wasser und Erde zusammensetzen; genauso sollten wir mehr das Gemeinsame hervorheben als Unterschiede zu
suchen, wo es keine gibt. Ein Studium der Theologie deckt auf, daß alle Religionen sich für dieselben Tugenden einsetzen und das Böse zurückweisen. Ein Studium der Wissenschaft enthüllt die gemeinsamen Bausteine der physischen Welt. Vor weiterem Getrenntsein aus persönlicher Hab- und Machtgier sollten wir uns hüten. Manchmal werden Problemlösungen als neue Religionen angesehen und ihre Verfechter als neue Propheten.
Gemeinschaftliche Werte werden übersehen. Wir fügen neue Glaubensrichtungen und Doktrinen hinzu, wobei Unterschiede betont und Streitereien ermutigt werden. Jeder von uns, sei er nun im wissenschaftlichen, religiösen, geschäftlichen, medizinischen Bereich oder auf anderen Gebieten tätig, kann an der Realisierung gemeinsamer Verbindungen und des gemeinsamen Erbes arbeiten, die uns allen nützen. Zur Unterstützung des
multikulturellen Verständnisses hat unsere Hinduja Stiftung drei Dharam-Hinduja-Forschungszentren für indologische Forschungen eingerichtet, eines an der Columbia Universität in Amerika, eines an der Universität von Cambridge im Vereinigten Königreich, und eines in Neu-Delhi in Indien. Sie wurden zum Andenken an meinen Sohn Dharam Hinduja gegründet. Sie arbeiten jetzt im fünften Jahr seit ihrer Gründung und leisten
produktive Beiträge für die internationale akademische Gemeinschaft sowie für die Gesellschaften, in denen sie tätig sind. Gelehrte arbeiten über den ganzen Globus hinweg zusammen, veranstalten Arbeitstagungen und Konferenzen, welche auf die Entwicklung praktischer Anwendungsmöglichkeiten aus der indologischen Forschung abzielen. Sie konzentrieren sich auf die vorrangigen Probleme, die ich schon vorher erwähnte: multikulturelles Verständnis und multikulturelle Zusammenarbeit, Umweltschutz und
holistische Gesundheits- und Wohlfahrtskonzepte. Sie alle halfen unmittelbar den Gelehrten und den Menschen der Praxis. Der Präsident der Columbia Universität, George Rupp, sagte zum Beispiel, daß das Zentrum dort die gleichen Prioritäten wie seine Universität setzt und beträchtlich zur Festigung ihres gesamten internationalen Programmes beiträgt. Unser indologisches Forschungszentrum ist gern bereit, jede Hilfe für das Wohl der Menschheit anzubieten. Ebenso wie wir uns dem nächsten Jahrtausend nähern, sehen wir um uns herum sowohl in den Industrieländern als auch in den Entwicklungsländern Gewalt und Konflikte zwischen den Anhängern verschiedener Glaubensrichtungen. In einer Zeit, in welcher die Wissenschaft dem Menschen Massenvernichtungswaffen an die Hand gegeben hat, die ausreichen,
um die gesamte Menschheit zu vernichten, müssen wir unsere Meinungsverschiedenheiten beilegen. Es wird ein neues, mehr auf Gemeinsamkeiten als auf Unterschiede, wo sie nicht bestehen, ausgerichtetes Bewußtsein gebraucht. In der Tat wäre das ein Mittel gegen das Blutvergießen, wie wir es in Bosnien, Kashmir und Irland mit ansehen mußten. Ebenso könnte das eine Antwort sein auf den Konflikt zwischen Nord und Süd, zwischen Industrieländern und Entwicklungsländern. Vielen Dank. top |