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Wege durch die Zeit ins 21. Jahrhundert


Wissenschaft und Technologie als ausschlaggebende Faktoren für den Frieden

Prof. Chandana Chakrabarti und Prof. P. Bhargava

 
Übersetzung und Redaktion: Dr. Katerina Wolf

Energie
Frieden
Hinduismus
Holismus
Kommunikation
Kritik
Musik

 

1. Definition von Frieden

 

Der Begriff Frieden kennzeichnet in unserer Auffassung nicht nur die Abwesenheit von Krieg und bewaffneten Konflikten, auch wenn Konflikte dieser Art antagonistische Kräfte zum Frieden darstellen. Frieden ist nicht passiv. Frieden ist vielmehr ein aktives Konzept, das den Einsatz verschiedenartiger Aktivitäten beinhaltet (auf die an einer anderen Stelle näher Bezug genommen wird), die sich bemühen, ein Umfeld zu schaffen, in dem Frieden aufrechterhalten und Konflikte vermieden werden, die den Frieden nachhaltig stören.

Wenn wir in diesem Artikel von Frieden sprechen, dann tun wir dies in einem sehr umfassenden Zusammenhang und beziehen uns nicht nur auf den Frieden zwischen verschiedenen Staaten, sondern auch auf den Frieden innerhalb der Staaten, innerhalb der Gesellschaft, der Familie und des einzelnen Menschen. In diesem Artikel werden wir zunächst die verschiedenen Faktoren beschreiben, die zu einer Störung des Friedens führen, und im Anschluß daran den möglichen Beitrag der Wissenschaft und Technologie zur Vermeidung von daraus erwachsenen Konflikten analysieren.

 

2. Faktoren, die den Frieden stören

 

Es folgt eine Darstellung von den wesentlichsten Faktoren, die in der Vergangenheit und in der Gegenwart maßgeblich zu einer Störung des Friedens beigetragen haben.

  • Religiöser Fundamentalismus, der Dogma betont

Alle Religionen bestehen aus zwei Komponenten, einer ethischen und einer dogmatischen. Die ethische Komponente aller bedeutender Religionen ist überwiegend identisch und führt daher zu keiner Unterscheidung zwischen den Religionen. Religionen unterscheiden sich hauptsächlich in ihrem Dogma, welches ihnen ihre individuelle Identität verleiht. Jedesmal, wenn Menschen dem Dogma mehr Bedeutung beigemessen haben als den ethischen Prinzipien einer Religion, kam es zu einer Störung des Friedens. Als Beispiele können hier die Kreuzzüge in Europa, die kommunalen Unruhen in Indien vor und nach der Unabhängigkeitserklärung, der uralte Konflikt in Irland und die jüngsten Konflikte in Bosnien angeführt werden.

  • Kolonialismus

Kolonialisierung wurde bis einschließlich des letzten Weltkrieges nur selten, wenn überhaupt, ohne Krieg erreicht. Seien es die Kolonialisierungen Indiens, die sich an die Schlacht von Plasscy anschloß, oder Amerikas, wo viele Kriege gegen die einheimische Bevölkerung geführt wurden. Im Zuge der Kolonialisierung wurden zahlreiche ungerechten Regeln und Gesetze eingeführt, die wiederum zu Befreiungskämpfen führten. Ein herausragendes Beispiel hierfür war der Krieg in Vietnam. Sogar die ursprünglich gewaltlose Befreiungsbewegung in Indien wurde mit dem Beginn des ersten Befreiungskrieges im Jahre 1857 von einer Welle der Gewalt überrollt.

  • Rassismus und Kastenwesen

Rassismus und Kastenwesen implizieren einen besseren/schlechteren bzw. überlegenen/unterlegenen Status innerhalb der Gesellschaft, der auf einer völlig unwissenschaftlichen und irrationalen Grundlage beruht. Das Gefühl der Überlegenheit zum Beispiel basiert auf Kriterien der Geburt ( so etwa im Falle der Brahmanen, die sich selbst als höchste Kaste ansehen) anstelle des eigenen Verdienstes, ein Umstand, der in der Geschichte wiederholt zu gewaltsamen Konflikten geführt hat. Ein weiteres Beispiel hierfür ist der von Hitler initiierte zweite Weltkrieg. Hitler war davon überzeugt, daß die arische Rasse, zu der die Deutschen gehörten, allen anderen Rassen überlegen war. Ein weiteres Beispiel ist der andauernde Kastenkonflikt in Indien, in dessen Verlauf bestimmte Kasten (die dalits) auf brutale Weise zu Opfern wurden; solche Vorgänge basierten schon immer auf unhaltbaren Prämissen und führten unweigerlich zu einer Störung des Friedens.

  • Monopol des Wissens

Wissensimperialismus, eine Konsequenz des Wissensmonopols, ist schon immer eines der Hauptwerkzeuge für Ausbeutung gewesen. Eine solche Ausbeutung kann zu einer Revolte der Ausgebeuteten führen. Ein Beispiel für eine solche Ausbeutung in Indien wäre die Ausbeutung der Ungebildeten durch die Gebildeten. So etwa die Ausbeutung der Hausangestellten, die im Hause ihrer reichen und gebildeten Herrn bis zu 16 Stunden am Tag für einen Mindestlohn schuften oder der ungebildeten Arbeiter in der Industrie. Eine weitere Form der Ausbeutung in Indienist die Schaffung besserer Ausbildungskapazitäten für Jungen und Männer statt für Mädchen und Frauen. Im Südafrika der Apartheid gab es wesentlich weniger Bildungsmöglichkeiten für Farbige als für Weiße.

  • Technologisches Ungleichgewicht

Es war die ungeheuerliche technologische Ungleichheit der Kriegsmaschinerie zwischen Vietnam und den Vereinigten Staaten, die zur Entstehung eines Guerillakrieges beigetragen hat. Der kalte Krieg zwischen dem Westen und dem Osten vor dem Zerfall der Sowjetunion war eine Konsequenz technologischer Ungleichheit zwischen Ost und West. Es herrschte die Überzeugung, daß technologische Unterlegenheit einen verwundbarer gegenüber Angriffen und Beherrschung von seiten technologisch fortgeschrittener Nationen machte. Aus diesem Glauben heraus kam es zu dem irrsinnigen Wettrüsten zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion sowie ihren jeweiligen Verbündeten.

  • Ungleichgewicht zwischen Ländern hinsichtlich ihrer natürlichen Ressourcen

Eine solche Ungleichheit führte zu einer obligatorischen Abhängigkeit von anderen Ländern, was wiederum Neokolonialismus einerseits und Überredungskünste andererseits mit sich brachte. Der in der Vergangenheit lange bestehende Konflikt zwischen Japan und China war überwiegend darauf zurückzuführen, daß China über natürliche Ressourcen verfügte, die Japan dringend benötigte, jedoch nicht besaß. Japan glaubte, es könne seine technologische Überlegenheit nutzen, um China zu besiegen und über die natürlichen Ressourcen zu verfügen. Die Kolonialisierung Indiens und Indonesiens durch England und Holland beruhte auf der gleichen Grundlage. Die Kolonialmächte wollten sich uneingeschränkten Zugang zu den Schätzen der Länder verschaffen. So war es auch die Abhängigkeit der westlichen Welt von den Ölvorkommen des Mittleren Ostens, die zum Britisch-Ägyptischen Krieg in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts führte.

  • Die Notwendigkeit, Grundbedürfnisse zu befriedigen und die Existenz von Ungleichheit, Ausbeutung und Diskriminierung innerhalb einer Gesellschaft

Wenn die Grundbedürfnisse eines Individuums - Essen, Unterkunft, Gesundheit, Erziehung, Beschäftigung, Transport, soziale Gerechtigkeit und Kommunikation - in einer Gesellschaft nicht gewährleistet sind, gibt es in der betroffenen Gesellschaft immer Unzufriedenheit. Wenn diese Gesellschaft aber die Mehrheit bildet, führt die Situation unweigerlich zu einem Konflikt zwischen Gesellschaft und der regierenden Macht. Ähnlich führt ein wesentliches Ungleichgewicht bezüglich Geld, Position und Macht, beruhend auf vom individuellen Verdienst abweichenden Faktoren, zu Frustration und/oder dem Gefühl von Ungerechtigkeit und schließlich zu Konflikten. Das gleiche trifft auf den Faktor Chancengleichheit zu. Des weiteren bewirken auch Ausbeutung und Diskriminierung aufgrund von Glaubensüberzeugung, Kaste, Geschlecht, Alter und linguistischen Gruppen früher oder später Aufstände und beeinträchtigen den Friedens. In Indien waren dies die naxalitische Bewegung, der Mandal-Aufruhr, was den unglaublichen Anstieg von Raub und Diebstahl sowie der völligen Gesetzlosigkeit in einigen Teilen Nordindiens bewirkte. Tatsächlich sind sehr viele innere Unruhen in Indien größtenteils auf die oben genannten Faktoren zurückzuführen. Sie waren auch der Ausschlag für den indischen Unabhängigkeitskampf, für die Telanganabewegung und für den Krieg zwischen Bangladesch und Pakistan. In Italien verhielt es sich ganz ähnlich im Falle des Aufstiegs und Niedergangs der italienischen Mafia.

  • Zugang zu Waffen und ihre Verbreitung

Die Tatsache, daß die Wirtschaft verschiedener Länder der Nachkriegszeit, so zum Beispiel USA, England, UdSSR und Frankreichs, im wesentlichen von der Produktion und dem Verkauf von Waffen abhing, war für viele Kriege verantwortlich, die unter anderen Umständen hätten vermieden werden können. Man fragt sich, ob die verheerenden Kriege zwischen Iran und Irak, Irak und Kuwait und Ägypten und Israel, die so viele Menschenleben kosteten, tatsächlich passiert wären, wenn diese Regionen nicht konsequent mit Waffen versorgt worden wären. Solange Waffen aus politischen und wirtschaftlichen Beweggründen heraus verkauft werden, werden auch Märkte hierfür geschaffen, und dies führt unweigerlich zu Konflikten und Friedensbeeinträchtigungen.

  • Territoriale Streitigkeiten

Streitigkeiten um Territorien - echte oder künstlich geschaffene - waren schon immer Quelle für Konflikte und Kriege. Beispiele aus diesem Jahrhundert sind der Krieg zwischen Indien und China, England und Argentinien, Israel und Ägypten, England und Ägypten und der gegenwärtige Konflikt zwischen Indien und Pakistan um Kaschmir.

  • Geheimnisse statt Einblicke

Wenn gewisse Dinge geheimgehalten werden, um eigennützigen Motiven hierarchisch hoch gestellter Personen und Institutionen zu dienen, führt auch dies zu Konflikten.

  • Diktaturen, de facto oder de jure

Bei Diktaturen geht man davon aus, daß nur eine Person (oder höchstens eine kleine Gruppe) über absolutes Wissen und aus diesem Grunde über die absolute Macht verfügt, alle wichtigen Entscheidungen zu treffen. Solche Diktaturen können schnell die Strukturen einer Mafia annehmen. In diesem Jahrhundert haben sie nicht nur die politische Ebene sondern auch verschiedene andere Bereiche menschlicher Aktivität beeinflußt. Auf der politischen Ebene führte dies zum zweiten Weltkrieg (Hitler und Mussolini), zum Konflikt zwischen der UdSSR einerseits und der Tschechoslowakei und Polen andererseits, zu den Problemen, die Idi Amin in Uganda kreierte und zum Konflikt zwischen Kuwait und dem Irak, wobei Saddam Hussein die treibende Kraft spielte. In Indien kam es zu unzähligen Zwischenfällen, in deren Verlauf sich Bauern gegen die Landeigentümer wehrten, die sich wie Kleindiktatoren aufführten. Sogar in jüngster Zeit gab es Regierungsoberhäupter, die ihren Staat wie ihren privaten Besitz behandelten.

  • Das Fehlen von Mechanismen zur Erkennung und Beseitigung von echtem Leid

Dieser Faktor kann vielleicht als wichtige Basis zur Entwicklung des Terrorismus angesehen werden, der weltweit den Frieden wesentlich beeinträchtigte. Beispiele hierfür sind der palästinensische Terrorismus, der für eine Flugzeugentführung verantwortlich war, der Terrorismus in Kaschmir und im Punjab, die jüngsten Unruhen in Nord-Ost-Indien und die LTTE-Bewegung in Sri Lanka.

  • Unfähigkeit, Mangel an Verantwortlichkeit, Korruption und Kriminalität, die weder geprüft noch bestraft werden

Solche Umstände führen immer zu gerechtfertigten, weitflächigen Unruhen in der Bevölkerung und können sich zu unkontrollierten Eskalationen und wesentlichen Konflikten ausweiten. Die jüngsten Ereignisse in Italien, wo sich nach Jahrhunderten der Unterdrückung und des Leids eine Massenbewegung gegen die Mafia bildete, ist ein gutes Beispiel hierfür.

  • Mangel an Kommunikation und Interaktion

Die Chance, daß irgendein europäisches Land ein anderes europäisches Land besetzen könnte (ausgeschlossen die Gebiete der ehemaligen, nun desintegrierten Sowjetunion), sind gleich null. Dafür ist die Kommunikation und Interaktion zwischen den verschiedenen Ländern sowohl auf Regierungs- als auf Nichtregierungsebene zu groß. Tatsächlich kann man sagen, daß Terrorismus, wenigstens zu einem Teil, aus Mangel an Kommunikation und Interaktion entstanden ist.

  • Selbstsucht und Mangel an Kooperation

Ein Beispiel hierfür wäre Betrug, von dem es in Indien gerade in den vergangenen Jahren mehr als genug gab. Mit Sicherheit hätte man den indo-pakistanischen Konflikt und den indo-chinesischen Krieg vermeiden können, wenn es zwischen den jeweiligen Ländern auf verschiedenen Ebenen eine echte Kooperation gegeben hätte. Ein anderes Beispiel für die Unfähigkeit einer konstruktiven Zusammenarbeit ist das gut bekannte indische Crab-Syndrom!

  • Unsensibilität gegenüber den Bedürfnissen, Problemen und Leistungen Anderer

In Indien sind die meisten Unruhen und Streiks, die mitunter in gewalttätige Auseinandersetzungen umgeschlagen sind, aus einer Unsensibilität Von seiten der Autoritäten entstanden.

  • Mangel an wissenschaftlichem Verständnis

Der Mangel an wissenschaftlichem Verständnis, das heutzutage die Pflicht jedes Bürgers sein sollte, bringt das Fehlen von Objektivität, Vernunft und eines Eingeständnisses an wissenschaftliche Methoden, die für die Meinungsbildung und Entscheidungsfindung ausschlaggebend sind, mit sich. Viele Probleme in Indien sind aus diesem Mangel heraus entstanden. Die Unfähigkeit von Autoritäten, auf einer objektiven Grundlage Entscheidungen zu treffen, haben zu Protesten und Konflikten geführt. Es fällt nicht leicht zu sagen, daß in Indien kaum ein Tag vergeht, an dem nicht in erhöhtem Maße Fehlentscheidungen getroffen werden. Man braucht sich nur einmal die Tageszeitungen anzusehen! Alle religiösen Konflikte und alle Klassenkonflikte weltweit sind durch einen Mangel an wissenschaftlichem Verständnis entstanden.

  • Mißachtung menschlicher Grundrechte

Apartheid in Südafrika (die nun glücklicherweise vorüber ist) ist ein einleuchtendes Beispiel dafür, wie die Mißachtung menschlicher Grundrechte zu lang andauernden Konflikten führen kann. In der Tat, gäbe es eine universelle Achtung von Menschenrechten, wären auch nicht mehr Organisationen wie Amnesty International, die den Nobelpreis gewonnen haben, nötig. Eine der erfolgreichen Aktivitäten von Amnesty International war die Hilfe für Gefangene, die in ihren Ländern nur aufgrund ihrer Überzeugung inhaftiert wurden, obwohl sie kein offensichtliches Verbrechen begangen hatten.

  • Umweltfaktoren

Die beiden vorher genannten Faktoren waren von einer wachsenden Konfrontation zwischen denjenigen, die sich primär mit Umweltfragen auseinandersetzten und solchen, die sich in erster Linie Fragen der Entwicklung und Verteidigung widmeten, gekennzeichnet. Solche Konfrontationen haben ebenfalls häufig zu Konflikten geführt, so zum Beispiel im Fall der Organisation Green Peace in Deutschland und der Bewegung, die sich dafür einsetzte, das Narmada-Projekt in Indien zu stoppen.

  • Genetische Faktoren

Wenn wir die Fortschritte der modernen Biologie betrachten, müssen wir zusehends realisieren, daß Verhaltensmuster zu einem großen Teil genetisch bedingt sind. Menschen, die über eine Trisomie eines bestimmten Chromosoms verfügen (d.h. ein Chromosom existiert in drei anstelle von zwei Kopien), scheinen einen Hang zu Kriminalität wie etwa Mord ohne Motiv, zu besitzen. Der Würger von Boston, der in den frühen sechziger Jahren lebte, wies diese Abnormalität auf.

  • Spionage

Spionage zählt ebenso wie Waffen und Munition zu einem ausschlaggebenden Faktor im Krieg. Spionage kann auch in Friedenszeiten zu einer Konfliktquelle werden. So können zum Beispiel mittels eines Satelliten die Bewegungen eines bestimmtes Fahrzeuges oder Individuums kontrolliert werden. Derartige Informationen können immer dazu verwendet werden, Konflikte zu schaffen.

 

3. Auf welche Art können Wissenschaft und Technologie zu einer Lösung oder Vermeidung von Konflikten und somit zum Frieden beitragen?

 

Nun können wir uns fragen, auf welche Art und Weise Wissenschaft und Technologie, d.h. die wissenschaftliche Methode, wissenschaftliche Erkenntnisse und Wissen sowie technologischer Fortschritt und Entwicklung zu einer Lösung bzw. Entstehung von Konflikten, die von oben genannten Faktoren genährt werden, in der Vergangenheit beigetragen haben bzw. in Gegenwart und Zukunft beitragen können. Im Folgenden werden wir kurz anhand der gegebenen Faktoren erörtern, welche Rolle Wissenschaft und Technologie als Friedensfaktoren bereits gespielt haben bzw. noch spielen können.

  • Religiöser Fundamentalismus, der Dogma betont

Die Wissenschaft kann in diesem Punkt positiv einwirken, indem sie verdeutlicht, daß Wissenschaft, obwohl sie in direktem Gegensatz zum Dogma, welches die Religionen voneinander trennt und ihnen ihre spezifische Identität verleiht, aller Religionen steht, dennoch die ethischen Aspekte einer Religion, die alle Religionen miteinander vereint, hervorheben und unterstützen kann. Die bewährte Synonymität von Wissenschaft und ethischen Werten kann als wesentliche, vereinigende Kraft zwischen den einzelnen Religionen wirken und auf diese Art dazu beitragen, religiöse Konflikte, die schon immer und auf der ganzen Welt die Ursache von Konflikten waren, zu verhindern und zu lösen.

  • Kolonialismus

Die Basis des Kolonialismus von früher und des Neokolonialsimus von heute war im großen und ganzen ein Ungleichgewicht hinsichtlich des Wissens und dem Stand der Wissenschaft zwischen Kolonialherren und den Kolonialisierten. Vom geschichtlichen Blickwinkel her kann man Indien als Beispiel anführen. Die East India Company, die den Grundstein für die nachfolgende britische Herrschaft legte, kam hierher, um unsere natürlichen Ressourcen auszubeuten. Dies konnten sie aufgrund ihrer technologischen Überlegenheit tun. So waren sie zum Beispiel in der Lage, unsere Baumwolle technologisch aufzuwerten. Wir exportierten Baumwolle nach England und importierten das fertige Produkt - Kleidung. Als britische Kolonie produzierten wir weder Nähnadeln noch Klingen und ließen Maschinen und Besteck außer Acht. Erst nach der Unabhängigkeit konnten wir diese Situation innerhalb eines halben Jahrhunderts verändern und waren fortan in der Lage, nahezu alles selbst herzustellen.

Es stimmt, daß Kolonialisierung heute der Vergangenheit angehört, das trifft jedoch nicht auf Neokolonialismus zu. Da Neokolonialismus immer Samen für Konflikte in sich bereithält, ist es wichtig, darauf zu achten, daß diese Samen nicht aufgehen. Um Neokolonialismus zu verhindern, ist es wichtig sicherzustellen, daß die Ebene wissenschaftlicher und technologischer Entwicklung zwischen tendenziös dominierten und dominierenden Ländern ausgewogen ist. An dieser Stelle muß angefügt werden, daß diejenigen Länder, die sich darum bemühen, ihre de facto Unabhängigkeit zu schützen, natürlich nicht auf allen Ebenen mit weiter entwickelten Ländern technologisch und wissenschaftlich mithalten können; es geht aber darum, daß sie zumindest auf einem Gebiet der Wissenschaft oder Technologie gleichgestellt sind.

Aus dem oben Gesagten geht hervor, daß die Fähigkeit, sich gegen Kolonialismus und Neokolonialismus durchzusetzen, heute direkt proportional zur wissenschaftlichen und technologischen Entwicklung des Landes stehen. Der jüngste Versuch einer Übernahme oder Kolonisation von Kuwait durch den Irak scheiterte letztendlich an der technologischen Überlegenheit der Länder, die Kuwait unterstützten.

Dennoch müssen wir uns fairerweise eingestehen, daß technologische und wissenschaftliche Überlegenheit auch einen Weg zur Kolonialisierung eines - de facto oder de jure - unterlegenen Landes bereithält. Aus diesem Grunde tragen solche Ungleichgewichte immer den Samen potentieller Konflikte in sich. Wir unterschätzen keineswegs die Bedeutung des moralischen Druckes auf die technologisch und wissenschaftlich hoch entwickelten Länder, um eine Ausbeutung technologisch und wissenschaftlich unterlegener Länder zu vermeiden; dennoch glauben wir, daß der einzige Weg, eine solche Ausbeutung zu verhindern, darin besteht, den technologischen und wissenschaftlichen Standard der gefährdeten Länder maßgeblich zu erhöhen.

  • Rassismus und Kastenwesen

Wissenschaft hat schon immer eine wichtige Rolle in Fragen des Rassismus, Kastenwesens und anderen Formen der Diskriminierung auf der Grundlage von Glaubensüberzeugung, Kaste, Geschlecht oder Alter gespielt. So war zum Beispiel das stärkste Argument gegen Apartheid, daß in einer ausreichend großen Gesellschaft alle Eigenschaften willkürlich sind. Das heißt, daß keine Rasse intellektuell oder auf eine andere Weise einer anderen Rasse auf diesem Planeten überlegen ist. Das gleiche trifft auf den Faktor Kaste zu. Einer von uns beiden hat vor einigen Jahren einen Brief von einer Hausfrau in Uttar Pradesh bekommen, die gerade ihre Dissertation in Soziologie verfaßte. Darin schrieb sie, daß es separate Gene geben muß, welche die sogenannten kastenzugehörigen Funktionen regeln. Sie fügte weiter an, daß die Brahmanen offenbar über ein Gen verfügen müssen, das sie eher als andere dazu befähigt, Wissen zu erlangen, die Kshatriyasein Gen, das sie zu besseren Kriegern macht, die Vaishyas ein Gen, das sie zu besseren Geschäftsleuten macht und die Shudras ein Gen, das sie perfekt für harte Arbeit ausstattet! Die Tatsache, daß die Menschen von heute von der Wissenschaft eine Gültigkeitserklärung für ihre Ideen, die sie über das Kastenwesen besitzen, haben wollen, unterstreicht die Bedeutung der Wissenschaft sogar in den Köpfen von denjenigen Menschen, die in dem Sinne keine ausgebildeten Wissenschaftler sind. Die Tatsache ist doch die: Wenn wir uns des oben genannten genetischen Arguments bewußt werden, dann wird die ganze Einteilung der Gesellschaft auf der Grundlage von Kaste hinfällig und sinnlos. Stellen sie sich ein Indien vor, in dem es keine Kasten mehr gibt. Mit Sicherheit wären wir heute, bezüglich von Frieden und Wohlstand, eine völlig andere Nation.

Ein anderes Beispiel für den Versuch, Rassenvorurteilen mit Hilfe von Wissenschaft eine Rechtsgrundlage zu geben, ist ein Artikel, der in den späten sechziger Jahren von Arthur Jensen in Harvard publiziert wurde. In diesem Artikel argumentiert er, daß die schwarzen Kinder in den USA in einem Intelligenztest durchgängig schlechter abschneiden als weiße Kinder. Es waren wiederum andere Wissenschaftler, die diese These widerlegten und mit größter Wahrscheinlichkeit den Ausbruch eines großen Rassenkonfliktes in den USA verhindern konnten.

  • Monopol des Wissens

Wissenschaft und Wissenschaftler sind gegen jegliche Form des Wissensmonopols. Dieses Eingeständnis der wissenschaftlichen Gemeinschaft drückt sich insbesondere darin aus, daß sie ihre Beobachtungen, Ergebnisse und Thesen in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlichen, die in der Regel für jeden zugänglich sind.

In Indien rühren viele Konflikte von dem Umstand her, daß Wissen das Monopol einer privilegierten Schicht war und ist. Unsere Landsleute werden heute im wesentlichen in zwei Gruppen eingeteilt: die privilegierte Gruppe (ca. 3-5% der Bevölkerung) und die unterprivilegierte Gruppe (ca. 95-97% der Bevölkerung). In der privilegierten Gruppe soll und wird jedes Kind zur Schule gehen, die höhere Schule und Universität absolvieren und eine Anstellung finden. (Haben sie Freunde, die ein Kind haben, das im Alter von 20 Jahren die höhere Schule noch nicht abgeschlossen hat?)

Auf der anderen Seite existiert die Tatsache, daß, selbst wenn ein Kind aus der unterprivilegierten Schicht eine Schule besuchen sollte, es sich mit Sicherheit um eine Schule handeln wird, in der es kein wirklich wichtiges Wissen vermittelt bekäme. Vermutlich wird es die Schule in der dritten, fünften oder achten Klasse wieder verlassen. Die Chancen, daß eines dieser Kinder die höhere Schule erreichen könnte, stehen 1:10. Die Chancen für einen Schulabschluß sinken auf 1:30. Und selbst im Falle eines Schulabschlusses ist es sehr unwahrscheinlich, daß der Besuch einer Universität, geschweige denn ein Abschluß im Bereich des Möglichen liegt. Der extrem kleine Prozentanteil der Unterprivilegierten, die `es schaffen´, ist so klein, daß er die Struktur beider Gruppen nicht im geringsten verändert. Aus diesem Grunde existieren die Anlagen für Konflikte in verschiedenen Formen weiter.

Die Engländer hatten erkannt, daß die Einführung des modernen englischen Bildungssystems Konflikte mit sich bringen würde (was ja auch der Fall war). Dennoch war die Erkenntnis, daß die Realisierung des Wissensstandes und Auffassungsvermögens des betreffenden Landes eine notwendige Bedingung für die Aufrechterhaltung der Unabhängigkeit und folglich Vermeidung von Konflikten war, nicht universell. PMS Blackett, ein Nobelpreisgewinner und Sympathisant des linken Flügels in Europa nach dem zweiten Weltkrieg, sagte in einem Bericht, daß er aufgefordert wurde, in Indien zur Zeit Jawaharlal Nehrus eine wissenschaftliche Erklärung zu schreiben, aus der hervorging, daß in Indien keine grundlegenden Forschungen betrieben werden sollten und daß Indiens wissenschaftliches und technologisches Talent ausschließlich dazu genutzt werden sollte, lokale Probleme zu lösen. Zum Glück haben unsere Führer dies verhindert. Mit Sicherheit wäre die Kluft zwischen uns und dem Rest der Welt heute wesentlich größer.

  • Technologisches Ungleichgewicht

Technologisches Ungleichgewicht kann nur beseitigt werden, wenn die technologische Entwicklung auf einer gesunden, länderspezifischen Technologiepolitik basiert, welches die Kraft eines Landes in Bezug auf die dort lebenden Menschen, Material und Ressourcen, mit einbezieht. Beispiele hierfür wären die technologische Führung Japans in Bezug auf Fischerei und Fischverarbeitung sowie in Bezug auf die Konstruktion erdbebensicherer Gebäude, denn Japan verfügt über ein immenses Küstengebiet und ist abhängig vom Ertrag des Meeres, ebenso wie es sehr gefährdet ist durch Erdbeben. Oder die norwegische Führung auf dem Markt der Heizungstechnologie (zum Beispiel die Entwicklung der Technologie der Fußbodenheizung) oder Israels Führung bezüglich der Technologie in Trockenzonen (ganz Israel verfügt über eine einzige Frischwasser-Quelle, den Gallilea-See); Indiens Führung in der Computer-Software-Technologie, die auf ihre nahezu 5000 Jahre währende traditionelle Führung im Bereich der Mathematik fußt und Frankreichs Führung in der Nukleartechnologie, da Frankreich keine andere Kraftquelle besitzt.

  • Ungleichgewicht zwischen Ländern hinsichtlich ihrer natürlichen Ressourcen

Wissenschaft und Technologie haben Mittel, um diesem Ungleichgewicht zu begegnen, indem sie Möglichkeiten entwickeln, den gegebenen Vermögenswert des Landes optimal zu nutzen (Beispiele hierfür sind bereits oben angeführt worden). Dennoch, es ist wichtig, daß ein Land über eine Maschinerie verfügt, welche es ihnen ermöglicht, einem eventuellen Nachteil wissenschaftlich und technologisch zu begegnen. Lassen sie sich ein Beispiel nennen, wo dies nicht eingetroffen ist, obwohl es sehr wahrscheinlich war. Madagaskar und das Produkt Vanille. Die Republik Madagaskar ist die traditionelle Quelle für Vanille. Die Vanilleindustrie dieser Insel hat bislang ca. 70.000 Personen beschäftigt.

Vor nicht allzu langer Zeit haben einige amerikanische Firmen beschlossen, ein Projekt einzuleiten, in dem die Vanillehülsen in einer Gewebekultur gezogen werden sollten. Es sieht so aus, daß sie kürzlich wohl erfolgreich waren. Das bedeutet, daß sie mit Hilfe der Gewebekultur nun in der Lage sind, im Labor soviel Vanille herzustellen, wie sie wollen. Für die rund 70.000 Arbeiter in Madagaskar würde dies Arbeitslosigkeit bedeuten. Dies hätte mit Sicherheit verhindert werden können, wenn die Republik von Madagaskar frühzeitig eine Gewebekultur-Technologie entwickelt hätte. Das Endprodukt wäre dann wesentlich billiger als in den Vereinigten Staaten, wo die Produktionskosten erheblich teurer sind als in Madagaskar.

  • Die Notwendigkeit, Grundbedürfnisse zu befriedigen und die Existenz von Ungleichheit, Ausbeutung und Diskriminierung innerhalb einer Gesellschaft

Wissenschaft und Technologie können jederzeit zu einer Lösung von Problemen bezüglich menschlicher Grundbedürfnisse beitragen. Die Tatsache, daß in Indien viele dieser Probleme weiterhin bestehen, ist nicht darauf zurückzuführen, daß keine wissenschaftliche Lösungen verfügbar sind, sondern auf den Umstand, daß es von seiten der Regierung, der Bürokratie und sonstigen Machthabern an sozio-politisch-ökonomischem Willen fehlt.

Wissenschaft und Technologie haben unzählige neue Möglichkeiten für die Unterprivilegierten und Unpriviligierten dieser Welt geschaffen. Ein Beispiel hierfür ist das Fernstudium und Technologien im verkleinerten Maßstab (zum Beispiel die Biotechnologie). Diese Faktoren wären insbesondere für unsere Landbevölkerung von Vorteil.

  • Zugang zu Waffen und ihre Verbreitung

Wissenschaft und Technologie wurden von den Skrupellosen und Gierigen unserer Welt dazu benutzt, Waffen zu entwickeln und weltweit zu verteilen. Aber es waren genauso Wissenschaft und Technologie, die weltweit die Aufmerksamkeit auf die Gefahren der modernen Waffenindustrie lenkten und dagegen argumentierten. Im Falle der biologischen Kriegführung dient das Verständnis der unglaublichen Zerstörung, die ein solcher Krieg hervorrufen kann, als bestes Abschreckungsmittel für die weitere Entwicklung, Produktion, Aufstockung und Verwendung dieser Waffen. Aus diesem Grund überrascht es auch nicht, daß, obwohl die zerstörerische Kraft der chemischen und biologischen Waffen weitaus größer ist als die der nuklearen Waffen, noch kein weltweites Abkommen über diese Waffen besteht (im Gegensatz zu den nuklearen Waffen). Dennoch hat sich gezeigt, daß das Wissen um das diabolische und grauenerregende Potential der chemischen und biologischen Waffen als Abschreckungsmittel für ihren Einsatz diente. Als Beispiel kann hier Saddam Husseins Irak angeführt werden, der während des Krieges zwischen Irak und Kuwait in seinen Fabriken Anthrax-Sporen (eine der tödlichen biologischen Waffen) herstellten ließ. Obwohl Hussein drohte, diese Waffe einzusetzen, tat er es nicht. Er wußte genau, daß er in diesem Falle für alle Zeiten sein Gesicht verloren hätte - vor der Welt und vor seinen eigenen Leuten.

  • Territoriale Streitigkeiten

Wissenschaft trägt auf rationale Weise dazu bei, territoriale Streitigkeiten beizulegen. Wo auch immer solche Konflikte weiterbestehen, Schuld daran ist der Mangel an einer Methodik, in der unter Einbezug objektiver Vernunft alle Faktoren als integraler Teil berücksichtigt werden.

  • Geheimnisse statt Einblicke

Geheimnisse bilden die Antithese zu Wissenschaft, denn Klarheit ist eine ihrer stärksten Punkte. Es ist dieser Qualität von Wissenschaft zu verdanken, daß eine große internationale Gemeinschaft von Wissenschaftlern besteht, deren Mitglieder mitunter stärker miteinander verbunden sind, als mit der Religion, Sekte oder Gemeinschaft ihres Heimatlandes - unabhängig von ihrem Glauben, Staats- oder Sektenzugehörigkeit und ihrer Gemeinde. Aus diesem Grund gab es selbst während des Kalten Krieges zwischen dem Westen und dem Osten (USA und Sowjetunion) keinen `Krieg´ zwischen den Wissenschaftlern dieser Länder; im Gegenteil, die Wissenschaftler beider Seiten hatten großen Respekt vor- und Zuneigung zueinander.

  • Diktaturen, de facto oder de jure

Wissenschaft ist völlig gegen Diktatoren und Hohepriester, deren Ansichten bedingungslos akzeptiert werden müssen. In der Wissenschaft gibt es keine Diktatoren und keine Hohepriester. Statt dessen gab es in der Geschichte immer wieder Situationen, in denen Wissenschaft Diktaturen und Autokratie auf allen Ebenen bekämpft haben. Wissenschaftler richten sich nach folgendem buddhistischen Grundsatz, der für Diktatoren und Hohepriester ein Anathema ist:

Glaube nichts, nur weil man dir gesagt hat, du sollst es tun
Oder weil es der Tradition entspricht
Oder weil du es dir selbst so vorgestellt hast
Glaube nicht, was dir deine Lehrer sagen
Nur weil du Respekt vor ihnen hast
Alles, was du hingegen aufgrund gründlicher Betrachtung und Analyse
Als gut befunden hast
Weil es dem Wohle aller Lebewesen dient
Daran glaube, halte daran fest
Und sieh es als deine Führung an.

  • Das Fehlen von Mechanismen zur Erkennung und Beseitigung von echtem Leid

Wissenschaft hält eine rationale Herangehensweise bereit, echtes Leid zu erkennen. Wenn jemand die Grundlage von Leid wirklich verstanden hat, dann ist er auch bereit, dem Leid entgegenzuwirken. In Indien wären viele Probleme, zum Beispiel der Kashmir-Konflikt, nicht entstanden, wenn unsere Politiker es verstanden hätten, die wirklichen Probleme der Menschen in dieser Region zu erfassen. Anstatt diese zu erkennen und im Anschluß daran systematisch dagegen vorzugehen, haben unsere Politiker jedes einzelne Problem ausschließlich aus einem politischen Blickwinkel heraus behandelt. Die Konsequenzen davon kennen wir! Vielleicht ist es gar nicht so falsch, zu behaupten, daß die Politiker (von einigen Ausnahmen abgesehen) die Hauptursache aller Konflikte sind. Man kann sagen, daß sie in der Regel keine Ahnung von wissenschaftlichen Methoden haben.

  • Unfähigkeit, Mangel an Verantwortlichkeit, Korruption und Kriminalität, die weder geprüft noch bestraft werden

Effektivität und Verantwortlichkeit sind ein integraler Bestandteil (sozial, professionell und finanziell) jedes wissenschaftlichen Managementsystems der heutigen Zeit. Und Wissenschaft hat weitere neue, genaue und verläßliche Methoden der Verbrechensbekämpfung entwickelt, von denen sich einige bereits als Abschreckungsmittel für das Begehen von kriminellen Handlungen bewahrheitet haben. In anderen Fällen hat sich das Vorhandensein dieser Methoden für die Betroffenen als wichtige Quelle von Beistand bewiesen. Lassen sie mich an dieser Stelle ein interessantes Beispiel aus dem Bereich des modernen DNA-Fingerabdrucksystems anführen.

Lakshmi, eine Arbeiterin aus dem östlichen Godavaribezirk, einem wichtigen Bezirk der Reisproduktion, wurde von einem Auftraggeber, Suryanarayan Raju, einem Hindu, verführt. Er vollzog gemeinsam mit Lakshmi die Rituale der Stammesheirat, die von den hinduistischen Heiratsritualen wesentlich abweicht. Im Jahre 1983 bekam Lakshmi einen Sohn von Raju. 1984 beschloß Raju, eine andere Frau zu heiraten. Nach hinduistischem Gesetz kann ein Mann kein zweites mal heiraten, wenn er eine legal angetraute Ehefrau besitzt, die zu diesem Zeitpunkt noch lebt. Als sich Lakshmi an den niederen Gerichtshof wandte, wurde ihr mitgeteilt, daß Stammesheiraten anderen Gesetzen unterliegen und sie von den Hindurechten keinen Gebrauch machen kann. Zu dieser Zeit war es bereits das Jahr 1994, und sie hörte von der Methode des genetischen Fingerabdrucks. Daraufhin bat sie das Oberste Gericht von A. P. um Unterhalt von ihrem Ehemann und veranlaßte für Raju den DNA-Test. Der Richter, Jagannath Raju, befahl ihren Ehemann vor das Gericht und sandte ihn nach Hyderabad, um den DNA-Test durchzuführen. Somit wurde der Gerechtigkeit gedient.

Leider können Wissenschaft und Technologie so gut wie gar nicht gegen Korruption vorgehen, außer eine Reihe von Normen und Werten zu erstellen, die vielleicht als Leitfaden für die Gesellschaft dienen können. Mit Hilfe wissenschaftlicher Methoden kann Korruption jedoch aufgedeckt werden.

  • Mangel an Kommunikation und Interaktion

Technologie hat gerade erst einen dramatischen Wechsel hinsichtlich unserer Fähigkeit zu kommunizieren und auf verschiedenen Ebenen zu interagieren vollzogen. Es läßt sich nicht leugnen, daß die Verfügbarkeit von Informationen, die Möglichkeit, seine eigenen Ideen auszudrücken sowie die Vereinfachung der Kommunikation, erheblich zu einer Verbesserung der zwischenmenschlichen Beziehungen und somit zu einer Vermeidung von Konflikten, die häufig auf falsche Informationen und Kommunikationsmangel zurückzuführen sind, beitragen. Die Informationsrevolution trägt uns zweifelsohne Schritt für Schritt einer neuen Welt entgegen.

  • Selbstsucht und Mangel an Kooperation

Es gibt neue wissenschaftliche Erkenntnisse darüber, daß Altruismus ( die Antithese zu Selbstsucht) in unseren Genen gebildet wird. Das würde bedeuten, daß die Selbstsucht, die uns heute überall begegnet und die einen wesentlichen verderblichen Einfluß auf unsere Gesellschaft ausübt, gesellschaftlich bedingt und daher nicht angeboren ist. Was die Kooperation betrifft, so ist sie das zentrale Element der heutigen Wissenschaft. War es Ende des letzten Jahrhunderts noch schwierig, einen wissenschaftlichen Beitrag zu finden, der von mehr als einem Autor stammte, so ist es heute schwierig, auch nur einen Beitrag zu finden, der keine Verweise auf andere Autoren enthält. Und es ist die Erkenntnis, daß technologische Kooperation nützlich und produktiv sein kann und zum persönlichen Wohlstand und Vorteil beitragen kann, die zum Entstehen multinationaler Kooperation beigetragen hat. Eine der wichtigsten Botschaften, die Wissenschaft und Technologie den Menschen von heute geben kann, ist der Aufruf zu einer alles übergreifenden Kooperation.

  • Unsensibilität gegenüber den Bedürfnissen, Problemen und Leistungen Anderer

Der Definition nach ist ein Wissenschaftler sensibel gegenüber seiner Umwelt. Seine wissenschaftliche Natur sollte ihn aus diesem Grund automatisch zu einer Erkenntnis der Bedürfnisse, Probleme, Leistungen und Fehler Anderer führen. In unserer Auffassung beinhaltet das wissenschaftliche Naturell folgendes:

  1. ein Verständnis der Grundeigenschaften der wissenschaftlichen Methode
  2. die Akzeptanz von Wissen, das durch Anwendung dieser Methode als größtmögliche Wahrheit erkannt wurde
  3. Zurückweisung (zu einem gegebenen historischen Zeitpunkt) all dessen, was mit dem oben erwähnten Wissen inkompatibel ist
  4. die Erkenntnis, daß die wissenschaftliche Methode ein verläßlicher Weg ist, Wissen zu erlangen; und
  5. Anwendung der Methode im täglichen Leben und in jedem Bereich menschlicher Aktivität.

 

  • Mangel an wissenschaftlichem Verständnis

Eine der Hauptquellen für Konflikte in uns selbst ist die Unfähigkeit "vernünftige" Meinungen zu bilden bzw. Entscheidungen zu treffen, die Bestand haben. Ein Zugeständnis an die wissenschaftliche Methode, die die Verinnerlichung der kartesianischen Methode, Probleme zu lösen, beinhaltet, kann in diesem Fall eine große Hilfe sein. Wenn die Menschen in Indien alle über ein wissenschaftliches Naturell verfügen würden, gäbe es keine Witwenverbrennung und keinen Glauben an solch irrationale und unwissenschaftliche Systeme wie etwa die Astrologie (im Gegensatz zu Astronomie, die natürlich völlig wissenschaftlich ist).

Ein wesentlicher innerer Konfliktfaktor von heute ist die Dichotomie zwischen Wissenschaft und traditionellem Wissen. Eine wissenschaftliche Herangehensweise könnte diesem Konflikt mit Sicherheit abhelfen, denn sie könnte unterscheiden, welcher Teil des traditionellen Wissens mit Wissenschaft kompatibel ist und welcher nicht. Fernerhin könnte man das traditionelle Wissen daraufhin untersuchen, ob es nicht im Widerspruch zu den wissenschaftlichen Normen steht, bevor man es als autoritative Gedankengrundlage akzeptiert. Wissenschaft ist in der Lage, solche Wege der qualitativen Einschätzung zu schaffen, die dazu tendieren, axiomatisch zu unserem Sinn für Vernunft zu stehen.

Als Beispiel zitieren wir nachfolgend aus einer Studie, die wir beide über die Geschichte der Entwicklung der Biologie im alten und mittelalterlichen Indien unternommen haben. Wir zitieren die Schlußfolgerungen, zu denen wir in dieser Studie gelangt sind - Schlußfolgerungen, die uns ein großes Gefühl des Stolzes auf die Errungenschaften unserer Vorfahren geben, uns aber auch über die zahlreichen Aussagen nachdenken lassen, die in der Literatur des alten Indien überliefert sind, die vom wissenschaftlichen Standpunkt her unhaltbar sind.

"Wir glauben, daß Indien im Bereich des biologischen Wissens den meisten anderen zivilisierten Kulturen der damaligen Zeit (bis ca. 1000/1500 n. Chr.) weit voraus war. Das trifft auf einen Zeitraum von etwa 4000 Jahren dokumentierter Geschichte zu. Nach dieser Periode entwickelte sich das Wissen in Europa diesbezüglich sprunghaft weiter, während unseres statisch blieb. Der geschichtliche, kulturelle und traditionelle Vorteil, den wir bislang besaßen, ging verloren.

Unsere Vorväter im alten und mittelalterlichen Indien haben alles getan, was möglich war. Darüber hinaus versuchten sie noch mehr, aber in diesem Prozeß vermittelten sie Unwahrheiten, die von dem sozialen Umfeld, in dem sie entstanden, absorbiert wurden und sich mit Wahrheit einerseits und Mythen, Legenden, Magie und Religion andererseits vermischten. Wenn wir in der Lage wären, Mythos von Dogma zu trennen und das auszuschließen, was mit der modernen Wissenschaft nicht kompatibel ist, könnten wir nicht nur wesentlich besser beurteilen können, was unsere Vorfahren entdeckt und geleistet haben, sondern auch den Grundstein für eine rapide Entwicklung moderner Biologie in Indien legen und zu einer völlig neuen Motivation beitragen. Wir zweifeln nicht im geringsten daran, daß einer der Gründe für diese fehlende Entwicklung in einer ausgeprägten, durch die alten Schriften begründeten Aufklärungsfeindlichkeit innerhalb unserer Bevölkerung zu finden ist."

Ein anderes Beispiel für den Mangel an wissenschaftlichem Naturell, der innerhalb einer Familie zu Konflikten führen kann, ist der Mythos, daß eine Frau, die nicht empfangen kann, immer die alleinige Schuld daran trägt. Dabei ist bewiesen, daß in der Hälfte aller Fälle von Unfruchtbarkeit die Schuld beim Mann liegt. Ebenso verhält es sich, wenn eine Frau nur Mädchen gebärt; das Geschlecht des Kindes wird zur Hälfte vom Vater bestimmt.

  • Mißachtung menschlicher Grundrechte

Die Wissenschaft von heute verfügt über die stärkste Basis für eine Erklärung menschlicher Grundrechte und `universeller menschlicher Verpflichtung´. Moderne Wissenschaft und Technologie halten auch die wichtigsten Werkzeuge für die Erfüllung dieser Rechte und Verpflichtungen bereit. Das beste Argument zugunsten der Sichtweise, daß in jedem organisierten System, wie etwa einer Gesellschaft, jegliche Form von Freiheit sich innerhalb eines fest begrenzten Rahmens abspielen muß, ist das wissenschaftliche Argument. So ändern sich zum Beispiel die Eigenschaften von Elementen, die eine chemische Verbindung eingehen. Einige Eigenschaften der einzelnen Elemente gehen zwar unweigerlich verloren, die gemeinsame neue Verbindung ergibt jedoch vorteilhafte Ergebnisse. So wird zum Beispiel aus Wasserstoff und Sauerstoff Wasser. Die wissenschaftliche Herangehensweise hält eine Methode bereit, mit deren Hilfe man ermitteln kann, in welchem gesellschaftlichen Rahmen es möglich ist, eine optimale Ausnutzung von Freiheit zum größtmöglichen Wohlbefinden der Menschheit zu erzielen.

  • Umweltfaktoren

Wissenschaft und wissenschaftliche Methodik allein kann den offensichtlichen Konflikt zwischen der Aufrechterhaltung von Entwicklung einerseits und Fortbestand andererseits lösen, der bereits in vielen Teilen dieser Welt zu Unruhen geführt hat. Unglücklicherweise fehlte diese Methodik bislang im Bereich der Umweltforschung, der Technologie und Industrie. Dies wiederum hat auf der einen Seite zu einer Art von Umweltfundamentalismus und auf der anderen Seite zu einer Unsensibilität gegenüber der Umwelt geführt. Eine der Konsequenzen dieser beiden Methoden war der Umstand, daß die Menschen darin nicht berücksichtigt wurden. Unsere Umweltfundamentalisten haben Menschen nicht als einen Teil des Ökosystems, welches sie schützen wollten, angesehen. Und das ist völlig unwissenschaftlich. Konsequenterweise wurden die Bewohner dieser Regionen nicht in die Verwaltung unserer Wildschutzgebiete mit einbezogen, und ihre Bedürfnisse wurden auch nicht so ernst genommen, wie die Notwendigkeit, diese Regionen zu schützen. Und das, obwohl die Menschen in diesen Gebieten so gut wie nie ihre Umgebung in irgendeiner Form geschädigt haben (dies passierte viel eher durch privilegierte Menschen, die außerhalb dieser Gebiete leben). Ähnlich verhält es sich im Bereich der Industrie und Technologie. Diejenigen, die hier etwas zu sagen haben, beschäftigen sich nur damit, wie man mit dem kleinsten Einsatz den größten Umsatz erwirtschaften kann, ohne sich darüber Gedanken zu machen, welche Konsequenzen das für die Einwohner dieser Regionen haben könnte. Bis heute fehlen wissenschaftlich nachvollziehbare und konstruktive Vorschläge für einen zufriedenstellenden Kompromiß zwischen Industrie und Umwelt.

  • Genetische Faktoren

Wir sind heute soweit, daß wir genetisch und neurologisch bedingtes menschliches Fehlverhalten, wie etwa Kriminalität, Spielsucht und Alkoholismus verstehen können. Es gibt in dieser Richtung eventuell schon Ansätze, die sich mit diesen Problemen in einem vernünftigen und sensitiven Rahmen auseinandersetzen können.

  • Spionage

Wissenschaft hat einerseits die Werkzeuge für die Durchführung von Spionage geschaffen, andererseits kreiert sie aber auch die Werkzeuge für ihre Aufdeckung und Abwehr.

 

4. Schlußfolgerungen

 

In diesem Artikel haben wir unsere Aufmerksamkeit auf die Schlüsselfaktoren gerichtet, die für den Beitrag von Wissenschaft und Technologie zur Aufrechterhaltung des Friedens eine ausschlaggebende Rolle spielen. Wir haben bei dieser Untersuchung nicht nur verschiedene Nationen sondern auch Gesellschaft, Familie und Individuum in den Kontext mit einbezogen.

Obwohl wir hier einen globalen Anspruch vertreten, war es notwendig, die besondere Situation in Indien zu beleuchten. Es scheint, daß unsere Nation in Aufruhr ist. Der Traum, `India Incorporated´ zu schaffen, scheint aufgrund der zahlreichen Konflikte, die uns immer wieder heimsuchen, weiter denn je entfernt zu sein. Unsere Politik, die indische Wirtschaft mit der globalen Wirtschaft zu integrieren, stellt neue Herausforderungen an uns, und wenn diese nicht richtig verstanden werden, werden neue Konflikte entstehen. Der Eintritt von multinationalen Konzernen, Investoren aus dem öffentlichen Sektor, neue WTO Verpflichtungen, etc., müssen sowohl logisch als auch wissenschaftlich betrachtet werden. Tatsächlich können Wissenschaft und die Anwendung ihrer Methoden mehr denn je in den verschiedensten Bereichen zu einer Aufrechterhaltung des Friedens beitragen.

Lassen Sie sich zwei Beispiele vor Augen führen: Zum Einen das Problem der großen Bio-Diversität in Indien. Es existieren diesbezüglich viele, wenn auch zum Teil unbegründete Ängste, daß die Ausbeutung der Biosphäre durch fremde Nationen das Land ruinieren könnte. Daraus entstehen bereits Konflikte. Unrealistische Überzeugungen können den Frieden beträchtlich stören. Wissenschaftliche Überlegungen, die einerseits zu einer vernünftigen Gesetzgebung für Bio-Diversität führen und die Bioressourcen andererseits durch qualitative Wissenschaft aufwerten werden, können der Schlüssel für eine langfristige Lösung sein.

Zum Zweiten die intellektuelle Herausforderung. Diese ist in Bezug auf das Vorhandensein eines Wissensmonopols einiger ausgewählter Nationen und Gesellschaften zu sehen. Einerseits kann die reichhaltige intellektuelle Stärke Indiens strategisch dazu ausgebaut werden, Indien zu einem starken Konkurrenten zu machen. Dieses Vertrauen muß von unseren Wissenschaftlern und von Indien selbst kühn ausgespielt werden. Auf der anderen Seite muß ein Verständnis für die harten Realitäten innerhalb der Partnerschaft in globalen Dörfern geschaffen und genutzt werden. Dies allein kann Konflikte vermeiden.

In Indien müssen wir eine Gesellschaft aufbauen, die an eine Partnerschaft mit der Natur glaubt. Die zukünftige Wirtschaft muß innerhalb eines Ökosystems expandieren, das über begrenzte, regenerierende Möglichkeiten verfügt. Die alten Ideen eines quantitativen Wachstums müssen nun der Idee eines qualitativen Wachstums innerhalb der Grenzen eines Ökosystems weichen. Dies erfordert einen gravierenden Wechsel von Gedankenkomplexen, überall müssen neue Entscheidungen getroffen werden. Und diese Entscheidungen müssen notwendigerweise die Bedürfnisse unseres Planeten über alles andere stellen. Der Präsident von morgen wird sich selbst als Umweltpräsident sehen müssen. Wir müssen dafür sorgen, daß Menschen ausgebildet werden, welche auf der Grundlage von Respekt gegenüber der Natur regieren werden. Dennoch wird Umweltfundamentalismus, der gewissermaßen an die Grenzen eines Umweltterrorismus stößt, die Ursache zahlreicher neuer Konflikte sein. Der neue Kontext wird viele neue Herausforderungen bereithalten, auf die wir vorbereitet sein müssen.

Wir glauben fest daran, daß Indien die Chance hat, im 21 Jahrhundert der Welt anhand angemessener Beispiele zu zeigen, wie Wissenschaft und Technologie zum Frieden beitragen können.

 

Anerkennung

 

Beide Autoren erkennen die Diskussionen mit Dr. R.A. Mashelkar, DG, CSIR im Hinblick auf den Inhalt des hier veröffentlichten Artikels an und würdigen sie als inspirierend und herausfordernd.

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