Vorwort Herr Präsident, ich möchte mich beim Organisationskommittee für die Ehre bedanken, vor dieser Versammlung sprechen zu dürfen. Zunächst möchte ich hervorheben, daß ich weder eine Philosophin noch eine religiöse Person bin, die jeden Tag ihres Lebens der spirituellen Praxis und den Prinzipien des Yoga widmet. Ich bin eine ganz gewöhnliche Hausfrau, und als solche werde ich in meiner Rede keine philosophischen Redewendungen und Konzepte verwenden, sondern einfache Worte. Ebenso wie Sie und Millionen anderer Menschen auf dieser Welt bin ich betroffen darüber, was in der
gegenwärtigen Gesellschaft passiert. Ich habe mich schon so oft gefragt, was man tun könne, um die Welt zu verbessern. Ungeachtet der Tatsache, daß die wichtigen Religionen dieser Welt der Menschheit über Jahrhunderte hinweg gesunde moralische Prinzipien vermittelt haben, bekämpfen sich die Menschen in sinnlosen Kriegen und Konflikten. Wie dieses wichtige Treffen zeigt, existiert ein großes Bedürfnis, daß die religiösen Führer dieser Welt, die Philosophen, Wissenschaftler und Politiker ihre
Bemühungen koordinieren und eine gemeinsame Strategie entwickeln, die wesentlichsten Übel der modernen Gesellschaft zu bekämpfen und an ihrer Stelle Werte wie Brüderlichkeit, Frieden und Harmonie in der Welt propagieren. In diesem Rahmen glaube ich, daß auch Yogaeine bedeutende Rolle einnehmen könnte, wenn die Menschen sich das Wissen über Yoga aneignen und den moralischen Prinzipien und Techniken des Yoga folgen würden. Seit ungefähr meinem zwanzigsten Lebensjahr studiere ich indische Philosophie und orientalische Religionen. Ich habe sowohl in Indien als auch in anderen Ländern zahlreiche Yogaschulen besucht. Wenn es meine Zeit erlaubt, unterrichte ich in Rom Hatha-Yoga. Der Titel meines Vortrages ist " Yoga als universelle Erziehung zur individuellen Entwicklung und zum Frieden". Mein Gatte, der Co-Autor dieses Vortrages ist, hat zur Ausarbeitung der Konzepte hinsichtlich der Umsetzbarkeit des Yoga auf der nationalen und internationalen Ebene durch ein globales Erziehungsprogramm beigetragen.
Einführung Ich bin davon überzeugt, daß ein in allen Aspekten verbessertes Erziehungssystem eine neue philosophische Einstellung unterstützen wird, zu der besonders eine
moralische Erziehung beitragen kann, welche die individuelle und soziale Entwicklung zur Erschaffung einer neuen Weltordnung begünstigt, in der Brüderlichkeit und Frieden vorherrschen werden. Ich glaube, daß Yoga als mächtiges Instrument innerhalb dieses Prozesses zur individuellen Entwicklung und zur Verbesserung der sozialen Beziehungen zwischen den Menschen beitragen kann. Die Wurzeln des Yoga Die meisten von ihnen werden vermutlich wissen, daß das Wort Yoga aus der Sanskritwurzel "yug" abgeleitet wird und soviel wie binden, verbinden, vereinen bedeutet. Yogakennzeichnet die Vereinigung der
individuellen Seele mit dem kosmischen Bewußtsein. Die heiligen Bücher des Veda, der Upanishadenund der Gita des Mahabharata verweisen auf diesen Begriff. Es wird angenommen, daß das archaische Yoga sogar schon vor der arischen Einwanderung nach Indien praktiziert wurde. Patanjali hat die Yoga-sutrasverfaßt, bei denen es sich, wie in einigen Büchern verdeutlicht wird,
um "kurze Aphorismen handelt, die sich mit dem Geist und seinen Regungen befassen und die den Weg aufzeigen, wie diese kontrolliert werden können und wie die vollständige Beherrschung des Geistes erlangt werden kann, die zu einer Beendigung des Leidens und zu einer Erlangen von Frieden und letztendlich zur Erlösung führt". Die Yoga-sutras bilden das wichtigste Werk der Samkhya und Yoga Philosophie, eines der sechs Systeme der indischen Philosophie. Patanjali wird als einer der ersten Psychologen angesehen, weil er die Notwendigkeit zur Erziehung des bewußten und unterbewußten Geistes erkannt hat. Es ist kaum etwas über ihn bekannt, die meisten Gelehrten nehmen an, daß er im Zeitraum von 200 v. Chr. und 200 n. Chr. gelebt hat.
Das Yogasystem des Patanjali: Das Yogasystem des Patanjaliist in folgende acht Schritte unterteilt: - Yama: Verzicht auf die Schädigung anderer, auf Falschheit, Diebstahl, Zügellosigkeit und Gier;
- Niyama: Einhalten der Reinheit, Zufriedenheit, Kasteiung, des Selbststudiums und der Hingabe zu Gott;
- Asanas: Körperübungen;
- Pranayama: Atemkontrolle;
- Pratyahara: das Zurückziehen des Geistes von den Sinneseindrücken und äußeren Einflüssen;
- Dharana: Konzentration des Geistes;
Yoga verlangt eine starke Motivation und eine große Disziplin. Dieser Prozeß sollte so früh wie möglich in Gang gesetzt werden, am besten schon in der Grundschule und bis zur Universitätsebene erweitert werden. Aus diesem Grund wäre es notwendig, verschiedene Stufen des Yogaunterrichts mit den unterschiedlichen Altersstufen und Reifegraden der Schüler zu koordinieren.
Im modernen Unterrichtsplan der öffentlichen Schulen ist Yoga nicht im Curriculum enthalten. Solange die Bedeutung des Yoga von den Regierungen nicht als Wissenschaft anerkannt und als Teil des Lernprozesses für Schüler nicht integriert wird, bleibt Yoga das Privileg einiger weniger motivierter Menschen und privater Institute. Konsequenterweise wird bis dahin nur eine limitierte, überwiegend wohlhabende Anzahl von Schülern Kenntnis der Yogaprinzipien und -techniken erlangen.
Vorschlag, Yoga auf die nationale und internationale Ebene auszuweiten In der heutigen, materialistischen Gesellschaft, in welcher der Körper mehr bedeutet als
Seele und Geist, ist es wichtiger denn je, die gegenwärtige Einstellung zu Yogazu ändern. Es ist sehr wichtig, seinen vollen Wert als machtvolles Werkzeug zur individuellen Entwicklung zu erkennen. Integriertes Yoga, einschließlich des physischen, moralischen und spirituellen Aspektes, wird mit Sicherheit zu einer Verbesserung der Lebensituation des Einzelnen in der Gesellschaft beitragen. Eine
wesentliche Voraussetzung für die Ausweitung des Yogawissens auf die öffentlichen Schulen ist die Ausbildung guter und motivierter Schüler. Ausgewählte Yogainstitute in Indien, so zum Beispiel das Yogainstitut in Santa Cruz, Bombay, und andere gleichermaßen qualifizierte Schulen könnten die Schulung von Yogalehrern für den Einsatz in öffentlichen Schulen übernehmen. Gegenwärtig existieren einige universitäre und private Erziehungsinstitute, die Yoga-Erziehungskurse anbieten. Zur Verbreitung
des Yoga-Wissens auf nationaler und internationaler Ebene wäre es notwendig, mit der finanziellen Beteiligung der indischen Regierung, internationaler Organisationen wie der UNESCO, anderer Regierungen, privaten Industrien, Philanthropen und anderen möglichen Quellen, ein globales Erziehungsprojekt zu erstellen. Dieses globale Projekt sollte in verschiedenen Phasen entwickelt werden. Die Rolle Indiens bei der Verbreitung der Yogaprinzipien Indien ist die Wiege des Yogaund somit weltweit das qualifizierteste Land, Yoga sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene zu verbreiten. Daher sollte die indische Regierung diese Verantwortung übernehmen und eine qualifizierte Institution benennen, die dieses Projekt auf der globalen Ebene entwickeln kann.
Die erste Phase des Projektes sollte sich in erster Linie mit der Ausbildung motivierter Lehrer befassen, die in die öffentlichen Schulen Indiens und anderer beteiligter Länder integriert werden. Es sollten Lehrer für verschiedene Schulstufen qualifiziert werden. Zur Erreichung dieses Zieles müßten die bereits bestehenden qualifizierten Yogainstitute verstärkt und neue errichtet werden. Um auch die modernen Möglichkeiten der audiovisuellen Kommunikation, wie zum Beispiel das Fernsehen und andere neue Technologien, für eine Verbreitung des Yoga nutzen zu können, wird eine starke finanzielle und organisatorische Beteiligung verschiedener Länder und teilnehmender Organisationen nötig sein. Der bereits existierende Vorschlag einer Friedensuniversität und einer globalen Yogaerziehung Da Yoga als ein Weg zur Erlangung von Brüderlichkeit, Frieden und Harmonie auf der Welt angesehen wird, sollte die Friedensuniversität, die in Zusammenarbeit mit der United-Earth-Organisation in Alandi entstehen soll, unter anderem mit der Aufgabe betraut werden, Yoga in Indien und weltweit zu verbreiten.
Alandi sollte der Ausgangspunkt für die Verbreitung dieses neuen Bewußtseins einer globalen Erziehung sein. Möglicherweise wird die Friedensuniversität in Alandi die erste von zahlreichen weltweit folgenden sein. In meiner Vision sehe ich eine Friedensuniversität, die von erleuchteten und motivierten Menschen geleitet wird, die intensiv und ehrlich damit beschäftigt sind, Wissen und Erziehungsprinzipien zu verbreiten,
welche zur Transformation menschlichen Verhaltens und somit zu Brüderlichkeit, Frieden und Harmonie auf Erden führen werden. Innerhalb dieses Prozesses erlangt Yoga eine universelle Gültigkeit. Durch die Integration der Disziplin des Yogaund des integralen Lernens in den Lehrplan der Friedensuniversität werden vielleicht auch die Universitäten der westlichen Länder dazu motiviert, diese Wissenschaft in ihr Curriculum aufzunehmen. Schlußbemerkungen Ich bin mir durchaus bewußt, daß das hier präsentierte globale Projekt, Yoga weltweit zu verbreiten, und sein möglicher Beitrag zum Weltfrieden, gegenwärtig ein rein idealistisches Konzept ist. Tatsächlich ist die Welt von zahlreichen Problemen betroffen, die eine schnelle Lösung verlangen.
Insbesondere die Länder des Südens sind durch gravierende Probleme betroffen, wie etwa Arbeitslosigkeit, Armut, Analphabetentum, Krankheit, Überbevölkerung und ethnische Konflikte. Auch die Länder der nördlichen Hemisphäre haben ihre Probleme: Drogenmißbrauch, soziale und politische Instabilität, Arbeitslosigkeit, etc. Unter solchen Umständen reicht es nicht aus, Frieden zu predigen, wenn man Weltfrieden erzielen will.
Langfristig wird die Verwirklichung einer besseren, sprich friedlichen und harmonischen Welt nur dann zu erreichen sein, wenn die Menschen sich von innen heraus ändern und ein neues Leben beginnen. In diesem herausfordernden und sehr langwierigen Prozeß der Bewußtwerdung und Gestaltung der Menschheit sind wir alle zur aktiven Teilnahme aufgefordert. Nur dann läßt sich unser Traum einer besseren Welt verwirklichen.
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